Zwischen den Zeilen

Ein Gespräch mit dem türkischen Filmemacher Semih Kaplanoglu über Sufismus, Vielfalt und die aktuelle Situation in der Türkei

Diskussion

Am neuen Film des türkischen Regisseurs Semih Kaplanoglu scheiden sich die Geister. Das spirituell aufgeladene Endzeitdrama „Grain – Weizen“will so gar nicht zu seinen naturpoetischen Werken „Süt – Milk“(2008) oder „Bal – Honig“(2009) passen. Doch die Hinwendung Kaplanoglus zur sufistischen Mystik zeichnete sich schon länger ab.


Semih Kaplanoglu wird eine problematische Nähe zur politischen Macht nachgesagt. Fakt ist, dass der ehemalige Journalist sich einem friedfertigen und humanistisch ausgerichteten Zweig der islamischen Mystik zugewandt hat. Dieser Weg lässt sich schon in frühen Filmen ablesen. Er verstärkte sich in den letzten Jahren und mag ihn auf wunderliche Wege geführt haben. Kaplanoglu hat sich nie direkt politisch geäußert, und er tut dies auch jetzt nicht. Man hört aber, dass er in Einzelfällen jüngere Filmemacher bei kritischen Projekten unterstützt. Im Interview begegnet ein sympathischer, vorsichtiger Mann. Einer, der seine Worte genau abwägt und bei konkreten Fragen zu Erzählweise und Filmtechnik gerne ins Allgemeine abbiegt. Dahinter mag schlaues Taktieren, Naivität, religiöse Überzeugung, Selbstschutz und innere Emigration stehen. Man muss also auch zwischen den Zeilen lesen. Auch wenn das Gespräch um grundlegende ethische Fragen kreist, die den 54-jährigen Filmemacher umtreiben, sind die im Hintergrund stehenden türkischen Realitäten nicht fortzudenken: eine von Kurden, kritischen Akademikern, Journalisten und Kulturschaffenden aller Couleur empfundene Ausgrenzung, ein Klima der gesellschaftlichen Spaltung, das auch im türkischen Kino tiefe Spuren hinterlässt.


Ihre erfolgreiche Trilogie – „Yumurta - Ei“ (2007), „Süt - Milk“ (2008), „Bal - Honig“ (2009) - erzählt in poetisch-lyrischen Bildern die Lebensgeschichte des in der Provinz aufwachsenden Schriftstellers Yusuf. Obwohl sie in der paradiesisch dargestellten Natur der Schwarzmeerregion angesiedelt ist, sind darin Spuren von Industrialisierung, Naturzerstörung und einer allgemeinen Zeitenwende ablesbar. Mit „Bal - Honig“ haben Sie den „Goldenen Bären“ der Berlinale 2010 gewonnen. Wie sind Sie an den neuen Stoff mit seinen futuristisch-apokalyptischen und auch religiösen Zügen geraten?

Semih Kaplanoglu: Nach dem Erfolg von „Bal - Honig“

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