Ein Stück vom Himmel

Donnerstag, 24.10.2019

Die Editorin Heidi Handorf über gute Filme, mutlose Sender und Politik

Diskussion

Heidi Handorf, Jahrgang 1949, lernte ihr Handwerk als Schnittassistentin bei prägenden Protagonisten des Neuen Deutschen Films wie Alexander Kluge und Volker Schlöndorff. Als Editorin arbeitete sie mit Edgar Reitz an „Heimat – Eine deutsche Chronik“, sie montierte „Stammheim“ von Reinhard Hauff, schnitt für Herbert Achternbusch. In den 1990er- und 2000er-Jahren arbeitete sie häufig mit Matti Geschonneck und Oliver Storz zusammen; Fernsehspiele und Serien bestimmten in dieser Zeit wesentlich ihr Schaffen. Am 25. Oktober wird sie beim Festival für Filmschnitt und Montagekunst Filmplus (25.-28.10.) in Köln für ihre Lebensleistung mit dem „Ehrenpreis Schnitt“ ausgezeichnet. In ihrer Wohnung in München-Schwabing spricht sie über die Bedeutung der Montage, das richtige Tempo, bewegte Jahre und die gesellschaftliche Relevanz von Film.


Frau Handorf, allein im Dunklen – ist Ihre Arbeit nicht sehr einsam?

Als ich noch am Steenbeck-Schneidetisch gearbeitet habe, musste der Raum abgedunkelt werden, das Licht durfte nicht auf die Mattscheibe fallen. Aber ich habe immer darauf geachtet, dass ich ein Stück Himmel sehen konnte. Am Avid habe ich dann bei Tageslicht gearbeitet, die Monitore sind ja wie TV-Geräte. Einsam war ich nicht; es gab die Assistentinnen, denen ich sehr dankbar bin! Ich habe ihnen gern die geschnittenen Szenen gezeigt, mit der Bitte: „Sag mir, was nicht stimmt.“ Sie haben die Schwachstelle meist sofort entdeckt.

Und wie haben Sie es mit der Kommunikation mit den Regisseuren gehalten?

Na ja, es ist eine schöne Sache, wenn niemand kommt und stört. Dann kann ich in Ruhe das Material ausmustern. Erst einmal findet alles im Kopf statt. Ich habe es gern, wenn ich den ganzen Film allein schneiden kann. Mein Rhythmus, mein Tempo, meine Pausen. Den fertigen Rohschnitt zeige ich dem Regisseur. Dann besprechen wir, wo es hakt, wo man etwas auslassen oder beschleunigen kann. Gut ist es immer, wenn der Rohschnitt zu lang ist, wenn man kürzen, dem Ganzen Tempo geben kann. Wenn der Rohschnitt schon auf Sendelänge ist, kann das furchtbar schleppend werden.

Neigen Sie zur Kürze?

Ja. Ich habe mir jetzt den Dreiteiler „A Very English Scandal“ von Stephen Frears angeschaut. Der ist sehr gut geschnitten, hat ein Supertempo! Dagegen dieses Stehenlassen und noch ein Blick und noch ein Blick... Bei „Stammheim“ fühlte es sich zum ersten Mal richtig gut an; Reinhard Hauff hatte sehr schnell und so gut inszeniert, das habe ich aufgenommen: Zwischen die Sätze passt meist keine Pause mehr. „Stammheim“ ist, was meine Arbeit betrifft, mein Lieblingsfilm.

Gutes Tempo: Heidi Handorf schätzt den Mehrteiler "A Very English Scandal"
Gutes Tempo: Heidi Handorf schätzt den Mehrteiler "A Very English Scandal"

Was bedeutet der Hang zum Tempo, zur Kürze für die epischen Filme – etwa Edgar Reitz’ „Heimat – Eine deutsche Chronik“?

Ich habe natürlich das Tempo der Inszenierung aufgenommen und erst beim Feinschnitt beschleunigt. Aber „Heimat“ spielt in einer anderen Zeit – da wäre es falsch gewesen, so temporeich zu erzählen. Wobei die erste Folge Rhythmusprobleme hat – diesen Eindruck habe ich jedenfalls immer, wenn ich sie wiedersehe, wie vor ein paar Jahren, als Edgar die restaurierte Kopie gezeigt hat. Das Material von Gernot Roll – ein großartiger Kameramann! – war so fantastisch, es hat mich inspiriert. Solche Bilder hatte ich bei den vorigen Filmen nicht auf dem Schneidetisch gehabt. Und die Schauspieler, alles neue Gesichter.

Wie haben Sie Edgar Reitz kennengelernt?

Alexander Kluge drehte „In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod“. Edgar Reitz machte Kamera, Cutterin war Beate Mainka, ich Schnittassistentin. Es wurde eine Liebesszene im Bett gedreht. Beate Mainka weigerte sich, die Szene zu schneiden, also haben Edgar und ich das gemacht: Unsere erste Zusammenarbeit.

Bei uns lief das auf eine Zehn-bis-Zwölf-Minuten-Szene hinaus, sie hat sich das angeguckt, bearbeitet und in ihren Rohschnitt eingesetzt: Zwei Leute gehen ins Bett, die Lampe fällt um, das Licht geht aus. Ich musste lachen, das war originell, oder?

Wie kamen Sie denn zum Filmschnitt? Zunächst hatten Sie eine Fotografenausbildung gemacht.

Ich habe ein Gespräch mit meiner Schwester geführt, was wir mal werden wollen. Ich sagte: „Schauspielerin!“ Sie darauf. „Was, du? Du bist doch so hässlich...“ (lacht) In unserer Kleinstadt (Anm. d. Red.: Uetersen in Schleswig-Holstein) hatten wir vier Kinos! Da lief immer irgendetwas, aber natürlich keine Filmkunst. Das Aufregendste waren die Edgar-Wallace-Filme. Die Fotografenlehre habe ich in einem Familienbetrieb gemacht, in dem wir eigentlich als billige Laborkräfte ausgebeutet wurden. Heute fotografiere ich wieder ganz gern...

Nach der Lehre sind Sie dann an das Geyer Kopierwerk in Hamburg gegangen.

1969 habe ich in der Lichtbestimmung gearbeitet, Umkehrfilm 16 mm. Das Kopierwerk war gleich neben der Deutschen Wochenschau, so kam ich in Kontakt mit den Kameramännern und wurde schnell abgeworben. Ich wurde in zwei Jahren zur Jungcutterin ausgebildet: Eine tolle, eine politische Zeit! Immerhin war Willy Brandt Kanzler, 1970 Kniefall in Warschau, 1972 Misstrauensvotum, extrem spannend! Bei der Wochenschau habe ich alles gelernt, Bild- und Negativschnitt, Vertonung, Mischung und Tischtennis spielen.

Ein Meilenstein nicht nur in der Karriere von Heidi Handorf:: "Heimat - Eine deutsche Chronik"
Ein Meilenstein nicht nur in der Karriere von Heidi Handorf: "Heimat - Eine deutsche Chronik"

Zur Olympiade im selben Jahr haben wir mit der Fox „Tönende Wochenschau“-Beiträge bei ARRI für den weltweiten Wochenschau-Pool hergestellt. Gewohnt haben wir in den ARRI-Garderobenräumen. Es war wirklich eine heitere Zeit. Und dann das Attentat auf die Israelis!

Ich bin in München geblieben, weil ich vorher schon das Angebot hatte, Werbung zu schneiden – das hat mir im Übrigen überhaupt nicht gefallen. Man stelle sich mal einen Clip aus der Zeit vor, Progress Staubsauger! Ich kannte keinen Menschen in München, bin dann aber zu politischen Veranstaltungen gegangen und habe dort Gleichgesinnte kennengelernt.

Am Anfang Ihrer Karriere haben Sie auch mal für Script & Continuity gearbeitet, ein Beruf, in dem es um Anschlüsse geht und der für den Schnitt sehr wichtig ist. Warum haben Sie sich schließlich doch für den Schneideraum entschieden?

Ich wollte unbedingt wissen, wie es am Set zugeht; am Anfang fand ich es toll. Den ersten Job als Script habe ich aber nur bekommen, weil ich nach dem Dreh abends und nachts noch die Muster anlegen musste. Doppelschicht. Ganz schnell habe ich festgestellt: Das ist nicht meins. Ich kann nichts Kreatives machen, nur mitschreiben und muss immer warten, warten, warten, bis es wieder losgeht. Das war langweilig!

Im Schnitt war der Wechsel von Analog zu Digital eine große Umwälzung. Wie sind Sie damit umgegangen?

Mein erster digitaler Film 1999 war eine Helmut-Dietl-Produktion unter der Regie von Dagmar Wagner. Ich hatte während des gesamten Schnitts eine Assistentin, die mir zeigte, wie ich den Avid bedienen musste. Sie war den ganzen Tag für mich da, das war wunderbar, da ich immer wieder Fehler machte und asynchron wurde. Damals war mir klar: Nie wieder zurück an den Schneidetisch. Ich habe das digitale Schneiden geliebt! Vom ersten Moment an. Hätte ich nur schon früher damit begonnen!

Fehlte Ihnen nicht das Filmmaterial, das Haptische?

Überhaupt nicht. Ich hatte zerschnittene Finger, der rechte Nagel am Zeigefinger war immer sehr kurz, ich konnte es nicht leiden, wenn Schrammen im Material waren; ich mochte den Dreck nicht sehen; jede Klebestelle machte, wenn sie durch die Trommel des Schneidetischs lief „klöck, klöck, klöck ...“ (lacht). Nein. Das habe ich von Anfang an nicht vermisst, das war vorbei. Ich habe dann noch 14 Jahre am Avid geschnitten – das war gut, vor allem bei diesen Unmengen von Material, gedreht mit zwei, manchmal auch drei Kameras. Ich habe ja nicht nur Fernsehspiele geschnitten, sondern auch Serien.

Hat sich der Beruf des Editoren nicht sehr verändert durch die Digitalisierung – gerade durch diese Unmengen von Material, die man sichtet und über die man entscheidet?

Nein, eigentlich nicht. Schnitt ist Schnitt. Wenn ich an „Stammheim“ denke – da wurden 60 bis 70 Prozent mit zwei Kameras gedreht, das war auch schon ganz schön viel Material. Bei Dokumentarfilmen finde ich das sehr gut, da erschließt es neue Möglichkeiten, das Drehen ist nicht mehr so teuer. Ich habe in meinem ganzen Leben nur drei Dokumentarfilme geschnitten. Leider.

"Stammheim"
"Stammheim"

Sehen sie gern Dokumentarfilme?

Ja, die waren immer spannender, anrührender, engagierter als Spielfilme. Ich war mal Mitglied der Filmakademie und habe mich als erstes auf die Dokus aus dem Filmpaket gestürzt. Ausgetreten bin ich, weil ich diese langweiligen Spielfilme nicht mehr sehen wollte: Diese Beziehungsprobleme! So geht es, glaube ich, einigen in der Branche: Wir würden lieber an anderen Filmen mitarbeiten als an diesem Zeug – auch das, was ich zum Schluss geschnitten habe, würde ich mir abends nicht freiwillig anschauen. In jedem Titel irgendetwas mit Liebe. Aber ich musste ja mein Geld verdienen. Mein Lieblingssender ist Phoenix, ich habe Netflix, sehe gerade die Serie „Big Little Lies“ auf DVD – da kommt das deutsche Fernsehen gar nicht mit.

Was fehlt Ihnen da?

Ich will etwas erzählen, es soll emotional sein. Ich will die Menschen berühren, es soll sie nicht loslassen. Wie ich das erreiche, hängt immer vom Material ab. Die Besetzung ist wichtig! Waren die Schauspieler gut, war ich zufrieden. Man soll sich nicht langweilen. Ich will bereichert aus einem Film gehen. Sonst nehme ich doch lieber ein Buch. Wenn ich dann so Filme sehe: Eine Frau, zwei Männer – wie viele solcher Filme ich in den letzten Jahren geschnitten habe! Haben die Sender Angst vor dem Risiko, etwas Neues zu wagen? Weshalb sieht man immer dasselbe? Und wenn ihnen gar nichts einfällt, vielleicht mal wieder eine neue Krimi-Reihe?

Würden Sie denn sagen, dass das früher besser war? So jemand wie Herbert Achternbusch ist schließlich ein singuläres Phänomen...

Das ist 40 Jahre her... Mit Herbert zu drehen war lustig! Wir haben während des Drehs bei einem Film in seinem Haus in Buchendorf übernachtet, da hat er morgens immer Frühstück für uns alle gemacht. Wir waren natürlich ein extrem kleines Team. Mein Part waren Script, Regieassistenz und Schnitt. Manche denken immer, mit Herbert zu arbeiten war so exzentrisch, spektakulär. Nein – ich habe allein geschnitten, er kam vorbei, hat sich den Schnitt angeschaut und war zufrieden.

Man muss ja auch eine Vision teilen – wie funktioniert das, wenn man so viel für sich allein arbeitet?

Ich hatte nie das Problem, keinen Zugang zu einem Film zu finden. Ob die Zusammenarbeit klappt oder nicht, merkt man in der Regel schon beim Vorgespräch. Es ist ja nicht so, dass ich auf Teufel komm raus meine Vorstellungen durchsetzen wollte. Es ist der Film des Regisseurs, das ist klar. Was er will, drückt er in seinen Inszenierungen und Bildern aus. Die guten Regisseure waren immer dankbar für neue Ideen, die ich beim Schnitt hatte. Nach ein paar Tagen waren es dann ihre Ideen. Auch gut!

Die Art von Film, die sich Heidi Handorf privat nicht ansehen würde: Eine Folge aus der "Lilly Schönauer"-Reihe ("Liebe mit Hindernissen"), für die Handorf einige Filme montiert hat.
Die Art von Film, die sich Heidi Handorf privat nicht ansehen würde: Eine Folge aus der "Lilly Schönauer"-Reihe ("Liebe mit Hindernissen"), für die Handorf einige Filme montiert hat.

Haben Sie nie gedacht: „Hier komme ich nicht weiter, das war jetzt ein Fehler?“

Ein Fehler war es sicher, mit Dieter Wedel gearbeitet zu haben. Seine Inszenierung kritisieren durfte man um Gottes willen nicht – da hatte man wirklich schlechte Laune im Schneideraum. Ich hätte es einfach sein lassen sollen. Aber da steht dann immer die Frage dahinter: Wann kommt der nächste Job?

Sie haben sehr viel für Regisseure geschnitten – bildet das einfach das Verhältnis von Männern und Frauen in diesem Beruf ab?

Ich denke schon. Die Regisseurinnen wehren sich ja und fordern die 50-Prozent-Quote, machen gute Anläufe. Mir ist übrigens aufgefallen, wer jetzt bei Filmplus nominiert ist: Beim Spielfilm sind das fast nur Männer, beim Dokumentarfilm nur Frauen. Die Jury hat da bestimmt nicht geschlechtsspezifisch entschieden, die Auswahl der Cutter durch die Regisseure findet schon vorher statt. Einen Dokumentarfilm zu schneiden bedeutet viel mehr Arbeit, kann sich lange hinziehen und ist viel schlechter bezahlt. Das Verhältnis von Frauen und Männern in unserem Beruf hat sich ohnehin stark verschoben. Inzwischen schneiden mehr Männer als Frauen. Früher war das umgekehrt: Wir mit unseren feinen Fingerchen... (lacht)

Gibt es auch Lieblingsprojekte?

Alles was ich mit Reinhard Hauff gemacht habe! Er war 1973 der erste Spielfilmregisseur, den ich überhaupt kennengelernt habe. Er war lustig und freundlich, die Zusammenarbeit war einfach klasse, egal ob ich Assistentin war oder Cutterin. Ich bin sicher von ihm geprägt worden. Wenn ich die Filme heute wiedersehe – vor zwei Jahren gab es eine Hommage auf dem Münchner Filmfest – bin ich sehr zufrieden. Das ist nicht immer so, ich entdecke manchmal Fehler, diejenigen des Regisseurs oder meine. Das treibt mich dann schon sehr um.

Reinhard und ich treffen uns auch heute noch! Sein wichtigster Anruf war vor mittlerweile 43 Jahren: „Heidi, willst du meine Wohnung haben?“ Das ist die Wohnung, in der wir gerade sitzen.

Sie wurden als „Monteurin der deutschen Geschichte“ bezeichnet.

Als ich das las, habe ich mich gefreut. Das bringt es auf den Punkt! Mein Anspruch ist schon, lieber gesellschaftlich-politisch relevante Filme zu machen als immer diese Nabelschau. Es ist nicht egal, welche Politik gemacht wird, auch für den Einzelnen nicht. Ich sehe zum Beispiel gerne Filme von Ken Loach. So jemanden haben wir hier gar nicht. Man sieht immer wieder, wie Politik versagen kann, an welchem Punkt etwas schiefgegangen ist. Da ist es doch toll, so etwas nochmal in Spielfilmform zu sehen! „Im Schatten der Macht“, der Willy-Brandt-Zweiteiler von Oliver Storz, den ich geschnitten habe, ist da ein gutes Beispiel.

Haben Sie sich als Workaholic in die Arbeit gestürzt?

Nein, ich war nie Workaholic und nie Pedant. Ich konnte in meinen arbeitslosen Zeiten das Leben genießen. Natürlich habe ich mir Sorgen gemacht, wie es weitergeht, wenn die Abstände zu groß wurden. Ich war sehr froh, dass es das Arbeitsamt gab. Ich habe nie auf Rechnung, immer auf Lohnsteuerkarte gearbeitet. Das zahlt sich jetzt auch bei der Rente aus.

Die Leidenschaft für ihren Beruf ist spürbar – warum haben Sie aufgehört?

Ich hatte eigentlich ein Folgeprojekt – und dann einen Bandscheibenvorfall, unter den Folgen leide ich noch heute. Jetzt reise ich sehr viel, gehe in die Oper, zu Lesungen, ich liebe es, chinesisch zu essen und zu kochen. Ich habe eine Ausbildung zur Kindermediatorin in Schulen gemacht, als „Lesefuchs“ lese ich seit acht Jahren Kindern in Grundschulen vor: Das macht mir viel Freude. Langweilig wird mir nicht. Ich bleibe in Bewegung! Und gucke gute Filme.



Fotos: oben: Porträt von Heidi Handorf, © Werner Busch Filmproduktion. Andere Fotos: © Sony, Edgar Reitz Filmstiftung, Filmgalerie 451, Graf Filmproduktion

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