Denken in Bildern

Mittwoch, 24.07.2019

Mit dem US-amerikanischen Regisseur Brady Corbet ist ein neuer Stern am Himmel des Autorenkinos aufgegangen

Diskussion

Mit zwei außergewöhnlichen Filmen, „Childhood of a Leader“ (2015) und „Vox Lux“ (ab Donnerstag im Kino) hat sich der gerade mal 32-jährige US-Amerikaner Brady Corbet als neuer Regie-Shootingstar am Autorenkino-Himmel etabliert. In seinen Werken spiegelt sich die Dekadenz unserer Zeit in schillernder Pracht. Fiktionale Figuren und historische Schlüsselereignisse finden darin aufs Eleganteste zusammen.


Dies ist eine der erstaunlichsten Filmkarrieren der letzten Zeit. Wenn es nicht längst aus der Mode gekommen wäre, dann müsste man hier wohl von „Genie“ sprechen. Denn Brady Corbet ist nicht einmal 32 Jahre alt, also in einem Alter, in dem in Europa manche noch gar nicht auf einer Filmhochschule angefangen haben. Er hat bereits zwei Spielfilme als Regisseur gedreht, die beide bei den Filmfestspielen in Venedig liefen und Preise gewannen. Noch wichtiger aber ist, dass beide Filme, „Childhood of a Leader“ (2015) und „Vox Lux“ (2017), zu den originellsten, spannendsten, stilbewusstesten und intelligentesten Filmen des vergangenen Jahrzehnts gehören. Sie werden in späteren Dekaden mit anderen zusammen das Kino der „2010er-Jahre“ repräsentieren und dessen Signatur: die damaligen Ängste und Obsessionen, die Hybris und Ästhetik. Sie tun das, weil sie nicht glatt sind und sich nicht dem Zeitgeist oder dem Mainstream unterordnen, sondern sich widerständig daran reiben und doch ganz Kinder dieses Jahrzehnts sind. Und weil sie durch und durch Kino sind, undenkbar auf den kleinen Bildschirmen des Home Entertainments.

Ist eine solche Hymne nicht übertrieben? Wie ist das möglich? Brady Corbet hat keine Filmhochschule besucht. Dank seiner Arbeit als Schauspieler hatte er aber die besten Lehrer, denen er beim Filmemachen über die Schulter schauen konnte: Michael Haneke (für den Corbet im US-Remake „Funny Games“ mitspielte), Lars von Trier („Melancholia“), Bertrand Bonello („Saint Laurent“), Olivier Assayas („Die Wolken von Sils Maria“), Mia Hansen-Love („Eden“). Man kann diese Einflüsse an Corbets Werk studieren: Es ist genau, überaus ambitioniert und zugleich voller Passion, voller Liebe eines US-Amerikaners zu Europa und dessen Autorenkino, das er weiterentwickeln und aktualisieren will. Ein Kino, das Kunst und intellektuell sein will, ohne sich von Zugeständnissen an den Kommerz zurichten zu lassen. Kino ist, wenn kluge Menschen schöne Filme machen.

Brady Corbets Initiation ins europäische Autorenkino: In Michael Hanekes "Funny Games" (2007) an der Seite von Michael Pitt
Initiation ins Autorenkino: Brady Corbet (l.) und Michael Pitt (r.) in Michael Hanekes "Funny Games US"

Corbet hat weder Philosophie noch Geschichte, Kunst oder Musik studiert – und doch wirken seine Filme vollgesogen vom Wissen um all diese Felder. Sein Regiedebüt „Childhood of a Leader“ ist eine freie Adaption von Jean-Paul Sartres Novelle „Die Kindheit eines Chefs“. Corbet gibt manche Szenen der Vorlage fast wortwörtlich wieder, doch der Film ist weit von der Handlung der Sartre-Erzählung entfernt. Er atmet allerdings ihren Geist: eine grundsätzliche Irritation über die Welt, den Ernst einer Tragödie über die Gewalt und die kühle Introspektion eines gewalttätigen Menschen. Corbet stellt die Frage nach dem Bösen.

In „Vox Lux“ erzählt Corbet von der Pop-Kultur und ihrem untrennbaren Zusammenhang mit der Gewalt des Zeitalters – der unmittelbaren durch Krieg und Terror, aber mehr noch der indirekten durch eine permanente, alles durchdringende Effizienzsteigerung und auch der in den sozialen Netzwerken. Corbets Frage lautet hier: Was ist ein Star? Heute, in der globalen und hoch narzisstischen PR- und Instagram-Gesellschaft?


Schauspieler bei den Besten der Besten

Diese Frage kann er aus eigener Erfahrung beantworten. Denn bevor er Regisseur wurde, begann Brady Corbet seine Karriere als Schauspieler. Schon mit 12 Jahren stand er als Kinderdarsteller in US-Serien wie „Queens“ oder „24“ vor der Kamera; es folgten Hollywood-Filme („Dreizehn“, 2003; „Mysterious Skin“, 2004; „Martha Marcy May Marlene“, 2011) und mit etwa 18 Jahren erste Engagements im europäischen Autorenkino. In Michael Hanekes Remake „Funny Games U.S.“ war er einer der beiden Eindringlinge. In „Melancholia“ von Lars von Trier, Olivier Assayas’ Die Wolken von Sils-Maria“ und Mia Hansen-Loves „Eden“ spielte er jeweils größere Rollen.

Zwei weitere Hauptrollen sind ebenfalls erwähnenswert, auch wenn die Filme in Europa nur auf Festivals Beachtung fanden: „Simon Killer“ von Antonio Campos (2011), in dem Corbet einen Amerikaner spielt, der in Paris Abstand zu seiner Vergangenheit sucht, dabei aber von einem Problem zum nächsten stolpert. Auch in „The Sleepwalker“ (2014) spielt Corbet einen ambivalenten Charakter. Zwei Paare – die Frauen sind ungleiche Schwestern – treffen in einem einsamen Haus zusammen, wo ein klaustrophobisch-exzessiver Gefühlstrip beginnt. Corbet schrieb das Drehbuch gemeinsam mit der Regisseurin Mona Fastvold, einer langjährigen Freundin. Während der Arbeit an „The Sleepwalker“ wurde sie ein Liebespaar. Corbets eigene Regiearbeiten schrieben und produzierten sie seitdem gemeinsam.

Beginn einer fruchtbaren Partnerschaft mit Regisseurin/Drehbuchautorin Mona Fastvold: Brady Corbet (r.) in "Sleepwalker"
Beginn einer fruchtbaren Partnerschaft mit Mona Fastvold: Brady Corbet (r.) in "Sleepwalker"

Mit erst 27 Jahren gab der 1988 in Scottsdale, Arizona geborene Brady Corbet die Schauspielerei bis auf Weiteres auf und wechselte auf den Regiestuhl.


Die Geburt des Bösen

Childhood of a Leader“, eine belgisch-ungarisch-französische Co-Produktion, besticht noch mehr als durch die Story durchs Setdesign und die Dominanz des Visuellen. Gedreht wurde auf 35-mm-Filmmaterial. Corbet erzählt zunächst assoziativ und beginnt den Film in einer fesselnden Auftaktsequenz mit dokumentarischem Material von Kämpfen im Ersten Weltkrieg an der Westfront, einer Rede des US-Präsidenten Woodrow Wilson und den Friedensverhandlungen in Europa. Eine Zugfahrt führt in rasender Fahrt direkt zu den Versailler Verhandlungen – wobei zugleich auch die Ahnung mitschwingt, dass auf einigen dieser menschengesäumten Schienen quer durch Europa bald auch die Züge nach Auschwitz fahren werden.

Zu solchen lose und fließend montierten „Bewußtseinsstrom-Passagen“ kommt die sehr prägnante Musik des Rock-Avantgardisten Scott Walker (1943-2019), mit dem Corbet auch in „Vox Lux“ zusammenarbeitete. Sie wirkt sehr dominant und ist ein zentrales Element für die Wirkung beider Filme.

Fulminantes Regiedebüt: "Childhood of a Leader"
Fulminantes Regiedebüt: "Childhood of a Leader"

Dann folgt in „Childhood of a leader“ die Szene eines Raums, in dem zwei Männer rund um einen Billardtisch einen Dialog zwischen einem Optimisten und einem Pessimisten führen, der vermutlich von Hannah Arendt entlehnt ist. Erst nach diesem Prolog beginnt die in drei Kapitel (I. „A Sign of things to come“; II: „A new year“; III. „Rise of a dragon“) gegliederte Handlung. Sie kreist um den etwa zehnjährigen Sohn eines US-Diplomaten und seiner französischen Frau. Für die Friedensverhandlungen haben sie ein Anwesen nahe Paris bezogen. Der Film schildert die Entwicklung des Kindes während eines knappen Jahres. Nach anfänglichen Demütigungen entwickelt sich der scheinbar unschuldige Knabe zu einem manipulativen, bösen Kind und (im Epilog) zu einem Erwachsenen mit destruktivem Charakter.

Gespiegelt wird das im Versagen der Erziehungsversuche seiner mal toleranten, mal strengen Eltern. In dem mit vielen Referenzen gespickten Film – neben Sartre und Arendt sind die zu Robert Musil, Thomas Mann, Arthur Schnitzler und Hermann Broch offensichtlich – erzählt Corbet vom Ende der Diplomatie, von der Geburt des Bösen in der Kinderseele, von autoritären Charakteren und dem Präfaschismus. Wen das an „Das weiße Band“ erinnert, der liegt richtig.

"A dragon rises": Jungschauspieler Tom Sweet in "Childhood of a Leader"
Jungschauspieler Tom Sweet in "Childhood of a Leader"


„Childhood of a Leader“ besticht auch als großartige Nachempfindung der Zeit. Selten hat man die „Welt von gestern“ im Kino derart präzise und greifbar wiederauferstehen sehen, befreit von aller „Downton Abbey“-Sentimentalität. Durch „Childhood of a Leader“ wurde Corbet zum Shooting-Star des Weltkinos.


Momente der Perfektion

In seiner zweiten Kinoarbeit „Vox Lux“ konnte er diese Erwartungen bestätigen. Natalie Portman, selbst ein ehemaliger Kinderstar, spielt eine Art Alter Ego des Regisseurs: eine junge Frau, die zum Star wird und von da an die beiden Seiten ihrer Persönlichkeit zusammenhalten muss. Kurz vor einem großen Konzert sieht man, wie sich das private Wrack in roboterhafter Perfektion in einen Star verwandelt. Dieses Zusammenreißen in der Öffentlichkeit ist die entscheidende Erfahrung, die „Vox Lux“ vermittelt; der Kontrast zwischen dem Auftritt in der Öffentlichkeit und dem Abgrund des Privaten – und der hauchdünne Firnis, der das eine vom anderen trennt.

Es beginnt, mit ähnlichen fließenden Bildern und Scott-Walker-Musik wie in „Chíldhood...“, als Passionsgeschichte: Ein junges Mädchen überlebt nur knapp ein Highschool-Massaker – und wird dadurch über Nacht berühmt. Weil sie das „gewisse Etwas“ hat, steigt Celeste zum Star auf. Doch ihre inneren Dämonen suchen sie während ihrer gesamten Karriere heim. Sie ist schüchtern, aber entschlossen, zu rein für diese Welt und schon von ihrem Namen her ein himmlisches Geschöpf.

Corbet beschreibt hier die Geburt der Popkultur aus dem Highschool-Massaker. Genaugenommen sogar die Entstehung des ganzen Zeitalters. Er zeigt die Folgen von Radikal-Individualisierung und Reaganomics.

Transformation vom Mädchen zur Pop-Ikone: Raffey Cassidy als junge Celeste in "Vox Lux"
Transformation vom Mädchen zur Kunstfigur: Raffey Cassidy als junge Celeste in "Vox Lux"

Formal ist auch dieser Film ein kompromissloses Kinowerk: auf 35mm-, zwischendrin sogar auf 70mm Filmmaterial, Super-8 und Video gedreht, mit einer ambitionierten Bildsprache: ruhig, aber nie statisch. Die Einflüsse von Michael Hanekes kühler Rationalität und von Bertrand Bonellos Ästhetizismus sowie beider Verachtung der Popkultur sind hier noch unübersehbarer. Auch „Vox Lux“ ist ein Trip, ein labyrinthisches Konstrukt aus Verweisen, das fiktionale Figuren mit historischen Fakten und Schlüsselereignissen aufs Eleganteste kombiniert, sie zu deren Augenzeugen macht.


Spiegel der Dekadenz

Corbet ist ein Filmemacher voller Ambition und mit enormem Selbstvertrauen. Er denkt in Bildern, und er denkt genau. Seine Filme sind von allen Lastern infizierte Spiegel der Dekadenz unserer Zeit. Die allerdings zeigt der Regisseur in schillernder Pracht. Beide Filme sind geschichtsphilosophische Porträts der geistigen Situation der Gegenwart. Sie faszinieren und sind in ihren Facetten auch nach zwei- oder dreimaligem Sehen nicht ausgeschöpft. Immer wieder erlebt man Momente der Perfektion.

Der dämonische Charme der Popkultur: Schlussszene aus "Vox Lux"
Der dämonische Charme der Popkultur: Schlussszene aus "Vox Lux"


Derzeit arbeitet Brady Corbet mit seiner Partnerin Mona Fastvold an einem neuen Filmprojekt: „The Brutalist“, so der Arbeitstitel, erzählt von einem aus Ungarn stammenden jüdischen Architekten, der im Zweiten Weltkrieg die KZs überlebte und nach Kriegsende in die USA emigriert, während seine Frau noch in einem Flüchtlingslager an der ungarischen Grenze ausharrt.


Fotos: oben: aus "Vox Lux", © Kinostar. Andere Bilder: © Warner, 4 1/2 Film, Scion Pictures, Kinostar


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