© Netflix

Im Affekt #4: Ganz schön großkatzig

Donnerstag, 02.04.2020

Im vierten Teil seines Siegfried-Kracauer-Blogs nähert sich Till Kadritzke verstört und fasziniert einem Unsittengemälde mit dem Titel "Tiger King" (läuft auf Netflix)

Diskussion

Ein Fetisch, drei Egos, drei Zoos – und schon lauern Mord und Totschlag. Till Kadritzke war diese Woche auf Netflix unterwegs und nähert sich im vierten Teil seines Siegfried-Kracauer-Blogs „Im Affekt” verstört und fasziniert einem Unsittengemälde namens „Tiger King“ und seiner affektiven Geschlechterpolitik.


Affektiver Exzess: Blutfehden, feindliche Übernahmen, verschwundene Ehemänner, Explosionen, Hubschraubereinsätze, Auftragsmörder, Amputationen, Crystal Meth, das FBI und jede Menge Raubtiere. Kein neuer „Mission: Impossible“-Film, sondern eine siebenteilige Doku-Serie über ein zunächst recht nüchtern klingendes Thema: Besitzer, Züchter und Retter von Großkatzen in den USA. Was ist denn hier los?

Naja, diese Besitzer, Züchter und Retter haben es derart in sich, dass das Thema bald kein Thema mehr ist, sondern nur noch Aufhänger. „Tiger King“ nähert sich seinem Sujet wie ein B-Movie der 1950er-Jahre über Jugendkriminalität: Die moralischen Fragen bilden eine lose Klammer, und dazwischen gibt’s Spektakel. So heißt es zu Anfang der Netflix-Produktion, dass sich mehr Tiger in US-amerikanischem Privatbesitz befinden, als draußen in der Wildnis frei herumlaufen. Und am Ende weist auf diesen Umstand nochmal eine Texttafel hin.

Redneck gegen Hippie gegen Guru

Ansonsten aber klagt „Tiger King“ nicht an, doziert nicht, wägt nicht einmal ab, sondern überlässt das Feld ganz seinen, nun ja, Figuren. Da ist der titelgebende Tiger King mit dem Künstlernamen Joe Exotic und einem tollen Vokuhila, da ist die Tierrechts-Aktivistin Carole Baskin mit Flower-Power-Vibe, und da ist der Quasi-Guru „Doc“ Antle, der auf einem Elefanten in die Serie reitet. Sie alle haben ihre privaten Zoos, sie alle verdienen gutes Geld mit ihnen, sie alle haben, wie es in Jean Renoirs „Spielregel“ heißt, ihre Gründe.

Joe Exotic und eine seiner Katzen Netflix
Joe Exotic und eine seiner Katzen (© Netflix)

Und ihre Gefühle: Carole Baskin und Joe Exotic hassen sich, denn Baskins erklärtes Ziel ist der Ruin der Privatzoos; ihre eigenen Tiere hält sie laut eigener Aussage nur, um den aus der Gefangenschaft Befreiten einen angenehmen Lebensabend zu ermöglichen. Joe Exotic hält das für Heuchelei. Er sitzt derzeit im Gefängnis, so weiß es schon der Vorspann der Serie, weil er im Verdacht steht, einen Auftragskiller auf Baskin angesetzt zu haben. Baskin wiederum gelingt es auch in mehreren Interviews nie ganz, den Verdacht ausräumen, ihren verschwundenen Ehemann vielleicht tatsächlich (Joe Exotic ist sich da ganz sicher) den Tigern zum Fraß vorgeworfen zu haben. Redneck gegen Hippie gegen Guru. Drei schillernd-schimmelnde Persönlichkeiten, teilweise mit einer von Missbrauch und Gewalt geprägten Vergangenheit, die sich eine eigene Welt aus purem Selbstbewusstsein gebaut haben: skrupellos, narzisstisch, ziemlich crazy.

Und sie alle teilen den gleichen Fetisch. Joe Exotic hat durch eine tierische Begegnung nach einem Suizidversuch den Sinn des Lebens gefunden, Carole Baskins kompletter begehbarer Kleiderschrank besteht ausschließlich aus Stücken mit Tigermustern, inklusive ihres Koffers. „Wer spielt denn nicht gerne mit großen Katzen?“, fragt Doc Antle einmal rhetorisch in die Kamera. Tatsächlich scheint diese ganze wildgewordene Serie, diese völlig wahnwitzige Parallelwelt, aus einer großen Faszination entstanden zu sein: sich an Raubkatzen zu messen, sie zu füttern, sie zu lieben, mit ihnen zu rangeln, aber eben auch sie zu besiegen, zu kaufen und zu verkaufen, sie zu misshandeln. Wenn es um Tiger geht, dann glänzt in den Augen von Joe, Carole und Doc der gleiche exotische Traum. Selbst zwischen Todfeinden finden sich hier allerlei affektive Affinitäten.

Der exotische Tigerfetisch

Der exotistische Tigerfetisch ist der Motor dieser Serie, und die Regisseure Eric Goode und Rebecca Chaiklin bauen ganz beiläufig Klassen- und Geschlechterverhältnisse in ihr Unsittengemälde einer sehr weißen Sub- bzw. Superkultur ein. So beuten alle drei Protagonisten ihre Mitarbeiter aus, aber auf je spezifische Weise: Joe Exotica etwa beschäftigt vorwiegend Ex-Knastis und andere gesellschaftliche Outsider, die hier ihre neue Bestimmung (oder eine Ablenkung vom Alkohol) gefunden haben; die Belegschaft seines Zoos ist white-trashiger, ärmer, aber auch queerer. In Carole Baskins „Big Cat Resort“ beuten sich hingegen Weltverbesserer der weißen Mittelschicht als Volunteers eher selbst aus, und Doc Antle wiederum lockt mit den Wildkatzen vorwiegend junge, manchmal minderjährige Frauen als Trainerinnen an, die mitunter für Jahrzehnte „freiwillig“ Teil seines Teams bzw. Harems bleiben.

Gender-Gap beim Grenzüberschreiten: Caroline Baskin
Gender-Gap beim Grenzüberschreiten: Caroline Baskin (© Netflix)

Gerade weil „Tiger King“ das Sektenhafte von Antles Community mitsamt seinem unverblümten Sexismus ebenso nüchtern integriert wie harmlosere Spektakel, schüttelt man mitunter nicht nur ungläubig den Kopf, sondern ist auch emotional verunsichert. Das ist der größte Trump(f) der Serie: Es ist schon bald egal oder uninteressant, wer die Wahrheit sagt oder wer im Recht ist, moralisch oder juristisch. In der Fehde der Katzenfreunde scheint es irgendwann nur noch um Affektpunkte zu gehen, um das unglaublichere Spektakel, den übertriebensten Stunt, den exzessivsten Hass.

Aber auch in diesem Reich sind Ressourcen ungleich verteilt. Das Porträt von Joe Exotic und Carole Baskin zeigt eben nicht zuletzt auch den Gender Gap im Genießen von Grenzüberschreitung. Wenn Joe Exotic in einem seiner bizarren Musikvideos Carole Baskin als Gummipuppe auftreten lässt, ist das Teil seiner Kultpersona; Multimillionärin Baskin dagegen, die früh sexuell misshandelt wurde, früh zum ersten Mal verheiratet war, ist hingegen weniger deutlich Meme-geeignet. So sehr „Tiger King“ die beiden Schicksale auch parallelschaltet und sich eines Kommentars enthält: Was beim einen „edgy“ und verstörend-faszinierend wirkt, scheint bei der anderen schnell pathologisch-hysterisch.

Im besten Sinne verstörend

Insofern liegt vielleicht gerade im mysteriösen Nebenplot rund um Caroles verschwundenen Ehemann eine schöne affektpolitische Verschiebung. Denn Carole schickt in einem der Interviews die These, dass sie etwas mit dem Verschwinden ihres Mannes zu tun habe, derart unsouverän ins Reich der Fantasien, dass man sie heimlich dafür feiert, ihren milliardenschweren Mann vielleicht mal eben per großer Katze ins Nirvana befördert zu haben, um an dessen Kohle heranzukommen. Ihr neuer, devoter Gatte hat es sich zur einzigen Lebensaufgabe gemacht, „diese Frau zu lieben.” Womit die feministische Aneignung des skrupellosen Sektengurus mit devotem Harem fast komplett wäre.

Der Dritte im Bunde: Doc Antle (Netflix)
Der Dritte im Bunde: Doc Antle (© Netflix)

Auf diese Weise verstört „Tiger King” nachhaltig, aber im besten Sinne. Auch weil es eben nicht um große Katzen, sondern um ihre Anziehungskraft geht. Vielleicht resultiert daraus das seltsame Gefühl, dass diese Feel-Bad-Serie irgendwie doch von einer tiefen Empathie durchzogen ist. Im Kern geht es um den Wunsch, nicht nur zu existieren, sondern vorzukommen in der Welt. Ein Wunsch, der manchmal ein bisschen Amok läuft.


Hier geht es zu allen Beiträgen des Blogs "Im Affekt" von Till Kadritzke sowie vielen anderen Texten, die im Rahmen früherer Siegfried-Kracauer-Stipendien entstanden sind.

Kommentar verfassen

Kommentieren