Aufbruch ins Jetzt

Montag, 21.10.2019

Erinnerungen an den Neuen Deutschen Film: Ein Buch von Beat Presser

Diskussion

In ihrer Kurzgeschichte „Lange Schatten“ erzählt Marie Luise Kaschnitz von der zwölfjährigen Rosie, die sich beim Urlaub in Italien mit ihren Eltern furchtbar langweilt, bis sie zum ersten Mal den Weg ins Dorf ganz alleine gehen darf. Dieser Gang wird für Rosie zu einem überwältigenden Moment von Freiheit und Weltverzauberung: „Wenn man allein ist, wird alles groß und merkwürdig und beginnt einem allein zu gehören, meine Straße, meine schwarze räudige Katze, meine langen Beine in verschossenen Leinenhosen.“ Es ist keiner da, der an ihr „herumerzieht“, es sind ihre ersten Schritte, den „eigenen Weg“ zu gehen. Ähnlich beschreibt Wim Wenders im Gespräch mit dem Fotografen Beat Presser eine prägende Erfahrung seiner Kindheit. Zum ersten Mal darf er allein auf Reisen gehen, eine Eisenbahnfahrt machen: „Ich war im siebten Himmel: endlich alleine reisen! Die ganze Fahrt lang saß ich alleine am Fenster. Das war eine königliche Erfahrung, ein Urerlebnis!“ Urerlebnisse dieser Art sind die innersten Triebfedern beim Aufbruch des „Neuen Deutschen Films“ (NDF). In vielen Zeugnissen, die Beat Presser versammelt hat, lässt sich etwas vom Willen entdecken, ohne Bevormundung zu leben, den eigenen Ideen zu folgen und eine Sprache dafür zu finden: meine Erfahrungen, meine Ideen, meine Art, davon zu erzählen.

Aufbruch ins Jetzt & Abrechnung mit der NS-Vergangenheit

Die 1960er-Jahre, der Jugendzeit für die meisten NDF-Protagonisten, waren solchen Ambitionen förderlich. Ein Jahrzehnt vielfältiger Auf- und Umbrüche in den westlichen Ländern: Studentenrevolte, Bürgerrechtsbewegung, Anti-Vietnamkrieg-Demonstrationen, Mai 68. Die Cinephilen blickten nach Paris, erhielten Antrieb und Inspiration von der Nouvelle Vague, für die Truffaut verkündete: „Unsere Filme werden Liebeserklärungen sein. Sie werden wahrhaftig sein wie ein Bekenntnis oder ein Tagebuch.“ Die Flagge des Autorenfilms wurde gehisst. „Papas Kino“ schickte man in die Wüste, programmatisch in der Oberhausener Erklärung von 1962. Abschied von Gestern und ein Aufbruch ins Jetzt, aber ins eigene, selbstbestimmte Jetzt.

Für die westdeutschen „Jungfilmer“ wurde ein Thema besonders wichtig: die Befragung der Elterngeneration. Wie konnte es zu den Katastrophen von Krieg und Faschismus kommen? „Der Junge Deutsche Film“, resümiert Jutta Brückner, „hat sich stark mit der Nazi-Vergangenheit Deutschlands auseinandergesetzt. Das ist der eine Fokus; der andere, dass diese Filme alle ganz persönlich geprägt waren“.

Eine Ausstellung und ein Interview-Buch

Der Basler Beat Presser, Jahrgang 1952, der seine Karriere als Fotograf, Kameramann, Zeitungsmacher und Creative Director einer Werbeagentur in Bangkok begann, stieß als Setfotograf und Kameraassistent bei Werner Herzogs „Fitzcarraldo“ (1981) zum Neuen Deutschen Film. Im Lauf der letzten neun Jahre hat er insgesamt 56 Zeugen und Akteure aus dem Umkreis des NDF fotografiert, interviewt und gefilmt. Eine Fotoausstellung und ein Interview-Buch sind daraus entstanden. Die Fotoausstellung, angereichert mit Video- und Audio-Dokumenten, war im Juli 2019 in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste in München zu sehen und soll Anfang 2020 auch in Berlin gastieren.

Ausstellungsplakat
Ausstellungsplakat

Beat Presser ist ein brillanter Porträtist. Eines seiner schönsten Fotos zeigt den legendären Fassbinder-Scorsese-Kameramann Michael Ballhaus (1935-2017), der nachdenklich, beinahe meditativ versunken in einem dunklen Raum steht, beleuchtet von einem Lichtrechteck, das aus einem Projektionsfenster einzustrahlen scheint. Mit offenen Augen träumen: die Essenz des Kinos.

Der im Februar 2019 verstorbene Bruno Ganz, der als Darsteller zu den markantesten Figuren des NDF zählt, wird von Beat Presser mit einem direkten, fast brutalen Auflicht fotografiert. Doch die Grellheit des Lichts verhindert nicht, was Beat-Presser-Porträts generell auszeichnet: die schöne Balance von Pose und Spontaneität, die sich aus einem Augenblick freundschaftlicher Begegnung ergibt.

Entdeckung einer lebendigen Vergangenheit

Dabei geht es nicht darum, die berühmten Regisseure und Darsteller herauszuheben, sondern sie in die Vielfalt der Gewerke, die es beim Filmemachen gibt, einzubetten: Kamera, Ton, Musik, Drehbuch, Kostüm, Produktion. Ein Rundumblick aufs Filmemachen, der einlädt, die Epoche des NDF neu zu entdecken.

Das Interview-Buch, das parallel zur Ausstellung unter demselben Titel „Aufbruch ins Jetzt – Der Neue Deutsche Film“ veröffentlicht wurde, ist nicht, wie man vermuten könnte, ein Ausstellungskatalog, sondern versammelt auf 384 Seiten die 56 Gespräche. Keine Fotos, leider auch keine Personen- und Filme-Register. Weil sich alle Befragten im Rentenalter befinden, geht es meist um Lebensrückblicke und Bilanzen. Manche Befragungen sind arg knapp ausgefallen, teils auch deshalb, weil die Gesprächspartner ihre Beiträge stark zurückgenommen haben. Reinhard Hauff kommt nur kurz zu Wort, um Auskunft über seinen „Stammheim“-Film (1986) zu geben, und Rosa von Praunheim bleibt recht wortkarg, wenn er über seinen „Kultfilm“ „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation in der er lebt“ (1971) und einige Dinge drumherum spricht, doch in den meisten Fällen zeichnen die Gespräche die großen biographischen Bögen nach, besonders ausführlich bei Hans-Jürgen Syberberg, Wim Wenders und dem Ehepaar Ulrich und Erika Gregor.

Das Zentralgestirn RWF

Zu den wichtigen, immer wiederkehrenden Themen zählt neben dem Oberhausener Manifest vor allem die den NDF überragende Gestalt von Rainer Werner Fassbinder. Viele Befragte schildern Fassbinders Charakter und konkret die Arbeit an seinem letzten Film „Querelle“ (1982) in den schillerndsten Farben. Auch Werner Herzog wird von vielen Seiten beleuchtet, vor allem sein „Fitzcarraldo“-Projekt.

Warum manche Gespräche nur zwei Seiten lang sind, andere zwölf, erklärt Beat Presser nicht näher. Offenbar folgt er seinen Verbindungen, Freundschaften, Einschätzungen, seinen Vorblieben für Einzelgänger und kuriose Figuren. Er will kein austariertes NDF-Gesamtbild liefern. Das heißt aber auch, dass seine Darstellung aus anderer Sicht lückenhaft erscheint. Aus Münchner Perspektive ist etwa zu bemängeln, dass das für die journalistische Durchsetzung des NDF immens wichtige Gespann Enno Patalas und Frieda Grafe kaum Erwähnung findet, und dass vor allem Jean-Marie Straub und Danièle Huillet nicht die gebührende Würdigung zuteilwird. Straub/Huillet, die damals in München lebten, hatten nach der ersten NDF-Welle (Kluge, Reitz, Schlöndorff) für die Protagonisten der zweite Welle (Fassbinder, Herzog, Wenders, Thome) die allergrößte Bedeutung. Nur einmal, bei Rudolf Thome, blitzt das kurz auf: „Ganz wichtig für das Trio Lemke-Thome-Zihlmann war damals Jean-Marie Straub. Wir nannten ihn untereinander im Spaß unseren ‚Gott‘!“

Immer wieder fragt Beat Presser nach den Gründen für das Ende des NDF als kulturell bestimmender Bewegung. Der Zeitpunkt dafür wird meist mit dem Tod Fassbinders im Jahr 1982 angegeben, inhaltlich aber bleiben die Antworten unbefriedigend. Lag das Ende wirklich daran, dass die Filme plötzlich allzu persönlich oder auch allzu politisch wurden? Kaum erwähnt wird, dass es schon vor 1982 Kampagnen einiger Produzenten gab, um den Begriff und das Konzept des Autorenfilms in Misskredit zu bringen. Diese Produzenten wollten direkter an die Fördergelder herankommen, verspotteten den Autorenfilm als verquaste, das große Publikum missachtende Nabelschau und kreierten mit aufwändigen Bestsellerverfilmungen ihr Produzentenkino.

„Autorenfilm“: Ehrentitel oder Schimpfwort

Das geschah parallel und passend zu einer gesellschaftlichen Entwicklung, die in der Kohl-Ära auf die Ökonomisierung aller Lebensbereiche drängte. Standort Deutschland. Der Wirtschaftsfaktor entscheidet, die künstlerische Ambition wird verlacht. Wim Wenders: „Aus dem Ehrentitel ,Autorenfilm‘ wurde ein Schimpfwort.“

Bis heute haftet dem Autorenfilm etwas von der damaligen üblen Nachrede an. Das macht blind für einen wesentlichen Aspekt des NDF, der im Interviewbuch gut zur Geltung kommt, vor allem durch die Statements von Claudia von Alemann, Jutta Brückner und Ulrike Ottinger, dass nämlich der Autorenfilm dem Frauenfilm die Türen geöffnet habe. „Da war also“, erinnert sich Jutta Brückner, „der von einem Autorenwillen geprägte Film – und das kam den Frauen unglaublich entgegen, denn wir hatten ja Neues zu erzählen, andere Blicke auf die Welt. Nirgendwo sonst auf der Welt haben Regisseurinnen und Regisseure so persönlich wie wir Geschichten erzählt. Mir sagte damals der Leiter einer brasilianischen Kinemathek, der deutsche Film sei der Avantgardefilm der Welt und die Filme der Frauen ein starker Teil davon!“


Aufbruch ins Jetzt – Der Neue Deutsche Film. Gespräche von Beat Presser. Gestaltet und herausgegeben von Vera Pechel. Mit einem Vorwort von Hans Helmut Prinzler. edition achsensprung, Basel 2019, 384 S., 25 Euro.

Zu bestellen unter:

info@verapechel.ch


Mehr über Beat Presser: beatpresser.com


Foto oben: Bruno Ganz © Beat Presser

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