Biopic | Deutschland 2022 | (sechs Folgen) Minuten

Regie: Katrin Gebbe

Eine sechsteilige Miniserie über die jungen Jahre der Kaiserin Elisabeths von Österreich-Ungarn (1837-1898). Neben der anfangs innigen Liebesgeschichte mit Kaiser Franz Joseph thematisieren die Folgen die Kollision zwischen Elisabeths Freiheitsbedürfnis und der höfischen Etikette sowie die politischen Umstände im 19. Jahrhundert. Dabei geraten die zahlreichen Handlungsfäden sich mitunter gegenseitig in die Quere, zumal der Erzählbogen auch überflüssige Nebenschauplätze aufweist. Doch der Serie gelingen immer wieder auch pointierte Kommentare. Am besten ist der Mehrteiler immer dann, wenn er seiner ausgezeichnet interpretierten Hauptfigur besonders nahekommt. - Ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
Produktionsland
Deutschland
Produktionsjahr
2022
Regie
Katrin Gebbe · Florian Cossen
Buch
Katharina Eyssen · Bernd Lange · Jana Nandzik · Lena Stahl
Kamera
Christian Almesberger · Christopher Aoun · Moritz Schultheiß
Musik
Sebastian Damerius · Johannes Lehniger · Lisa Morgenstern
Schnitt
Boris Gromatzki
Darsteller
Devrim Lingnau (Elisabeth) · Philip Froissant (Franz Joseph) · Melika Foroutan (Erzherzogin Sophie) · Johannes Nussbaum (Erzherzog Maximilian) · Elisa Schlott (Helene)
Länge
(sechs Folgen) Minuten
Kinostart
-
Pädagogische Empfehlung
- Ab 14.
Genre
Biopic | Drama | Historienfilm | Serie

Die jungen Jahre von Elisabeth „Sisi“ von Österreich-Ungarn als österreichischer Kaiserin ist Stoff einer aufwändigen Miniserie mit zahlreichen Handlungssträngen.

Diskussion

Ein Ende des Booms ist nicht in Sicht. Die Figur der österreichisch-ungarischen Kaiserin Sisi erlebt derzeit ein auffallend hohes Interesse und eine filmisch-mediale Aufmerksamkeit wie wohl selten in den gut 120 Jahren seit ihrem gewaltsamen Ableben. Ende 2021 strahlte RTL+ die Serie "Sisi" aus, für die eine zweite Staffel bereits angekündigt ist. Im Juli 2022 lief „Corsage“ von Marie Kreutzer in den Kinos an, für das Frühjahr 2023 ist der Kinofilm „Sisi und ich“ in der Regie von Frauke Finsterwalder angekündigt. Nun erscheint bei Netflix die sechsteilige Miniserie „Die Kaiserin“, die den Fokus auf Sisis Anfänge als ewig junge und schöne Kaiserin legt.

Sisi in ihrem goldenen Käfig

Über die schöne, freigeistige und unglückliche Sisi in ihrem goldenen Käfig lassen sich viele noch immer hochaktuelle Fragen verhandeln. Die zumindest in ihren Anfängen tatsächlich wohl große Liebesgeschichte zwischen dem ungestümen bayerischen Wildfang und dem österreichischen Kaiser, der obendrein eigentlich Sisis Schwester heiraten sollte. Sisi als moderne, ungewöhnlich attraktive Bildikone; über ihre medial verbreitete Darstellung behielt die Kaiserin stets die Kontrolle. Dazu aber auch die Kehrseite der hohen Schauwerte: Ein rigides Schönheits- und Sportprogramm, die Eigendynamik der öffentlichen Persona. Ferner der Kampf zwischen dem freiheitsliebenden Individuum und seiner stark reglementierten Funktion am Wiener Hof, zwischen dem Menschen und der (fast) alles domestizierenden Etikette. Die höfischen Intrigen, das Reduziertsein aufs Repräsentieren, das der Staatsräson unterworfene Leben.

Schließlich die Dramen in ihrem Leben: Tod einer Tochter, Selbstmord des Sohnes, das eigene frühe, gewaltsame Ableben. Aber auch die politischen Umtriebe jener Tage lassen sich über die Figur der Habsburger Herrscherin erzählen. Und außerdem ist Sisis Geschichte auch die einer zumindest erprobten weiblichen Befreiung, was sie heute besonders interessant macht.

Die Serie „Die Kaiserin“ bemüht sich tatsächlich, sämtliche Aspekte ein Stück weit zu bedienen. Auch wenn dies nicht zu hundert Prozent aufgeht, ist die neueste Sisi-Adaption doch insgesamt sehr gelungen. Was zu einem nicht geringen Teil an ihrer fantastischen Besetzung, allen voran der Hauptdarstellerin Devrim Lingnau liegt. Mit der Kaiserin Elisabeth, die hier übrigens wiederholt darauf beharrt, mit ihrem vollen Namen angesprochen zu werden und damit das süßliche Sisi-Bild abzustreifen versucht, gelingt der bislang eher unbekannten jungen Darstellerin ein spektakulärer Auftritt. Darin ist sie der Kaiserin gar nicht unähnlich, die gleich am Hochzeitstag die Herzen des Volkes erobert. Auch Lingnau besitzt einen natürlichen Charme, gepaart mit Nahbarkeit, jugendlicher Frische und Verletzlichkeit, aber auch Reflektiertheit und Willensstärke. Philip Froissant als nur wenige Jahre älterer Kaiser Franz Joseph hat es neben dieser außergewöhnlichen Figur wenig überraschend schwerer; an der Seite der schillernden Elisabeth wirkt er naturgemäß ein wenig blasser, überzeugt aber gleichwohl als sich seinen Platz zwischen Tradition und Reform suchender Monarch.

Vom historischen Ballast befreit

Drehbuchautorin Katharina Eyssen und die Regisseure Katrin Gebbe und Florian Cossen befreien ihre Erzählung stimmig von so manchem historischen Ballast, um Raum zu schaffen für die Seelenzustände ihrer Protagonisten. So verwandelt sich etwa eine Darbietung zu Ehren des Kaiserpaares in einen modernen Tanz, der Elisabeths Beklemmung und Ängste widerspiegelt. Auf einer Soiree vermittelt das optisch an Grufties, androgyn-queere Rockstars oder auch die Goldenen Zwanziger erinnernde Personal Rausch, Exzess und neue Zeiten. Und Franz Joseph darf sogar „Scheiße!“ sagen.

Gelegentlich will die durch präzise Dialoge auffallende Serie zu viel. Sie verheddert sich in ihren vielen Handlungsfäden beziehungsweise schafft es nicht immer, jeden einzelnen davon zu einer runden Geschichte zu formen. So verhält es sich etwa mit der angeblichen Hofdame Leontine, die sich für revolutionäre Umtriebe am Hof eingeschlichen hat. Sie und ihr Mitstreiter werden allzu knapp auf den Slogan „Für das Volk!“ reduziert.

Ebenso lenkt es vom Kern der Geschichte ab, dass auch der Bruder von Franz Joseph ein erotisches Interesse an Elisabeth und die Kaisermutter Sophie ihren Franz womöglich außerehelich gezeugt hat und nicht nur von einer früheren Liebe, sondern vielleicht auch von Homoerotischem träumt. Oder auch, dass sich Franz Josephs Ex-Geliebte durch Intrigen nach wie vor unentbehrlich zu machen versucht. Derlei wirkt eher überflüssig und scheint vor allem von dem Willen zu zeugen, „Die Kaiserin“ zu einem dramatischen Epos voller Liebe, Hass, Leidenschaft, Verrat und Missgunst aufzublasen. Was diese Sisi-Interpretation überhaupt nicht nötig hätte.

Sehr gut ist die optisch sehr hochwertige, handwerklich aufwändige Serie immer dann, wenn sie nahe bei ihrer Hauptfigur bleibt. Im wahrsten Sinne des Wortes etwa in einer fast klaustrophobischen Szene, wenn die junge Frau in einer gläsernen Kutsche auf dem Weg zu ihrer Hochzeit das verstörende Wechselspiel aus Bewunderung und Bedrohung durch ihre „Fans“ erlebt – ein zeitloser Kommentar zum Thema öffentliche Aufmerksamkeit.

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