Eine Kathedrale bauen

Donnerstag, 13.09.2018

Ein Gespräch mit Alice Rohrwacher über "Glücklich wie Lazzaro" und ihre Art des Filmemachens

Diskussion

Filmemachen sei wie der Bau einer Kathedrale, sagt die italienische Regisseurin Alice Rohrwacher, darin würden Menschen noch miteinander arbeiten und Architektur, Bild, Musik und die Menschlichkeit zusammenbringen. Ihr wunderbarer Film „Glücklich wie Lazzaro“ startet jetzt in den Kinos.


Die Gemeinschaft, in der der Protagonist anfangs lebt, heißt „Inviolata“, „unangetastet“. Es ist eine intakte Welt, eine Idylle, in der aber Armut und Ausbeutung herrschen. Gibt es ein Vorbild für diese Welt voller Widersprüche?

Alice Rohrwacher: Ja, es gibt historische Beispiele für solche Gemeinschaften. Gutsbesitzer, die von ihren Privilegien profitieren, um die arme Bevölkerung in der Unwissenheit zu halten. Das gibt es in der Geschichte tausendfach, überall auf der Welt. Meinem Film liegt aber eine wahre Geschichte zugrunde. 1994 gab es in Umbrien einen Skandal, der in den Zeitungen als lustige kleine Geschichte bekannt wurde. Die Marchesa hatte ihren Landarbeitern nicht gesagt, dass die Mezzadria vorbei ist! Die Mezzadria war eine Naturalpacht, die in die Feudalzeit zurückreicht und in Italien noch bis in die 1980er Jahre angedauerte. Erst 1982 wurde sie abgeschafft. Das System hatte Hunderte von Jahren Bestand. Eine Adelige aber teilte ihren Bauern einfach nicht mit, dass es vorbei war! Mich interessierte allerdings nicht so sehr die Anekdote, sondern mehr die Situation, die sich ja auch heute noch zuträgt, aber in einer weit größeren Dimension. Millionen von Menschen werden von einer kleinen Oligarchie absichtlich unwissend gehalten.


Der zweite Teil des Films spielt in der heutigen Zeit, in einer urbanen Zeltsiedlung am Rande der Gesellschaft. Im ersten Teil sieht man hingegen eine Welt, die in ihrer eigenen Vergangenheit versunken ist. Trotz der Armut ist hier eine Idylle spürbar, vielleicht auch Nostalgie. Daraus entsteht eine unglaubliche Spannung zwischen der Faszination für die Gemeinschaft und der Revolte gegen die Unterdrückung.

Rohrwacher: Ja, die Vergangenheit ist zweideutig, es gab auch Dinge, die gut sind. Normalerweise spricht man von der Vergangenheit als „grande inganno“, als große Täuschung und Schurkenzeit. So lässt es sich in der Mise-en-scène des Leben

Filmdienst Plus

Ich habe noch kein Benutzerkonto
Kommentar verfassen

Kommentieren