Frederick Wiseman: Dramatik des Alltäglichen

Mittwoch, 24.10.2018

Diskussion

Als Frederick Wiseman im September 2018 seinen jüngsten Film „Monrovia, Indiana“ beim Filmfestival in Venedig vorstellte, ehrte das Publikum den amerikanischen Dokumentarfilm-Altmeister mit minutenlangen Ovationen: Wiseman, der in seiner langen Karriere verschiedenste Institutionen porträtiert hat, ist mittlerweile selbst eine Art Institution des dokumentarischen Kinos. Aktuell läuft sein Film „Ex Libris“ in den deutschen Kinos.


Der herausragende, dem Zuschauer gleichwohl viel Geduld abverlangende Dokumentarfilm „Gesetzgeber“ („State Legislature“) war 2007 ein „Berlinale“-Höhepunkt im Programm des „Interationalen Forums des jungen Films“; zwei Jahre später sollte er in den deutschen Kinos anlaufen. Rückblickend kann man froh sein, dass er hierzulande – wie ein Dutzend weiterer Filme von Frederick Wiseman – vom Berliner Arsenal verliehen wurde: Angesichts der schon länger diagnostizierten Politikverdrossenheit und der damaligen Massenproteste wegen „Stuttgart 21“, bei denen sich nach Finanzkrise und Staatspleiten der Wunsch nach direkter Partizipation an politischen Entscheidungsprozessen artikulierte, lieferte „Gesetzgeber“ höchst interessante Einblicke und Einsichten in Sachen direkte Demokratie.

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In Anspielung auf Montesquieu könnte „Gesetzgeber“ im Untertitel „Vom Geiste der Gesetze“ heißen: Drei Monate parallel mit mehreren Kameras gedreht, bei 168 Stunden Rohmaterial 14 Monate lang achronologisch zusammengeschnitten, um mittels konsequent ausdifferenzierter Spannungsdramaturgie eine erzählerische Form zu erreichen. Ein dokumentarisches Mammutwerk von 217 Minuten Länge, das einem Krimi über die Wirkungsmechanismen und Determinanten von Recht und Gesetz nahekommt: Frederick Wiseman, dem Altmeister des Direct Cinema, ist es gelungen, durch die unbeteiligte Beobachtung und eine minutiöse Montage den Geist der Demokratie so einzufangen, dass der Film trotz seiner wahrlich spröden Materie und ausufernder Länge einen unerklärlichen Sog entfaltet.

Debatten, Beratungen, Ausschusssitzungen, Abstimmungen – Demokratie erweist sich hier als ein unaufhörlicher Prozess der Entscheidungsfindung, an dem viele Akteure beteiligt sind. Dabei werden nicht nur komplexe Zusammenhänge erkennbar, sondern auch divergierende bis konträre Standpunkte, Perspektiven und Sachzwänge, die sie allesamt bedingen und antreiben.

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