Shiver - Die Kunst der Taiko Trommel

Dokumentarfilm | Japan 2020 | 89 Minuten

Regie: Toshiaki Toyoda

Ein auf der von ursprünglicher Natur geprägten japanischen Insel Sado gedrehter Musikfilm, der Werke zu Gehör bringt, die der Komponist Koshiro Hino mit dem Trommelensemble Kodo erarbeitet hat. Durch die atmosphärisch inszenierten Darbietungen, winterliche Landschaftsaufnahmen und Bezüge zum Nō-Theater schafft der Film einen von Gegenwart und Zivilisation entrückten mystischen Naturkosmos, in dem sich die hypnotischen Rhythmen ideal entfalten können. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
SENRITSU SESHIMEYO
Produktionsland
Japan
Produktionsjahr
2020
Regie
Toshiaki Toyoda
Kamera
Kenji Maki
Musik
Koshiro Hino
Schnitt
Takanobu Oki
Länge
89 Minuten
Kinostart
23.06.2022
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Dokumentarfilm | Musikdokumentation | Musikfilm

Musikfilm mit Percussion-Kompositionen von Koshiro Hino, interpretiert vom berühmten Trommlerensemble Kodo.

Diskussion

Die hölzernen Klopfgeräusche erinnern an einen Regenschauer. Während sie anfangs noch zerstreut und zufällig wirken, formen sie sich zunehmend zu einer kraftvollen organischen Einheit. Die auf dem Boden eines schummrigen Raums sitzenden Musiker nehmen sich dabei durch ihre einheitlich schwarze Kleidung und die weitgehende Bewegungslosigkeit bewusst zurück. Und doch wirken sie durch ihre spürbare Konzentration und Körperspannung enorm gegenwärtig.

Es sind solche Schwellenzustände, in denen sich der hypnotische Musikfilm „Shiver – Die Kunst der Taiko Trommel“ aufhält, einem ständigen Gleiten zwischen An- und Abwesenheit, Kontrolle und Ekstase, unabhängigen musikalischen Details und einem pulsierenden Ganzen.

Die Kodo-Trommler und Koshiro Hino

Mit einer Mischung aus Musikvideo und Konzertfilm ohne Publikum hat der japanische Regisseur Toshiaki Toyoda dem berühmten Trommelensemble Kodo ein Denkmal gewidmet. Gedreht wurde im Winter auf der fast unberührten Südseite der Insel Sado, wo die Musiker zwischen Felsen, Hügeln und Wäldern zu Hause sind. Der Komponist Koshiro Hino, der im Film mehrmals als schamanenhafte Figur mit Kutte und langen Haaren auftritt, hat hier mit der Gruppe eine Reihe von minimalistischen, aber vielfältigen Percussion-Werken entwickelt, die mit steigender Intensität in eine archaische Welt ziehen.

„Kodo“ bedeutet im Japanischen Herzschlag oder Kinder der Trommel. Beides passt gut zu der nur scheinbar monotonen Musik und ihrem Streben zum Körperlichen und Ursprünglichen. Toyoda entwirft dazu einen von der Gegenwart und Zivilisation entrückten filmischen Raum, in dem die Rhythmen ideal zur Geltung kommen. Vereinzelte Landschaftsaufnahmen und Bilder von geisterhaften Figuren laden die Darbietungen zudem mystisch auf. Vieles, was hier auftaucht, hat seinen Ursprung in alter japanischer Kultur: Buddha-Statuen, an denen der Zahn der Zeit nagt, historische Schriftrollen, auf denen sich traditionelle Instrumente befinden, und immer wieder Masken aus dem Nō-Theater.

Das Prasseln des Regens

Bekannt ist Kodo vor allem wegen seiner spektakulären Performances, bei denen durchtrainierte, lediglich mit einem Lendenschurz bekleidete Männer eine gigantische Taiko-Trommel bearbeiten. Zunächst zieht „Shiver“ jedoch sanft mit filigranen und rhythmisch komplexen Darbietungen in Bann. Die Grenzen zwischen der Natur und den von Menschen geschaffenen Klängen sind dabei so fließend wie die Kamerabewegungen. Teilweise werden die Stücke im Freien aufgeführt, wo der Wind, das Prasseln des Regens oder Knistern des Feuers zum Bestandteil der Musik werden.

Später sieht man in atmosphärischer Helldunkel-Beleuchtung, wie auf der imposanten Trommel mit dem gezackten Kodo-Emblem das Fell nach jedem Schlag vibriert. Im titelgebenden Zittern spitzt sich das fließende Prinzip des Films zu. Alles ist hier durchlässig. So wie sich das Beben der Erde auf den Menschen überträgt, setzt dieser über sein Instrument Schwingungen frei, die sich wiederum auf uns Zuhörer übertragen.

Je größer die Trommeln, desto martialischer auch die Wirkung. „Shiver“ zeichnet das Musizieren und damit irgendwie auch das menschliche Dasein allerdings nicht nur als spirituelle, sondern auch als vergebliche Handlung. Mit einem Ruder versucht eine maskierte, in einem Holzbottich sitzende Figur einmal erfolglos auf einem Teich vom Fleck zu kommen. Ein anderes Mal versetzt der Film durch einen Schnitt zwei Trommler vor einen Wasserfall. Schreiend und mit größter Kraftanstrengung musizieren die beiden gegen die ohrenbetäubende Wucht des Wassers an, bis sie schließlich erschöpft kapitulieren.

Musik als die eigentliche Naturgewalt

In der zweiten Hälfte von „Shiver“ werden die Schläge schneller, wuchtiger und ekstatischer. Die Musiker bleiben dabei so kontrolliert wie zuvor, doch die Bilder flackern stroboskopisch und die Kamera dreht sich schwindelerregend im Kreis. Wie die mächtigen Wellen des Meeres, die in Zeitlupe schäumend ineinander brechen, überwältigen schließlich Rhythmen und Bilder. Auch wenn der Komponist Hino in einer Szene wiederholt seine Faust nach oben streckt, um die Instrumentalisten zu führen, scheint es, als wäre eine unsichtbare, höhere Kraft der Dirigent dieser rituellen Darbietungen. Das disziplinierte und ausdauernde Ensemble wird dabei zum Medium, ihre Musik zur eigentlichen Naturgewalt.

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