Die Kunst des Handwerks

Montag, 18.11.2019

Ein Interview-Buch mit Volker Schlöndorff rund um seine über 50-jährige Karriere als Filmemacher

Diskussion

Obwohl Volker Schlöndorff ein erklärter Billy-Wilder-Fan ist, hat er noch nie eine Komödie gedreht. Warum sich das in seinem langen Leben als Filmemacher so ergeben hat, verrät er in einem Interview-Buch, das sein Werk seit Der junge Törless(1966) bis zu Rückkehr nach Montauk (2017) Revue passieren lässt. Ein Gespräch über Siege und Niederlagen und wie sich sein Spätwerk runden könnte.


Volker Schlöndorff ist 80 Jahre alt geworden und blickt zurück. Natürlich auf Erfolge, danach wird er vom Autor Josef Schnelle gefragt. Auf seinen fulminanten Einstieg ins Filmemachen 1966 mit „Der junge Törless“. Und natürlich auf „Die Blechtrommel“, auf Oskar Matzerath und den „Oscar“ der Academy of Motion Picture Arts and Sciences. Er blickt auf ein erfülltes Leben mit dem Gefühl zurück, das Richtige gefunden zu haben. Der Blick auf ihn in diesem Buch sieht einen „neugierigen, uneitlen, bescheidenen, wachen, selbstkritischen, freundlichen, erwartungsfrohen“ Mann, den sein täglicher Trainingslauf durch den Wald fit hält.

Im Dienst großer Literatur

Volker Schlöndorff, der Meister der Literaturverfilmung, versteht sich als Handwerker, dem es um Werktreue geht. Robert Musil, Heinrich von Kleist, Bertolt Brecht, Heinrich Böll, Marguerite Yourcenar, Günter Grass, Nicolas Born, Marcel Proust, Arthur Miller, Margaret Atwood, Max Frisch... Wie kein anderer hat sich Volker Schlöndorff in den Dienst der großen Literatur gestellt, nicht als genialischer Autor oder schöpferischer Geist, sondern als Vermittler literarischer Gedanken. Bin ich überhaupt ein Künstler? hat er einmal in einem früheren Gespräch gefragt.

In dem langen Interview, das Schnelle mit ihm in Schlöndorffs Haus am Griebnitzsee in Potsdam führte, erzählt er auch von seinen Zweifeln, vom Scheitern und von biografischen Befindlichkeiten. Das macht die besondere Qualität von „Im nächsten Leben: Komödie“ aus.

Etwa die Fragen, die in quälten, als ihm der Produzent Franz Seitz 1976 anbot, „Die Blechtrommel“ von Günter Grass zu verfilmen. „Das ist was für Roman Polanski oder Federico Fellini oder jemanden, der einerseits so eine wilde Bildfantasie hat und andererseits im Grotesken zu Haus ist“, schoss es ihm durch den Kopf. Doch dann kamen Kindheitserinnerungen in ihm hoch, an Gucklöcher in Badekabinen, in denen Erwachsene herumlagen. So fand er einen Einstieg in einen Film, der ihm Weltruhm schenkte. Ein Kind beobachtet die Welt der Erwachsenen, und dieses Kind heißt Volker Schlöndorff, der mit vier Jahren seine Mutter verloren hat, ein Kindheitstrauma, das zu einer Szene wurde, die gar nicht in der Grassschen Blechtrommel vorkommt.

"Die Blechtrommel"
"Die Blechtrommel"


Lob des Handwerks

Schlöndorff erinnert sich aber auch an das Gefühl des Scheiterns bei der Verfilmung von Marcel Prousts „Eine Liebe von Swann“, die in Frankreich auf allgemeine Ablehnung stieß, was ihn sehr enttäuschte. „Das hat mich deshalb verletzt, weil ich behaupte, dass ich sehr viel mehr als viele meiner französischen Freunde davon verstehe und sehr da reingegangen bin.“

Die französischen Freunde, das ist Schlöndorffs filmische „Grundschule“. Nach Regie-Assistenzen bei Louis Malle, Alain Resnais und Jean-Pierre Melville kam er 1964 nach Deutschland, wo junge Regisseure debütierten, die ihr Handwerk nicht gelernt hatten. Da gab es weder Filmschulen noch Filmproduzenten oder Regisseure, die sich um den Nachwuchs gekümmert hätten. Er kam als professioneller Regieassistent in diese Szene, die gerade im Entstehen begriffen war, und hatte das Gefühl, der einzige Profi zu sein. Er lernte, dass das Handwerk erlernbar, aber Kreativität etwas anderes ist. Die Arbeiten von Alexander Kluge, das „Reportagemäßige und Witzige“ von Ulrich Schamoni und das „legendenhaft Starke“ von Werner Herzog verblüffen ihn. „Das ist zehnmal mehr wert als meine Professionalität. Es ist gut, dass ich die habe. Aber das reicht nicht.“

Noch ein anderer, der aus Frankreich kam, gehörte zu der Szene: Jean-Marie Straub. Er drehte mit Danièle Huillet 1965 „Nicht versöhnt oder Es hilft nur Gewalt wo Gewalt herrscht nach dem Roman „Billard um halb zehn“ von Heinrich Böll. Es ist die wohl außergewöhnlichste und interessanteste deutsche Literaturverfilmung und das Gegenteil von Schlöndorffs Werktreue. Straub/Huillet lösen sich von der Dramaturgie der literarischen Vorlage und finden eine neue, filmische Entsprechung. Die hat den Autor Böll sehr verstört, der sich freundlich davon distanzierte.

Nahe am Werk und am Autor

Zehn Jahre später verfilmte Schlöndorff Bölls „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ mit Angela Winkler und Mario Adorf. Und Heinrich Böll war ein kommunikativer und freundlicher Begleiter des Regisseurs. Nah am Werk und am Autor, lautet Schlöndorffs Prinzip der Literaturadaption. Das funktionierte mit dem „strengen und einschüchternden“ Günter Grass, mit Arthur Miller („die einfachste und schönste Zusammenarbeit“), mit Max Frisch, dem Freund, der ihm seinen alten Jaguar 420 Saloon, Baujahr 1967, schenkte, mit dem Schlöndorff noch heute fährt.

"Rückkehr nach Montauk"
"Rückkehr nach Montauk"


Max Frischs Roman „Montauk“ benutzt er auch als „literarisches Material“ für seinen (bisher) letzten Film „Rückkehr nach Montauk“, in den er eigene Erlebnisse mit einer Frau einbrachte. Er machte dabei eine überraschende Erfahrung: „Ich hab’ erst nachdem ich den Film gemacht habe, verstanden, was mir vor 20 Jahren passiert ist. Das ist natürlich zu spät. Jetzt müsste ich mich eigentlich hinsetzen und den Film neu machen, aber das geht im Kino nicht.“ Muss auch nicht sein. Schlöndorff weiß: „Das Einzige, was mich heute noch am Filmemachen interessiert und was mir Spaß macht, ist die Arbeit mit den Schauspielern. Die Technik: Irgendwann wird man müde, damit zu spielen.“

Ein halbes Jahrhundert

Meine inneren Dämonen sind alle noch da“, verriet jüngst Martin Scorsese, der eben 77 Jahre alt geworden ist. Im Gegensatz zu ihm hat Volker Schlöndorff im hohen Alter eine große Ruhe und Gelassenheit gefunden. Sie müssen auch anstrengend gewesen sein, diese 50 Jahre auf dem Set, das Schreiben, Vorbereiten und Inszenieren von über 30 Spielfilmen (unter denen sich keine Komödie findet), wenn er am Ende konstatiert: „Im Grund war die Assistenzzeit die schönste Zeit.“


Literaturhinweis

Im nächsten Leben: Komödie. Volker Schlöndorff im Gespräch. Von Josef Schnelle. Schüren Verlag, Marburg 2019. 208 S., 18 EUR.




Foto: Porträt Schlöndorff: © Universum. Andere Bilder: © Schüren Verlag, Universum, Studiocanal


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