Die Nordischen Filmtage 2018

Zur 60. Ausgabe des Lübecker Festivals

Diskussion

Der Jubiläumsausgabe des Festivals (30.10.-4.11.), das neue Filme aus Nord- und Nordost-Europa präsentiert, glänzte unter anderem mit der Öko-Satire „Gegen den Strom“ von Benedikt Erlingsson. Eine Bilanz des aktuellen Jahrgangs und der wichtigsten Filme.


Das gab es in 60. Ausgaben der Nordischen Filmtage noch nie: Gleich vier Auszeichnungen und damit die Hälfte der ausgelobten Preisgelder gingen an einen einzigen Film, die Öko-Satire „Gegen den Strom“ von Benedikt Erlingsson. Beim ihm waren sich alle einig: die Jurorinnen des Hauptpreises und die des baltischen Filmpreises, die kirchliche Jury – und auch das Publikum, das per Wahlzettel abstimmte. Am 13.12. kommt der Film deutschlandweit in die Kinos.

Mit lakonischem Humor erzählt Erlingsson die Geschichte der Öko-Terroristin Halla, die im Alltag einen Chor leitet, nach Feierabend aber das örtliche Aluminiumwerk sabotiert – mit Pfeil und Bogen, aber so effektiv, dass sie bald die globalisierte Industrie mitsamt der isländischen Regierung im Nacken hat. Erst als die Adoptionsstelle Halla als Mutter eines ukrainischen Waisenkindes ausersehen hat, zweifelt die 49-Jährige: Soll sie weiter ihr Leben für die Sache riskieren? Oder statt der ganzen Welt vielleicht doch nur einen einzigen Menschen retten – und dabei das private Glück finden?

"Gegen den Strom"
"Gegen den Strom"

Der Eigensinn und das Eigenartige liegen nahe beieinander

Dass Lübeck die von Halldóra Geirharðsdóttir gespielte Hauptfigur mit nie dagewesener Heftigkeit umarmte, beweist: Der weibliche Robin Hood des Umweltschutzes ist gerade für dieses Festival die ideale Heldin. Motiviert ist ihr Kampf durch die bedingungslose Liebe zu einer rauen und zugleich überwältigend schönen Natur – Kameramann Bergsteinn Björgúlfsson liefert prächtige Totalen der isländischen Landschaft. In ihrer Unbeugsamkeit steht Halla für die Beharrungskraft der globalen Peripherie, die sich auf dem Festival des nördlichen und baltischen Kinos präsentiert.

Der Eigensinn und das Eigenartige liegen dabei nahe beieinander, was in „Gegen den Strom“ nicht nur für die Figur gilt, sondern für den ganzen Film und seine skurrilen Running Gags: Ein unbeteiligter Tourist stolpert immer wieder in Polizeiaktionen, die eigentlich Halla gelten. Der Soundtrack stammt von Musikern, die als dicker Illusionsbruch mitten in der Szene stehen, samt Tuba und Folklore-Tracht. Das intelligente Feelgood-Kino kommt an; fünf Jahre, nachdem Erlingssons Debütfilm Von Menschen und Pferden (2013) die Filmtage eröffnet hatte, reichte diesmal schon die Erwähnung seines Namens, damit das Publikum laut applaudierte.

Eines der vielen Jubiläen, die die 60. Filmtage prägten, verdankt sich den baltischen Staaten. Vor 100 Jahren wurden Estland, Litauen und Lettland vom Russischen Reich unabhängig; schon der Eröffnungsfilm führte in die 1950er-Jahre, in denen Estlands Eigenständigkeit wieder verloren war. „Die kleine Genossin“, die Moonika Siimets darin zur Titelheldin macht, ist eine Vorschülerin, deren Mutter im Zuge der stalinistischen „Säuberungen“ deportiert wird. Das Mädchen, glänzend gespielt von der inzwischen neunjährigen Helena Maria Reisner, gibt sich die Schuld daran und passt sich bedenkenlos den Besatzern an. Die kindliche Perspektive ist gut gewählt; schließlich steigert die Verwirrung des Mädchens nur das allgemeine Durcheinander in einer Bevölkerung, die nach dem Hitler-Stalin-Pakt und der sowjetischen Annexion in pro-deutsche und pro-russische Fraktionen gespalten war. Der erste baltische Eröffnungsfilm der „Nordischen Filmtage“ wurde am Ende auch als bestes Debüt ausgezeichnet.

"Die kleine Genossin"
"Die kleine Genossin"

Kriege und Konflikte als gemeinsame Erfahrung

Tatsächlich steht „Die kleine Genossin“ besonders gut für den Charakter der Filmtage ein, die in ihrer regionalen Ausrichtung immer wieder die Geschichte der Ostsee-Anrainer reflektieren und dabei auch Kriege und Konflikte als gemeinsame Erfahrung schildern. Historische Stoffe waren im aktuellen Programm denn auch allgegenwärtig. Kasper Kalles Debütfilm „Christian IV.“ führt ins 17. Jahrhundert und fantasiert eine letzte Begegnung des dänischen Königs mit seiner verstoßenen Frau Kirsten; obwohl die unglückliche Liebesgeschichte mit Jugend- und Altersdarstellern auf zwei Zeitebenen erzählt wird, verlassen die Protagonisten nie den beengten Innenraum einer Kutsche. Ein starkes Bild: Eingesperrt in das eigene Bewusstsein, erlebt der Held hier die Allgegenwart der zentralen Erfahrungen seines Lebens.

Michael Noers „Vor dem Frost“ wiederum macht die Missernten im Dänemark des 18. Jahrhunderts zum Setting eines existenziellen Schulddramas. Um sich und die Seinen vor dem Hunger zu retten, versinkt Jesper Christensen als Bauer im schwarzen Morast nasser Felder und unmoralischer Verzweiflungstaten.

"Vor dem Frost"
"Vor dem Frost"

In den rauen Winden des Nordens wächst die Solidarität. Vom Zusammenhalt über alle Unterschiede hinweg erzählen viele Filme, etwa Isold Uggadóttirs „Atme ganz normal“. Hier stürzt eine Grenzerin samt Kind in die Obdachlosigkeit; Unterstützung bekommt sie ausgerechnet von jener Afrikanerin, die sie zuvor selbst ins Flüchtlingsheim gefördert hatte. In emotionalem Sozialrealismus wirbelt Uggadóttir die Abhängigkeitsverhältnisse zwischen dem globalen Norden und Süden durcheinander. Auch Simo Halinens „Wendepunkt“ verstrickt Flüchtlinge und Einheimische in ein gemeinsames Schicksal; die These, wonach das Leben jedes Menschen mit dem aller anderen verwoben ist, kann das Drehbuch allerdings nur mit arg forcierten Zufällen untermauern. Zum Grundton des Festivals passt der Beitrag trotzdem: Während die Populisten allerorten den Isolationismus predigen, ist das Lübecker Filmprogramm – nicht nur in den historischen Stoffen – von einem leidenschaftlichen Wir-Gefühl getragen.

Gerade das dürfte ein wesentlicher Erfolgsfaktor der Nordischen Filmtage sein: 1956 als Filmclub gegründet, waren sie zunächst so klein, dass sie in den Anfangsjahren zweimal ganz ausfielen; im letzten Jahr wurden dann 33.000 Besuche gezählt – ein Rekord, der schon wegen des zusätzlichen Spieltags im Jubiläumsjahr mit rund 36.000 Besuchen noch übertroffen wurde.

Ingmar Bergman, Mode & #MeToo

Schon im allerersten Festivaljahr zeigten die Nordischen Filmtage Ingmar Bergman, und natürlich blieb der 100. Geburtstag des schwedischen Regisseurs nicht unberücksichtigt. Vier Filme über ihn und zwei von ihm liefen als „Special“, darunter die restaurierte Fassung von „Die Berührung“ (1971). Eine Rarität: Bergman selbst hielt den Film für missglückt und ließ ihn nach der ursprünglichen Auswertung nicht mehr zeigen. Eine kleine Fotoschau stellte den Regisseur als erklärten Modemuffel vor, um in einer verblüffenden Volte seinen Einfluss auf die Mode herauszuarbeiten. Zu Bergmans Stilikonen zählt demnach auch der Tod aus Das siebente Siegel, den Lübeck als lebensgroße Fotowand aufstellte. Dank des ausgesparten Gesichts konnte man für einen Schnappschuss selbst ins elegante Schwarz der finsteren Figur schlüpfen.

Noch frecher waren allenfalls Ditte Hansen und Louise Mieritz. Für die Satire „Ditte & Louise“ (Regie: Niclas Bedinxen) passte das dänische Comedy-Duo die Grundidee von „Tootsie“ an die realen Geschlechterverhältnisse im Filmgeschäft an, in dem Rollenangebote gerade für ältere Frauen bekanntermaßen rar sind. Ditte mutiert deshalb zu Ditlev und wird prompt für einen Wikingerfilm engagiert. Das Resultat ist eine Komödie, mit der auch die Nordischen Filmtage den Anschluss an die #MeToo-Debatte vollziehen.

"Ditte & Louise"
"Ditte & Louise"


Fotos: © Nordische Filmtage (Foto oben: aus "Gegen den Strom")

Kommentar verfassen

Kommentieren