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Ein Interview mit Florian Gallenberger über „Der Überläufer“

Mittwoch, 08.04.2020

Der Regisseur über seine Serienadaption eines Siegfried-Lenz-Romans

Diskussion

Regisseur Florian Gallenberger, 2001 für seinen Kurzfilm „Quiero Ser“ mit einem „Oscar“ geehrt, hat sich mit Spielfilmen über historische Stoffe einen Namen gemacht („Schatten der Zeit“, „John Rabe“, „Colonia Dignidad“). Auch sein erster Fernsehfilm, der Zweiteiler „Der Überläufer“ (hier zur FILMDIENST-Kritik), der am 8. und 10. April TV-Premiere im Ersten feiert, schaut zurück in die Geschichte: Basierend auf dem posthum veröffentlichten gleichnamigen Roman von Siegfried Lenz geht es um den jungen Soldaten Walter Proska (Jannis Niewöhner), der im Sommer 1944 zwischen Pflichterfüllung und seinem inneren moralischen Kompass fast zerrieben wird und zur Roten Armee überläuft. Im Interview spricht Gallenberger u.a. darüber, was ihn an Lenz’ Stoff bewegt hat.


Was hat Sie an der Geschichte des „Überläufers“ so gepackt?

Florian Gallenberger: Alles geschah unter enormem Zeitdruck. Ich kam 2019 nur drei Monate vor Drehbeginn an Bord und habe erst einmal den Roman gelesen, der mich von seiner Thematik und Fragestellung her interessiert hat. Wie wird ein Mitläufer zum Überläufer? Warum wechselt ein junger Wehrmachtssoldat 1944 die Fronten? Kann ein Mensch im Krieg „gut“ oder „anständig“ bleiben? Was zählt mehr: Pflicht oder Gewissen? Es gab aber auch einen sehr privaten Moment: Meine Frau ist Polin. Wir haben uns vor 25 Jahren in einem Zug in Polen kennengelernt. Natürlich war das eine ganz andere Situation, aber bei der Erinnerung hat es doch Klick gemacht.


Bei Siegfried Lenz dient ein Brief von Walter Proska an seine Schwester als Klammer. In „Der Überläufer“ ist es eher die Liebesgeschichte. Wie sind Sie die Änderungen angegangen?

Gallenberger: Die Klammer mit dem Brief ist sehr schön, und die hätten wir auch gerne in den Film aufgenommen. Nur ist der Roman in der zweiten Hälfte etwas fragmentarisch. Wir haben also versucht, von Anfang bis Ende durchgehende Erzählbögen zu schaffen. Das Problem mit der Schwester war, dass sie auch im Roman vor allem abwesend ist. Eine abwesende Figur ist zwar sehr elegant, aber als Erzählbogen schwach. Die Beziehung zur polnischen Partisanin hört im Roman hingegen einfach auf und ist nicht fertig geschrieben. Wir mussten uns für einen Hauptreferenzpunkt entscheiden, Schwester oder Liebesgeschichte. Auch der Unteroffizier und Menschenschinder Willi Stehauf tritt im Roman nicht mehr in Erscheinung, wir haben ihn hereingeholt als ein Verbindungselement zwischen dem ersten und zweiten Teil. Der junge Soldat Wolfgang Kürschner stirbt im Roman, bei uns steigt er am Ende im neuen Regime auf.

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Sie sind 1972 geboren, haben den Krieg nicht erlebt. Können wir „Nachgeborenen“ uns überhaupt in die Lage der beiden Soldaten hineinversetzen, ihr Verhalten verstehen?

Gallenberger: Ich weiß nicht, wie es wirklich war, stütze mich auf das Buch von Lenz. Natürlich kann ich mich durch historische Berichte aus der Zeit und Soldatentagebücher der Situation annähern, aber ich würde mich nie trauen, zu urteilen oder zu behaupten, ich hätte mich so oder so verhalten. Ob wir auch nur annähernd das Grauen dieser Zeit nachvollziehen können, wage ich zu bezweifeln. Der Zuschauer betrachtet das Geschehen aus der heutigen Perspektive, er muss der Figur folgen können, sich für sie interessieren. Ich hoffe, den Betrachter mitzunehmen und zu motivieren, sich selbst Fragen zu stellen.

Jannis Niewöhner und Rainer Bock in "Der Überläufer"
Jannis Niewöhner und Rainer Bock in "Der Überläufer"


Gibt es so etwas wie eine richtige Seite? Im zweiten Teil sagt Wolfgang Kürschner, der beim Aufbau der DDR Karriere macht, die „faulen Äpfel“ aussortieren will und über andere richtet: „was wir tun, ist aktiver Pazifismus“. Das ist doch ein Euphemismus, oder?

Gallenberger: Das ist einer meiner Lieblingssätze, genau der Wendepunkt, in dem diese vorher positive Figur ins Totalitäre driftet, zu einem Verführer und zu einer negativen Figur wird. Auch im neuen Deutschland zählte nicht der Einzelne, sondern vor allem das System.


Obgleich sich beide Hauptfiguren gegen die Absurdität des Krieges mit seinem Kadavergehorsam wehren, entwickeln sie sich später entgegengesetzt: Autoritätsgläubigkeit versus Freiheitsrechte. Diese unüberwindbaren Gegenpole existieren heute noch in unserer Gesellschaft. Glauben Sie, unsere Demokratie kann totalitären und autoritären Tendenzen widerstehen?

Gallenberger: In Anbetracht des zunehmenden Populismus in den letzten Jahren und der Hilflosigkeit des Umgangs mit ihm bin ich nicht sehr optimistisch. In unserer widersprüchlichen und komplexen Welt sehnen sich viele nach einfachen Antworten und simplen Unterteilungen in Gut und Böse. Du gehörst nicht dazu, also raus mit dir. Menschen sind extrem empfänglich für solche totalitären Entwürfe. Uns in Sicherheit wiegen und den Gedanken pflegen, dass das nicht mehr passieren könne, könnte einer gefährlichen Entwicklung und dem Kippen des Systems durch eine Aufladung mit Wut, Enttäuschung und Ärger nur Vorschub leisten.


Was haben Sie für ein Menschenbild? Tendieren Sie mehr in Richtung Jean-Jacques Rousseau, für den der Mensch im Naturzustand gut ist, oder mehr zu Thomas Hobbes’ „Homo homini lupus“, also „der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“?

Gallenberger: Mit der Frage habe ich nicht gerechnet. Mir fällt spontan das Bonmot ein, „ich liebe die Menschen, aber ich hasse die Leute“. Ich bin gespalten. Es gibt vieles, was uns an den Menschen glauben lässt, und vieles, was uns an ihm verzweifeln lässt. Dieser Dualismus ist nicht aufhebbar, in dessen Dynamik stecken wir immer. Wir wünschen uns vielleicht die simple Antwort, dass der Mensch gut oder schlecht sei. Das funktioniert nicht, wir sind zum Guten wie zum Schlechten begabt, sind in unserem Innern geteilt. Damit müssen wir uns ständig auseinandersetzen.

Jannis Niewöhner und Malgorzata Mikolajczak
Jannis Niewöhner und Malgorzata Mikolajczak


War es schwierig, die Balance zwischen hartem Antikriegsfilm und der Geschichte einer eigentlich unmöglichen Liebe zu halten, Schrecken und Schönheit zu verbinden?

Gallenberger: Der erste Teil ist sehr nah am Roman, welcher im sexuellen Verhalten fast schon zu modern ist, denn es geht dort alles noch schneller. Da küssen sie sich schon nach fünf Minuten im Zug. Ich habe einen Gang rausgenommen. In einer Zeit, in der man nicht weiß, ob man den nächsten Tag noch erlebt, ist der Anreiz, Hemmungen über Bord zu werfen, groß. Morgen ist es vielleicht zu spät. Auch in Extremsituationen, und Krieg ist eine Extremsituation, hören die Menschen nicht auf, Bedürfnisse und Begierden zu empfinden, Gefühle. Liebe als Kontrast zum Krieg. Die Großmutter meiner Frau hat sich in einen deutschen Wehrmachtssoldaten verliebt. Es gab in dieser Zeit unfassbar Schreckliches, aber auch einen Eskapismus, Momente, in denen Menschen den Krieg für einen Augenblick abschütteln wollten und sich mit Haut und Haar in etwas anderes stürzten. Das Eine steht so ungebrochen und für uns fast unvereinbar neben dem Anderen, ohne sich zu verbinden.


Die Szene, in der sich das Paar im Kornfeld liebt, während nur wenige Meter entfernt der Horror des Krieges tobt, ist sehr gewagt. Was erwidern Sie auf den Vorwurf, dieses „Bett im Kornfeld“ sei Kitsch?

Gallenberger: Darüber haben wir sehr viel diskutiert. Das sommerliche Weizenfeld assoziiere ich mit Polen. Aber wäre es einfach nur Kitsch, würde nicht zwischen den Liebenden, die da in einer fast unwirklichen Atmosphäre die Welt um sich vergessen, und einem Menschen, der beim Schwimmen von Maschinengewehrsalven durchlöchert wird, hin und her geschnitten.


Der Fernseh-Mehrteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ hat in Polen für Empörung gesorgt. Befürchten Sie auch negative Reaktionen?

Gallenberger: Ich bin zuversichtlich, in Polen anders wahrgenommen zu werden. Über die Darstellung der Partisanen haben wir im deutsch-polnischen Team intensiv diskutiert. Allerdings ist die politische Situation sehr speziell durch den Einfluss auf die Medien und das Geschichtsverständnis der sehr rechtslastigen Regierung. Wir haben berücksichtigt, dass die polnischen Partisanen noch heute zurecht als Helden verehrt werden. Deshalb wünsche ich mir, dass „Der Überläufer“ in Polen gesehen wird, erst dann wäre er vollständig.

Sebastian Urzendowsky und Jannis Niewöhner
Sebastian Urzendowsky und Jannis Niewöhner

Was erhoffen Sie sich von Ihrem Film?

Gallenberger: Dass ein Deserteur ein Schwein ist, ein verachtenswertes Individuum, an dieser Meinung hat sich nichts geändert. Diesen Reflex sollten wir unterbrechen und uns mit den Beweggründen beschäftigen. Die Menschen denken in Gruppen, identifizieren sich damit. Ob sie nun Wehrmacht heißt oder Rote Armee, Bayern- oder Dortmund-Fans, Katholiken oder Moslems. Wer von einer Gruppe zur anderen überläuft, gilt als Verräter. Ich würde mich freuen, wenn wir diese Gruppenlogik hinterfragen und den Einzelnen sehen. Wir sollten uns in unserem Urteil nicht auf den Katalog der Gruppe verlassen, sondern eine eigene Haltung und einen eigenen Kompass finden und ihm folgen. Und das versucht Proska, er versucht, trotz aller Zwänge seine Integrität zu bewahren, was ihm mal schlechter, mal besser gelingt. Aber der Versuch ist es wert, wenn wir mündige Bürger und mutige Menschen sein wollen.


Welche Überlegungen führten zum Epilog?

Gallenberger: Die Veröffentlichung des Buches war 1951 politisch nicht opportun. Ich wollte einen Blick werfen auf die Kräfte und die Geisteshaltung, die dahinterstecken. Auf dieses „Wir müssen nach vorn gucken, nicht immer in der Vergangenheit wühlen“. Deshalb wollte ich kurz die Stimmung in den 1950er-Jahren zeigen. Die Zeit, in der diese Geschichte nicht erzählt werden konnte.


Warum sind Sie nach dem Kurzfilm-„Oscar“ 2001 für „Quiero Ser“ in Deutschland geblieben? Ihnen standen doch sicherlich auch international Tür und Tor offen?

Gallenberger: Meine Filme spielen ja viel im Ausland – in Indien, in China, in Südamerika. Man kann weder das Leben noch die Liebe planen, es läuft immer anders. Die Geschichten sind zu mir gekommen, es war die richtige Entscheidung, ihnen zu folgen. Wer weiß, was als nächstes kommt? Ich bin nicht der Typ, der sich ein Karrierekonzept zurechtlegt.

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