Von Beginn an ist „True Crime“. Die erste Texteinblendung berichtet von einem der „am wenigsten dokumentierten Kriminalfälle Südkaliforniens“, den ehemaligen Mitgliedern der Mordkommission werden die Mikrofone angesteckt. Wenig später verkünden sie, dass nie aufgeklärt worden sei, was genau hinter der Mordserie stecke, die vor wenigen Jahren Kalifornien heimsuchte.
„Strange Harvest“ dockt an das noch immer boomendes und bis zur Kriminalliteratur zurückreichende „Nach wahren Begebenheiten“-Genre an. Das in weit variierender Ausrichtung – von reiner Exploitation bis zur seriösen und minutiös aufbereiteten Recherche ist so ziemlich alles dabei – sich bewegende Genre dockt an die Fahrwasser des Krimis an. „The Thin Blue Line“ (1988) von Errol Morris, Podcasts wie „Serial“ und Serien wie „The Jinx“ (2015), „Making a Murderer“ (2015) oder „Tiger King“ (2020) faszinieren, weil die darin thematisierten Unfassbarkeiten, Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten eben nicht erfunden sind. Ein Mensch hat die unfassbaren Verbrechen begangen; eine Öffentlichkeit hat einen Bürger ausgeschlossen; eine Justiz hat einen Unschuldigen verurteilt. Vielleicht passiert all das ja noch immer, jetzt, in diesem Moment. Kurz gesagt, so die Unterstellung: Alles ist echt!
Echt ist nichts
„Strange Harvest“ von Stuart Ortiz möchte das auch behaupten und an den Kern des „True Crime“ andocken: die Frage, wie es so weit kommen konnte. Echt ist daran aber nichts. Joseph Kirby (Peter Zizzo) und Alexis Taylor (Terri Apple), denen in den ersten Szenen noch die Mikrofone angesteckt werden, sind keine ehemaligen Mitglieder der Mordkommission von San Bernardino. Der Film behauptet standhaft das Gegenteil und interviewt die Protagonist:innen, als gäbe es den Fall wirklich; er schneidet seine Ästhetik auf eine alternative Wirklichkeit aus Interview-Mitschnitten, Verhören und Überwachungskamera- und Bodycam-Aufnahmen zusammen. Was als „Crime“ ohne „True“ übrigbleibt, ist verwackelt, im Digital-Rauschen abgesoffen, stark von statischen Bildausschnitten begrenzt oder in der immer gleichen Interview-Pose zementiert.
Der Fall, den die pseudo-dokumentarischen Bilder rekonstruieren, dreht sich um einen „Mr. Shiny“ genannten Serienmörder, der in Kalifornien scheinbar wahllos Menschen entführt und bestialisch ermordet. Dabei geht es ihm um die Organe der Opfer. Für ein in Video- und Briefbotschaften angedeutetes Ritual sammelt der Maskierte den Uterus und die Geschlechtsteile einer Frau, die Augen eines alten Mannes, das Blut einer ganzen Familie, das Herz eines Angestellten und so weiter. Die dazugehörigen Bilder deuten die Brutalität der Verbrechen an, die Ermittler:innen schütteln in den Interviews betroffen die Köpfe.
Ein grausames Ritual bahnt sich an, ein kosmischer Schrecken, den der Film sukzessive mit Vokabeln aus dem Werk von H.P. Lovecraft unterfüttert: vom „Great Shambler“ ist die Rede, von „Azragor“ und anderen Wesen aus einer fremden Dimension, die der wahnsinnige Serienmörder angeblich beschwören möchte. Die dazugehörige Lovecraft-Astrologie, die der Film immer wieder anspielt, ist wenig mehr als eine Reihung von Stichworten, die etwas behauptet, was der ständige Wechsel aus Überwachungskamera-Sequenzen und Interviews nicht einlösen kann.
Cop 1 und Cop 2 erzählen von Opfer Nr. 5
Die Struktur der nachgereichten Ermittlungen ringt der Geschichte ihrerseits keine Spannung ab. „Strange Harvest“ sammelt Krimi- und Horror-Motive in schlecht gespielten Verhören und Interviews zusammen, ohne je auf die Idee zu kommen, Figuren zu entwerfen. Keine der Personen, die vor die Kamera treten, ist je etwas anderes als ein Stand-In ihrer eigenen Jobbeschreibung. Cop 1 und Cop 2 erzählen davon, wie Opfer Nr. 5 scheinbar entkommen konnte, bevor Killer Nr. 1 es doch ermordete. Die angebliche Wahrheit hat entsprechend wenig, woran sie sich festhalten könnte. Sie steht wie ein Pappaufsteller inmitten eines Lovecraft-Horror-Krimi-Verschnitts, der vergeblich sucht – nach der Beklemmung, einem Sittenbild, dem Grauen und natürlich der Wahrheit.