Wiedergeburt eines Stummfilm-Meilensteins

Freitag, 25.10.2019

Zum 130. Geburtstag von Regisseur Abel Gance zeigt arte das Stummfilm-Meisterwerk in rekonstruierter Fassung

Diskussion

Am 25.10. jährt sich der Geburtstag des französischen Meisterregisseurs Abel Gance (1889-1981) zum 130. Mal. Aus diesem Anlass zeigt arte an zwei Abenden, am 28. Oktober und am 4. November, die rekonstruierte Film- und Musikfassung des Stummfilms „La Roue – Das Rad“ aus dem Jahre 1923. Die in Kooperation der Fondation Jérôme Seydoux-Pathé, ZDF/arte, Deutschlandfunk Kultur und Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin entstandene Version hat eine TV-Laufzeit von 415 Minuten.

Der Schauspieler und Kinopionier Abel Gance arbeitete von 1919, nach seinem Durchbruch mit dem pazifistischen Film J’accuse („Ich klage an“), bis 1922 am Melodram „La Roue“. Die Premierenfassung im Pariser Gaumont Palace, für die Arthur Honegger eine anspruchsvolle Kompilationsmusik zusammenstellte, dauerte rund achteinhalb Stunden und war anschließend in vier Teilen in den französischen Kinos zu sehen. Ein Jahr später erstellte Gance eine zweiteilige, vierstündige Version.

„Kino, das ist die Musik des Lichts“, schreibt Abel Gance 1923. Für den Apologeten der Siebten Kunst ist es „Telepathie der Stille, leuchtendes Evangelium von Morgen, Übersetzung einer unsichtbaren Welt in eine sichtbare Welt, um den ermüdeten, erschöpften Menschen, die gelegentlich von ihrer täglichen Arbeit entmutigt sind, Trost und persönliche Momente der Erholung und Freude zu spenden.“

Ein Eisenbahner und seine Liebe zu einer jungen Frau

Diese Komponenten seiner schwärmerischen Vorstellung vom Kino als einer moralisch erhebenden Institution finden in der melodramatisch, realistisch und auch humoristisch angelegten Geschichte von „La Roue“ ihren Widerhall. Auch autobiographische Töne (Gesundheitsprobleme seiner jungen Frau führten zur Verlagerung des Drehorts von Paris nach Nizza und in die Bergwelt; Hauptdarsteller Séverin Mars verstarb nach dem Schnitt) sind darin enthalten. Der verwitwete Eisenbahner Sisif sorgt nach einem Zugunglück für die zweijährige Waise Norma und zieht sie mit seinem Sohn Elie in einfachen Verhältnissen auf.

Das Kind, aus dem eine vielbegehrte Frau werden wird: Szene aus "La Roue"
Das Kind, aus dem eine vielbegehrte Frau werden wird: Szene aus "La Roue"

Der junge Mann verliebt sich in seine „Schwester“, und auch Sisif entwickelt eine un-väterliche Leidenschaft für sein Mündel, die er allerdings zu unterdrücken und zu verbergen versucht. Doch dann verlieren beide Norma an den betuchten Bahningenieur Hersan, der Sisif mit dem Geheimnis um Norma erpresst. Das Schicksal will es, dass Sisif durch ein Ungeschick seines Heizers das Augenlicht verliert und, degradiert, in der einsamen Bergwelt des Mont Blanc Arbeit annehmen muss. Beim Kampf mit Hersan auf einem Felsvorsprung stürzt Elie in die Tiefe. Aber immerhin gibt es eine späte Wiedervereinigung von Sisif und Norma: Von seiner „Tochter“ gepflegt, schläft der erblindete Alte während eines Fests der Bergbauern in der Schneelandschaft friedlich ein.

Abel Gance setzte technisch-innovative Maßstäbe

Die sogenannten Impressionisten – die erste „Nouvelle vague“ französischer Filmkünstler um Abel Gance, Louis Delluc und Germaine Dulac – bekamen nach dem Ersten Weltkrieg die Chance, ihre cineastischen Ideen zu realisieren. Der Filmhistoriker Viktor Sidler verwies dabei auf das „Atmen der Kamera, die Schwingungen des Lichts, die Visualität der Dinge, die Ausstrahlung der Räume und die licht-ummalte Sinnlichkeit der Gegenstände, die Musikalität der Bildmontage“. Gance, zunächst Literat, Verfasser von Filmszenarien, Schauspieler, Mitglied des „Film d’art“, träumte von einer kinematographischen „Symphonie in Raum und Zeit“. Wie der Amerikaner David W. Griffith mit „Intolerance“ (1916) oder der Italiener Giovanni Pastrone mit „Cabiria“ (1914) setzte er technisch-innovative Maßstäbe.

Die lyrisch-impressionistische Fotografie von „La Roue“ gipfelt immer wieder in der rhythmischen, spannungssteigernden „Beschleunigungsmontage“ („Montage accéléré“), die Parallelen zur Schnitttechnik eines Sergej Eisenstein oder Wsewolod Pudowkin aufweist. Mehrfachbelichtungen, Parallelmontagen und Schärfeverlagerungen setzen psychologische Akzente, verbinden entfernte Schauplätze miteinander, bauen durch immer kürzere Bilderfolgen eine neue Kadenz auf.

Das Motiv der Eisenbahn liefert den Aufhänger für die "Beschleunigungsmontage“
Das Motiv der Eisenbahn liefert den Aufhänger für die "Beschleunigungsmontage“

Die „Wiedergeburt“ des Films durch die Rekonstruktion

Für die Rekonstruktion der Urfassung standen François Ede noch 14 von 32 Rollen des Kamera-Negativs sowie Kopien der Cinémathèque Suisse, Cinémathèque Française, von Lobster Films und vom Nationalen Filmarchiv Prag zur Verfügung. Komponist Bernd Thewes stellte anhand der erhaltenen Musikliste Honeggers Premierenmusik wieder her, so dass sich Abel Gances Vision des idealen Zusammenspiels von Bild und Ton nachvollziehen lässt. Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung von Frank Strobel setzt diese Konzeption von einer eigenständigen, nicht nur illustrierenden Funktion der Musik eindrucksvoll um. Die Redaktion lag bei Nina Goslar (ZDF/arte) und Stefan Lang (DLF).

Die Restaurierung des Films macht Herkunft und Disparität der unterschiedlichen Materialien sichtbar: Die überlieferten Viragen (Tinting und Toning) mit ihren gelb-orangen, schön abgestuften Blau- und Grau-Werten unterstützen die Dramaturgie, lassen aber kein durchgängiges Muster erkennen. Die diversen Gebrauchsspuren und Schärfeabweichungen mögen einem absoluten Qualitätsanspruch nicht genügen, verweisen aber so auf die Authentizität und das Bemühen der Rekonstruktion, das vergessene und verstümmelte Meisterwerk seinem Original wieder anzunähern.

Kino als Audruck der basalen menschlichen Regungen
Kino als Ausdruck der basalen menschlichen Regungen

Ein Film über die „conditio humana“

Abel Gance suchte als „verhinderter Bühnendramatiker“ seine künstlerische, seine ästhetische Verwirklichung im Film. „La Roue“, das ergreifend emotionale Drama, kontrastiert dezidiert sozial-realistische Elemente mit naiv-romantischen und auch ironisch-boulevardesken Szenen. Die Tristesse der von Kohle und Rauch gezeichneten Arbeits- und Lebenswelt in der Umgebung von Nizza leitet die epische Tragödie ein. Das proletarische, vom Alkohol bestimmte Milieu wird durch Großaufnahmen typisierter Charaktere und stimmiger Dekors in der Eisenbahnerkneipe anschaulich vermittelt. Sisifs Schuld einer besitzergreifenden, verbotenen Liebe zu Norma mündet in einen Selbstmordversuch. Dem kindlichen Verhalten und Spiel der erwachsenen Elie und Norma steht die Verschmelzung von Mensch und Maschine gegenüber.

Gance – ein missionarischer Taktgeber der Stummfilm-Avantgarde – schuf mit „La Roue“ eine Symphonie, eine Hymne auf das Leben und den Tod, auf den ewigen Kreislauf vom Werden und Vergehen. Das universelle Leid des Menschen, die individuelle wie gesellschaftliche Entwicklung erscheint als Spielball der Geschichte, in der man wie Sisif (als Sisyphus oder Christus) sein Kreuz zu tragen hat.



Fotos: © Jérôme Seydoux/Pathé

Kommentar verfassen

Kommentieren