Elfriede Jelinek - Die Sprache von der Leine lassen

Dokumentarisches Porträt | Österreich/Deutschland 2022 | 96 Minuten

Regie: Claudia Müller

Die österreichische Schriftstellerin Elfriede Jelinek arbeitet seit den 1960er-Jahren an einem vielschichtigen Werk, das Lyrik, Prosa, Theater- und Hörspiele, Essays, Libretti, Drehbücher und Übersetzungen umfasst. 2004 wurde sie als erste österreichische Autorin mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet. Das materialreiche Porträt versammelt Interviews, Archivbilder und neu eingesprochene Off-Texte aus Jelineks Werk, wobei ihr Umgang mit Sprache im Zentrum steht. In Gestalt der Collage findet der Film auf überzeugende Weise eine formale Entsprechung für die Montagetechniken von Jelinek. - Sehenswert ab 14.

Filmdaten

Originaltitel
ELFRIEDE JELINEK - DIE SPRACHE VON DER LEINE LASSEN
Produktionsland
Österreich/Deutschland
Produktionsjahr
2022
Regie
Claudia Müller
Buch
Claudia Müller
Kamera
Christine A. Maier
Musik
Eva Jantschitsch
Schnitt
Mechthild Barth
Länge
96 Minuten
Kinostart
10.11.2022
Fsk
ab 12; f
Pädagogische Empfehlung
- Sehenswert ab 14.
Genre
Dokumentarisches Porträt | Künstlerporträt

Dokumentarisches Porträt über die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek und ihr faszinierend vielfältiges Werk.

Diskussion

„Wo Ich draufstehe, ist zwar Ich drin, aber Ich ist sowieso nicht Herr im eigenen Haus, es ist höchstens der Hausmeister, der die Böden des Bodenlosen wischt“, heißt es in einem Text von Elfriede Jelinek. An Anfang des Films von „Elfriede Jelinek – Die Sprache von der Leine lassen“ ist die Passage, von der Künstlerin selbst vorgetragen, aus dem Off zu hören, während sie in verschiedenen Lebensaltern in Wien und anderen Städten unterwegs zu sehen ist: mit kerzengerader Haltung, stil- und modebewusst, als Erscheinung unverwechselbar, aber doch im ständigen Wandel. Sie zeige an ihren Figuren nicht das Handelnde, sondern das Ausgeliefertsein an politische und gesellschaftliche Mechanismen, erklärt Jelinek später in einem Interview. Es sei genau dieses Fehlen des individuellen Freiraums, das viele ihrer Rezipienten so wahnsinnig wütend mache: „Bei mir sind es eigentlich Zombies.“

Mit schmerzhaft sarkastischen Wörtern

Seit ihren ersten Texten Ende der 1960er-Jahre hat Elfriede Jelinek der saturierten Gesellschaft ihre künstlerische Produktivität, ihren politischen (feministischen) Aktivismus und die Kraft der Worte entgegengeschmettert. Dass sie dabei nicht nur patriarchale Herrschaftsmuster, sexuelle Unterdrückung und Rassismus in einer schmerzhaft sarkastischen Sprache zum Ausdruck brachte, sondern auch die unbewältigte NS-Vergangenheit Österreichs ans Licht zerrte (im Roman „Die Kinder der Toten“ und den Theaterstücken „Burgtheater“ und „Rechnitz“), machte sie sich im eigenen Land zu einer der verhasstesten Figuren.

Jelinek wurde als „Pornografin“ und „Nestbeschmutzerin“ diffamiert, obwohl der Dreck offensichtlich woanders zu suchen und zu finden war (etwa in den Nazi-Vergangenheiten der Schauspielerin Paula Wessely und des Politikers Kurt Waldheim). Nicht nur, aber vor allem die ganz rechten Kräfte hetzten wie irrsinnig gegen Jelinek; 1995 fand sich ihr Name neben denen anderer unbequemer Kulturschaffender in großen Lettern sogar auf Wahlplakaten der FPÖ.

Die Autorin reagierte mit (später wieder aufgehobenen) Aufführungsverboten ihrer Stücke in Österreich und zog sich zeitweise aus der Öffentlichkeit zurück, nach der Verleihung des Literaturpreises 2004 endgültig. Seitdem gibt sie keine Interviews und tritt nirgendwo auf. Als Schriftstellerin, Dramatikerin und literarische Ikone aber ist sie bis heute präsent. Zuletzt etwa mit dem Theatertext „Lärm. Blindes Sehen. Blinde Sehen!“, einem Versuch, dem Wortschwall an Nachrichten, Theorien und Verschwörungsmythen, der die Gesellschaft mit Beginn der Pandemie überflutete, eine Form zu geben.

Stimmen und Gegenstimmen

Die Filmemacherin Claudia Müller, die so unterschiedliche Figuren wie VALIE EXPORT, Jenny Holzer und Shirin Neshat porträtiert hat, überlässt Elfriede Jelinek ganz das Wort und macht den „musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen“, der ihr Werk auszeichnet (so die Begründung des Literaturnobelpreiskomitees) zum Strukturprinzip ihres Films. „Elfriede Jelinek – Die Sprache von der Leine lassen“ ist eine Collage aus Fernseh- und Hörfunkinterviews mit Jelinek und Auszügen aus Texten, die von Schauspieler:innen wie Sandra Hüller, Stephanie Reinsperger, Martin Wuttke, Sophie Rois und anderen eingesprochen wurden.

Die Sprache steht im Zentrum des Films, sie bekommt ihren Raum, wird ausgestellt und in Bilder hineingestellt, die sich weniger illustrativ als atmosphärisch mit dem Gesprochenen verbinden: Familienfotos, 8-mm-Aufnahmen aus den 1950er- und 1960er-Jahren, die in Filmclub-Archiven in der Steiermark gefunden wurden, aber auch historisches und neu gedrehtes Bildmaterial zu den schockierenden Ereignissen, die Eingang in Jelineks Texte fanden. Etwa das Massaker von Rechnitz an ungarisch-jüdischen Zwangsarbeiter:innen und das Attentat von Oberwart auf vier Roma im Jahr 1995.

Immer wieder sieht man auch Naturbilder, touristische Szenen, schneebedeckte Wälder, blühende Wiesen. Die Zombies sind bei Jelinek auch all die Leichenberge, die unter der Erde der österreichischen Landschaft vergraben sind.

Im Sog des Biografischen

Sie habe sich in die Sprache gerettet, erzählt Jelinek, schließlich sei sie die einzige Kunstform gewesen, die ihre Mutter nicht gefördert habe. 1946 wurde Elfriede Jelinek in Mürzzuschlag als Tochter einer fordernden und überfordernden Mutter geboren. Im Alter von 3 Jahren erhielt sie Tanzunterricht und Französisch, mit 7 kam Klavier dazu, mit 8 die Geige, mit 14 lernte sie am Wiener Konservatorium Orgel, Blockflöte und Komposition. Nach der Matura fiel sie in ein Loch, ging nicht mehr aus dem Haus und begann zu schreiben. Die Angststörung, die sie in dieser Zeit zum ersten Mal erlebte, begleitet sie seither; zur Verleihung des Nobelpreises konnte sie nicht anreisen, was ihr von vielen Seiten übelgenommen wird.

Selbst die sich seriös gebende Literaturkritik sucht mitunter die private Person in ihren Texten, spekuliert über Beschädigungen und mögliche Ursachen für all die geäußerte Wut. Selbst Claudia Müller kann es nicht ganz vermeiden, eine biografische Spur ins Werk zu legen – was bei einem Roman wie „Die Klavierspielerin“ wohl auch nicht völlig verkehrt ist. Sie verliert sich jedoch, wenn das geschriebene Wort von der Leine gelassen wird und sich seinen Raum nimmt.

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