Die geheime Tochter

Drama | Spanien 2021 | 118 Minuten

Regie: Manuel Martín Cuenca

Eine 15-jährige, die in einer Jugendstrafanstalt einsitzt, hat mit ihrem Betreuer dort einen Pakt geschlossen: Sie flieht und taucht bei ihm und seiner Frau in einem einsamen Haus in den Bergen unter; die beiden kümmern sich um sie während der Schwangerschaft und sollen als Eltern für das Neugeborene fungieren. Doch das von Anfang an nicht spannungsfreie Bündnis droht zu zerbrechen, als der Kindsvater auftaucht. Ein vornehmlich mit einer suggestiven Raumpoetik und drei exzellenten Darstellern arbeitendes Thriller-Drama um Menschen, von denen eigentlich keiner etwas Böses will und die doch beim hochemotionalen Thema Elternschaft in einen tragisch eskalierenden Interessenkonflikt geraten. Fesselnd-abgründiges Spannungskino. - Ab 16

Filmdaten

Originaltitel
LA HIJA
Produktionsland
Spanien
Produktionsjahr
2021
Regie
Manuel Martín Cuenca
Buch
Alejandro Hernández · Manuel Martín Cuenca
Kamera
Marc Gómez del Moral
Musik
Guillermo Galván · Juan Manuel Latorre
Schnitt
Ángel Hernández Zoido
Darsteller
Irene Virgüez (Irene) · Javier Gutiérrez (Javier) · Patricia López Arnaiz (Adela) · Sofian El Benaissati (Osman) · Juan Carlos Villanueva (Miguel)
Länge
118 Minuten
Kinostart
-
Fsk
ab 16; f
Pädagogische Empfehlung
- Ab 16
Genre
Drama | Thriller

Thriller um eine schwangere 15-Jährige, die bei einem kinderlosen Ehepaar übertaucht und diesem nach der Geburt das Kind überlassen soll – bis es zu einem brutalen Interessenskonflikt kommt.

Diskussion

Es dauert ein Weilchen, bis man in Manuel Martín Cuencas Thriller-Drama begreift, in welche Situation man da geworfen ist. Am Anfang läuft ein Mädchen durch eine weite grüne Landschaft; schließlich trifft es einen Mann in einem Geländewagen, mit dem es sich an diesem abgelegenen Ort offensichtlich verabredet hat. Bevor sie einsteigt, fordert der Mann es auf, sein Handy wegzuwerfen; dann fährt er über Feldwege zu einem Haus irgendwo auf einem Plateau in den Bergen. Ist die junge Frau auf der Flucht und muss vor etwas in Sicherheit gebracht werden? Eine permanente Atmosphäre der Verunsicherung ist ein zentrales Stilmittel dieses Films, der zunächst wie auf einem Rasiermesser zwischen Idylle und latenter Bedrohung balanciert, um dann – auch zunächst eher leise-hinterrücks als explizit – in nackten Schrecken umzukippen.

Ein Baby-Pakt

Bei der jungen Frau handelt es sich, wie man schließlich erfährt, um die straffällig gewordene 15-jährige Irene (Irene Virgüez); der Mann mit dem Auto, Javier (Javier Gutiérrez), war ihr Betreuer in einer Jugendstrafanstalt, aus der sie nun getürmt ist, um bei Javier und seiner Frau Adela (Patricia López Arnaiz) in deren einsamem Anwesen unterzutauchen. Der Grund dafür: Irene ist schwanger, und Javier und sie haben einen Pakt geschlossen. Er und Adela kümmern sich während der Schwangerschaft um Irene und verhelfen ihr danach zu einem Neustart; dafür überlässt diese ihren selbst kinderlosen Gastgebern das Neugeborene.

Eine Win-Win-Situation für das sich nach Nachwuchs sehnende Ehepaar und das aus zwar nicht detailliert ausgeleuchteten, aber offensichtlich prekären Verhältnissen stammende Mädchen (zwischendurch ist von einer drogensüchtigen Mutter die Rede), das wohl heillos damit überfordert wäre, die Verantwortung für ein Baby zu übernehmen, zumal der Kindsvater seinerseits auch in einer Strafanstalt einsitzt.

Irritationsmomente

Doch ganz wohl fühlen sich weder Irene noch die Zuschauer mit diesem Arrangement von Anfang an nicht, wofür die Inszenierung mit gezielten Irritationsmomenten sorgt. Zwar stehen in dem Gästezimmer, in dem Irene untergebracht wird, gleich mehrere Sträuße mit frischen Blumen als freundlicher Willkommensgruß; doch die zwei ziemlich aggressiv wirkenden Hunde, die auf dem von einem hohen Zaun eingehegten Grundstück Freilauf haben und vor denen sich Irene fürchtet, konterkarieren die gemütliche Atmosphäre. Die Felskante am Rand der kleinen Hochebene, wo das Haus steht, gibt dem Ambiente im wahrsten Wortsinn etwas Abgründiges.

Manuel Martín Cuenca nimmt sich ausführlich Zeit, das sich entwickelnde Verhältnis der drei zu beleuchten. Javier scheint nicht nur für das erwartete Baby, sondern auch für Irene regelrechte Vatergefühle zu entwickeln; Adela dagegen zeigt sich reservierter: Als Irene schon früh anfängt, Probleme zu machen – die Notwendigkeit, das Haus nicht zu verlassen und keinen Kontakt zu anderen Menschen, vor allem ihrem Freund, aufzunehmen, um die Polizei nicht auf ihre Spur zu bringen, sieht sie zunächst nicht ein – reagiert Adela im Gegensatz zu Javier alles andere als vermittelnd-verständnisvoll. Und als Javier und Irene anfangen, sich immer besser zu verstehen, sieht es so aus, als würde Adela das mit Unbehagen verfolgen und irgendwie zum fünften Rad am Wagen werden. Trotzdem scheint der Plan zu funktionieren; Irenes Bauch rundet sich, die Geburt und damit das Ende der Zwangsgemeinschaft rückt näher. Doch dann wird Irenes Freund Osman (Sofian El Benaissati) aus dem Knast entlassen und beginnt nach dem Mädchen zu suchen. Und als Javier schließlich Irenes Sehnsucht nach dem jungen Mann nachgibt und ein Treffen der beiden in einer Hütte nahe ihrem Haus arrangiert, fangen die Ereignisse an, ins Unheilvolle zu kippen…

„Die geheime Tochter“ begeistert vor allem als exzellent gespieltes, mit den reduzierten Mitteln eines Kammerspiels ungemein präzise inszeniertes Charakterdrama um Menschen, von denen eigentlich keiner etwas Böses will und die doch beim hochemotionalen Thema Elternschaft schließlich in einen Interessenkonflikt geraten, der auf tragische Weise eskaliert. Äußere Spannungsfaktoren – etwa ein mit Javier befreundeter Polizist (Juan Carlos Villanueva), der auf der Suche nach Irene ist, und das Auftauchen von Irenes Freund – setzt der Film äußerst sparsam ein, sondern verlässt sich ganz auf die zunächst untergründig sich steigernden, am Ende dann brutal hochkochenden Spannungen zwischen dem Trio Irene Virgüez Javier GutiérrezPatricia López Arnaiz, sowie auf eine suggestive Raumpoetik. Das reicht völlig, um einen gut zwei Stunden in Bann zu schlagen.

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