Drama | Schweden 2022 | 362 (6 Folgen) Minuten

Regie: Jonas Åkerlund

Der 1947 geborene Clark Olofsson gilt als vielleicht bekanntester Krimineller Schwedens, der Überfall auf eine Kreditbank 1973, an dem er beteiligt war, prägte den Begriff des Stockholm-Syndroms. Die sechsteilige biografische Miniserie inszeniert Olofssons Leben als schillernde Revue nach, die aus jahrelanger Flucht ein Jetset-Leben zwischen Glitzerkonfetti und Musicalnummern macht. Dabei stellt sie die filmische Gangster-Biografie inhaltlich wie formal auf den Prüfstand und parodiert sarkastisch die Tendenz, Kriminelle romantisch zu verklären. - Ab 16.

Filmdaten

Originaltitel
CLARK
Produktionsland
Schweden
Produktionsjahr
2022
Regie
Jonas Åkerlund
Buch
Fredrik Agetoft · Peter Arrhenius · Jonas Åkerlund
Musik
Mikael Åkerfeldt
Schnitt
Rickard Krantz · Nils Moström
Darsteller
Bill Skarsgård (Clark Olofsson) · Kolbjörn Skarsgård (Clark als Kind) · Lukas Wetterberg (Clark als Teenager) · Alida Morberg (Sussi Korsner) · Vilhelm Blomgren (Tommy Lindström)
Länge
362 (6 Folgen) Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16.
Genre
Drama | Krimi | Serie

Eine biografische Serie über den prominenten schwedischen Gangster Clark Olofsson, der als Urheber des Stockholm-Syndroms in die Kriminalgeschichte einging.

Diskussion

Der Bankräuber blickt sehr zufrieden drein, als er die Journalistin im Besucherraum des Gefängnisses sieht – zufrieden mit sich, weil er sie selbst ausgesucht hat, um seine Biografie zu verfassen. „Jeder verdammte Autor in Schweden riss sich um den Auftrag,“ erzählt er im Voiceover. „Es gab einen Arsch voll Material und wir alle wussten, dass es ein Bestseller werden würde. Ich suchte mir dieses scharfe Stück Frau aus, sie heißt Sussi. Sieht wirklich gut aus, oder?“

Rekordhalter im Gefängnisausbruch

An Selbstbewusstsein mangelt es Clark Olofsson (Bill Skarsgård) beileibe nicht, obwohl er schon wieder eine Haftstrafe verbüßt. Ganz im Gegenteil: Er brüstet sich damit, Rekordhalter im Gefängnisausbruch zu sein. Ob das tatsächlich stimmt, ist egal, denn er selbst glaubt dran, und solange er es im Brustton der Überzeugung herausposaunt, ist es auch wahr. Mit einem keckernden Lachen setzt er ein Ausrufezeichen hinter all seine Behauptungen und suggeriert zugleich: Er ist zwar Bankräuber, aber eigentlich ein harmloser Typ. Er erzählt seine Geschichte von der Geburt 1947 an, davon dass Clark Gable sein Namenspate war, vom alkoholsüchtigen und gewalttätigen Vater und der ihn vergötternden Mutter.

Es mag seine unbekümmerte Lache gewesen sein, die Olofsson in den 1970er-Jahren zu einem der beliebtesten Kriminellen Schwedens machte. Weltweit bekannt wurde er für seine Beteiligung am Banküberfall auf die Stockholmer Kreditbank Norrmalmstorg, der das psychologische Phänomen des Stockholm-Syndroms prägte: Innerhalb der sechs Tage, die Olofsson und sein Partner die Bank besetzt hielten, entwickelten die vier Geiseln Sympathie und Mitleid für die beiden und hielten auch nach ihrer Befreiung daran fest. Es sei ja wohl eine Frechheit, dass das Stockholm-Syndrom nicht nach ihm benannt wurde, kommentiert Clark anschließend, er sei schließlich eindeutig der Urheber.

Reale Begebenheiten – und einige Lügen

Der schwedische Regisseur Jonas Åkerlund hat nun eine Serie über Olofssons Leben gemacht, basierend auf dessen Autobiografie. Gleich in der ersten Folge verspricht Clark auch im Voiceover: „Ich erzähle euch die ganze Wahrheit, Ehrenwort!“ Da hat Åkerlund jedoch schon in den ersten Minuten deutlich gemacht, dass es mit der Glaubwürdigkeit seines Protagonisten nicht weit her ist. Er schiebt dann zwar trotzdem jeder Folge voraus, dass die Serie auf realen Begebenheiten basiert – „und einigen Lügen“.

Wie es sich anfühle, Clark Olofsson zu sein, will die maximal unbeeindruckte Journalistin Sussi Korsner (Alida Morberg) wissen und schon beginnt dessen Phantasie verrückt zu spielen: Tanzeinlagen und Konfettiregen, die das New Yorker Studio 54 in den Schatten gestellt hätten, Jailhouse-Rock mit schwülstig swingendem Gefangenenchor und Olofsson als Elvis-Verschnitt – in einer knallbunten Collage lässt Åkerlund diesen Clark als Playboy durch die Welt gondeln. Die Frauen, sie haben es ihm angetan. Zwischen den Banküberfällen bandelt er immer wieder mit einer oder gleich mehreren an und verliebt sich in jede einzelne von ihnen. Regelmäßig kommt er an den Punkt, an dem er ein ehrbarer Bürger werden will, und dreht dann doch wieder ein Ding, um sich das Leben zu finanzieren, das er mit der aktuell Angebeteten führen will. Freiheit in Beirut, Partynächte in Stockholm oder Familienleben in Brüssel, all das will finanziert sein und wenn er ehrlich ist, war er noch nie der Typ für Redlichkeit: „Ich hatte nie Zeit für einen echten Job. Da verpasst man den ganzen Spaß.“

Bill Skarsgård spielt Clark mit Freude an der Eskalation

In der Kreditbank hat er angeblich mit der Geisel Kiki angebandelt. Åkerlund lässt die beiden immer wieder kurz vor ein heimliches Techtelmechtel kommen, um sie dann doch mit der Realität des Banküberfalls zu konfrontieren – mal klingelt das Telefon, mal dreht Clarks Partner durch, mal bohrt die Polizei ein Loch in die Decke, um die Räuber mit Gas auszuräuchern. Ob Clark Kiki hinterher tatsächlich wiedergetroffen und einen Quickie auf dem Klo des schwedischen Premiers Olof Palme hatte? Egal. Hauptsache, die Story klingt gut.

Bill Skarsgård, bekannt geworden als schwarzromantischer Teenage-Vampir in „Hemlock Grove“ und als verführerischer Horrorclown Pennywise in den beiden Neuauflagen von „Es“, spielt diesen Clark mit offensichtlicher Freude an der Eskalation. Er wird so zu einer Mischung aus dem überheblich-dreisten Jordan Belfort in Martin Scorseses „The Wolf of Wall Street“ und einem gutmütigen Tölpel, der wie Forrest Gump von Abenteuer zu Abenteuer stolpert. Oder wie er es selbst zusammenfasst: „Man sieht mich als eine Mischung aus Pippi Langstrumpf und Al Capone.“

Åkerlund inszeniert diese Liebschaften und Banküberfälle als wilde Revue, in der Clark lässig in Banken stolziert, charmant um das gesamte Geld bittet und währenddessen noch die hübscheste Kundin anbaggert. Aus einer andauernden Flucht wird so ein schillerndes Jetset-Leben im Rampenlicht. Wie er Polizei und Politik immer wieder foppt, wie er seine Frauen immer wieder mit seinem gewinnendsten Lächeln und machohaften Sprüchen bezirzt und im Glauben lässt, er würde sich nur für sie ändern – auch beim Zuschauen geht man ihm immer wieder bereitwillig auf den Leim und lacht gleichzeitig über die eigene Naivität.

Das Publikum wird mit breitem Grinsen an der Nase herumgeführt

Nach einer Vielzahl von Musikvideos, der überdrehten Gangsterkomödie „Spun“ und dem blutigen Musiker-Biopic „Lords of Chaos“ bleibt Åkerlund stilistisch ebenso unberechenbar wie überraschend und wird so zum Gegenpart dieses Bankräubers: Er führt sein Publikum mit einem breiten Grinsen an der Nase herum und macht es zu wissenden Geiseln dieses charmanten Nichtsnutzes. Damit stellt er das Genre des Gangster-Biopics sowohl inhaltlich wie formal auf den Prüfstand. Dem keckernden Lachen seines Protagonisten setzt er eine sarkastische Parodie auf jene Biopics entgegen, die Kriminelle zu charismatischen Superstars verklären und damit ihre Taten herunterspielen.

Clarks gleichermaßen gewinnende wie manipulative Lache, das wird mit der Zeit deutlich, ist sein Allheilmittel – bei Selbstzweifeln, bei Unwissen, oder wenn er durchschaut zu werden droht. Sie ist Ausdruck von Freude, Verlegenheit und wischt auch jeden Anflug von Angst einfach weg. Wie es sich anfühle, Clark Olofsson zu sein, fragt Susie insistierend, und nur langsam vergeht ihm das Dauergrinsen. Denn er merkt, dass er eigentlich nur noch allein über seine Scherze lacht. Dieses comichafte Keckern macht ihn letztlich zu einer Witzfigur.

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