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Babylon Berlin - Staffel 3

Mittwoch, 29.01.2020

Die dritte Staffel der Kriminalserie nach den Romanen von Volker Kutscher greift recht frei die Ereignisse aus „Der stumme Tod“ um eine rätselhafte Mordserie im Filmmilieu auf

Diskussion

Vorhang auf für den dritten Akt des aktuellen deutschen Staatsschauspiels! Nach gut zwei Jahren Wartezeit setzt der Bezahlsender Sky seit 24. Januar 2020 die filmische Saga des Showrunner-Trios Tom Tykwer, Achim von Borries und Hendrik Handloetgen um Kommissar Gereon Rath (Volker Bruch) und die Kriminalassistentin Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) im Berlin der späten 1920er-Jahre fort, und zwar erneut als recht freie Adaption von Volker Kutschers Erfolgsromanen – hier „Der stumme Tod“ von 2009.

Die dritte Staffel setzt im Sommer/Herbst des Jahres 1929 ein, zeitlich unmittelbar nach den Ereignissen aus Staffel 1 und 2, also dem sogenannten „Blutmai“, der mit revolutionsähnlichen Unruhen der KPD-nahen Arbeiterschaft und dem harschen Einschreiten der Berliner Polizeikräfte einen Handlungsschwerpunkt bildete (Staffel 1), zusammen mit den Umtrieben der Schwarzen Reichswehr, die auf allen Schlachtfeldern (dem politischen, gesellschaftlichen und heimlich auch dem militärischen) die Weimarer Republik und ihre Repräsentanten zu unterminieren versucht, bis hin zum Attentat auf den Leiter der politischen Polizei August Benda (Matthias Brandt) (Staffel 2). In der finalen Folge war auch die bange Frage um das Schicksal von Charlotte Ritter und ihrer weiteren Zukunft gelöst und der Erzählfaden um die russische Emigrantensippe Sorokin und ihren legendären Goldzug zu einem halbwegs schlüssigen Ende geführt worden, inklusive der endgültigen Konfrontation Gereon Raths mit seinem zwielichtigen Kollegen Wolter (Peter Kurth) – nahezu in Wildwestmanier.

Eine Mordserie im Filmmilieu

Staffel 3 verlagert und ergänzt diese Handlungsstränge um Ermittlungen in einer rätselhaften Mordserie im Filmmilieu, am Rande der Dreharbeiten für eine musikalische Revue, als deren Hintermänner und Finanziers „der Armenier“ (Misel Maticevic) und sein „Partner in Crime“ Walter Weintraub (Ronald Zehrfeld) auf den Plan treten. Anstelle des beliebten Hotspots „Moka Efti“ (Wasserschaden, wohl Sabotage) bekommt man nun tiefere Einblicke in Produktionsweise und Ausstattung bei der „Universal Film AG“ (Ufa) – ein Staat im Staate und Spiegelbild der herrschenden Konflikte auf „Babels Berg“ sozusagen. In diesen Szenen, aber auch insgesamt fällt einmal mehr die gediegene Qualität von Setdesign und Lichtregie ins Auge: das Grafisch-Ornamentale zwischen Bauhaus und Art déco. Weniger prominent ist der Soundtrack, der den Geschehnissen dezenter unterlegt ist, obwohl angesichts der heraufbeschworenen Zeit stilistisch manches möglich gewesen wäre.

Eine exzentrische Figur wie der okkultistische Mime Tristan Rot (Sabin Tambrea) scheint 1929 bereits etwas aus der Zeit gefallen zu sein; derlei gehört zeitlich wohl eher in die Epoche unmittelbar vor und nach dem Ersten Weltkrieg.

In vielerlei Hinsicht illustriert die Serie eine historische Wendezeit: Die „Goldenen Zwanziger“ gehen zur Neige; politisch zieht Düsteres herauf. Gleichzeitig ist dies aber auch eine Ära technischer Innovationen und (im Nachhinein trügerischer) gesellschaftlicher Emanzipationsmöglichkeiten. 1929 war das Jahr des ersten deutschen Tonfilms („Ich küsse Ihre Hand, Madame“ mit Marlene Dietrich), der ersten „Oscar“-Verleihung (an den deutschen Schauspieler Emil Jannings), der Publikation von „Berlin Alexanderplatz“ (Alfred Döblin) und des Nobelpreises für Thomas Mann. 1929 war aber auch das Jahr, das den Beginn der Weltwirtschaftskrise erlebte und mit dem Tod des Reichsaußenministers Gustav Stresemann auch den Anfang vom Ende der gemäßigten deutschen internationalen Politik markierte.

Ein formidables, vielschichtiges Zeitbild

Die Disparatheit dieses historischen Horizonts fängt die dritte Staffel von „Babylon Berlin“ trefflich ein. Ihre zeitliche Verortung macht sie durch stimmige Verweise auf Zeitgenössisches, historische Personen wie Sachverhalte glaubwürdig. Es ist überhaupt eine Stärke der Serie, der Darstellung der damaligen Kriminal- als auch der Filmtechnik in ihren Details viel Raum zu geben. Ein technisches Zeitalter wie jenes kann über die Präsentation seiner Dingwelt (das Zeigen der Werkzeuge sozusagen) auch über die innere Verfasstheit seiner Generation viel aussagen, die im Begriff steht, den Typus eines neuen Homo faber auszubilden.

Dies trifft unbedingt für die Hauptfigur Gereon Rath zu, der – nun ohne sichtbare Zeichen von Kriegstrauma und Drogensucht – oftmals wie sein eigener Astralleib durch die Geschichte geistert: blass, leicht neben sich stehend, ein Beobachter seiner selbst, ganz Mann der Zeit, ein neurotischer Großstadtbewohner, „ohne Eigenschaften“, dabei cool und standhaft unter dem enormen Druck, der auf ihm lastet. Volker Bruch spielt das sehr souverän, mit sparsamem Einsatz schauspielerischer Effekte - und gerade dadurch äußerst glaubhaft.

Charlotte Ritter wiederum dringt tiefer und tiefer in die Mechanismen und Machenschaften der Männerwelt in der „Roten Burg“ ein, dem Polizeipräsidium am Alexanderplatz. Trotz etlicher Widrigkeiten gelingt es ihr, sich immer wieder unentbehrlich zu machen und mit der innovativen Qualität ihrer Arbeit zu überzeugen; so schreibt sie sich selbst nachhaltig in diese epische Erzählung hinein. Liv Lisa Fries gibt ihr dabei die richtige Mischung von Toughness und Berliner Humor mit, grundiert manches Mal mit einem Ausdruck existenzieller Traurigkeit und Vereinsamung, der offensichtlich von vergangenen leidvollen Erfahrungen zeugt.

Der Mann der Stunde ist allerdings eine Nebenfigur der vorhergehenden Staffeln, nämlich der rasende Reporter Katelbach (Karl Markovics). Bei ihm, in seinem chaotischen Schreibstübchen bei Frau Behnke (Fritzi Haberlandt), quasi als Ex-WG-Genosse Raths, scheinen alle Fäden zusammenzulaufen, was er auch sichtlich genießt. Katelbach verkörpert den neuartigen Typus des freiberuflichen, unabhängigen Investigativjournalisten, fast ein moderner Whistleblower. Er ist es auch, der die unheilvolle Verflechtung der Schwarzen Reichswehr mit höchsten Wirtschaftskreisen aufspürt und als Scoop ans Magazin „Tempo“ verkaufen möchte (hier hat Martin Wuttke einen leider nur kurzen Auftritt als Chefredakteur), was der „militärisch-industrielle Komplex“ mithilfe der neuen rechten Kräfte aufs Brutalste zu verhindern versucht.

Der rasende Reporter rückt ins Zentrum des Geschehens

Die Figur des Katelbach offenbart darüber hinaus aber auch eine Eigentümlichkeit der dritten Staffel von „Babylon Berlin“, womöglich auch von Kutschers narrativer Technik. Bisher eine Nebenfigur, rückt sie nun ins Zentrum der Geschehnisse, bekommt viel „Screen Time“ und drängt Charaktere, die bis dato eine größere Rolle spielten, ein wenig in den Hintergrund.

Ebenso verhält es sich mit der Figur der unglücklichen Greta Overbeck (Leonie Benesch), deren Schicksal zwar menschlich anrührt, in den ersten Folgen allerdings zur Fortentwicklung der zentralen Handlungslinien scheinbar nur wenig beitrug. Dagegen sieht man (zu) wenig von Alfred Nyssen (Lars Eidinger), der nicht nur eine psychologisch interessante Rolle verkörpert, sondern auch mutmaßlich weit gefasste, schurkische Pläne hegt.

Zu kritisieren wäre also an dieser neuen Staffel – auf hohem Niveau – die Disposition der Handlungsstränge sowie vielleicht das im Vergleich zu den ersten Staffeln deutlich gemäßigtere Erzähltempo, das wohl auch der Verteilung des Stoffes auf zwölf statt acht Folgen geschuldet ist. Es fehlt zu Beginn etwas an einem zündenden Funken, einem Knalleffekt, von dem aus sich das Ganze entwickeln und seinen schlüssigen Lauf nehmen könnte, wie der „Blutmai“ in Staffel 1 oder das Attentat auf Benda in Staffel 2. Auch ist auffällig, dass Kommissar Rath jetzt ein unmittelbarer und komplex angelegter Widersacher fehlt; man vermisst das Sich-Belauern und -Umkreisen von Rath und Wolter, das jederzeit in eine handgreifliche Entladung umzukippen drohte. Die für künftige Entwicklungen viel versprechende Figur des Amtsnachfolgers von Benda, der konservative Revolutionär Oberst Günther Wendt (Benno Fürmann), ist dafür, auch aufgrund des hierarchischen Gefälles, (noch) kein hinreichender Ersatz.

Noch schreibt man – im Kontext der Serie – das Jahr 1929, und die Schatten, die die Zukunft (für uns Heutige die düstere Vergangenheit) wirft, sind bereits unübersehbar. Es erscheint daher, auch mit Blick auf sinkende Einschaltquoten, durchaus als mutiger Entschluss, die Geschehnisse um Kommissar Gereon Rath und seine persönlichen wie dienstlichen Affären weiterhin derart minutiös auszumalen - und nicht der Versuchung zu erliegen, zu den dramatischen Umstürzen des Jahres 1933 „vorzuspulen“, die sich im Zusammenhang von „Babylon Berlin“ sicherlich packend erzählen lassen.

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