Zum Tode von Michel Legrand

Montag, 28.01.2019

Ein Nachruf auf den französischen Filmkomponisten (24.2.1932-26.1.2019)

Diskussion

In der Filmmusik des französischen Komponisten Michel Legrand trat die Musik aus dem Hintergrund hervor und wurde selbst zum Star. Zusammen mit dem Regisseur Jacques Demy schuf Legrand eine einzigartige Form des Filmmusicals. Seine Bandbreite bewies er aber auch als Komponist für Filmemacher wie Orson Welles, Barbra Streisand oder Clint Eastwood. Ein Nachruf.


Das Geheimnis guter Filmmusik liegt, so ist oft zu hören, zwischen zwei Extremen. Auf der einen Seite lässt sich markante, unüberhörbare Musik verorten, die den Film ganz an sich reißt und am besten in Vor- und Abspännen und dialoglosen Passagen funktioniert; auf der anderen Seite steht so dezent wie möglich Begleitmusik, die um den Preis der Beliebigkeit nur sparsam eingesetzt wird und sich nie störend auf den Ablauf der Handlung auswirkt.

Diesen Extremen und dem Ideal einer Mischung aus beiden setzte der französische Komponist Michel Legrand eine andere Vorstellung entgegen. Sein Ideal war der gänzlich aus Musik bestehende, quasi in Musik aufgelöste Film: eine endlose Melodie (nicht im Sinne Wagners, sondern vielmehr den Prinzipien des Jazz folgend), in der auch der Dialog aufgeht, so wie der Komponist es zusammen mit dem Regisseur Jacques Demy in „Die Regenschirme von Cherbourg“ (1964) zumindest einmal in Perfektion verwirklichte.

"Die Regenschirme von Cherbourg"
"Die Regenschirme von Cherbourg"

Wie in jedem guten Musical sind Musik, Gesang und Tanz hier integraler Teil der Handlung, doch anders als bei den meisten Genre-Vertretern zieht sich der melodische Part niemals in den Hintergrund zurück. Indem alle Dialoge gesungen werden, verwandelt sich der triviale Alltag ebenso in musikalische Kunst wie der melodramatische Handlungsteil um die Liebe eines Mechanikers und einer Verkäuferin, die durch den Algerienkrieg eine fatale Zäsur erfährt.


Eine neue Form des Musikfilms

Der damals 32-Jährige Legrand avancierte mit dieser neuen Form des Musik- und Musicalfilms zum Star seiner Branche und fand fortan auch außerhalb Frankreichs verstärkt Beachtung. In seiner Heimat war er zu diesem Zeitpunkt bereits ein vielgesuchter Komponist, der Kriminalfilme wie „Nacht über Paris“ (1957) und Komödien wie „Der Herr mit den Millionen (1961) mit seinen einprägsamen Klängen aus Sinfonik, Jazz und Chanson veredelte, aber auch die Werke seiner Altersgenossen von der „Nouvelle Vague“ und der „Rive Gauche“-Gruppe. Für Jean-Luc Godard lieferte er unter anderem den Soundtrack zu dessen Annäherung an US-amerikanische Musical-Topoi in „Eine Frau ist eine Frau“ (1960); für die Hauptfigur der Sängerin in Agnès Vardas „Mittwoch zwischen 5 und 7“(1961) schrieb er punktgenaue Chansons und spielte selbst ihren beflissenen Klavierbegleiter, für Chris Marker komponierte er die Musik zur Paris-Studie „Der schöne Mai“ (1962).

"Eine Frau ist eine Frau"
"Eine Frau ist eine Frau"

Die künstlerisch profitabelste Kollaboration fand Legrand jedoch mit Jacques Demy. Nachdem beide bei „Lola, das Mädchen aus dem Hafen“ (1960) und „Die blonde Sünderin“ (1962) die Musik noch im traditionellen Sinne zur Stimmungsmalerei und für Lieder genutzt hatten, legte das erfolgreiche Experiment der „Regenschirme“ den Grundstein für weitere gemeinsame Filme. In „Die Mädchen von Rochefort“ (1967) wagten sich die beiden an eine schwungvoll stilisierte Hommage auf das US-Filmmusical, in „Eselshaut“ (1970) und „Lady Oscar“ (1978) an elegante Neuansätze von Märchen und historischem Abenteuerfilm; zuletzt arbeiteten sie bei der Yves-Montand-Hommage „Trois places pour le 26“ (1988) zusammen.


Erfolg auch in Hollywood

Während Michel Legrand in Frankreich weiterhin für andere Filmemacher tätig war und sich als Interpret seiner eigenen Musik auf Konzertbühnen profilierte, fand er auch rege Beschäftigung im Ausland, insbesondere in Hollywood. Die oft sympathisch verspielte Aura seiner Kompositionen führte schon seine erste große Arbeit, die Krimi-Liebeskomödie „Thomas Crown ist nicht zu fassen“ (1967) von Norman Jewison, zum Erfolg.

"Thomas Crown ist nicht zu fassen"
"Thomas Crown ist nicht zu fassen"

Die hohe Melodiösität und vermeintliche Leichtigkeit von Legrand machten ihn zum idealen Komponisten für Filme mit hintersinniger Komik wie etwa Richard Lesters „Die drei Musketiere“ (1973) oder Orson Welles’ „F wie Fälschung“ (1975), aber auch für die Melancholie von Louis Malles „Atlantic City, USA (1979) oder Barbra Streisands „Yentl“ (1983).

Ein weiterer Aspekt seiner Musik, das auf sanften Klavierklängen aufbauende Gefühl von Wehmut und Nostalgie, trat in einer seiner bekanntesten Arbeiten, der stimmungsvollen Jugenderinnerung „Sommer’42“ (1971), zutage und machte ihn auch für Regisseure wie Joseph Losey (unter anderem in „Der Mittler“, 1971), Clint Eastwood (in der stillen Romanze „Begegnung am Vormittag“, 1973) oder Andrzej Wajda („Eine Liebe in Deutschland“, 1983) zum idealen Komponisten.


Mehr als 200 Filmmusiken

Insgesamt komponierte Michel Legrand die Musik für mehr als 200 Filme. Er erhielt neben zahlreichen anderen Auszeichnungen drei „Oscars“ und fünf „Grammys“ und erwarb sich einen Status, wie ihn nur wenige Filmkomponisten neben ihm erreichten.

"The Other Side of The Wind"
"The Other Side of the Wind"

Ein letztes Mal brachte er seine Klasse mit der Musik zu Orson Welles’ „The Other Side of the Wind“ (1970-76) in Erinnerung, der nach jahrzehntelangen Rechtsstreitereien 2018 beim Festival in Venedig seine verspätete Weltpremiere erlebte. Am 26. Januar 2019 verstarb Michel Legrand 86-jährig in Paris.


Fotos: arte, StudioCanal, Universal, Netflix

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