Agnès Varda (30.5.1928-29.3.2019)

Freitag, 29.03.2019

Ein Nachruf auf die französische Filmemacherin

Diskussion

Vielleicht war das das Geheimnis der großen französischen Filmemacherin Agnès Varda: Sie kam direkt zur Sache, sie machte sich unbefangen, neugierig, undogmatisch an die Arbeit – nah am Leben. Sie dachte nicht cineastisch wie Godard, Chabrol, Rivette, Truffaut; sie, die Fotografin von Jean Vilars Théâtre National Populaire, hat nicht wie die Protagonisten der Nouvelle Vague auf den harten Holzsitzen der Cinémathèque Française Filmgeschichte inhaliert; Begriffe wie Montage und Kameraeinstellung waren ihr fremd, als sie 1954, vier Jahre vor den ersten Arbeiten der Nouvelle-Vague-Regisseure, sogleich mit einem Spielfilm begonnen hat. Für „La pointe courte“ kehrte sie nach Sète an der Mittelmeerküste zurück, wo sie aufgewachsen ist, und erzählte dort die Geschichte eines Paares, das in literarischen Dialogen auf langen Spaziergängen das Ende seiner Liebe reflektierte. Gleichzeitig zeigte sie die Geschichte eines Ortes und seiner Bewohner, die um ihre Fischplätze kämpfen. Diese Bewegung zwischen dem Dokumentarischen und dem Fiktiven, zwischen dem Erfundenen und dem Vorgefundenen, ist dann zum Markenzeichen ihrer Filme geworden.

Liebevolle Selbstironie gehörte zu den Markenzeichen von Agnès Varda.
Liebevolle Selbstironie gehörte zu den Markenzeichen von Agnès Varda.

Den Bildern nicht trauen. Wo lügen sie? Wo sagen sie die Wahrheit? Auf diese Suche hatte sich Agnès Varda seit ihrem künstlerischen Durchbruch mit „Mittwoch zwischen 5 und 7“ (1961) begeben, der zwei Stunden im Leben einer Frau protokollierte, die auf das Ergebnis einer Untersuchung wartet und Angst vor dem Tod hat. Die Kinozeit ist auch die Realzeit der Geschichte. 1964 irritierte ihr raffiniertester Film „Le Bonheur (Glück aus dem Blickwinkel des Mannes)“ das Publikum (und die Kritik): ein Film über das Unglück des Glücks, über den Egoismus des Glücklichseins, über das Klischee und die Austauschbarkeit von Glück.

Dokumentarfilme als Gegenteil von cinéma vérité

Docu-menteur: Dokumentieren und Lügen, diesen Begriff erfand Agnès Varda für den Titel eines Films, den sie 1980 in Venice, Los Angeles, drehte. Sie zeigte eine Frau, die den Halt verloren hat. Ihr Schmerz und ihre Verwirrung drücken sich in dem aus, was sie sieht, durch die Anderen also. Der Blick der Kamera ist dokumentarisch, der Schnitt, die Montage stellen die Fiktion her. „Wahrlügen“ nennt das Agnès Varda, sich auf Louis Aragon beziehend, das Gegenteil von cinéma vérité.

Natürlich beschäftigte sie Mitte der 1970er-Jahre auch die Frauenfrage. Im Mittelpunkt des Spielfilms „Die eine singt, die andere nicht“ (1976) stehen zwei Frauen, die ihre weibliche Identität suchen. In politischen Kreisen wird der Film kontrovers aufgenommen. Und was macht Agnès Varda? Sie schiebt noch einen mittellangen Video-Film hinterher, eine ausgelassene Frauenmaskerade, clowneske Sketches, freche Chansons, eine unernste Angelegenheit als eine Art lange Nase in Richtung der politisch korrekten Haltung.

Vardas Frauen hatten viele Gesichter: Sandrine Bonnaire, die Vagabundin in „Vogelfrei“ (1985), eine rätselhafte Frau, die alle Regeln aufgegeben hat; Jane Birkin in „Jane B. par Agnès V.“ (1987), die von ihrer Kindheit, von ihrer Karriere, von ihren Träumen erzählt, scheinbar ein Dokumentarfilm, doch was ist gespielt, was echt?

Der größte Flop: Eine Komödie mit Monsieur Cinéma

Einmal wollte Agnès Varda den ganz großen Boxoffice-Hit landen. Das war in dem Jahr, als das Kino 100 Jahre alt wurde. Einige Persönlichkeiten des französischen Films (unter ihnen Michel Piccoli) wünschten sich von ihr den Film zum großen Jubiläum. Sie stellten sich einen Montagefilm vor, mit vielen Ausschnitten und Kommentaren. Aber nein, sagte Agnès Varda, wenn man das Kino feiern will, muss man einen Spielfilm machen, mit Personen, Dialogen, Emotionen und Augenzwinkern. Der Jubilar ist ein alter Mann voller Lebenslust, etwas verwirrt und vergesslich, fröhlich und unglücklich, ein Anekdotenerzähler und Fantast. Michel Piccoli war sofort bereit, diesen Monsieur Cinéma zu spielen, und für Episodenrollen konnte Agnès Varda alles abernten, was auf dem Feld der Stars zu pflücken war: Marcello Mastroianni, Robert De Niro und Harrison Ford, Gina Lollobrigida und Jean-Paul Belmondo, Jeanne Moreau, Alain Delon, Catherine Deneuve, Clint Eastwood...

Doch dem Publikum und der Kritik hat „101 Nacht – Die Träume des M. Cinéma“ (1994) nicht gefallen. „Es ist, als ob die Presse und das Publikum mir nicht das Recht zugestehen, eine Komödie zu machen.“ Agnès Varda wollte zum Geburtstag des Kinos einen Kuchen backen. Doch der brannte an. Es war eine Katastrophe für Varda, persönlich und finanziell. „Ich weiß nicht, ob ich in das kommerzielle Filmgeschäft passe“, zweifelte sie, „aber keiner zwingt mich dazu.“

Agnès Varda mit ihrer Hauptdarstellerin aus "Vogelfrei", Sandrine Bonnaire.
Agnès Varda mit ihrer Hauptdarstellerin aus "Vogelfrei", Sandrine Bonnaire.

So machte sie sich in dieser schwierigen Phase ihres Lebens auf den Weg zu Menschen, die nicht abernten, sondern auflesen. Mit einer kleinen Sony-Kamera zog sie los, um Bilder zu sammeln von Menschen, die sich bücken und die Reste auflesen, die die Konsumgesellschaft zurückgelassen hat. Sie fand sie auf abgeernteten Feldern, am Meer, in Weinbergen, auf Wochenmärkten, an Mülltonnen der Supermärkte, auf Müllkippen und auf Schrottplätzen. Agnès Varda, die Bildersammlerin, spricht von Sammler zu Sammler. Dieser Film, „Die Sammler und die Sammlerin“ (2000), ist auch ein Nachdenken über die Frau und Filmemacherin Agnès Varda, eine Reflexion über das Altern und die Frage nach der Lebensqualität. Sie wurde belohnt dafür. Kritik und Publikum waren begeistert.

Von der alten Cinéastin zur jungen Künstlerin

Abgesehen von ihrem Erinnerungsfilm „Die Strände von Agnès“ (2008) und ihrer Gemeinschaftsarbeit mit dem Fotokünstler JR, „Augenblicke: Gesichter einer Reise“ (2017), hat Agnès Varda nach 2000 aufgehört, Kino zu machen, „denn dieser ganze Prozess, um einen Film zu machen, ihn ins Kino zu bringen, mit der Presse zu sprechen, das ödet mich an.“ Im hohen Alter begann sie etwas Neues: Installationen für Museen. Lächelnd konstatierte sie, „eine alte Cinéastin ist eine junge Künstlerin geworden“. Sie reiste immer noch durch die Welt, wurde 2014 auf dem Filmfestival Locarno mit einem „Ehren-Leoparden“ geehrt und stellte noch im Februar 2019 auf der „Berlinale“ das Resümee ihrer Karriere „Varda par Agnès“ („Agnès Varda – Publikumsgespräche“) vor. Viele Jahre hatte sie mit großer Sorgfalt ihre eigenen Filme sowie die ihres Mannes Jacques Demy (1931-1990) restauriert und außergewöhnliche DVD-Editionen mit aufregenden Extras produziert.

Agnès Varda wohnte 60 Jahre lang in der Rue Daguerre, benannt nach dem Fotografen Louis Daguerre (1787–1851), dem Erfinder des ersten fotografischen Verfahrens, der Daguerreotypie, im Pariser Montparnasse-Viertel, und blickte mit ironischer Untertreibung auf ihr Leben zurück: „Ich habe das einfachste Leben gelebt, ohne Dramen, vor allem Arbeit, ein paar Reisen, mein kleines Kino, die Abenteuer des Geistes, die Abenteuer einer kleinen Frau, rundlich und geschwätzig.“

P.S. Natürlich muss die Rue Daguerre im 14. Arrondissement weiterhin die Rue Daguerre bleiben, auch wenn Rue Varda gut zu ihr passen würde.



Der Artikel erschien unter dem Titel „Die Bildersammlerin – Eine Annäherung an die französische Filmemacherin Agnès Varda“ erstmals in der FILMDIENST-Ausgabe fd 18/2014.


Beide Teile von „Agnès Varda – Publikumsgespräche“ werden am 29.3. ab 00.40 noch einmal auf arte wiederholt. Außerdem sind sie weiterhin in der arte-Mediathek (zum Varda-Special) abrufbar, wie auch weitere Porträt-Beiträge über die Regisseurin.


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Fotos: Cine Tamaris, Weltkino

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