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Humor als Widerstand: Ein Interview mit Elia Suleiman

Mittwoch, 15.01.2020

Der arabisch-israelische Filmemacher im Gespräch zu seinem Film "Vom Gießen des Zitronenbaums"

Diskussion

Elia Suleiman wurde am 28. Juli 1960 im israelischen Nazareth geboren. Er ist ein Weltbürger und hat in New York, Paris und Berlin gelebt. Seine ersten erfolgreichen Kurzfilme entstanden in New York, sein Spielfilmdebüt „Chronik eines Verschwindens“ (1996), wurde in Venedig mit dem Preis für den Erstlingsfilm ausgezeichnet. In seinem jüngsten Film „Vom Gießen des Zitronenbaums“ (2019) verlässt ein schweigsamer Filmemacher seine Heimat Nazareth und sieht sich in Paris und New York mit dem Ausnahmezustand der globalisierten Welt konfrontiert. Im Interview spricht Suleiman über die Notwendigkeit, angesichts der Absurditäten der Gegenwart den Humor nicht zu verlieren. Auch hier spielt der Regisseur selbst die Hauptrolle.


Am Anfang Ihres neuen Films „Vom Gießen des Zitronenbaums“ zieht eine orthodoxe Weihnachtsprozession durch die Straßen. Aber sie kommen nicht zu ihrem Ziel, denn das Kirchentor wird von innen von zwei Männern versperrt. Die Szene ist opulent und großartig inszeniert und hat einen ganz grotesken Humor. Warum dieser starke Einstieg, auf den Sie im weiteren Verlauf des Films gar nicht mehr zurückkommen?

Ich versuche alle meine Filme mit einer Art B-Picture zu beginnen, bevor die schwere Last der Handlung anfängt. Damit versuche ich die Muskeln des Zuschauers etwas zu lockern. Ich möchte, dass er sich entspannt. Er soll diesen Einstieg als Vorgeschmack auf den Humor und die burlesken Szenen erleben, die dann folgen.

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Der Film beginnt in Nazareth und Sie erzählen eine eigentlich sehr beklemmende Situation über einen Alltag voller Absurditäten, vom Gießen des Zitronenbaums bis zur kollektiven Klaustrophobie.

Ich bin kein dramatischer Mensch und dramatisiere nicht gerne. Das Leben ist dramatisch genug, und vielleicht sollten wir einfach öfter lachen. Ich mag keine oberflächlichen Komödien, ich mache tiefsinnige Komödien, Lachen und Lebensfreude machen meine Filme genießbarer. Der Film ist auch voller Melancholie; sein Humor hat etwas mit dem Humor zu tun, der in der grausamen Wirklichkeit des Ghettos entstanden ist. Humor gibt uns Hoffnung, um weiterzumachen, Hoffnung in einer Wirklichkeit, die eigentlich zum Verzweifeln ist. Für mich ist Humor immer auch ein Zeichen des Widerstands gewesen. In meinem Film geht es auch um die Rückkehr zur Hoffnung, diese kleine Hoffnung, die wir einfach in unserem täglichen Leben brauchen. Denn die Lage ist ja weltweit nicht gut; überall herrscht Endzeitstimmung. Die Nachrichten berichten von Gletscherschmelzen und Waldbränden, von neuen faschistischen Regierungen und populistischen Führern, und wir spüren Klaustrophobie, Einsamkeit und Ängste. Wenn wir morgens aus dem Fenster schauen und Polizisten auf den Straßen sehen, fragen wir uns sofort, ob es wieder einen Terroranschlag gegeben hat. Mein Film will den Zuschauern einen Moment von diesen Ängsten entlasten, ihm Luft zum Atmen geben und einen poetischen, zeitlosen Moment erleben lassen. In meinem Film lache ich auch über die ganzen Lügen, die derzeit erzählt werden. Aber ich bin kein Agitator. Wenn Menschen die richtigen Fragen stellen wollen, sollen sie sie stellen, wenn sie sich organisieren wollen, sollen sie das tun. Aber ich will niemand zum Aufruhr bringen, ich bin kein Politiker und werfe keine Slogans in die Welt. Ich vermittele nur ein Glücksgefühl des Augenblicks.



Sie spielen selbst die Hauptrolle, stumm, mitunter werden Sie mit Pan Tau oder Buster Keaton verglichen. Kann man diese traurige Welt nur stumm ertragen?

Alles ist traurig, aber das ist nichts Neues. In meinen Filmen war die Hauptfigur immer stumm, das ist mein ganz eigener Stil, keine Strategie. Schon in meinem ersten Kurzfilm hatte der Protagonist etwas von einem Clown. Meine Helden beobachten unaufhörlich, aber sie machen auch nichts anderes. Sie beobachten und wundern sich über die Welt. Sie äußern sich nicht zu dem, was sie sehen, sie stehen auf der Seite des Zuschauers, sehen stumm und voller Unverständnis, was der Zuschauer auch sieht.

Sie zeigen Paris als Postkartenschönheit. Warum wird die Stadt dann immer unheimlicher?

Unser Held denkt zunächst, dass er im Himmel gelandet ist: Durch die Straßen dieser wunderschönen Stadt laufen Bilderbuchschönheiten mit teuren, eleganten Kleidern, junge Menschen voller Energie und Lebensfreude. Aber nach einer Zeit wird ihm schmerzlich bewusst, dass er nur von einem Palästina in einem anderen Palästina angekommen ist. In Paris herrscht eine Art Ausnahmezustand, fast ein Kriegszustand. Die Straßen sind leer. Überall ist Polizei. Araber werden verfolgt, Obdachlose ausgegrenzt. Ich will die Zuschauer langsam in die Wirklichkeit eines Polizeistaates führen. Zur Wirklichkeit dieser Notstands- und Anti-Terror-Gesetze. Wir habe immer gedacht, die Kriege fänden irgendwo anders statt, aber heute sind wir mittendrin. Aber bei der ganzen Dramatik und der Angst wollte ich doch ein bizarr-pointiertes Bild mit komischen Momenten erschaffen. Deswegen habe ich die tanzenden Polizisten eingeführt, mit ihrer etwas überhoben-komischen Choreographie. Ich wollte die düstere Atmosphäre etwas erhellen, für den Zuschauer etwas freundlicher machen. Die ganze bedrohliche Situation führt auch zu einem anderen Effekt: In der leeren Stadt wird die Schönheit der Gebäude wirklich sichtbar. Erst nachdem alle Touristen weg waren, habe ich gesehen, wie schön Paris ist. Die Touristen, die Polizei, der Verkehr machen unglaublich viel Lärm. Dahinter liegt ganz verloren die Schönheit der Stadt. Erst wenn du die Stille zurückbringst und den Lärm aussperrst, wird dir klar, wie ruhig unser Alltag sein könnte, aber diesen Frieden haben wir verloren.

Am Ende aller Reisen kommt Ihr Protagonist zu der Erkenntnis, dass Palästina überall ist. Liegt darin die politische Aussage ihres Films?

Das ist natürlich eine Metapher, aber ich spüre, dass wir überall auf der Welt unter einer Art Besatzung leben und dass der ganze Globus ein Ghetto geworden ist. Der Zustand der Welt ist kritisch, aber ich weiß auch nicht, was man jetzt tun kann. Ich merke nur, dass es immer schwieriger wird, diese Situation überhaupt zu erwähnen. Die Spielregeln sind härter geworden. Wenn heute irgendjemand versucht, etwas zu ändern, fahren Panzer auf und es wird geschossen, die Globalisierung wird mit allen Instrumenten der Gewalt durchgesetzt. Wenn du dich nicht nur damit zufriedengibst, die Produkte zu konsumieren, die die Reichen reicher machen, dann musst du die Konsequenzen tragen. Und wenn du anfängst zu protestieren und nach sozialer und wirtschaftlicher Gerechtigkeit zu fragen, dann wirst du mit dem Polizeistaat konfrontiert. Das zeigt mein Film. Aber am Anfang sieht alles schön liberal aus, hübsche junge Menschen laufen mit tollen modischen Kleidern durch die Stadt. Schöne, attraktive Menschen, die dir sicher gerne etwas vom wirtschaftlichen Wachstum und seinen Möglichkeiten erzählen möchten. Aber was wir, die Bürger dieser Welt, vielleicht nicht wahrnehmen, ist, dass diese netten, smarten, modebewussten Menschen die Ursache sind für alle die Katastrophen, die im Moment in der Welt stattfinden. Nicht nur für die Kriege, sondern auch für die Zerstörung der Ökosysteme. Da muss etwas geschehen, aber ich bin niemand, der Lösungen vorgibt.



Aber am Schluss des Films zeigen Sie doch ganz andere Jugendliche?

Diese jungen Menschen am Ende des Films waren für mich eine wirkliche Überraschung. Als ich zurückkam, um den ersten Teil des Films zu drehen, war ich geschockt, dass Nazareth völlig verkommen ist, Banden und Drogen. Diese kleine, nette Stadt in den grünen Hügeln war zum Albtraum geworden, ein unbewohnbares Ghetto. Aber dann habe ich diese jungen Leute entdeckt, die in eine andere Stadt, nach Haifa, gezogen sind. Meine Skepsis und meine Hoffnungslosigkeit verwandelte sich in ihr Gegenteil: Sie haben auch eine globale Identität, sie sehen ihr Palästinenser-Sein nicht als etwas Regionales, sondern als ein Zeichen des Fortschritts. Sie können sich auch mit jedem anderen Ort identifizieren, sie sind mit der Welt verbunden. Sie sind auf eine ganz organische und gesunde Weise „perfekte Fremde“. Dann habe ich gedacht, okay, es ist noch nicht alles vorbei. Diese jungen Menschen haben auf sehr originelle Art und Weise der Globalisierung den Rücken zugekehrt. Sie feiern gerne, sind pazifistisch und politisch, und sie sind glücklich. Sie stellen die wirkliche Bedrohung für Israel dar, aber nicht in dieser unsinnigen ideologischen Weise wie Hamas und der ganze Blödsinn, sondern weil ihr Protest sich nicht in einfache Schubladen stecken lässt, sie sind einfach freie Seelen. Wenn ich durch die Welt reise, und das mache ich eigentlich ständig, sind sie meine Hoffnung. Du findest diese jungen Leute überall, in Berlin, aber auch in Lateinamerika und in den Vereinigten Staaten. Es sind poetische Existenzen, weil sie nur positiven Geist ausstrahlen. Und was sehr wichtig ist, sie lieben Partys, aber sie schließen sich keiner politischen Partei an.

In Paris bekommen wir mit, dass der Protagonist, der schweigsame Mann aus Nazareth, eigentlich ein Filmemacher ist, der in Paris Fördergelder sucht. Es gibt einen wunderbaren Monolog des französischen Produzenten voll absurdem Humor, und später eine Szene, in der Gael García Bernal einen Hollywood-Historienfilm auf Englisch über den Untergang des Aztekenreiches filmen soll. Hat das Filmemachen irgendeine gesellschaftliche Relevanz?

Ich glaube, dass ein intelligenter Film, oder intelligente Kunst schlechthin, Widerstand gegen diese globalisierte Konsumwelt sind. Wenn Künstler für eine menschlichere Welt eintreten, ist das immer eine Hoffnung. Aber nicht jeder Film kann etwas bewegen, und ich glaube auch nicht an die verändernde Kraft des Kinos. Für mich ist es schon positiv, wenn ein Zuschauer aus meinem Film kommt und die Zeit nicht bereut, die ich ihm gestohlen habe. Für mich ist es schon politisch, wenn der Zuschauer lacht und wenn er vielleicht ein wenig glücklicher ist. Wenn mein Film hilft, sich ein bisschen besser zu fühlen, an die zu denken, die etwas mehr Gerechtigkeit bräuchten, mehr Wohlstand und Chancengleichheit, dann bin ich zufrieden. Mehr als einen kleinen Vorsprung gegenüber der Wirklichkeit kann Film nicht bieten. Und damit beziehe ich mich jetzt auf die engagierten Filme, die sich mit Neoliberalismus und globaler Gewalt auseinandersetzen. Aber das eigentliche Gesicht des Neoliberalismus ist doch das Konsumkino, die Filme, die nur produziert werden, um Geld zu machen, mehr nicht. Da geht es weder um intellektuelle oder konzeptuelle Vergnügungen, es ist reine Popcorn-Lust. Sie machen die Zuschauer süchtig nach ihren immergleichen Erzählstrukturen, und dabei verbraten sie auch alle scheinbar guten Inhalte. Die großen Themen und Fragen der Menschheit, die sozialen Bewegungen, werden zu Erzählstoffen, die die große Kulturmaschinerie frisst, verdaut und wegschmeißt.



In einer Szene in der Filmakademie in New York bezeichnet Sie der Moderator als „perfekten Fremden“. Ist das der ideale Überlebensmodus für den Künstler in der globalisierten Welt?

Mir wurde klar, als ich diese Szene drehte, dass ich das wirklich immer sein wollte. Als ich in Berlin lebte, wollte ich ein perfekter Berliner sein, in Paris ein perfekter Pariser, und ich fühlte mich auch so. Ich war überzeugt, dass ich, egal wohin ich auch ginge, immer eine Heimat finden würde. Das Perverse ist aber heute, dass jeder Ort wie der andere aussieht. Wenn du deinen Wohnsitz wechselst, findest du keine besonderen nationalen Eigenarten vor, auch keine anderen gesellschaftlichen Einfärbungen. Du hast keine Gelegenheit mehr, dich selbst mit dem Anderssein der Anderen zu vergleichen. Heute wechselst du nur noch Flughäfen und Städte, aber du bist immer auf demselben Platz. Das ist Globalisierung. Heute kannst du kein perfekter Fremder mehr sein, sondern nur noch ein Fremder. Deine Entfremdung liegt genau darin, dass ein Ort wie der andere aussieht.



Fotos: Sämtliche Abbildungen aus "Vom Gießen des Zitronenbaums" © Neue Visionen

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