Filmklassiker: „Das Leben - Ein Sechserpack“

25 Jahre nach seiner US-Premiere als BD/DVD neu erschienen: Fred Schepisis Theaterverfilmung mit dem jungen Will Smith und einer umwerfenden Stockard Channing

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Von dem grobschlächtigen deutschen Titel, unter dem Fred Schepisis Theater-Adaption 1996 in Deutschland erschien – nur im Fernsehen und drei Jahre nach der US-Premiere – darf man sich nicht abschrecken lassen: Im Original heißt der Film wie John Guares zugrunde liegendes Theaterstück, nämlich „Six Degrees of Separation“, womit jene sechs Ecken gemeint sind, über die angeblich jeder Mensch auf dem Erdball jeden anderen kennen soll.

Wenn man nur wüsste, wer diese sechs Leute sind, wäre es also theoretisch für jeden von uns möglich, sich der Queen oder George Clooney vorstellen zu lassen. Das klingt nach erstaunlich wenig; trotzdem werden die wenigsten von uns je einen dieser „Oberen Zehntausend“ kennenlernen. Und darum geht es in „Six Degrees of Separation“: um die sozialen Abstände zwischen den Menschen, die unsichtbaren „gläsernen Decken“, die uns trennen.

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Will Smith, der 1993 25 Jahre alt und vor allem als Seriendarsteller („Der Prinz von Bel-Air“) bekannt war, gab darin eine beeindruckende Talentprobe ab. Er spielt einen jungen Mann, der sich darauf spezialisiert hat, diese gläsernen Decken zu durchbrechen: Wie ein schwarzer Felix Krull schleicht sich Paul unter Vorspiegelung falscher Tatsachen – er sei ein Uni-Kommilitone ihres Sohnes – im luxuriösen 5th-Avenue-Appartment des Ehepaars Flan (Donald Sutherland) und Ouisa (Stockard Channing) ein, gibt sich als Sohn von Sidney Portier aus und erweist sich als ebenso charmanter wie gebildeter Besucher, der für sie und ihren Freund Geoffrey (Ian McKellen) aus dem Inhalt des Kühlschranks eine Dinner-Party zaubert, bei der sich alle bestens amüsieren.

In geselliger Runde: Ouisa (Stockard Channing), Flan (Donald Sutherland) und Geoffrey (Ian McKellen)
In geselliger Runde: Ouisa (Stockard Channing), Flan (Donald Sutherland) und Geoffrey (Ian McKellen)

Das Erwachen am nächsten Morgen ist dann allerdings ziemlich ernüchternd, als Flan und Ouisa seltsame Geräusche aus dem Gästezimmer hören, den scheinbar so kultivierten jungen Gast im Bett mit einem Callboy erwischen, der ihnen einen Höllenschreck einjagt, und beide ebenso erbost wie verstört hinauswerfen. Ein seltsames Ereignis: Zwar sind weder das Kandinsky-Gemälde noch das viktorianische Jaguarkopf-Tintenfass, der Degas und auch keine anderen Kunstwerke oder Wertgegenstände geklaut worden; nichtsdestotrotz hat dieses Eindringen von Paul, der ganz wie jemand aus ihrem großbürgerlichen Milieu wirkt, sich dann aber als Hochstapler entpuppt, eine tiefe Verunsicherung hinterlassen. Und so stellen sie Nachforschungen an – und finden bald Leidensgenossen, die von Paul auf ähnliche Weise getäuscht worden sind. Doch welche Schlüsse nun daraus ziehen?

Als Zuschauer ahnt man lange vor den Figuren, was Flan und vor allem Ouisa so verunsichert: nicht, dass Paul sich als so fremd und „unstandesgemäß“ entpuppt, sondern dass seine Hochstapelei ihnen letztlich einen Spiegel vorhält. In „Six Degrees of Separation“ geht es um sozialen Status als Performance – darum, dass das, was die „Oberen Zehntausend“ vom Rest der Welt trennt, neben dem Geld nur ein Haufen erlernbarer Verhaltenscodes sind (und je besser man letztere draufhat, umso eher kann man auch an ersteres kommen). Die Tricks, mit denen Flan als Kunsthändler sein Geld macht, sind letztlich auch nichts anderes als das, was Paul tut, um sich ein kleines Stück vom süßen Leben zu erschleichen.

Entlarvend ist in dieser Hinsicht auch die Erzählstruktur des Films (für die, wie für das Theaterstück, John Guare verantwortlich zeichnet): Was das Ehepaar mit Paul erlebt hat, erfährt man nicht direkt, sondern vermittelt durch Rückblenden, in denen Flan und Ouisa bei diversen gesellschaftlichen Ereignissen unter ihresgleichen das kuriose Erlebnis mit Gusto erzählen und sich damit zum Mittelpunkt jeder Party machen – geborene Performer, die sie sind, wandeln sie das Erlebte in eine Vorführung um, mit der sie ihren gesellschaftlichen (Unterhaltungs-)Wert steigern. Weswegen es einem nur recht und billig erscheint, dass Paul, als man ihn zum Schluss doch wieder aufspürt, darum bittet, Flan und Ouisa mögen ihn doch als Ziehsohn aufnehmen.

Die beunruhigenden Ereignisse werden zur Party-Anekdote
Die beunruhigenden Ereignisse werden zur Party-Anekdote

Regisseur Fred Schepisi, der in den 1980er-Jahren und frühen 1990er-Jahren mit Filmen wie „Roxanne“, „Schrei in der Dunkelheit“ und „Das Russland-Haus“ solide Arbeit in verschiedenen Genres abgeliefert hatte, hielt sich bei seiner Verfilmung des Bühnenerfolgs von 1990 ziemlich eng an die Vorlage. „Six Degrees of Separation“ ist auch als Film vor allem ein Dialog-Stück, das durch den pointierten Witz der von Guare geschriebenen Selbstdarstellungen und Selbst-Entlarvungen von Paul, Ouisa und ihren Standesgenossen lebt. Stockard Channing hatte die Rolle der Ouisa bereits auf der Bühne verkörpert, sie war eine der Parade-Rollen der 1944 geborenen Darstellerin, die im Kino zwar nie ganz den Star-Ruhm einer Meryl Streep erlangte (mit der sie zum Beispiel in „Sodbrennen“ zusammen spielte), es aufgrund ihres vielschichten Spiels aber vollauf verdient, mit Kolleginnen wie ihr und Glenn Close in einem Atemzug genannt zu werden. „Das Leben ist ein Sechserpack“, für den sie für einen „Oscar“ nominiert wurde, zeigt das bestens: ihr Auftritt, bei dem sich hinter der Maske der gewandten Society-Lady allmählich Verletzlichkeiten und Sehnsüchte ihrer Figur Bahn brechen, ist das Herzstück des Films, der nun zum 25. Geburtstag neu auf Blu-ray erschienen ist und die Neuentdeckung auf jeden Fall wert ist.

Fotos: Vocomo

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