© Beat Presser (Porträt von Bruno Ganz)

Aufbruch ins Jetzt: Fotografien von Beat Presser zum Neuen Deutschen Film

Montag, 10.02.2020

Erinnerungen an den Neuen Deutschen Film und seine Protagonisten: Ein Buch & eine Ausstellung von Beat Presser

Diskussion

„Der alte Film ist tot. Wir glauben an den neuen“, hieß es im Oberhausener Manifest, der „Geburtsurkunde“ des Neuen Deutschen Films. Den Menschen, die diese deutsche „Neue Welle“ ins Rollen brachten und prägten, hat der Kameramann und Fotograf Beat Presser in Text und Bild ein Denkmal gesetzt. Sein Buch „Aufbruch ins Jetzt – Der Neue Deutsche Film“ enthält Interviews mit zahlreichen FilmemacherInnen; unter dem Titel "Aufbruch und Umbruch" sind seine Fotos nun ab 13. Februar 2020 in Berlin im Willy-Brandt-Haus zu sehen.


In ihrer Kurzgeschichte „Lange Schatten“ erzählt Marie Luise Kaschnitz von der zwölfjährigen Rosie, die sich beim Urlaub in Italien mit ihren Eltern furchtbar langweilt, bis sie zum ersten Mal den Weg ins Dorf ganz alleine gehen darf. Dieser Gang wird für Rosie zu einem überwältigenden Moment von Freiheit und Weltverzauberung: „Wenn man allein ist, wird alles groß und merkwürdig und beginnt einem allein zu gehören, meine Straße, meine schwarze räudige Katze, meine langen Beine in verschossenen Leinenhosen.“ Es ist keiner da, der an ihr „herumerzieht“, es sind ihre ersten Schritte, den „eigenen Weg“ zu gehen. Ähnlich beschreibt Wim Wenders im Gespräch mit dem Fotografen Beat Presser eine prägende Erfahrung seiner Kindheit. Zum ersten Mal darf er allein auf Reisen gehen, eine Eisenbahnfahrt machen: „Ich war im siebten Himmel: endlich alleine reisen! Die ganze Fahrt lang saß ich alleine am Fenster. Das war eine königliche Erfahrung, ein Urerlebnis!“ Urerlebnisse dieser Art sind die innersten Triebfedern beim Aufbruch des „Neuen Deutschen Films“ (NDF). In vielen Zeugnissen, die Beat Presser versammelt hat, lässt sich etwas vom Willen entdecken, ohne Bevormundung zu leben, den eigenen Ideen zu folgen und eine Sprache dafür zu finden: meine Erfahrungen, meine Ideen, meine Art, davon zu erzählen.

Aufbruch ins Jetzt & Abrechnung mit der NS-Vergangenheit

Die 1960er-Jahre, der Jugendzeit für die meisten NDF-Protagonisten, waren solchen Ambitionen förderlich. Ein Jahrzehnt vielfältiger Auf- und Umbrüche in den westlichen Ländern: Studentenrevolte, Bürgerrechtsbewegung, Anti-Vietnamkrieg-Demonstrationen, Mai 68. Die Cinephilen blickten nach Paris, erhielten Antrieb und Inspiration von der Nouvelle Vague, für die Truffaut verkündete: „Unsere Filme werden Liebeserklärungen sein. Sie werden wahrhaftig sein wie ein Bekenntnis oder ein Tagebuch.“ Die Flagge des Autorenfilms wurde gehisst. „Papas Kino“ schickte man in die Wüste, programmatisch in der Oberhausener Erklärung von 1962. Abschied von Gestern und ein Aufbruch ins Jetzt, aber ins eig

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