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Männer fahren alles vor die Wand: Ein Gespräch mit Dominik Graf

Freitag, 06.12.2019

Über Männer- und Frauenrollen, den „Polizeiruf 110“ mit Verena Altenberger und Dominik Grafs „Fabian“-Verfilmung

Diskussion

Dominik Graf ist gerade omnipräsent. Sein Film aus der Reihe „Polizeiruf 110“, „Die Lüge, die wir Zukunft nennen“ (am 8. Dezember um 20.15 Uhr in Das Erste), der zweite Fall der handfesten Polizeioberkommissarin Elisabeth Eyckhoff, mit dem Verena Altenberger in die Fußstapfen von Matthias Brandt als unkonventioneller Außenseiter Hanns von Meuffels treten soll, zeigt eine Polizeitruppe am Ende ihrer Möglichkeiten, die nichts gegen Korruption und Filz ausrichten kann. Ein illusionsloser Krimi, der an Grafs „Die Sieger“ erinnert, was auch mit dem Drehbuchautor Günter Schütter zu tun hat, der auch schon das Buch zum umstrittenen Kinofilm aus dem Jahr 1994 schrieb, der inzwischen als Kultfilm gilt. Abgedreht hat Graf gerade auch „Fabian – Der Gang vor die Hunde“ mit Tom Schilling in der Hauptrolle; in Köln geht es nun in den Schneideraum; gleichzeitig dreht er dort seinen Part eines Crossover-„Tatorts“ zum 50. Geburtstag der Krimireihe. Und eben erst war auch sein Film „Hanne“ zu sehen, das Porträt einer von Iris Berben gespielten Frau, die zwischen Leben und Tod zu sich selbst findet.


Nach dem ersten Film mit der neuen Kommissarin Elisabeth Eyckhoff, „Polizeiruf 110 - Der Ort,von dem die Wolken kommen, wurden Fragen laut, wie man diese Figur weiterentwickeln kann. Auf den ersten Blick passte die Figur so gar nicht zu Ihnen. Jetzt haben Sie sie aber überraschend neu konturiert.

Dominik Graf: Ich weiß gar nicht, ob ich sie weiterentwickelt habe. Ich fand den ersten Teil von Florian Schwarz ziemlich gut und hatte auch bei den Treffen mit der Redakteurin Cornelia Ackers das Gefühl, dass die mit der Schauspielerin gleich mehrere Regisseure im Blick hat. Diese enorme Energie, die Verena Altenberger ausstrahlt, scheint aus einer Trauer oder auch aus ihrem Starrsinn viel Kraft zu schöpfen, aus einem Nichts-Tun sozusagen. Es ist ja zum ersten Mal seit Jahren eine Figur, die komplett positiv ist, die sich wirklich, im positiven, empathischen Sinne, um ihre Kollegen kümmert. Das hat es ganz lange nicht mehr gegeben. Die meisten Polizisten waren in den letzten Jahren immer mit schrecklichen Schuldgefühlen belastet, lauter zerfurchte Figuren, Prototypen des Kaputten, die auch Schauspieler wie Matthias Brandt und Edgar Selge an einen solchen Punkt führten. Jetzt plötzlich kommt aber eine Figur wie die Eyckhoff, mit einer total nach außen gewendeten Empathie, deren Credo lautet: Ich will, dass sie nicht vor die Hunde gehen.

Sie hat aber auch ein Geheimnis…

Graf: Das resultiert zum großen Teil aus der schauspielerischen Kunst von Verena Altenberger. Ich sage jetzt nicht, dass das Geheimnis nicht von uns ausgedacht wurde, also dass sie das nur in sich selbst trägt. Die Story besitzt natürlich einen relativ raffinierten Dreh, aber ich denke trotzdem, dass solche Figuren gebraucht werden, mit denen die Zuschauer sich identifizieren können. Klaus Wennemann war früher auch so einer. Der spielte in „Der Fahnder“ eine komplett empathische Figur, die sich ständig um Menschen kümmerte. So wie jetzt die Eyckhoff. Dass in dieser Figur im Inneren irgendetwas Dunkles sein könnte, gehört mit dazu.

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Dominik Graf bei der Anleitung von "Polizeiruf 110"-Hauptdarstellerin Verena Altenberger.
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Elisabeth Eyckhoff ist das Zentrum des Films, auch wenn sie in einer Szene gar nicht vorkommt. Das war im ersten Fall noch ganz anders. „Der Ort, von dem die Wolken kommen“ ist ein komplett anderer Film. Da hat sich viel verändert. Jetzt ist das eine ungeheuer düstere Welt, in der man der Polizei nicht mehr vertrauen kann, außer vielleicht der Eyckhoff. Deswegen wird ihr auch ein Happy End quasi geschenkt.

Graf: Ja, das stimmt, auch wenn ihr Kollege Maurer stirbt. Der ist auch eine sehr positive Figur. Ein Trainer, der seine Jungs im Griff hat und denkt: Das kriegen wir schon irgendwie hin. „Komm, jetzt mach’ nicht so’n Geschiss!“ Aber dann läuft ihm eben doch alles aus dem Ruder und er wird auch noch als erster niedergemetzelt. Das ist eine tragische Figur, die im Kern aber eine positive Person ist. Deshalb verstehen sich Eyckhoff und Maurer ja auch so gut. Als es im entscheidenden Augenblick darum geht, in welcher Reihenfolge sie aus dem Lokal rennen, vor dem der Tod lauert, hat Altenberger sofort gesagt, dass sie an Maurer rumhängen will, weil das für sie ihre Bezugsfigur sei. Maurer stand Eyckhoff ja auch schon in „Der Ort, von dem die Wolken kommen“ zur Seite, wenn auch in einer vergleichsweise kleinen Rolle. Zwischen beiden gibt es ein unausgesprochenes Einverständnis: Wir wollen beide eigentlich das Richtige, das Gute, wir wollen nichts kaputt machen.

In vielen Ihrer jüngeren Filme stehen Frauen im Vordergrund. Inzwischen gelten Sie fast als Frauenregisseur...

Graf: Ich weiß gar nicht, warum die Frauenfiguren in den letzten Jahren für mich so wichtig geworden sind. Ich bin eigentlich überhaupt nicht genderaffin; ich halte nichts davon, dass man jetzt unbedingt über Frauen erzählen muss. Das ist nicht mein Anliegen. Dennoch sind die Hauptfiguren meiner Filme seit zehn Jahren fast nur noch Frauen. Das verblüfft mich selbst. Vielleicht bewegen mich die Frauen ja doch mehr. Vielleicht haben sie uns schon immer mehr bewegt, und meine Generation hat das nur noch nicht kapiert. In meinen Filmen kann ich ab den 1990er-Jahren beobachten, dass die Frauen interessanter werden und mich mehr interessieren, auch wenn sie noch zurückhaltender sind und nicht so eine Power wie Verena Altenberger haben.

Die dunkle Männerwelt ist trotzdem ziemlich präsent. „Polizeiruf 110 – Die Lüge, die wir Zukunft nennen“ erinnert in vielem an Ihren Polizeifilm „Die Sieger“ (1994).

Graf: Das stimmt. Aber bei „Die Sieger“ war es auch schon so, dass die Männerwelt gegen die Wand fährt. Das ist ein ständiges Zerschellen. All das, was in „Die Katze“ (1987) noch funktioniert hat, war damit vorbei. Vielleicht hat das ja auch mit dem Drehbuchautor Günter Schütter zu tun, mit dem ich seit ewigen Zeiten zusammenarbeite. Seit der „Fahnder“-Folge „Nachtwache“ (1993). Auch da übernimmt ja die Frau die Herrschaft. Ich glaube, dass das durch Schütter kam, dass die Frauenrollen in meinen Filmen eine innere Wertigkeit entwickelten, die sie immer schon hätten haben sollen und die sie in Hollywood sehr viel öfter hatten, als man das gemeinhin mit Hollywood verbindet. Es gibt irre starke Frauenfiguren im Hollywoodkino. Aber ich weiß auch nicht, ob das so toll ist, wenn man jetzt liest: Bei Asterix gibt es auch eine Frau. Klar, aber will man das? Ich arbeite gerade in Köln an einer „Tatort“-Folge. Produktionsfirma ist die „Action Concept“. Für die habe ich mich immer interessiert: „Alarm für Cobra 11“ war ein erstaunliches Ding, eine international gefragte Action-Serie aus Deutschland. Auch die sagen jetzt: In der nächsten Staffel arbeiten wir mit einer jungen Frau. Meine erste Reaktion darauf war: Vielleicht fühlen die Männer sich dann ja abgestoßen? „Cobra 11“ wird doch primär von Männern gesehen, und die bekommen jetzt eine junge Frau vorgesetzt?

Interne Polizei-Ermittlungen sind das Sujet von "Die Lüge, die wir Zukunft nennen"
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Warum sehen Männer Filme? Um schöne Frauen schöne Dinge tun zu sehen?

Graf: Das stimmt nicht. Hier liegt Truffaut falsch. Ich glaube, dass Männer Filme schauen, um Männer zu sehen, um sie als starke und mächtige Figuren zu erleben, oder um über Männer zu lachen. Das sind dann aber Komödien...

Sie haben jetzt auch „Fabian“ nach dem gleichnamigen Roman von Erich Kästner abgedreht. Kommt sich das nicht in die Quere, wenn Sie von den Frauenfiguren erzählen und einer Männerwelt, die alles gegen die Wand fährt?

Graf: „Fabian“ ist ein verheerender Männerfilm, über eine Männergesellschaft, die aus dem Ersten Weltkrieg zutiefst beschädigt zurückkehrt und Frauen nur noch als Prostituierte, Opfer oder nervende Gattinnen wahrnimmt. Da fehlt die Fantasie; selbst bei Erich Kästner spürt man eine Sperre. Ich sitze im Schneideraum und lese seine Sätze, weil er wirklich ein guter Autor ist. Aber da gibt es Formulierungen, bei denen ich denke: Na gut, ich verfilme Kästner. Aber ich verfilme den Blick eines Mannes, eines sehr eitlen kleinen Mannes auf die Welt Anfang der 1930er-Jahre, wo man schon von den Nazis wusste und davon, dass sie kommen und dass sie da sind. Es stimmt: Frauen haben in „Fabian“ nur Scheißpositionen. Ich hoffe, dass der Film das klar sagt, auch ohne eine Gegenfigur, die das auf den Punkt bringen würde. Die Dinge sind allerdings immer komplizierter gewesen, als es die Aura der zeitgenössischen Geschichtsschreibung jetzt erklärend hinterherreicht. Ich glaube, dass die Frauen ihre Männer immer auf die eine oder andere Art in die Tasche gesteckt haben. Man kann das aber nicht mit der heutigen Genderdiskussion vergleichen.

Szene aus "Die Lüge, die wir Zukunft nennen"
Szene aus "Die Lüge, die wir Zukunft nennen"

Trotzdem: Was hat Sie an dem „Fabian“-Roman gereizt? Was hat das mit unserer Zeit zu tun?

Graf: Es geht um eine Gesellschaft auf der Kippe. Eigentlich kommt gar nicht so viel Realität vor. Es gibt eine Szene, die im Film viel größer ist als bei Kästner. Darin geht es um Labude, den besten Freund von Fabian. Er hat eine Dissertation über Lessing geschrieben und sich dann umgebracht, weil er das Gefühl hatte, dass seine Dissertation nicht angenommen wird. Das stellt sich dann aber als eine Art völkisches Komplott gegen jemand wie Labude heraus. Hier sieht man: Das ist das, was wirklich kommt. Aber da wir als Zuschauer wissen, was historisch später passiert ist, wirkt das immer so wohlfeil. Da muss man aufpassen, dass man nicht immer nur „Menetekel“ an die Wand malt. Für die Zeitgenossen war das damals sicherlich viel komplizierter und viel zerrissener. Was mich aber erstaunt hat, war, dass es im Herbst 1931, zu der Zeit, in der der Roman spielt, einen Auftritt der Nazis am Kurfürstendamm gab, bei dem sie einen ganzen Nachmittag Juden gejagt haben. Das wusste ich schlicht nicht. Es gab damals auch Schlägereien in den Seitenstraßen, bei denen auch Menschen verprügelt wurden, die keine Juden waren. Das gab hinterher natürlich einen Aufstand. Doch die Polizei in Charlottenburg hat das gedeckt und gedeckelt, so dass der Vorfall unter den Tisch fiel. In „Fabian“ habe ich das nicht erzählt, aber ich sehe deutlich die Parallelen zu all den Vertuschungen im NSU-Umfeld und den Geheimdienstgeschichten, bei denen mir richtig kalt wird. Wenn man das als eine Art Vorzeichen nimmt, dann sind wir jetzt wieder richtig dicht da dran.

Über das müssen wir nochmal sprechen, wenn der Film fertig ist.

Graf: Ich kämpfe wahnsinnig um „Fabian“. Das ist ein Riesenwerk. Es ist ein Film ohne Dramaturgie, ganz und gar.



Fotos: BR/maze pictures GmbH/Hendrik Heiden, BR/Roxy Film GmbH/Hendrik Heiden

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