Die Rekrutierung von talentiertem Nachwuchs ist heutzutage selbst für das FBI keine allzu leichte Angelegenheit mehr. Gleich am Anfang der neuen HBO-Miniserie „Task“ sieht man den FBI-Mann Tom (Mark Ruffalo) an einem Stand im College Werbung für „The Bureau“ machen. Tom selbst ist Quereinsteiger und auf Umwegen zur Bundespolizei gekommen. In seinem früheren Leben war der Mann von Anfang 60 Priester. Von seinem Glauben fiel der grüblerische Jobwechsler zwar nicht ab, doch in seinem Leben gab es – ohne an der Stelle zu viel zu verraten – die eine oder andere Akzentverschiebung, die zur beruflichen Neuorientierung geführt hat. Die College-Kids weiß Tom von einer Karriere bei den Federal Agents nicht so recht zu überzeugen. Aber für ihn selbst bedeutet ein neuer Fall bald schon Abwechslung von der Rekrutierungstätigkeit.
Ein Müllmann klaut Drogen-Geld
Im ländlichen Pennsylvania, dem Handlungsort der neuen Serie von Showrunner Brad Ingelsby („Mare of Easttown“), blüht nämlich das organisierte Verbrechen. Und in letzter Zeit gab es eine Reihe von bewaffneten Überfällen auf Orte, an denen mit Drogen gedealt wird, bei denen stets jede Menge Bargeld abhandenkam, Drogen aber nicht. Hinter den Raubzügen steckt Müllmann Robbie (Tom Pelphrey), der mit seinen Kompagnons auf nächtliche Beutetour geht, um aus seiner bescheidenen Existenz zu entkommen. Robbie lebt nach dem gewalttätigen Tod seines Bruders – eine Bikergang hat ihn auf dem Gewissen –, mit dessen Kids in einem gemeinsamen Haushalt. Früh erwachsen werden musste Robbies Nichte Maeve (Emilia Jones). Sie kümmert sich mütterlich um ihre jüngeren Geschwister, der Lifestyle ihres Onkels und seine geheimen Machenschaften beunruhigen die junge Frau – wie sich herausstellt, zu Recht.
Einer der nächtlichen Überfälle von Robbie und seinen Männern geht schief, und zwar gründlich. Nicht nur kommt es zu einem überraschenden, tödlichen Schusswechsel, sondern Robbies verunglückter Plan lässt einen kleinen Jungen als Waisen zurück. Als wäre die Lage noch nicht schlimm genug, beschließt der gewissensgeplagte Robbie, den Jungen mitzunehmen und bei Maeve und sich daheim unterzubringen. Währenddessen werden die Behörden auf den blutigen Überfall aufmerksam. Eine unaufhaltsame Eskalationsspirale scheint in Gang gesetzt.
Eindringliche Charakterstudien
Das Krimidrama wandelt mit seiner düsteren Inszenierung ganz auf den Spuren der vielgelobten Vorgängerserie Ingelbys, in der Kate Winslet einen Mordfall in einer Kleinstadt aufklärte. Wie „Mare of Easttown“ setzt „Task“ auf eine tiefgehende Charakterstudie und zeigt sich dramaturgisch weniger auf große Wendungen und bahnbrechende Plotpoints hin angelegt, sondern leitet die Zuschauer:innen durch die genaue Zeichnung von Figuren und ihren Lebensumständen hin zu moralischen Fragestellungen.
Zentral ist dabei das Thema Vergebung. Es taucht in verschiedenen Formen bei den unterschiedlichen Protagonisten auf. Kann Maeve die Verfehlungen ihres Onkels vergeben? Und kann Ermittler Tom seinem Adoptivsohn verzeihen? Er hat während eines psychotischen Anfalls seine Mutter und Toms Ehefrau getötet. Seit der Tat hat Tom seinen Sohn nicht mehr gesehen und ihn nicht im Gefängnis besucht.
Gute Absichten, verhängnisvolle Ergebnisse
Der vorherrschende Ton in „Task“ ist entsprechend schwermütig. Die visuelle Gestaltung sorgt für eine entsprechend unheilvolle Sogkraft. Düstere Lichtstimmung, viel Schatten, entsättigte Farben, markante Hell-Dunkel-Kontraste sowie eine Atmosphäre zwischen Melancholie und latenter Spannung. Für Spannungsmomente sorgt auf Handlungsebene Robbies Katastrophenmanagement infolge des gescheiterten Clous, der wütende Biker und das FBI zugleich auf seine Fährte bringt. Das von Tom zusammengestellte FBI-Team (dargestellt von Fabien Frankel, Thuso Mbedu und Alison Oliver) kämpft derweil mit eigenen Problemen: sticht eines der Mitglieder Informationen an die kriminelle Unterwelt durch?
Die Positionen der beiden männlichen Protagonisten Tom und Robbie stellen sich im Lauf der Handlung als austauschbar heraus. Im Grunde hätten beide Männer in der Lage des jeweils anderen landen können. Ihre Verfehlungen und Versäumnisse basieren nicht auf einer moralischen Verderbtheit, im Gegenteil hatten erst ihre eigentlich guten Absichten ihr jeweiliges Unheil zur Folge.
Verirrte Vögel
Manchem Zuschauer mag „Task“ bei all seiner Vielschichtigkeit zu langsam erzählt sein. Es ist wahrlich ein Slow-Burn-Drama, das seine emotionale Wucht durch das gründliche Ausloten der Figurenkonstellation und moralischen Beweggründe bekommt. Besonders Tom Pelphrey und Emilia Jones brillieren dabei in ihren vielschichtigen Rollen, und auch Mark Ruffalo weiß in der Rolle des zerknautschten FBI-Ermittlers zu überzeugen, der seine Trauer mit Alkohol bekämpft und Trost im Beobachten der lokalen Vogelwelt findet. Besonders irrfahrende Vögel, sogenannte „Vagrant Birds“ haben es Tom angetan. Dies sind Streuner, die außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebietes und abseits der üblichen Migrationsrouten auftauchen. Ursachen für die versehentlichen Abwege der gefiederten Zeitgenossen – die so traurigerweise meist dem Tod geweiht sind – können Stürme, Navigationsfehler oder schlicht Pech sein.
In der atmosphärisch dichten, von subtiler Spannung und psychologischem Realismus beseelten Serie geht es den Menschen nicht viel anders. Eine einzige Fehlentscheidung kann sich für den weiteren Lebensweg als tödlich herausstellen.