Von Filmpiraten & Streamingportalen

Donnerstag, 28.02.2019

Mit dem Aufstieg von Netflix & Co. geht der Niedergang cinephiler Online-Tauschbörsen einher

Diskussion

Das World Wide Web war eine utopische Videothek, mit der die Filmgeschichte umfassend zugänglich wurde. Seit der Jahrtausendwende florierten cinephile Online-Tauschbörsen jenseits der Verwertungsketten der Unterhaltungsindustrie. Doch mit dem Aufstieg von Netflix & Co. und einem grundsätzlichen Wandel des Internets geht deren Niedergang einher. Noch ist nicht ausgemacht, ob sich in diesem Umfeld weiterhin Freiräume für cinephile Selbstorganisationen behaupten.


Eine Historikerin, die sich in hundert oder zweihundert Jahren der Aufgabe annehmen wird, die Filmkultur der 2000er- und 2010er-Jahre zu rekonstruieren, dürfte sich mit einer schier unüberwindlichen Schwierigkeit konfrontiert sehen. Denn ein zentrales Element dieser Kultur wird so gut wie keine Spuren hinterlassen haben, oder zumindest keine, die noch lesbar wären. Gemeint sind cinephile Online-Tauschbörsen, die auf dem BitTorrent-Protokoll basieren, sogenannte private Tracker, die nur Mitgliedern zugänglich sind (und die den Zugang zur Mitgliedschaft mal mehr, mal weniger streng regulieren).

Auf den ersten Blick liegt es nahe, die entsprechenden Websites unter dem Begriff der Onlinepiraterie zu subsummieren. Schließlich geht es um die Vervielfältigung und dezentrale Distribution oftmals urheberrechtlich geschützten Materials, unter Umgehung von Kopierschutzmaßnahmen und Ähnlichem. Videopiraterie als solche ist ein gut dokumentierter Bestandteil der gegenwärtigen Filmkultur; dafür haben die Antipiraterie-Kampagnen der Unterhaltungsindustrie gesorgt. Allerdings konzentrierte sich die Diskussion zumeist auf einige wenige große Portale, wie die einstmals populärste Videotauschbörse The Pirate Bay (oder, vorher, die Musiktauschbörse Napster), beziehungsweise in deren Nachfolge auf illegale Streamingdienste wie kinox.to.



Weitgehend im Verborgenen geblieben ist hingegen die Welt der sogenannten privaten Tracker: vergleichsweise überschaubare Communities, die sich zum Tausch nicht aller, sondern jeweils spezifischer Arten von Filmen gebildet haben. Alle paar Jahre erscheint in der ein oder anderen Fachzeitschrift ein Artikel über die Welt der privaten Tracker, mal in Form raunender Erfahrungsberichte, mal als Versuch einer etwas nüchterner gehaltenen Bestandsaufnahme. Die betreffenden Websites werden dabei zumeist (und dabei wird es auch in diesem Fall bleiben) nicht per URL identifiziert. Allerdings nicht etwa, weil niemand die Namen kennen würde. Im Gegenteil: Eben weil fast alle irgendwie in sie verwickelt sind, muss die Sache anonym bleiben. Denn auch wer nicht selbst Mitglied ist, kennt jemanden, der es ist und der oder die im Zweifelsfall schnell Film X oder Serie Y besorgen könnte.


Piraten im Schrebergarten

Die Piraterie-Metapher passt bei Licht betrachtet nicht so recht auf die privaten Tracker. Und zwar, weil man sich hier nicht auf den freien Weltmeeren herumtreibt, sondern eher auf recht überschaubaren Privatstränden abhängt. Die meisten privaten Tracker haben sich spezialisiert. Das betrifft zum einen den Content: Die Vogelseite widmet sich der Filmkunst, die Höhlenseite der B-Movie-Madness, die Aussichtsseite dem populären asiatischen Kino. Zum anderen betrifft es auch die Rhetoriken und Umgangsformen, die auf den Seiten kultiviert werden: Betreiber und Nutzer der Vogelseite gelten, manchmal nicht komplett zu Unrec

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