Was heißt es, auf der Welt zu sein?

Donnerstag, 06.06.2019

Ein Porträt des südkoreanischen Regisseurs Lee Chang-dong, dessen grandioser Film „Burning“ gerade im Kino angelaufen ist

Diskussion

Der südkoreanische Filmemacher Lee Chang-dong ist kein Kinostilist, dem es alleine auf formale Spielereien ankäme. Auch wenn sein aktuelles Werk „Burning“ (jetzt im Kino) fast wie Genrefilme wirkt, erzählt Lee von menschlichen Extremen und denkt in seinen Filmen über die Welt und ihre Widersprüche nach. Porträt eines unbestechlichen Regisseurs.


Sieht man von wenigen Ausnahmen ab, trauen sich heute nur noch wenige Filmemacher, über die „conditio humana“ nachzudenken. Die fragmentierte Weltwahrnehmung und die neoliberale Globalisierung versperrt die Sicht auf einen größeren Zusammenhang, der etwa im europäischen Kino der 1960er-Jahre wiederholt thematisiert wurde. Der südkoreanische Regisseur Lee Chang-dong bildet eine der rühmlichen Ausnahmen. Nicht, weil man unbedingt Filmemacher bräuchte, die über das große Ganze nachdenken, sondern weil in seinen Filmen etwas sichtbar wird, das jenseits ihrer Geschichten und Figuren nach einem tieferen Grund gräbt. Ein Grund, der wie der vibrierende Bass in der linken Schulter resoniert, den einer der Protagonisten in Lees neuestem Film Burning sucht. Lees Charaktere sind über ihrer Funktion innerhalb einer Geschichte hinaus stets Ausdruck eines Gefühls und eine Positionierung gegenüber der Welt. Der Filmemacher geht dorthin, wo das Leben am widersprüchlichsten und brutalsten, aber auch am beweglichsten ist. Er fragt, was es heute heißt, auf der Welt zu sein.

Ausdruck eines Gefühls: "Burning"
Ausdruck eines Gefühls: "Burning"

Lee Chang-dong fand erst spät zum Kino. In den 1980er-Jahren verdiente er zunächst als Autor von Kurzgeschichten und Novellen Aufmerksamkeit. Außerdem arbeitete er als Lehrer. Betrachtet man die Plötzlichkeit, mit denen er in seinen bislang sechs Spielfilmen die Zuschauer in fiktionale Welten wirft, sowie die extrem ausgearbeiteten Plots und Charaktere, kann man durchaus erkennen, dass der 1954 in Daegu geborene Künstler von der Literatur herkommt.

Politisch wurde er unter anderem durch das brutale Massaker während des Gwangju-Aufstands initiiert, bei dem die Militärdiktatur in den 1980er-Jahren die Demokratiebewegung der Studenten unterdrückte. In seinem zweiten Spielfilm Peppermint Candy (2000) nimmt Lee direkt auf diese Ereignisse Bezug. Der Film, der sich ähnlich wie Harold Pinters Theaterstück „Betrayal“ oder François Ozons „5x2“ rückwärts durch ein tragisches Leben und die jüngere südkoreanische Geschichte bewegt, gehört auch zu jenen Arbeiten, in denen der Zustand der Menschheit vor allem ein Zustand der Männlichkeit ist.

Verlorene, einsame, etwas schrullige Typen findet man in Lees Kino zuhauf. Oft kommen sie aus dem Nichts, suchen eine Identität oder ein in der Vergangenheit liegendes Geheimnis. Aus diesem Grund ist die rückwärts laufende Erzählung um einen jungen Mann, der zu Beginn des Films Selbstmord begeht, besonders faszinierend. Sein Leben ist eine Aneinanderreihung verpasster Möglichkeiten und Frustrationen, die allesamt auf ein traumatisches Ereignis zurückgehen. Dieses Trauma wirkt sich jedoch nicht nur auf eine einzelne Figur aus, sondern bestimmt eine ganze Gesellschaft und verunmöglicht das Leben in ihr. Als der Zug tödlich heranrollt, schreit er: „Ich kehre zurück!“ Es beginnt die Suche nach dem Unschuldsmoment, dem Augenblick, an dem das Unheil seinen Anfang nahm.


Dekonstruktion von Männerbildern

Lee dekonstruiert seine Männerfiguren, die oft naiv und passiv wie Getriebene durchs Leben torkeln. In seinem Debütfilm „Green Fish“ (1997) verursacht genau wie in Peppermint Candy eine Vergangenheit beim Militär diese Orientierungslosigkeit. In Oasis (2002) kommt der junge Mann aus dem Gefängnis, in Burning weiß man es nicht so genau, aber „es gab Probleme“. Lees Figuren stehen an einer Schwelle. Oft ist es jene zwischen Nostalgie und Zukunft. Die Männer müssen erwachsen werden, aber sie scheitern am Leben oder der Gesellschaft. Man spürt eine existenzialistische Tendenz bei Lee, aber trotzdem scheint es keine Möglichkeit zum Ausbruch zu geben. Stattdessen balancieren seine Filme auf dem schmalen Grat zwischen Wahnsinn, Liebe, Abhängigkeit, Vergessen und Gewalt.

Auf einem schmalen Grat: "Peppermint Candy"
Auf einem schmalen Grat: "Peppermint Candy"

Das Scheitern ist in Lees Filmen essentiell. Er wurde nicht umsonst als Poet der Enttäuschung bezeichnet. Kaum jemand ist das, was er sein wollte. Schicksalsschläge prasseln auf die Figuren ein, sie können Hindernissen nicht überkommen. Auch Lee selbst merkte während der Arbeit an einem Roman, dass er nicht das war, was er sein wollte. Da kam es ihm gelegen, dass er zusammen mit seinem Freund Park Kwang-su an Filmen arbeitete. Er schrieb unter anderem die Drehbücher zu „To the Starry Island“ (1993, der erste unabhängig produzierte Film Südkoreas) und „A Single Spark“ (1995), zwei Filme, die politisch weniger subtil sind als seine eigenen Filmen später.

Mit „Green Fish“ konvertierte er zum Kino. Es ist erstaunlich, wie kohärent und konsequent seine Filme von der ersten Einstellung an wirken. Oftmals widmet Lee sich in Südkorea marginalisierten oder traumatisierten Figuren, oder Menschen mit körperlichen Behinderungen wie in Oasis, in dem er die Liebesgeschichte einer pflegebedürftigen Frau und eines Ex-Häftlings entfaltet. Er erzählt von gesellschaftlicher oder familiärer Isolierung und von trister Einsamkeit. Wie so oft im Kino sind diese Außenseiter, manchmal auch Gesetzlosen, die sensibelsten Menschen. An ihnen entzündet sich ein inneres Drama. Dadurch, dass Lee seine menschlichen Dramen in Genre-Muster verpackt (Gangsterfilm, Melodram oder Thriller) erzeugt er Extreme. Narben werden sichtbar, Schmerzen noch unerträglicher. Es wird viel gelitten bei Lee und wenig gelacht.


Starkes Gefühl für die Dauer

Auch wenn Lee ein starkes Gefühl für die Dauer hat und in seinen Filmen viel Raum für detaillierte Beobachtungen lässt, für die Wege, die seine Figuren gehen und für einen dokumentarischen Impuls, wenn er in seinem Poetry (2010) mit großer Zärtlichkeit und Geduld unterschiedlichen Menschen zuhört, die aus ihrem Leben erzählen, wirkt vieles bei ihm doch sehr konstruiert. Das fängt beim Drehbuch an und geht bis ins Kostüm, das immer auf etwas Größeres verweist. So trägt die aus Seoul stammende Protagonistin in Secret Sunshine (2007) bei einem Elternabend im Kindergarten ihres neuen Wohnorts Miryang bemerkbar andere Kleidung als die ortansässigen Mütter. Sie wird isoliert, als Außenseiterin etabliert.

Porträt einer Außenseiterin: "Secret Sunshine"
Porträt einer Außenseiterin: "Secret Sunshine"

Nach seinem Durchbruch mit „Peppermint Candy wurde Lee zum Kultur- und Tourismusminister in Südkorea ernannt. Als Malraux Südkoreas wollte er sich deshalb aber nie verstanden wissen. Zu sehr war er eine Randfigur, zu wenig Gewicht besaß er als Minister in Südkorea. Doch seine neue Rolle veränderte etwas an seinem Kino. Zwar blieb die traurige, bisweilen vernichtende Grundstimmung erhalten, doch sein Blick wurde zärtlicher, beinahe versöhnlicher. Damit einher ging ein neues Frauenbild. Statt nur zu tanzen, zu singen und geheimnisvoll auszusehen, rücken Frauen seither ins Zentrum seiner Filme. Das gilt vor allem für Secret Sunshine und Poetry.

Lee war immer auch ein großer Erzähler von Familienkonflikten. Er fokussiert sich derart stark auf die Ambivalenzen einer familiären Nähe und Entfremdung, dass man kaum bemerkt, wie sehr diese Konflikte integraler Bestandteil seiner melodramatischen Narrationen sind. In Burningliegt ein unsichtbarer Konflikt im Hintergrund, in Secret Sunshine muss eine Mutter ohne Ehemann den Verlust ihres Sohnes verarbeiten. Familien sind zerstört, aber Familien zerstören auch. Wie in Oasis, in dem die beiden Protagonisten ihre Liebe gegen das Unverständnis ihrer Familien ausleben. Oder in Poetry, in dem die Großmutter keinen Zugang zu ihrem Enkel findet. Das Fehlen einer intakten Familie ist auch ein Element innerhalb der zahlreichen Fallstricke und doppelten Böden aus Abwesenheiten in den Filmen. Immer wieder verschwindet ein Mensch, oder Liebende kehren an die Orte ihrer vergangenen Beziehungen zurück. Dieses emotionale Vakuum verwebt Lee geschickt mit puren Bewegungsbildern: Menschen laufen, sie rennen, sie fahren mit dem Rad und immer weiter in Kreisen ins schwarze Loch ihrer Existenz.


Welche Welten sind das?

Alle Auswege, die Lee Chang-dong dabei zeigt, scheitern. In Secret Sunshine erforscht er den schmalen Grat zwischen Glauben und Wahnsinn, in Burningzieht es ihn in die albtraumartigen Fiktionen eines Verbrechens, in Poetryist es ein Windmühlenkampf mit Worten gegen das Vergessen. Auch Gewalt spielt dabei eine Rolle. Bisweilen erschrickt man ob der Heftigkeit gewaltvoller Ausbrüche, die in die geglätteten Realitäten Südkoreas einbricht. Welche Welten sind das eigentlich? Schaut man sich die Filme von Lee Chang-dong an, beginnt man sich zu fragen, was es mit diesen Fiktionen auf sich hat. Mal scheint alles erträumt, mal nur die Fantasie eines Autors.

Worte gegen das Vergessen: "Poetry"
Worte gegen das Vergessen: "Poetry"

In den ersten Einstellungen nimmt der Filmemacher das Publikum oft mit in seinen Welten, indem die Kamera hinter den Figuren herläuft. Es sind Illusionen und Labyrinthe, regelrechte Puzzle-Filme, die ein Geheimnis bergen; man glaubt Hitchcock als Einfluss zu erkennen. Die Figuren scheinen diese Fiktionen regelrecht zu suchen, sie sind ein rettender Hafen in der immer schwerer zu interpretierenden Welt. Aber in den Fiktionen erzählt sich nur ihr Seelenzustand. Sie können ihn ertragen oder verfluchen; erleben müssen sie ihn auf jeden Fall.

In diesen Welten, in denen durchaus auch der Anschein erweckt wird, dass alles nur ein Spiel ist, wenn Gewächshäuser angezündet oder lachend rote Ampeln ignoriert werden, steckt eine gehörige Kritik am Kapitalismus und Neoliberalismus, die das Leben in Südkorea in den letzten Jahren überschwemmt und unter anderem auch eine Landflucht bewirkt haben, die als Thema immer wieder in Lees Filmen auftaucht. Als Ausweg bleibt nur, anders auf diese Welt zu schauen. In Poetryerklärt ein Poesie-Lehrer die Bedeutung von Wahrheit. Es ginge darum, alles neu zu sehen, alles wie beim ersten Mal. In Oasis wandelt sich eine Lichtreflektion an der Wand in fliegende Schmetterlinge oder Tauben. In all dem findet man den Beginn einer Inspiration, den Sturz in eine Fiktion, die Lee mit dem Kino aus der Welt fischt.


Fotos: Koch Media, Rapid Eye Movies, arte

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