© Brigitte Lacombe (Porträt von Haifaa Al-Mansour)

Frauen an die Macht: Ein Interview mit Haifaa Al-Mansour

Mittwoch, 11.03.2020

Die saudi-arabischen Regisseurin erzählt in ihrem neuen Film „Eine perfekte Kandidatin“ von einer Ärztin, die für ein kommunales Amt kandidiert

Diskussion

Mit „Das Mädchen Wadjda“ inszenierte die saudi-arabische Regisseurin Haifaa Al-Mansour 2011 den allerersten langen Spielfilm in ihrem Heimatland. Ihr neuer Film „Die perfekte Kandidatin“ (ab Donnerstag im Kino) wirft erneut einen Blick auf die sich rapide verändernde saudische Gesellschaft.


Was hat Sie nach den internationalen Produktionen „Mary Shelley“ (2017) und „Nappily Ever After“ (2018) wieder zurück nach Saudi-Arabien gebracht?

Haifaa Al-Mansour: Die Freiheit bei „Mary Shelley“ habe ich sehr genossen. Aber ich habe auch ein wenig Heimweh verspürt, und das Gefühl, mal wieder zu Hause sein zu müssen. Da kam einiges zusammen: Die Verbesserung der Arbeitssituation in Saudi-Arabien; es gibt inzwischen ja Kinos und Konzerte, auch Kunstausstellungen. Derzeit ändert sich viel in meinem Land, da wollte ich dabei sein, meinen Beitrag leisten, Mut machen und Frauen eine Stimme geben. Ich mag Geschichten von Menschen und Situationen erzählen, die ich kenne und nachvollziehen kann.


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Aber Sie leben in Los Angeles.

Al-Mansour: Mein Mann ist US-Amerikaner. Wir leben dort. Los Angeles betrachte ich als meine zweite Heimat. Ich besuche aber oft meine Familie in Saudi-Arabien, die Bindung ist immer noch sehr stark.

Erst seit August 2019 dürfen Frauen ohne Erlaubnis eines männlichen Vormunds ins Ausland reisen. Da wirkt es fast märchenhaft, dass sich eine Frau wie in „Die perfekte Kandidatin“ für eine Wahl aufstellen lassen kann.

Al-Mansour: Saudi-Arabien steht am Scheideweg, vor einem Wechsel. Bislang gibt es nur wenige Frauen in öffentlichen Ämtern. Meist werden sie von Männern ernannt. Im Parlament sitzen sieben Frauen. Es hängt viel davon ab, wie die Bevölkerung in Zukunft Kandidatinnen annimmt. Vor uns liegt ein steiniger Weg. Die Unbekümmertheit, mit der meine Kandidatin die Wahl angeht, ist sehr ungewöhnlich. Männer müssen sich an die neue Rolle der Frau gewöhnen, aber auch die Frauen. Nehmen wir das Autofahren als Beispiel. Jetzt dürfen Frauen ans Steuer, aber viele akzeptieren die Neuerung nicht; manchmal stellt sich auch die Familie quer. Nicht umsonst beginne ich mit einer Szene, in der die Hauptfigur mit dem Auto zur Arbeit fährt. Damit setze ich ein Zeichen. Wir müssen für die Verwirklichung unserer Träume kämpfen. Die Gesellschaft als Ganzes muss sich ändern. Die jüngere Generation besitzt heute mehr Chancen.

Eine Wegbereiterin: Mila Al Zahrani in "Die perfekte Kandidatin"
Eine Wegbereiterin: Mila Al Zahrani in "Die perfekte Kandidatin" ( © NEUE VISIONEN)

Gibt es wirklich eine Bereitschaft zur Änderung?

Al-Mansour: Bei den jüngeren Leuten auf jeden Fall. Die reisen und sind in den Sozialen Netzwerken unterwegs, studieren im Ausland und kehren mit frischen Ideen zurück. Man kann die Uhr nicht zurückdrehen oder die Moderne aufhalten. Heute können die Jungen sogar Kunst studieren; vor wenigen Jahren war das noch verboten. Die Regierung fördert mehr Raum für Kunst; das ist immerhin ein Anfang. Wir werden uns weiter für mehr Freiheit einsetzen und für mehr Toleranz. Und natürlich für mehr Frauenrechte.

Wie reagieren Ältere auf die neue Situation?

Al-Mansour: Sie sind oft noch der Geschlechtertrennung verhaftet, der Tradition mit ihren Regeln. Sie brauchen Zeit. Aber Frauen wagen sich inzwischen in die Politik; in den USA sind wir durch eine Botschafterin vertreten. Trotz aller Schwierigkeiten sollten Frauen die Öffentlichkeit nicht scheuen, sondern jede Gelegenheit nützen, um auf ihre Bedürfnisse und Rechte aufmerksam zu machen oder Tabus an den Pranger zu stellen. Saudi-Frauen sind nicht nur Opfer! Wer am Niqab festhält, verliert den Bezug zur Realität. Eine Frau sollte Anspruch auf ihre Identität haben. Dazu gehört, das eigene Gesicht zu zeigen. Wir brauchen weibliche Solidarität genauso wie gesellschaftliche Ermutigung und Unterstützung.

Das kann aber durchaus schlimme Folgen nach sich ziehen. Aktivistinnen, die sich für das Ende des Frauenfahrverbots einsetzten, sind im Gefängnis gelandet...

Al-Mansour: Das ist eine komplizierte Sachlage. Saudi-Arabien ist ein konservatives Land. Ich kann nur für mich sprechen. Im Iran wurde eine Schauspielerin zu 25 Jahren Haft verurteilt, weil sie kein Kopftuch trug. Das passiert bei uns nicht; ich kann ohne Kopftuch oder Gesichtsschleier auf die Straße gehen. Ich bewundere iranische Filmemacher und ihre Fähigkeit, den Spielraum und die Lücken im System auszuloten, um unter widrigen Umständen trotzdem wunderbare Filme zu drehen.

Existiert eine Art Netzwerk unter Filmemacherinnen in der Region?

Al-Mansour: Wir begegnen uns auf Festivals, pflegen aber keine engen Kontakte. Es gibt wunderbare Filmemacherinnen, aber die Filmindustrie steckt noch in den Kinderschuhen.

Trotz des diffizilen Themas blitzt in „Die perfekte Kandidatin“ immer wieder Humor auf.

Al-Mansour: Ich bin kein verbissener Mensch und will niemanden bekehren, sondern Filme machen, die berühren, unterhalten und Humor haben. Das halte ich für effektiver, als den Holzhammer zu schwingen. Die Charaktere sollten Lebendigkeit ausstrahlen und Witz, vielleicht auch eine Portion Absurdität. Das ist meine Einstellung, ich bin eine Freundin der Zuschauer. Meine Filme wirken vielleicht einfach, sind aber sehr komplex. Wer genau hinhört und hinsieht, entdeckt den Subtext, aus dem man sehr viel lesen kann.

Lassen sich Schneid und Humor nicht abkaufen: die Protagonistinnen in "Die perfekte Kandidatin"
Lassen sich weder Schneid noch Humor abkaufen: die Protagonistinnen in "Die perfekte Kandidatin" ( © NEUE VISIONEN)

Hätten Sie den Film realisieren können, wenn Sie mit weniger Subtilität vorgegangen wären?

Al-Mansour: Ich glaube ja, es kommt auf das Thema an. Natürlich gibt es Grenzen. Manchmal musste ich einen Eiertanz aufführen. Wenn es um Politik, Religion oder Sexualität geht, heißt es aufpassen; da kann man schnell auf Ablehnung stoßen. Aber seien wir ehrlich: Im Westen ist auch nicht alles erlaubt, Freiheit ist relativ. Man muss sich das Vorgehen genau überlegen. Ich achte bei den Dialogen darauf, dass sie nicht beanstandet werden können. Wir müssen einfach smart sein. Frauen verfügen dabei über ein besonderes Geschick, weil sie immer schon smart sein mussten in ihrer Kommunikation und in ihrem Durchsetzungswillen. Zusätzlich sind auch Diplomatie und ein bisschen Charme gefordert, um ein Ziel zu erreichen.

Wie kann eine Ärztin überhaupt vor Ort arbeiten?

Al-Mansour: Mädchen aus der Mittelschicht studieren bevorzugt Medizin, Ingenieurswissenschaften oder für das Lehramt an Schulen. Frauen können nur von Ärztinnen untersucht werden, Männer sträuben sich da noch, außer vielleicht im Notfall. In Saudi-Arabien gibt es viele Männer und Frauen, die nicht berührt werden wollen. Dabei sollte es gar nicht um Genderfragen gehen, sondern um den besten Arzt oder die beste Ärztin.

Alte Vorurteile sind nach wie vor präsent: Eine Szene aus "Die perfekte Kandidatin"
Alte Vorurteile sind nach wie vor präsent: Eine Szene aus "Die perfekte Kandidatin" ( © NEUE VISIONEN)

Die Männer in „Die perfekte Kandidatin“ sind aber nicht durchweg sexistisch oder negativ gezeichnet, sondern mitunter durchaus sympathisch wie etwa der Vater der Hauptfigur Maryam.

Al-Mansour: Das patriarchalische System und die sozialen Codes knebeln Männern wie Frauen; beide Geschlechter werden in die von der Gesellschaft vorgegebenen Rollen gepresst. Das Klischee vom Tyrannen, der seine Töchter unterdrückt, wollte ich nicht bedienen, sondern die andere Seite zeigen. Männer sind nicht immer nur die Bösen. Das heißt aber nicht, dass es keine diktatorischen Ehemänner und Väter gibt. Aber wir sollten nicht alle über einen Kamm scheren.

Inwieweit besteht in Saudi-Arabien ein Hunger nach dieser Art Filmen?

Al-Mansour: Frauen und junge Leute sind sehr neugierig. Ich werde respektiert, auch von den Konservativen, weil ich einen Dialog anstrebe und keine Aggressionen gegen Andersdenkende befürworte. Ich empfinde mich nicht als traditionelle Muslimin. Das bedeutet aber nicht, dass ich traditionsbewusste Menschen nicht respektiere oder gar beleidige. Saudis werden immer religiös sein, genauso wie die Italiener. Die Religion darf jedoch nicht unser gesamtes Leben determinieren. So sollte es sich nicht widersprechen, als Sänger Erfolg zu haben und gleichzeitig zu beten und in die Moschee zu gehen.

Welche Rolle spielt die Musik in der saudi-arabischen Kultur?

Al-Mansour: Die Religiös-Konservativen stemmen sich vehement gegen Musik; sie betrachten sie als unmoralischen Faktor im Alltag. Wer Musik hört, kommt in die Hölle, selbst wenn es sich um saudische Musik handelt. Von westlicher Musik wollen wir erst gar nicht reden. Jegliche Form der Kunst ist ihnen suspekt. Aber sie stehen wohl auf verlorenem Posten. Junge Bands bilden sich im ganzen Land und werden bei ihren Auftritten gefeiert.

Wie gestalteten sich die Dreharbeiten? War es unkomplizierter als bei Ihrem ersten Film „Das Mädchen Wadjda“ (2012)?

Al-Mansour: Alles verlief wesentlich entspannter. Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, wie wir 2011 verdeckt aus einem Kleinbus heraus gefilmt haben und es kein gemischtes Team geben durfte. Es war viel einfacher, eine Drehgenehmigung zu erhalten; auch die Visas für die ausländischen Mitarbeiter waren kein Problem, oder der Zugang zu den Drehorten. Die Menschen begegneten uns freundlich. Manchmal regten sich religiöse und konservative Passanten auf; dann überprüfte die Polizei unsere Dreherlaubnis und schickte sie weg. Die Verantwortlichen der einzelnen Gewerke stammten aus Deutschland, und auch eine Reihe weiblicher Crew-Mitglieder, etwa die zweite Kamerafrau. Sie trugen den Gesichtsschleier und waren sozusagen unsichtbar; damit vermieden wir Stress und Provokationen. Dreharbeiten haben in Saudi-Arabien noch Seltenheitswert. Wir benötigen eine bessere filmische Infrastruktur und eine gezielte Ausbildung in allen Bereichen, auch für Frauen. Unsere jungen saudischen Mitarbeiter waren begeistert, das lässt für die Zukunft einer eigenen Filmindustrie hoffen.

Pionierarbeit: Bei "Das Mädchen Wajdja" war der Dreh noch wesentlich schwieriger als bei "Die perfekte Kandidatin"
Bei "Das Mädchen Wadjda" war die Dreharbeiten noch wesentlich schwieriger ( © Koch Media)

Im Filmgeschäft sind Frauen generell unterrepräsentiert...

Al-Mansour: Frauen stoßen in vielen Bereichen an eine „gläserne Decke“; auch im Westen müssen sie mit Widerstand rechnen. Es mangelt an weiblichen Führungspositionen, in der Wirtschaft wie der Politik. Das bedingt einigen Frust. Männer beherrschen das Machtspiel; Frauen müssen sich erst herantasten und an ihre Stärke glauben. Im Filmgeschäft gibt es keine Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern. Das beginnt schon mit der Finanzierung. Regisseurinnen müssen sich mit kleineren Budgets begnügen, kriegen oft nicht die besten Drehbücher, warten lange auf den nächsten Film, und auf Festivals sind sie meistens auch nur marginal vertreten. Wir müssen mehr Druck ausüben und die Debatte unbeirrt weiterführen. Nicht nur für uns, sondern auch für unsere Töchter. Ich möchte mehr Filme von Frauen sehen.

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