Zum Tode von Jean-Pierre Mocky (6.7.1933-8.8.2019)

Freitag, 09.08.2019

Ein Nachruf auf den französischen Satiren- und Farcen-Regisseur

Diskussion

Der als Sohn polnischer Eltern geborene Jean-Paul Mokiejewski verkürzte seinen Nachnamen mit Beginn seiner Karriere auf „Mocky“ und stellte damit eine tonale Nähe zum französischen Verb „moquer“ her, die für ihn Zeit seines Lebens Programm bleiben sollte: Jean-Pierre Mocky war der große Spötter im französischen Kino – ein Satiriker, dem nichts und niemand heilig sein durfte, der sich einer Form der bösartigen Farce verschrieb, die auf alles und jeden feuerte und im Zweifel auch wirklich jeden vor den Kopf stoßen konnte, und der sich dabei trotzdem als ernsthafter und kritischer Geist und Aufklärer verstand. Bei über 60 Filmen (ein knappes Drittel davon fand seinen Weg nach Deutschland) führte der Unermüdliche, der auch fast alle Drehbücher allein schrieb, seit seinem Debüt 1959 Regie. Dieser fast ununterbrochene Ausstoß bewirkte ein einzigartiges Oeuvre an Filmen, bei dem aber etliche künstlerische Schlappen sowie Unsauberkeiten, schwache Einfälle und offensichtliche Kompromisse auch bei vielen seiner besseren Filme die Wahrnehmung seines unbestreitbaren Könnens erschwerten.

Mit dem Kopf gegen die Wand

Seinen Einstand als Autor gab Jean-Pierre Mocky 1958 mit dem Drama „Mit dem Kopf gegen die Wände“ und spielte darin selbst die Hauptrolle eines geistig gesunden, aber aufmüpfigen jungen Mannes, der in eine „Irrenanstalt“ kommt. Zu diesem Zeitpunkt war der in Nizza geborene Mocky bereits ein etablierter junger Schauspieler, der Auftritte bei Jean Cocteau („Orphée“), Jean Delannoy („Gott braucht Menschen“) und Michelangelo Antonioni („Kinder unserer Zeit“) vorzuweisen und sich einen Ruf als französische Variante des „Halbstarken“-Typus erworben hatte. Mockys Ambitionen aber lagen nicht darin, der „französische James Dean“ zu werden. „Mit dem Kopf gegen die Wände“ war ihm auch deshalb ein persönliches Anliegen, weil mehrere seiner jüdischen Verwandten nach ihrer Zeit in Konzentrationslagern in solche Anstalten für „Verrückte“ gesperrt worden waren; die Regie bei dem Herzensprojekt musste er zu seinem Unwillen allerdings dem erfahreneren Georges Franju überlassen. Nach einer seinerzeit gemischten Aufnahme bei Zuschauern und Kritik (obwohl Jean-Luc Godard ihn als Film von „verrückter Schönheit“ verteidigte), lässt sich „Mit dem Kopf gegen die Wände“ heute als eine der gelungensten filmischen Einlassungen auf das System der Nervenheilanstalten werten. Von Mockys Spottlust ist hier freilich noch wenig zu spüren.

Jean-Pierre Mocky als Hauptdarsteller in "Mit dem Kopf gegen die Wände" (1958).
Jean-Pierre Mocky als Hauptdarsteller in "Mit dem Kopf gegen die Wände" (1958).

Seinen Stil fand der junge Filmemacher jedoch rasch mit den nächsten Werken, die nun Schlag auf Schlag erfolgten: Seine erste Regiearbeit „Die nach Liebe hungern“ (1959) attackierte, nicht weit entfernt von der zeitgleich aufkommenden Nouvelle Vague, mit kess-unverfrorenen jungen Männer-Figuren bürgerlich-sittliche Moralvorstellungen. In „Ehe französisch“ (1960) versuchte Mocky, dies mit Blick auf verheiratete Paare zu erweitern, doch erwies sich seine Zusammenarbeit mit dem damaligen Literatur-Star Raymond Queneau als weniger bezwingend als die von Louis Malle im selben Jahr bei „Zazie“. Zu den ersten „echten Mockys“ wurden erst sein dritter Film „Les snobs“ (1962), dessen titelgebende eingebildete Spießer zu seinen Lieblingsobjekten avancierten, sowie vor allem die mit beachtlichem Staraufgebot aufwartenden „Den Seinen gibt’s der Herr…“ (1963), „Angst in der Stadt“ (1964) und „Die Freunde der Margerite“ (1967), mit denen Mocky bigotte Katholiken, fremdenfeindliche Provinzeinwohner, die Polizei und die Justiz attackierte.

Die Leichen im Keller des französischen Bürgertums

Vor allem in „Angst in der Stadt“, einer schwarzen Komödie um einen tölpelhaften Inspektor (Bourvil), der in einer Kleinstadt einen vor der Hinrichtung geflohenen Mörder sucht und dabei unverhofft über die buchstäblichen Leichen in den Kellern der scheinbar braven Bürger stolpert, zeigt sich auch Mockys Talent für eine noir-hafte Atmosphäre inmitten der äußerst variablen Humorformen, die von zurückhaltender Charakterkomik über Slapstick bis zur bewussten Auslotung von Geschmacksgrenzen reichen. Mustergültig ist dafür eine frühe Szene, in der ein Henker beim Versuch, seine klemmende Guillotine zu richten, selbst unters Fallbeil gerät, was die Umstehenden ohne sonderliche Regung miterleben. Die perfekt getimte Szene zeigt Mockys Sinn und Begabung fürs Makabre, die ihn in die Nähe angelsächsischer Filme wie „Adel verpflichtet“ und des US-Amerikaners Blake Edwards rückte. Zugleich ist sie aber auch Ausdruck seiner fundamentalen Überzeugung, als unsinnig empfundene Erscheinungen wie die Todesstrafe auch in all ihrer Lächerlichkeit vorführen zu müssen – weniger satirisch kehrte er zu diesem Thema 1978 mit „Der Zeuge“ zurück, drei Jahre bevor Hinrichtungen in Frankreich schließlich abgeschafft wurden.

Wie bei „Angst in der Stadt“ war Jean-Pierre Mocky in seinen Satiren und Kriminalfilmen – dem zweiten Genre, das er zeitweilig bediente – dem Zeitgeist immer wieder auch voraus: In „Die große Aktion“ (1968) zerstört Bourvil als gutmütiger Lehrer Fernsehantennen, um seinen dauermüden Schülern zu helfen, in dem Kriminalfilm „Eine Stadt zittert vor Solo“ (1969) nahm Mocky bereits die gewalttätige Radikalisierung von protestierenden Studenten vorweg, in „Tod dem Schiedsrichter“ (1983) spießte er die wahnhaften Auswüchse fanatischer Fußballfans auf. Daneben blieben Korruption, Heuchelei und Selbstgerechtigkeit seine bevorzugten Ziele, gleich ob sie bei normalen Bürgern oder bei Vertretern von Institutionen wie Staat, katholischer Kirche, Polizei oder der Familie auftraten.

Jean-Pierre Mocky im selbstinszenierten "Eine Stadt zittert vor Solo" (1969).
Jean-Pierre Mocky im selbstinszenierten "Eine Stadt zittert vor Solo" (1969).

Schauspieler-Regisseur

Die bisweilen wilde Stilmischung seiner Filme verschaffte ihm nicht wenige Verächter, aber auch manchen treuen Anhänger und Verteidiger wie den Kritiker Serge Daney oder den Schriftsteller François Bégaudeau, zudem schien der von seinen frühen Tagen in der Filmwelt an hervorragend vernetzte Regisseur keine Probleme zu haben, die besten Schauspieler um sich zu scharen: Jahre, bevor sie bei Claude Chabrol zu Interpreten verdorbener Großbürger wurden, waren Michel Serrault und Jean Poiret Stammdarsteller bei Mocky, hochbetagte Altstars wie Michel Simon und Charles Vanel, die noch zur Stummfilmzeit angefangen hatten, spielten ihre letzten Rollen in Mockys Filmen „Der rote Ibis“ (1975) beziehungsweise „Ein turbulentes Wochenende“ (1987), Diven wie Jeanne Moreau (in der Satire auf die kommerzielle Lourdes-Ausschlachtung „Das Wunder des Papu“, 1986) und Catherine Deneuve (in der Krimigroteske „Agent Trouble – Mord aus Versehen“, 1987) gaben sich vor seiner Kamera so unglamourös wie kaum je.

Mit einer Kompromisslosigkeit, wie sie ähnlich in Deutschland Klaus Lemke in den letzten Jahrzehnten zeigt, drehte Mocky ab Ende der 1990er-Jahre trotz fehlender Unterstützung von Zuschauern und (fast allen) Kritikern weiter einen Film nach dem anderen. Teilweise liefen sie nur noch in Mockys eigenem Kino oder kamen gleich auf DVD heraus, was Mocky aber ebenso wenig vom Weiterdrehen abbrachte, wie er mit Buchveröffentlichungen versuchte, sein Image des spitzzüngigen Gesellschaftskritikers zu pflegen. Am 8. August 2019 starb Jean-Pierre Mocky 88-jährig in Paris.


In Erinnerung an Jean-Pierre Mocky hat arte am Montag, 12. August, sein Programm geändert und zeigt um 23.55 Uhr „Eine Stadt zittert vor Solo“. Anschließend ist der Film bis 18. August in der arte Mediathek abrufbar.


Fotos: Panocéanic Films (aus "Calomnies", 2014), Eureka Entertainment, arte

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