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Berlinale 2020: „Orphea“ von Khavn & Kluge

Mittwoch, 04.03.2020

Ein neuer Film von Alexander Kluge und Khavn befragt den Orpheus-&-Eurydike-Mythos

Diskussion

Was passiert, wenn sich ein deutscher Intellektueller und ein philippinischer Künstler treffen? Das ist unvorstellbar, und doch geschehen. Wie inspirierend das unvermutete Zusammentreffen eines 46-jährigen Musikers, Komponisten, Schriftstellers und Herstellers wild improvisierender Experimentalfilme aus Manila mit einem 88-jährigen Autor, Musik- und Literaturkenner, humanistisch gebildeten Theoretiker, Philosophen und Filmemacher aus München sein kann, ist bislang in zwei gemeinsamen Filmen abzulesen, in „Happy Lamento“ (2018) und jetzt in „Orphea“.

Die beiden Künstler Khavn und Alexander Kluge bei der „Berlinale“ auf der Bühne vor der großen Leinwand zu erleben, hatte seinen besonderen Reiz, der Erwartungen schürte. Khavn im roten Anzug mit indianischem Federschmuck auf dem Kopf und maskiertem Gesicht, Alexander Kluge im konventionellen schwarzen Anzug, vollem, weißen Haar und diesem hintergründig-wissenden Lächeln im Gesicht.


An der Schwelle des Hades

„Orphea“ ist ihre gemeinsame Reise zum Mythos von Orpheus und Eurydike, jener großen Liebesgeschichte von Orpheus, dem die Rettung seiner Geliebten Eurydike aus dem Totenreich misslingt, weil er das Gebot missachtet und sich kurz vor der Schwelle des Hades nach Eurydike umdreht und sie damit für immer verliert.

Khavn & Kluge haben die Genderrollen umgekehrt; aus Orpheus wurde Orphea, aus Eurydike Eurydiko. Nun kriecht eine Frau auf der Suche nach ihrem Geliebten durch die Katakomben der Unterwelt und möchte die Toten mit der Macht der Musik zum Leben erwecken. Diese Frau heißt Lilith Stangenberg, die mit ihrer Präsenz zur dritten Autorin des Films wird.

Die Unterwelt, der Eingang zum Hades, der höllische Schauplatz des Films, das sind die Slums von Manila. Diese Bilder hat Kluge ganz seinem Co-Autor Khavn überlassen, denn „würden wir dort hinreisen mit der Kamera, dann wären wir Kolonialisten, wie würden Gesichter rauben“. Khavns Kamera bohrt sich in wilde Straßenszenerien, filmt im Bordell mit russischen Prostituierten, begleitet eine Orgie mit nackten Menschen und Ziegenböcken. Mittendrin: Orphea/Lilith Stangenberg, die mit der Kraft der Musik nicht nur ihren Geliebten, sondern alle Toten zum Leben erwecken will.


Ameisen besiegen die Schlange

Mit sichtlicher Lust spielt Alexander Kluge mit neuen und alten Mythen, jagt seine Gedanken durch die Kultur- und Göttergeschichte und findet dazwischen immer wieder kleine Vignetten, etwa Ovids Bericht darüber, wie Eurydike, von einer Schlange in die Ferse gebissen, stirbt. Er spricht darüber mit Lilith Stangenberg in der Art, wie er seit 1989 jedes Jahr auf der „Berlinale“ Interviews für das Kulturmagazin seines DCTP-Senders führte. Man hört seine sanfte Stimme hinter der Kamera, und Stangenberg erinnert sich an Ingmar Bergman und dessen Satz: „Die Kunst und das Kino ist eine tote Schlange, eine gefressene Schlange. Nur noch die Haut ist übrig und die Haut ist voller Ameisen, tausender Ameisen. Die Schlange hat kein Gift mehr, ist tot, aber die Ameisen bewegen die Haut mit vitalem Eifer.“

Das ist Kluges Abschied von gestern. Er sucht ein neues Kino, weil aus seiner Sicht im Kino alles gesagt ist. Er vermählt das Kino mit der Kunst und vor allem mit der Musik. Er nennt „Orphea“ einen Musikfilm. Der Weg in den Hades und zurück, den die Musikerin Orphea geht, ist gepflastert mit Musik von Jacopo Peril, Beethoven, Monteverdi, Gluck, Stenka Razin, Revolutionslieder und Tangos, dem großartig animierten Stück „Rüssel-Mammuts Heimkehr“, 1941 komponiert von Th. W. Adorno, sowie mit von Rainer Maria Rilkes „Die Stimmen“ inspirierten Kompositionen von Khavn, die Lilith Stangenberg in ihrer unvergleichlichen Art interpretiert.

„Orphea“ lädt zu Assoziationen ein. Was sagen uns die alten Mythen? Können sie das Hier und Jetzt erklären, indem wir die mythische Vorgeschichte immer wieder neu und anders erzählen? Es geht darum, das kulturelle Erbe nicht zu vergessen (auch nicht das Filmerbe). Das ist der Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit.

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