Filmklassiker: Wenn der Wind weht

Mittwoch, 02.10.2019

Der Animationsfilm über ein liebenswertes altes Ehepaar entstand in den 1980er-Jahren und warnt vor einem leichtfertigen Umgang mit der Atomkraft

Diskussion

Den Bildern des Zeichentrickfilms „Wenn der Wind weht“ ist seine Entstehung in den 1980er-Jahren anzusehen, doch seine Aussagen sind ungebrochen aktuell. In dem Film von Jimmy T. Murakami nach einer Comic-Vorlage von Raymond Briggs erlebt ein liebenswertes altes Ehepaar, wie ein Atomkrieg das Land verwüstet. Doch trotz einer Erkrankung durch die radioaktive Strahlung vertraut es weiter blind auf die Obrigkeit. Eine unverändert erschütternde Warnung vor dem leichtfertigen Umgang mit Atomkraft.


Noch immer läuft einem bei „Wenn der Wind weht“ ein kalter Schauer über den Rücken. Es ist ganz offensichtlich, dass der Zeichentrickfilm aus einer anderen Zeit stammt. Die Erzählweise ist langsam, die Bilder sind grisselig und ungewohnt rau, die Animationen nicht so flüssig, wie man es heute erwarten würde. An Aktualität hat der Film aus dem Jahr 1986 jedoch nichts eingebüßt. Es ist ein Leichtes, mit Jim und Hilda mitzufühlen, jenem alten britischen Ehepaar, das in den 1980er-Jahren den Ausbruch eines Atomkriegs miterlebt und berührend pragmatisch versucht, sich zu schützen und so bald wie möglich wieder ein normales Leben zu führen – und das doch keine Zukunft haben wird.

Am Anfang stehen die Nachrichten aus dem Radio in starkem Kontrast zu dem beschaulichen Alltag von Jim und Hilda, die in ihrem kleinen Haus in der britischen Provinz leben. Der trügerische Frieden des Kalten Krieges, der jahrelang das Weltgeschehen prägte, hat ein Ende gefunden; eine Eskalation steht kurz bevor.



Während Hilda gelassen bleibt, gerät Jim zunehmend in Sorge. Penibel folgt er den Anweisungen aus der „Protect and Survive“-Broschüre, die zum Schutz der Zivilgesellschaft von der Regierung herausgegeben wurde. Er streicht die Fenster weiß, weil das die Strahlung abhalten soll, er baut Türen aus und bastelt aus diesen einen kleinen Schutzbunker innerhalb des Hauses; er legt große Papiertüten bereit, in die man im Ernstfall schlüpfen soll. Hilda lässt Jim gewähren, so lange er ihr verspricht, danach alles wieder in Ordnung zu bringen. Und dann wird gegessen.


Unmissverständliche Anklage und Mahnung

Überaus liebevoll beobachtet der von Jimmy T. Murakami inszenierte Trickfilm das Zusammenspiel des alten Ehepaares und wirkt gerade deshalb so erschütternd, weil Jim und Hilda so unschuldig sind. Sie sind keine Helden, sondern Opfer. „Wenn der Wind weht“ ist eine Anklage und eine Mahnung, die 1986 genau zur richtigen Zeit kam. Zwar lagen die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki auch damals schon Jahrzehnte zurück, doch beim deutschen Kinostart waren nur fünf Monate seit dem Super-GAU in Tschernobyl vergangen, der die Gefahren der Atomkraft auch bei friedlicher Nutzung massiv und unmissverständlich vor Augen geführt hatte.

Schon 1982 hatte der für seine Kinderbücher bekannte britische Autor Raymond Briggs die Geschichte von Jim und Hilda in seinem Comic „Strahlende Zeiten“ erzählt und die beiden Protagonisten nach seinen Eltern modelliert: Zwei bodenständige Durchschnittsbürger der Kriegsgeneration in einer Extremsituation. Wie würden sie sich im Angesicht einer drohenden Atomkatastrophe verhalten?



Sie versuchen es, indem sie sich auf ihre bisherige Kriegserfahrung stützen. Aber der Atomkrieg ist anders als alles davor. Als er ausbricht und die Druckwelle das Haus erreicht, fliehen Jim und Hilda in ihren lächerlich provisorischen Unterschlupf. Jim verliert immer wieder die Fassung, Hilda pocht darauf, ihre Würde zu behalten und weigert sich, Teller mit Sand zu säubern oder darauf zu verzichten, im Badezimmer aufs Klo zu gehen.

Nach wenigen Tagen verlassen sie den Türverschlag und sehen sich um. Ein Bild der Verwüstung. Es gibt kein sauberes Wasser mehr und keinen Strom, keinen Kontakt zu anderen Menschen. Jim und Hilda nehmen dies gelassen zur Kenntnis, auch wenn die Folgen der Strahlung zunehmend sichtbar werden und sich der Gesundheitszustand der beiden dramatisch verschlechtert.


Abstraktion und Wirklichkeitsnähe

Immer wieder befreit sich der Film aus der Gegenwart von Jim und Hilda, taucht, ausgehend von einem Hochzeitsfoto, in bewusst sprunghafter Schwarz-weiß-Animation in deren Vergangenheit ein, zeigt Traumsequenzen oder Erinnerungen, die teils fließend Vorstellung und Realität ineinander übergehen lassen. All dies verleiht dem Film Lebendigkeit und Poesie und trägt zur Charakterisierung der Figuren bei. Die Mischung aus Abstraktion und Wirklichkeitsnähe findet sich auch in der filmischen Form. Ein ganz eigener Look wurde dadurch erreicht, dass Zeichentrickanimationen mit realen Hintergründen verschmelzen – das Haus von Jim und Hilda entstand analog zu einem Puppentrickfilm als Modell; Jim und Hilda wiederum wurden gezeichnet. Die flächigen Figuren werden durch die Plastizität der Umgebung immer wieder geerdet.

Es ist tragisch zu sehen, wie blind das Vertrauen von Jim und Hilda auf die Vernunft von „denen da oben“ ist. Vor allem Jim führt stumpf aus, was ihm geraten wird; er hat eine Soldatenvergangenheit und folgt Befehlen, so wie er es als junger Mann gelernt hat.



Im Film ist die Naivität von Jim und Hilda überdeutlich, sie spiegelt damit aber zugleich auch die unbefangene Art, wie noch zwei weitere Jahrzehnte lang mit Atomkraft umgegangen wurde.

So lange um Nuklearwaffen und Atomtests gestritten wird, wird auch „Wenn der Wind weht“ mit seinem klagenden, von David Bowie gesungenen Titellied und dem beunruhigenden Score von „Pink Floyd“-Gründungsmitglied Roger Waters relevant sein.


Der Animationsfilm-Klassiker liegt endlich auch in Deutschland in einer schön gestalteten und inhaltlich wie technisch hervorragenden Blu-ray-Edition als Mediabook vor, die das umfangreiche Bonusmaterial der britischen BFI-Ausgabe weitgehend übernimmt. Neben dem informativen Audiokommentar des Editors Joe Fordham und dem Filmhistoriker Nick Redman enthält die Heimkino-Veröffentlichung ein berührendes Interview mit Raymond Briggs, das über seine Arbeit an dem Comic „Wenn der Wind weht“ hinausgeht und vor allem deutlich macht, wie sehr er sich immer wieder in seinen Geschichten an der Beziehung zu seinen Eltern abarbeitet. Weiter gibt es ein Making-of über den Film und eine lange Dokumentation über den Regisseur Jimmy T. Murakami. Verzichten muss das deutsche Publikum auf die historischen „Protect and Survive“-Filme der britischen Blu-ray, auf die im Film Bezug genommen wird. Dafür aber enthält diese deutsche Edition eine hervorragende deutsche Synchronfassung. Brigitte Mira als Hilda und Peter Schiff als Jim treffen den Tonfall perfekt und verleihen den Figuren die richtige Mischung aus Unschuld, Unsicherheit, Melancholie und Verletzlichkeit.


Wenn der Wind weht. Großbritannien 1986. Regie: Jimmy T. Murakami. 84 Min. FSK: ab 6; f. Anbieter: Turbine Medien. Bezug: hier.


Fotos: Turbine Medien

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