Dr. Who und die Daleks

Komödie | Großbritannien 1965 | 80 Minuten

Regie: Gordon Flemyng

Durch ein Missgeschick reist Dr. Who samt Familie mittels der Raum-Zeit-Maschine TARDIS auf einen fremden Planeten in eine düstere Zukunft, in der menschenähnliche Mutanten von Aliens in Roboterverkleidungen drangsaliert werden. Menschen und Mutanten verbünden sich und profitieren voneinander. Ein zwei Jahre nach Start der zu Kultstatus gelangten TV-Serie „Dr. Who“ entstandener Kinoableger, der sich mit seiner betont slapstickhaften und wenig bedrohlichen Geschichte an ein jüngeres Publikum wendet, durch das fantasievolle Production-Design sowie dank der nostalgischen Patina des Sujets indes altersunabhängig auch heute noch eine reizvoll-skurrile Blüte des „Dr. Who“-Kosmos darstellt. - Ab 12.

Filmdaten

Originaltitel
DR. WHO AND THE DALEKS
Produktionsland
Großbritannien
Produktionsjahr
1965
Regie
Gordon Flemyng
Buch
Milton Subotsky
Kamera
John Wilcox
Musik
Malcolm Lockyer
Schnitt
Oswald Hafenrichter
Darsteller
Peter Cushing (Dr. Who) · Roy Castle (Ian) · Jennie Linden (Barbara) · Roberta Tovey (Susan) · Barrie Ingham (Alydon)
Länge
80 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 6
Pädagogische Empfehlung
- Ab 12.
Genre
Komödie | Science-Fiction

Heimkino

Verleih DVD
StudioCanal
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Ein Kinoableger der TV-Kultserie aus den 1960ern: Der Doktor und seine Enkelinnen landen in einer dystopischen Zukunftswelt und verbünden sich mit geknechteten Menschen-Mutanten gegen faschistoide Daleks.

Diskussion

Was das Wichtigste in Zeitmaschinen ist: Berühre nie, nie planlos irgendwelche Knöpfe oder Schalter! Doch was, wenn man gar nicht weiß, dass man in einer Zeitmaschine ist? Großvater hat eine gebaut, seine Enkelinnen Susan (Roberta Tovey) und Barbara (Jennie Linden) sowie Barbaras Geliebter Ian (Roy Castle) merken nicht, mit was sie es da zu tun haben, und flugs hat Ian das Hauptgebot in Zeitmaschinen missachtet und ist über den Aktivierungshebel gestolpert. „So ein Missgeschick“, bemerkt der Großvater lapidar.

Dazu muss man wissen, dass besagter Großvater niemand Geringeres als der ominöse Dr. Who ist. Ihm hat der britische TV-Sender BBC eine seit 1963 mit Ausnahme der 1990er-Jahre mehr oder minder durchgehend produzierte Science-Fiction-Serie gewidmet, die längst als popkulturelles Phänomen von Großbritannien aus den Rest der westlichen Welt infiziert hat. Mit seiner Zeitmaschine TARDIS (eingedeutscht etwa: „Trips aufgrund relativer Dimensionen im Sternenzelt“), getarnt als telefonzellenartige Polizei-Notruf-Box, reist Dr. Who von Folge zu Folge wild durch Raum und Zeit und wurde damit zunächst in Großbritannien, später auch international zum TV-Straßenfeger. Der Erfolg in der Heimat bescherte der Serie zwei Jahre nach TV-Premiere 1963 einen Kinofilm, der als Zukunftsabenteuer daherkommt. Da der Doktor vor dem Missgeschick Ians noch kein Zeit-Ziel eingetippt hatte, landen alle vier an einem völlig unbekannten Ort in einer unbekannten Zeit – und „Dr. Who und die Daleks“ kann beginnen.

Kampf um den Planeten Skaro – nieder mit den Daleks!

Die Welt, in der die Erdlinge mit TARDIS landen, hat etwas von jener der Elois und Morlocks aus George Pals 1960 entstandener H.G. Wells-Adaption „Die Zeitmaschine“: sehr bunt, sehr mysteriös und sehr kulissenhaft, was nicht zuletzt an den wunderbar designten, aber recht günstig gebauten Pappkulissen und Matte-Paintings liegt. Hier wucherten einst Pflanzen, doch nun ist ein Leben vermeintlich nicht mehr möglich. Doch bevor Dr. Who und seine Familie an der Strahlenkrankheit zugrunde gehen könnten, erfahren sie, dass es mit den sogenannten Thals wohl eine menschenähnliche (fahlhäutige und kupferschöpfige) Mutation gibt, die den mörderischen Krieg auf dem Planeten Skaro doch überlebt hat. Ganz ähnlich den Elois bei Wells, sind sie friedlich und phlegmatisch und können oder wollen sich ihren Erzfeinden, den Daleks, nicht entgegenstellen. Diese leben im Gegensatz zu den Morlocks bei Wells nicht unter der Erde, sondern in einer strahlengeschützten, festungsartigen Stadt. Während nun die Thals in den versteinerten Wäldern darben, materialisiert sich TARDIS auf ihrem geschundenen Planeten. Dr. Who erkennt schnell, wer Freund und wer Feind ist, vergisst aber dummerweise eine wichtige Quecksilber-Sicherung für TARDIS in der Stadt, sodass ein relativ folgenloses Verschwinden aus dem Konflikt nicht möglich scheint. Daher verbünden sich Menschen und Thals, um den genozidalen Allmachtsfantasien der Daleks ein für alle Mal zu begegnen.

Ein ganz anderer Erzähltonfall als die Serie

Zwar folgt die Story relativ präzise den Folgen 5 bis 11 aus der ersten Staffel der TV-Serie, dennoch hat „Dr. Who und die Daleks“ Solitärcharakter. Nicht nur überschwemmt der Film mit Technicolor- und Cinemascope-Panoramen förmlich die Sinne der Zuschauer, während die Serie in typischem schwarz-weißen 4:3-Format diesbezüglich seinerzeit geizte. Auch der Star des Kinofilms, Peter Cushing als Dr. Who, hat keinerlei Bezug zur Serie; weder spielte er dort mit, noch hat er etwas mit dem Rollenverständnis seines Serienpendants gemein. Regisseur Gordon Flemyng, Drehbuchautor Milton Subotsky und Cushing gehen den Stoff ganz anders an als das Fernsehvorbild. Denn im Gegensatz zu der auf Technologie, Abenteuer und ein erwachseneres Publikum zielenden Serie ist der Kinofilm von 1965 pure Slapstick-Comedy.

Cushing, der eigentlich bei den Hammer-Studios für Dr. Frankenstein und das artgerechte Vampirjagen als Dr. Van Helsing verantwortlich zeichnete, gibt hier in einer Alters-Make-Up-Rolle den verträumt-verkopften Superwissenschaftler, der sich in schrulligen Erkenntnissen und im Debattieren mit seiner kleinen Superhirn-Nichte Susan gefällt. Auch die Daleks haben trotz ihrer faschistoiden Weltsicht wenig Bedrohliches an sich. Es handelt sich um grüne, wohl amphibienartige Außerirdische, die sich in an Salzstreuer erinnernden Robotern verstecken und steif vor sich hingleiten, wenn sie nicht mit mechanisch-monotoner Stimme über Ausrottung unwerten Lebens, Allmacht und Neutronenbomben palavern. Überhaupt ist die „überlegene Rasse“ alles andere als intelligent; zumindest erscheint es so, wenn man deren mitunter hanebüchenen Streitgesprächen folgt.

Kindgerecht den Aufstand proben

Neben dem visuellen Reichtum des Films und den auf ein junges Publikum abzielenden Pointen, die die Spannung der Abenteuergeschichte komödiantisch abfedern, gibt es eine politische Komponente, die „Dr. Who und die Daleks“ wiederum näher an „Die Zeitmaschine“ als an die Serienvorlage rückt. Dr. Who wird hier zum Agitator, der sich für den Aufstand einer unterdrückten Gruppierung einsetzt; es geht um die Mobilisierung der „schweigenden Mehrheit“, die es dazu zu bewegen gilt, gegen ihre Unterdrücker zur Not auch mit Faust und versteinerten Ästen vorzugehen. Dass das bei den tumben, physisch fast schon putzigen Daleks kein Hexenwerk ist, spricht indes wieder für die Kindgerechtheit, mit der hier die Revolution geprobt wird.

„Dr. Who und die Daleks“ kommt nun 57 Jahr nach seinem Entstehen erstmals in die deutschen Heimkinos. Inzwischen ist „Dr. Who“ als Marke Kult, und der Film hat den nostalgischen Charme von Slapstick à la Stan und Ollie alias „Dick und Doof“ gepaart mit einem quietschbunten Midcentury-Retrofuturismus. Die damals in Großbritannien aufgeflammte Diskussion, ob man „Dr. Who“ fürs Kino überhaupt „veralbern“ dürfe, erscheint angesichts all der Blüten, die das Franchise mittlerweile getrieben hat, obsolet.

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