Frederick Wiseman: Dramatik des Alltäglichen

Diskussion

Als Frederick Wiseman im September 2018 seinen jüngsten Film „Monrovia, Indiana“ beim Filmfestival in Venedig vorstellte, ehrte das Publikum den amerikanischen Dokumentarfilm-Altmeister mit minutenlangen Ovationen: Wiseman, der in seiner langen Karriere verschiedenste Institutionen porträtiert hat, ist mittlerweile selbst eine Art Institution des dokumentarischen Kinos. Aktuell läuft sein Film „Ex Libris“ in den deutschen Kinos.


Der herausragende, dem Zuschauer gleichwohl viel Geduld abverlangende Dokumentarfilm „Gesetzgeber“ („State Legislature“) war 2007 ein „Berlinale“-Höhepunkt im Programm des „Interationalen Forums des jungen Films“; zwei Jahre später sollte er in den deutschen Kinos anlaufen. Rückblickend kann man froh sein, dass er hierzulande – wie ein Dutzend weiterer Filme von Frederick Wiseman – vom Berliner Arsenal verliehen wurde: Angesichts der schon länger diagnostizierten Politikverdrossenheit und der damaligen Massenproteste wegen „Stuttgart 21“, bei denen sich nach Finanzkrise und Staatspleiten der Wunsch nach direkter Partizipation an politischen Entscheidungsprozessen artikulierte, lieferte „Gesetzgeber“ höchst interessante Einblicke und Einsichten in Sachen direkte Demokratie.

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In Anspielung auf Montesquieu könnte „Gesetzgeber“ im Untertitel „Vom Geiste der Gesetze“ heißen: Drei Monate parallel mit mehreren Kameras gedreht, bei 168 Stunden Rohmaterial 14 Monate lang achronologisch zusammengeschnitten, um mittels konsequent ausdifferenzierter Spannungsdramaturgie eine erzählerische Form zu erreichen. Ein dokumentarisches Mammutwerk von 217 Minuten Länge, das einem Krimi über die Wirkungsmechanismen und Determinanten von Recht und Gesetz nahekommt: Frederick Wiseman, dem Altmeister des Direct Cinema, ist es gelungen, durch die unbeteiligte Beobachtung und eine minutiöse Montage den Geist der Demokratie so einzufangen, dass der Film trotz seiner wahrlich spröden Materie und ausufernder Länge einen unerklärlichen Sog entfaltet.

Debatten, Beratungen, Ausschusssitzungen, Abstimmungen – Demokratie erweist sich hier als ein unaufhörlicher Prozess der Entscheidungsfindung, an dem viele Akteure beteiligt sind. Dabei werden nicht nur komplexe Zusammenhänge erkennbar, sondern auch divergierende bis konträre Standpunkte, Perspektiven und Sachzwänge, die sie allesamt bedingen und antreiben.

Das gesellschaftliche Leben in seiner Eigendynamik einfangen

Institutionen, deren struktureller Prozesshaftigkeit Wiseman seit den 1960er-Jahren seine wegweisenden Dokumentationen widmet, bilden bis hin zu seinem Film „Ex Libris“ (2017) thematisch eine Konstante in seinem mittlerweile knapp 40 Filme umfassenden Werk. Dazu kommen genuin ästhetische Merkmale: eine agile 16mm-Kamera und Original-Ton, die eine in Bild und Ton unverstellte Wirklichkeit evozieren; der Verzicht auf jeglichen Kommentar und Interviews in der Absicht, soziale Vorgänge zu beobachten, ohne in ihren Ablauf kontrollierend einzugreifen. Vor allem aber die unparteiische Beobachtungshaltung und die unvoreingenommene Neugierde des Filmemachers, dessen Anspruch, das gesellschaftliche Leben in seiner Eigendynamik einzufangen, der Dokumentarfilmpraxis des Direct Cinema verpflichtet bleibt, die Ereignisse im Prozess ihrer Entfaltung mit Kamera und Mikrofon festzuhalten.

"Ex Libris"
"Ex Libris"

„Direct Cinema“ und „Cinéma Vérité“

Idealtypisch zielte dieser Ansatz auf eine möglichst unmittelbare, unaufdringliche und vorurteilsfreie Darstellung des „realen Lebens“. Um nichts weniger als Wahrheit und Lüge im Prozess dokumentarischer Erfassung von Wirklichkeit ging es dabei den Protagonisten von „Cinéma Vérité: Defining the Moment“ (Kanada 1999), so der Titel eines Kompilationsfilms, in dem Peter Wintonick sich vor den großen alten Männern verbeugt, die vor einem halben Jahrhundert eine wahre cineastische Revolution in Gang brachten: Robert Drew, Karel Reisz, Don A. Pennebaker, Richard Leacock, Jean Rouch – und eben Frederick Wiseman. Ihre Namen sind untrennbar mit verschiedenen Spielarten einer dokumentarischen Philosophie verbunden.

Dank der Entwicklung der kleinen, leichten Schulterkameras mit synchroner Tonaufnahme schlug Ende der 1950er-Jahre die Stunde des Cinéma Vérité, eines Doku-Verfahrens, das unter den Begriffen Free Cinema, Direct Cinema und Candid Eye beinahe zeitgleich in Frankreich, Großbritannien, den USA und Kanada aufkam, außer der neuen Technik einen dokumentarischen Authentizitätsanspruch auf seine Fahnen schrieb und verwackelte Bilder hervorbrachte, die von MTV-Musikvideos über „Dogma 95“-Filme bis hin zum „The Blair Witch Project“ längst durch mediale Massenkultur absorbiert wurden. Was mittlerweile aber die Authentizität nur vortäuschen soll, war damals explizit gedacht und vom sozialen Engagement begleitet: Im entscheidenden Moment den authentischen Ausdruck der Realität einzufangen, hieß, die Wirklichkeit mühsam im Hier und Jetzt zu erfassen, um so der Wahrheit näher zu rücken.

Dass der Augenblick der Wahrheit dennoch nicht ohne manipulative Eingriffe auskommt, bringt in Wintonicks Film Frederick Wiseman auf den Punkt: „Natürlich haben wir die Wirklichkeit verzerrt, alles andere ist Unfug“ – verweisend auf die Tatsache, dass auch in einem Cinéma-Vérité-Film die durch Schnitt und Montage selektierten und aneinandergereihten Einstellungen mitnichten der zeitlichen Abfolge ihrer Aufnahme entsprechen. Die Kamera als Protokollant registriert auch in Wisemans „Gesetzgeber“ den Ernst und die Hingabe der Volksvertreter bei der notwendigen Gesetzgebung, ohne ihre beobachtende Anwesenheit zu verschleiern. Denn Wisemans induktive Montagetechnik feiert die Vielfalt der Werte, der ideologischen Positionen und der gesellschaftlichen Belange, die ein Parlament bedenken und berücksichtigen muss; offenbart die Prosaik der Fragen, die Durchschnittlichkeit der Menschen, die sich deren Lösung annehmen, und die Dramatik eines Prozesses, in dem diverse, zum Teil konträre Meinungen integriert werden müssen, um langwierige Entscheidungen auszuhandeln, die unser Alltagsleben später immens beeinflussen.

Der Werdegang einer Dokumentarfilm-Ikone

Geboren am 1. Januar 1930 in Boston, geht Frederick Wiseman schon stark auf die 90 zu. Nach Jurastudien in Yale und Harvard war er in Paris als Anwalt tätig, wo er seine ersten 8mm-Experimentalfilme drehte, bevor er an die Boston University ging, um dort von 1958 bis 1961 Recht zu lehren. Als Filmemacher trat er zuerst als Produzent von „The Cool World“ in Erscheinung, einer 1963 entstandenen realistischen Semidokumentation über die trostlose Situation afroamerikanischer Jugendlicher in den Slums von Harlem unter der Regie von Shirley Clarke.

"Titicut Follies"
"Titicut Follies"

Mit seinem eigenen Regiedebüt „Titicut Follies, einer Dokumentation über den Alltag im Staatsgefängnis für psychisch kranke Straftäter in Bridgewater bei Boston, legte er 1967 in mehrfacher Hinsicht das Fundament für sein dokumentarisches Gesamtwerk. Denn nach der Premiere beim New York Film Festival löste der 16mm-Schwarz-Weiß-Film eine heftige Kontroverse aus; seine öffentlichen Vorführungen wurden innerhalb der USA vom Bundesstaat Massachusetts per Gerichtsbeschluss untersagt, während er im Ausland große Erfolge (u.a. bekam er einen Hauptpreis beim Filmfestival in Mannheim-Heidelberg) verbuchen konnte. Lange Einstellungen, distanzierte Beobachtung und Verzicht auf den Kommentar verleihen dem Film zwar den Anschein von Objektivität. Seine verstörenden Bilder der Verwahrlosung, Peinigung, Autoaggression und Zwangsernährung, die sich zu einer Galerie des Schreckens fügen und ohne erklärenden Kontext auskommen, eröffnen aber dem Betrachter eine Vielzahl politischer Interpretationen: von der Forderung nach einer Reform der Psychiatrie bis zu einer Parabel auf den unwirschen Umgang des Staates mit seinen Bürgern.

Vor dem Hintergrund der gesellschaftspolitischen Enttabuisierungs- und Anti-Vietnamkriegsdebatten um 1968 läutete „Titicut Follies“ innerhalb der Direct-Cinema-Bewegung eine neue Strömung ein, die auf die Herstellung einer Gegenöffentlichkeit zielte, um Einsichten in Bereiche des gesellschaftlichen Lebens zu ermöglichen, zu denen der Zugang verschlossen ist, und/oder Menschen Gesicht und Stimme zu verleihen, für die die Medien kein Interesse aufbringen.

Institutionen-Porträts: Vom Militär bis zur Kirche, vom Schlachthof bis zum Sozialamt

Es folgten weitere Dokumentarfilme, die das Innenleben staatlicher Einrichtungen beleuchteten: Eine öffentliche Schule in Philadelphia bildete 1968 den Schauplatz von „High School“ (1994 folgt „High School 2“) und lieferte Wiseman die Vorlage, um Themen wie Konformitätszwänge, ethnische Konflikte oder Vietnam-Krieg zu behandeln, ohne jedoch explizit Stellung zu beziehen. In „Law and Order“ (1969) war es die Polizei, in „Hospital“ (1970) ein Krankenhaus in New York City, in „Juvenile Court“ (1973) ein Jugendgerichtshof, in „Primate“ („Herrentiere“, 1974) ein wissenschaftliches Forschungszentrum, in „Welfare“ (1975) ein Sozialamt und das Militär in „Basic Training“ („Grundausbildung“, 1971), „Manoeuvre“ (1980) und „Missile“ (1987), die einer Vivisektion anhand ihrer Strukturen, Abläufe, Hierarchien und impliziter Funktionsmerkmale unterzogen wurden. Hinzu kamen kirchliche Institutionen wie ein Kloster in „Essene“ (1972), Einrichtungen von öffentlicher Relevanz wie ein Schlachthof in „Meat“ (1976) oder ein Kaufhaus in „The Store“ (1983).

Seit den 1970er-Jahren entstanden die Filme in Zusammenarbeit mit dem Fernsehen; Wiseman zeichnete in einer Person für Regie, Produktion und meistens den Schnitt verantwortlich. Seine Produktionsfirma Zapporah Films sorgt exklusiv für ihren DVD-Weltvertrieb. Die Nicht-Einmischung in das Geschehen, Handkamera und direkter Ton verweisen als stilistisch verbindende Komponenten in diesen Arbeiten aufs Direct Cinema. Eine auf vordergründige Erklärungen verzichtende Montage, die in der Bewertung der dargestellten Ereignisse ambivalent bis skeptisch bleibt, sowie Wisemans verfeinerte Methoden nüchterner Beobachtung, in ihrem Duktus ebenso geduldig wie präzise bis zu „Close up“-Aufnahmen von menschlichen Gesichtern, sollen aber den Zuschauer in das jeweilige Milieu eintauchen lassen, was bei aller Zurückhaltung der Regie erst die außerordentliche Länge als Signum vieler seiner Filme nachvollziehbar macht.

"Near Death"
"Near Death"

Die genaue Beobachtung lässt Raum für eigene Urteile

Auf der Intensivstation in „Near Death“ (1989) benötigt der ausdauernde Chronist alltäglicher Ereignisse 358 Minuten, also knapp sechs Stunden, um den Zuschauer behutsam an den Prozess des Sterbens und seine sozialen Implikationen heranzuführen; in „Central Park“ (1989), einer Dokumentation über New Yorks „grüne Lunge“, reicht ihm eine geradezu bescheidene Länge von 176 Minuten aus, um den Park durch die Beobachtung der möglichen Aktivitäten seiner Besucher und Handlungen, die seinem Erhalt dienen, als einen Sozialraum zu porträtieren.

Die mosaikartige Montage Wisemans verdeutlicht, wie unterschiedlich interpretierbar die Vorgänge in seinen Filmen sind – die lakonische Präzision der Bilder macht sie immun gegen Parteinahme, die genaue Beobachtung lässt dem Zuschauer Raum, sich sein eigenes Urteil zu bilden. Ein hochkomplexes und ausdifferenziertes Verfahren des Dokumentarischen, das Wiseman als einen der bedeutendsten Dokumentaristen der Filmgeschichte ausweist.


Auch Frederick Wisemans jüngster Film, „Monrovia, Indiana“, ist ein umfassendes Porträt gesellschaftlicher Strukturen: Der Film porträtiert eine Kleinstadt im ländlichen Bundesstaat Indiana in unterschiedlichsten Facetten – von Sitzungen des Stadtrats über Gottesdienste bis hin zur für die Gemeinde essentiellen Arbeit der landwirtschaftlichen Betriebe; er besucht die High School, kleinere Geschäfte, Vereine und die lokale Kneipe. Vordergründig ein völlig unpolitisches Sujet, das nichtsdestotrotz höchst aktuell ist: Mit Monrovia, das in einem Wahlkreis liegt, wo über drei Viertel der Wähler bei der letzten Präsidentschaftswahl für Donald Trump stimmten, taucht Wiseman in der für ihn typischen geduldigen, offenen, neugierigen Beobachtungshaltung in eine jener „abgehängten“ Gegenden ein, die allzu lange aus dem Fokus des großstädtisch-liberalen Amerika verschwunden waren. Der Film feierte seine Premiere beim Filmfestival in Venedig, war kürzlich beim Filmfest Hamburg zu sehen. Ein deutscher Kinostart ist noch nicht bekannt. fkl




Das Porträt „Frederick Wiseman: Dramatik des Alltäglichen“ von Margarete Wach erschien erstmals in der FILMDIENST-Ausgabe fd 26/2010.


Heimkino-Tipp:

In Deutschland sind nur wenige Filme von Frederick Wiseman auf DVD/BD verfügbar. Als Import aus Frankreich ist jedoch eine umfassende Wiseman-Edition ("Frederick Wiseman Intégrale") in drei DVD-Boxen  (1967-1979, 1980-1994, 1995-2016) verfügbar, die seine Filme in Englisch mit optional französischen Untertiteln umfasst. Anbieter: Blaq Out




Fotos: © Kool Film (Porträt Frederick Wiseman; Szenenbild "Ex Libris"); Zipporah Films ("Titicut Follies"; "Near Death")


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