Barbara Miller über ihren Film „#Female Pleasure“

Ein Interview mit der Schweizer Dokumentaristin über Macht, Herrschaft und die männliche Angst vor dem Leben

Diskussion

Sexismus und Machtmissbrauch, wie sie in der #MeToo-Debatte diskutiert wurden, wurzeln in der Idee, dass Frauen weniger wert sind als Männer, dass ihr Körper sündhaft und die weibliche Sexualität des Teufels sei. Das hat viel mit Religion zu tun, wie der Dokumentarfilm „#Female Pleasure“ eindringlich vor Augen führt. Ein Gespräch mit der Schweizer Filmemacherin Barbara Miller über Macht, Herrschaft und die männliche Angst vor dem Leben.


Die Publikumsreaktionen auf „#Female Pleasure“ bei der Welturaufführung in Locarno waren überwältigend. Haben Sie damit gerechnet?

Barbara Miller: Als Filmemacherin ist man vor einer Welturaufführung immer sehr angespannt und unsicher. Ich hatte natürlich gehofft, dass der Film positiv aufgenommen wird. Es war dann sehr überwältigend, und ich habe mich auch für die im Film porträtierten Frauen gefreut. Vor allem Doris Wagner hatte große Angst davor, wie man auf ihren Lebensentwurf reagieren würde und dass sie viel Kritik einstecken müsste. Das war dann aber gar nicht der Fall. Sehr befreiend finde ich, dass der Film Männer und Frauen gleichermaßen anspricht und das Gefühl vermittelt, dass man etwas verändern kann.


„#Female Pleasure“ dreht sich um die genderbedingte Unterdrückung der Frau. Sie haben fünf Jahre an diesem Film gearbeitet und damit ein heute topaktuelles Thema aufgegriffen. Wie kamen Sie dazu?

Miller: Ich habe schon früher Filme realisiert, die um die Welt führten – etwa „Forbidden Voices“ (2012) über drei Menschenrechtlerinnen, die unter anderem mit Social Media gegen diktatorische Regimes in Kuba, China oder dem Iran kämpfen. Ich habe mich immer mal wieder gefragt, wie es diesen Frauen in ihrem Intimleben, in ihrer Sexualität und im Zusammenleben mit ihren Partnern geht. Zwei Themen standen dabei im Vordergrund. Ich wollte herausfinden, wie es auf der Welt heute aussieht, wie Frauen heute ihren Körper betrachten, was sie über ihre Partner und ihre Sexualität denken. Zum anderen wollte ich die Wurzeln der Idee aufdecken, dass Frauen weniger wert seien als Männer, dass ihre Körper sündhaft und die weibliche Sexualität des Teufels ist.


Im Zentrum des Films stehen fünf Protagonistinnen aus unterschiedlichen Kulturen. Sie alle engagieren sich für die Befreiung der Frau. Wie haben Sie dieses Ensemble gefunden?

Miller: Ich wollte unbedingt fünf Frauen aus den fünf unterschiedlichen Weltkulturen haben, und ich wollte nicht auf eine bestimmte Religion verweisen, sondern auf ein weltumspannendes Phänomen. Zudem habe ich gezielt nach Frauen gesucht, die den Mut haben, über tabuisierte Themen wie den weiblichen Körper und Sexualität zu sprechen. Es war mir auch wichtig, dass sie sich des Risikos bewusst sind, das sie damit eingehen. Ich habe deshalb nicht total unbekannte Frauen angesprochen, sondern solche, die einen solchen Schritt vielleicht nicht in einem Film, aber anderswo schon gemacht hatten und bereit waren, sich in der Öffentlichkeit zu positionieren und zu sagen, dass sie sich auflehnen und über Themen sprechen, über die man in der jeweiligen Kultur und Gesellschaft für gewöhnlich nicht spricht.

Die Dokumentaristin Barbara Miller (l.) und vier ihrer Protagonistinnen
Die Dokumentaristin Barbara Miller (l.) und vier ihrer Protagonistinnen

Wie sind Sie konkret vorgegangen? Sie haben die fünf Protagonistinnen ja kaum alle auf einem Kongress oder einer gemeinsamen Veranstaltung kennengelernt.

Miller: Ich habe zunächst Kontakt per E-Mail gesucht, dann mit ihnen telefoniert und sie danach relativ schnell persönlich getroffen. Bei allen fünf war sofort klar, dass wir vom selben Thema sprechen; tatsächlich ist es ja so, dass sich die Frauen auf der ganzen Welt, unabhängig von Kultur und religiösem Glauben, in ähnlichen Situationen befinden und mit ähnlichen Strukturen zu kämpfen haben.


Sie meinen, dass die Unterdrückung der Frauen in allen Kulturen und Religionen ein über Tausende von Jahren gewachsenes Phänomen ist und fokussieren dabei auf die Religion. Weshalb?

Miller: Die Weltreligionen haben über eine lange Zeit die Leitlinien festgelegt, nach denen Gesellschaften funktionieren. Bevor es anderweitig formulierte Rechte gab, haben sie auch die Rechtsprechung bestimmt. Und das übrigens nicht im Sinne des jeweiligen Glaubens, sondern als moralische Instanz. Erstaunlich war für mich die Entdeckung, dass diese moralischen Instanzen auf der ganzen Welt ein ähnliches Frauenbild hervorgebracht haben. Überall gilt die Frau als Sünderin. Ihr Körper bringt das Unheil in die Welt. Das zieht sich durch alle Religionen, auch durchs Christentum. Eva, die den Menschen die Erkenntnis brachte und die deshalb eigentlich als Heldin gelten müsste, wird als sündhafte Verführerin dargestellt, welche das Unheil in die Welt brachte. Daneben haben wir eine aufopferungsfreudige, geradezu willenlose Figur wie Maria, die ohne Sex ein Kind zur Welt bringt und, wie Doris Wagner im Film sagt, „ihr Herz von sieben Schwertern durchbohren“ lässt. Wir sind uns oft nicht bewusst, mit welchen Frauenbildern wir auf der ganzen Welt zu kämpfen haben und wie sehr uns diese Vorstellungen noch heute prägen. Unsere Großeltern wussten wahrscheinlich noch genau, woher diese Ideen stammen, unsere Eltern hatten vielleicht noch eine Ahnung davon. Wir aber sind ihnen weiterhin ausgesetzt, wissen aber meist kaum noch, woher sie stammen.


Gibt es denn nicht noch andere, kulturelle, soziale oder auch körperliche Momente, welche die Geschlechterverhältnisse jenseits solcher religiöser Moralvorstellungen mitbestimmen? Es ist doch eine Tatsache, dass ein Vater seinem Kind nicht die Brust geben kann – auch wenn das mit der Gleichberechtigung eigentlich nichts zu tun hat.

Miller: Ich bin nicht sicher, ob ich Sie richtig verstehe. Aber ja: die Unterdrückung der weiblichen Sexualität hat in meiner Wahrnehmung auch viel mit der Macht zu tun, die Frauen dadurch besitzen, dass sie Kinder auf die Welt bringen. Die Männer versuchen dieses Wesen, das Leben in die Welt bringt, aus einer gewissen Hilflosigkeit und Angst heraus und vielleicht auch bedingt durch den Umstand, dass sie kein Leben gebären können, unter ihre Kontrolle zu bringen. Genitalverstümmelungen, mit denen man den Frauen die sexuelle Lust raubt, verweisen eindeutig darauf. Der Mann vergällt der Frau die Lust auf den Sex, damit klar ist, dass das Kind, das sie gebiert, sein eigenes ist.

Filmszene aus "#Female Pleasure" mit Vithika Yadav
Filmszene aus "#Female Pleasure" mit Vithika Yadav


Das setzt voraus, dass die Männer sich untereinander als Konkurrenten wahrnehmen und miteinander nicht solidarisch sind. Was kulturgeschichtlich weitgehend wohl stimmt: Männer ziehen in den Krieg, Frauen kümmern sich darum, dass es zu Hause weitergeht. Aber das hat ja nicht unbedingt mit Religion zu tun.

Miller: Vielleicht sollten wir zur Klärung festhalten, dass es dabei um „Religionen“ als Institutionen und nicht um „Glauben“ geht. Heute übernehmen verschiedene Instanzen genau diese Funktionen, die in früheren Zeiten von den Religionen ausgeübt wurden.


Oder eben nicht. Man muss in dieser Diskussion vielleicht zwischen genderbedingter Unterdrückung und negativer sexueller Erfahrung unterscheiden. Die Protagonistinnen im Film haben alle negative sexuellen Erfahrungen gemacht; das ist mit ein Grund für sie, sich zu engagieren. Inwiefern aber kann man von der Erfahrung einzelner Personen auf eine ganze Gemeinschaft schließen?

Miller: Rückschlüsse auf die Gesellschaft sind nur aus den Reaktionen dieser Gesellschaft möglich – alles andere könnte tatsächlich ein Einzelfall sein. Im Beispiel von Doris Wagner aber sind solche Rückschlüsse statthaft; man gab ihr ja immer zu verstehen, dass sie als Frau durch ihren Körper selber schuld am Missbrauch sei oder daran, dass ein Mann auf eine solche Idee kommt. Eine Frau sollte doch schlicht die Möglichkeit haben zu sagen: Das ist mir zu viel, ich will das nicht, und sie sollte in jedem Fall über ihren Köper selbst bestimmen dürfen. Wenn die Gesellschaft das Fehlverhalten eines Mannes nicht toleriert, sind wir schon einen großen Schritt weiter. Oft aber schiebt man der Frau einfach die Schuld zu.


Sie reden mit Ihren Protagonistinnen über deren Glauben, über ihre Sexualität, zum Teil auch über ihre familiären Situationen. Das sind sehr intime Themen. Wie haben Sie ihr Vertrauen gewonnen?

Miller: In vielen Filmen geht jemand irgendwohin und versucht anschließend zu erzählen, was er oder sie erlebt hat. Ich habe aber einen anderen Weg beschritten: Die Protagonistinnen erzählen aus ihrer Sicht ihre Geschichte; ich bin ihnen dabei mit viel Liebe und Respekt begegnet. Mir ist es wichtig, dass sie mir hundertprozentig vertrauen. Deshalb nehme ich mir für jede Protagonistin alle Zeit, die es braucht, um so ein Verhältnis aufzubauen.


Wenn man „#Female Pleasure“ einzugliedern versucht, könnte man von einer „vertiefenden Reportage“ sprechen, die einem gesellschaftlichen Phänomen nachforscht. Wie haben Sie gearbeitet?

Miller: Mit vielen langen Interviews, gleich zu Beginn unseres Kontakts und dann noch einmal zum Schluss. Dazwischen habe ich die Protagonistinnen immer wieder begleitet; ich habe versucht, mit jeder von ihnen eine Lebensreise zu machen. Für mich ist das allerdings keine Reportage, sondern eher eine Betrachtung aus dem Inneren des Lebens heraus. Im zweiten Interview haben wir jeweils vertieft, was im ersten nur angesprochen wurde oder nicht ganz klar wurde. Der Schnitt des Films war dann ein sehr langer Prozess und hat über ein Jahr gedauert. Ich hatte so viel Material, dass ich über jede der fünf Frauen einen eigenen Film hätte machen können. Doch ich wollte bewusst ein Phänomen beschreiben.

Leyla Hussein aus Somalia wurde als Kind in ihrem muslimischen Dorf genital verstümmelt
Leyla Hussein aus Somalia wurde als Kind in ihrem muslimischen Dorf genital verstümmelt


Fünf Jahre lang haben Sie an dem Film gearbeitet, der heute brandaktueller denn je ist. Was möchten Sie damit bewirken?

Miller: Mir ist wichtig, dass Veränderungen stattfinden. #MeToo hat sicher dazu beigetragen, dass man über sexuelle Übergriffe reden kann, ohne dass sich die Betroffenen deswegen schuldig fühlen müssen. Ich wünschte mir, dass meine Protagonistinnen Vorbilder sein können, und dass der Film Frauen hilft, selbstbewusster aufzutreten und sich für ihre Wünsche und Bedürfnisse einzusetzen. Darüber hinaus wäre es gut, wenn Männer und Frauen diesen Weg gemeinsam gehen könnten – die Männer sind immer noch die schweigende Mehrheit, wenn es um diese Themen geht. Es wäre schön, wenn Männer sagen könnten: Mir ist wichtig, dass meine Frau Freude an ihrer Sexualität hat.


Fotos: X-Verleih

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