Gegensätzlicher könnten die Schauplätze kaum sein. Hier: Maspalomas, der schillernde Ferienort auf Gran Canaria, den die Insel auf ihrer offiziellen Tourismusseite als „internationalen Referenzpunkt für den LGBTQI+ Tourismus“ anpreist, mit seinen endlos weiten Dünen, dem tiefblauen Atlantik, der strahlenden Sonne, die alles glitzern und leuchten lässt, mit der jährlichen Pride-Parade, dem Karneval, den Dragqueen-Galas und mit den zahllosen Bars, Clubs und Darkrooms. Für den 76-jährigen Vicente (José Ramón Soroiz) ist das ein Ort, an dem er sich niemandem erklären muss, ein Ort ständiger Party, scheinbar ewiger Jugend und Lebenslust und des unverbindlichen Sex. Dort: ein Alten- und Pflegeheim in San Sebastián, mit seinen engen Fluren und Doppelzimmern, dem kargen Speisesaal als Zentrum des Soziallebens, wo einem die Plätze an den Tischen zugeteilt werden und die anderen einen neugierig-skeptisch beäugen, wenn sie nicht gerade in ihren Stühlen dahindösen.
Dies ist für Vicente ein Ort, an dem er sich gefangen und gegängelt fühlt. Die Heimleitung verbietet ihm, den Tag in seinem Zimmer zu verbringen. Die professionelle Liebenswürdigkeit der Pflegekräfte nervt ihn ebenso wie die Gespräche mit den anderen Bewohnern und Bewohnerinnen. In Maspalomas wussten alle, dass er schwul ist, nur weil er dort lebte. Im Altenheim hingegen kämen sie nie auf diese Idee, und Vicente fehlt der Mut, es ihnen zu sagen.
Die Urteile werden differenzierter
Die Kamera von Javier Agirre Erauso bewegt sich in den so unterschiedlichen Räumen gleichermaßen unaufgeregt und einfühlsam. Die überwältigenden Landschaften, die surrenden Menschenmassen am Strand, der freizügige Sex in den Dünen oder die drängende Enge im vibrierenden Darkroom fängt er ebenso angemessen ein wie die zehrende Stille und die sterile Klarheit im Pflegezentrum, ohne jedoch auf sanfte, sonnige Bilder und milde, zärtliche Tableaus zu verzichten. Es ist keinesfalls so, dass sich die Inszenierung des baskischen Regie-Duos Jose Mari Goenaga und Aitor Arregi bei „Maspalomas“ damit begnügen würde, die augenfälligen Kontraste der beiden widersprüchlichen Lebenswelten sinnbildlich zu untermauern. Vielmehr fasern die oberflächlichen Eindrücke mit der Zeit zunehmend aus, sodass die Urteile komplexer und differenzierter werden.
„Maspalomas“ erzählt nur scheinbar die Geschichte einer Vertreibung aus dem queeren Ferienparadies in die konservative Hölle des Altenheimalltags. Je länger der Film dauert, umso weniger lassen sich die Gegensätze aufrechterhalten.
Der harte Cut in Vicentes Leben erfolgt im Film nach etwa zwanzig Minuten, als er beim Gruppensex einen Schlaganfall erleidet. Dass gerade in dem Moment, in dem der Schauplatz wechselt, der Filmtitel eingeblendet wird, verdeutlicht, dass Maspalomas für Vicente immer noch einen Ort der unerfüllten Sehnsüchte repräsentiert. Mehr als 25 Jahre, nachdem er seine Familie für einen Mann verlassen hat, von dem er sich erst vor Kurzem wieder trennte, wird er nun gezwungen, sich nicht nur mit seiner Vergangenheit, sondern vor allem mit sich selbst auf eine Weise auseinanderzusetzen, der er auf den Kanaren zu entfliehen versuchte.
Jäh zerplatzter Traum ewiger Virilität
Der Traum von der ewig virilen Jugend ist jäh zerplatzt, und mit ihm die Oberfläche des hedonistischen Vergnügens. Vicentes Tochter Nerea (Nagore Aranburu), zu der er kaum Kontakt hielt, seit er die Familie und das Festland verließ, kümmert sich nun um ihren halbseitig gelähmten Vater. Noch immer weist er sie zurück und entzieht sich ihr. Für seinen Enkelsohn, den er nie kennengelernt hat, scheint er sich nicht zu interessieren.
Auch von seinem aufdringlichen Zimmernachbarn Xanti (Kandido Uranga), der sexistische, fremdenfeindliche Sprüche klopft, möchte Vicente anfangs nichts wissen. Aber dann entwickelt sich zwischen diesen beiden scheinbar so gegensätzlichen Männern eine tiefe Freundschaft. Xanti lässt Vicente einfach nicht in Ruhe mit seiner ungehobelten Herzlichkeit, die in Wirklichkeit keine Grenzen kennt. Auch seiner Tochter kommt Vicente zögerlich näher, während er sich hartnäckig zurück ins Leben kämpft. Dann aber tauchen im Fernsehen die ersten Meldungen von der Corona-Pandemie auf.
Wunden und Narben der Zeit
Während in Maspalomas Freiheit und Weite mit körperlicher Nähe, sexueller Intimität und Energie korrelierten, rücken in San Sebastián Vergänglichkeit, die Wunden und Narben der Zeit, Alter, Tod und mit ihnen die Charaktere und ihre komplizierten Beziehungen in den Blickpunkt. Statt Sound, Licht, Landschaft und Haut, statt der Rhythmen von Musik und Körpern dominieren im Heim die sozialen Zwischentöne. An die Stelle der Choreografie tritt das Schauspiel. Nagore Aranburu, aber vor allem Kandido Uranga und José Ramón Soroiz tragen den Film mit ihren glaubhaften Darstellungen jenseits von Gut und Böse. Der Film entwickelt sich aus dem Schatten der unverblümten, expliziten Sexszenen, die ihn eröffnen, zu einem überraschend fragilen Drama eines späten Coming-Out.
Es ist ein einfacher Satz, es sind nur drei Wörter, die Vicente schließlich ausspricht. Dass er dabei eine altmodische Wortwahl trifft, spielt keine Rolle, weil er sie nicht für andere ausspricht, sondern für sich selbst. Noch einmal zurück in Maspalomas, am von der Pandemie leergefegten Strand, badet er allein im Meer. Einsam wirkt er dabei nicht.