© HB0 (Artwork zu "Watchmen")

Im Affekt #12: Affektive Umerziehung

Dienstag, 23.06.2020

Die Pilotfolge der HBO-Serie „Watchmen“ dient Till Kadritzke als Aufhänger für eine Reflexion über den Bezug eines mehrheitlich weißen Publikums zu rassistisch grundierten Filmen wie „Vom Winde verweht“

Diskussion

Das Wochenende, an dem HBO die Serie „Watchmen“ kostenlos zur Verfügung stellte, war viel zu schnell vorbei. Gerade einmal die Pilotfolge hat Till Kadritzke gesehen. Doch die reichte, um in seinem Affekt-Blog historische Bögen zu schlagen: zu einem vergessenen Marshall, zu Trumps Wahlkampfauftakt, und zu „Vom Winde verweht“.


Ich komme zu spät zur Party, und als ich endlich auftauche und meinen ersten Drink intus habe, ist sie schon vorbei: Die HBO-Serie „Watchmen“ lief bereits 2019, sie wurde besprochen, gelobt, gefeiert, analysiert, gehypt, vielleicht irgendwo auch kritisiert. Jetzt waren die neun Folgen für ein Wochenende kostenlos und weltweit streambar, und eine davon habe ich immerhin geschafft.

Aber was für eine! Die ersten Bilder sind ein Stummfilm, in dem der „Black Marshall“ Bass Reeves einen korrupten Sheriff per Lasso fängt und der Gemeinde ausliefert. Als der Bösewicht gelyncht werden soll, mahnt Reeves: „There will be no mob justice today! Trust in the law!“ Erst dann erzählt uns die Tonspur, dass da gerade jemand diesen Film schaut und diesen Satz mitspricht, und erst dann erklärt ein Kameraschwenk, dass der Stummfilm in einem altehrwürdigen Kino läuft und eine Mutter zur musikalischen Untermalung gerade wie wahnsinnig in die Tasten haut, damit ihr Sohn seinem großen Helden zujubeln kann.

"Trust in the law": Szene aus dem Beginn von "Watchmen"
"Trust in the law": Szene aus dem Beginn von "Watchmen" (Foto: HBO)

Den Film hat es nie gegeben, die Szene ist eine kleine Hommage an den afroamerikanischen Filmemacher Oscar Micheaux. Bass Reeves dagegen hat es schon gegeben; er war erster schwarzer Marshall westlich des Mississippi; Morgan Freeman produziert gerade eine Serie über ihn. Der Fake-Stummfilm zu Beginn der Comic-Verfilmung aber macht das, was „Watchmen“ fortan unternimmt: affektive Szenarien erschaffen, in der die Geschichte des 20. Jahrhunderts zur Kenntlichkeit verzerrt ist.


Historie mit umgekehrtem „Race“-Vorzeichen

Den Begriff der „affektiven Szenarien“ hat die Kulturwissenschaftlerin Lauren Berlant geprägt, und er scheint mir eine Möglichkeit, das Scharnier zwischen Film und Welt zu denken: Der narrative Film schafft Affekte, aber diese sind stets eingebunden in Szenarien, die wir abgleichen mit denen, die uns in der Welt begegnen, ob unmittelbar oder vermittelt. „Watchmen“ spielt bekannte affektive Szenarien durch, stets mit umgekehrten Race-Vorzeichen: ein weißer Rassist wird von einem schwarzen Cop angehalten, das strunzweiße Musical „Oklahoma“ wird von einer schwarzen Theatergruppe aufgeführt, und am Ende der Folge hängt ein alter weißer Mann im Baum.

Das mag in einer solchen Aufzählung nach plumper Umkehrung klingen, doch die visuellen Irritationen sind in einen so wuchtigen wie komplexen Plot eingebaut, und sie stehen fest auf dem historischen Fundament eines alternativen Jahrhunderts, in dem nur ein paar Variablen verschoben wurden. Eine Konsequenz: Im Jahr 2019 zahlt ein liberaler Präsident Reparationen an die Nachkommen der Opfer von Sklaverei und rassistischer Gewalt. Eine andere Konsequenz: Die „White Supremacy“-Organisation Seventh Cavalry ruft zum bewaffneten Widerstand auf.

Die "Siebente Kavallerie" ruft zum bewaffneten Widerstand auf (Foto: HBO)
Die "Siebente Kavallerie" ruft zum bewaffneten Widerstand auf (Foto: HBO)

Aber allein die Anfangssequenz wirkt auf so mannigfaltige Weise in den Juni 2020 hinein, dass man mit den Einzelheiten des „Watchmen“-Universums gar nicht anfangen muss –und das nicht einmal nur deshalb, weil die kostenlose Veröffentlichung von HBO auch damit zu tun hat, dass aus aktuellem Anlass gerade diverse Content-Anbieter ihr Angebot nach dem Schlagwort „Race“ durchforsten und #BlackLivesMatter-Angebote raushauen.


Trump und die Tulsa-Connection

Da wäre einmal die Tulsa-Connection: Den meisten Nicht-Historiker*innen dürfte ohne Recherche nicht klar gewesen sein, was an Datum und Ort seines geplanten Wahlkampfauftakts sogar Donald Trump irgendwann zu heikel erschien. Dass nämlich ein amtierender US-Präsident erstens mitten in einem bei weiten Teilen der Bevölkerung auf Zustimmung stoßenden Aufstand gegen strukturellen Rassismus, zweitens am Jahrestag der Abschaffung der Sklaverei und drittens an einem Ort auftritt, an dem der wohl schlimmste rassistische Massenmord der Nach-Bürgerkriegszeit stattgefunden hat – und viertens, das nicht, um der Opfer zu gedenken.

Dieser Massenmord reißt uns in der Eröffnungsszene von „Watchmen“ buchstäblich aus dem Kino. Denn in dieses Kino, in dem eine Mutter gerade in die Tasten haut und ihr Sohn den Black Marshall bewundert, stürmt ein Vater, um seine Familie für die Selbstverteidigung zu bewaffnen. In dem Moment, in dem die drei vom Kino auf die Straße treten, landet der Schriftzug „TULSA 1921“ im Bild, weil in diesem Moment tatsächlich das Kino in die Welt tritt. Denn was in Tulsa am 1. Juni 1921 geschehen ist – die völlige Vernichtung, teilweise Bombardierung des „Black Wall Street“ genannten Viertels von Greenwood mit bis zu 300 Toten – ist selbst US-Amerikanern oft kaum bekannt, kein Schulstoff, kein Filmstoff.

Kein Schulstoff, kein : Tusla 1921 (Foto: HBO)
Kein Schulstoff, kein Filmstoff : Tulsa 1921 (Foto: HBO)

„Watchmen“ ist also Bildproduktion im besten Sinne, die erschafft, was es nicht geben durfte, und zeigt, was verdrängt wurde. Und da die Serie ein ganzes alternatives Archiv aufbaut, lässt sich mit ihr auch – das ist die zweite Verbindung zu den Geschehnissen im Juni 2020 – über den Umgang mit dem tatsächlichen filmischen Archiv und seinem tradierten Rassismus nachdenken. Weil sie der historischen Kontextualisierung, der Filme wie „Vom Winde verweht“ nun schnell unterzogen werden sollen, nicht nur eine affektive Umerziehung in der Gegenwart zur Seite stellt. Sondern auch, weil sie mit dem Kameraschwenk von der Kinoleinwand in den Blick des schwarzen Jungen die Perspektive vom Film auf ein Publikum verschiebt, das nicht einfach nur ein Publikum ist.


Es gibt keinen „neutralen“ Zuschauer

Denn bei den Debatten um den Umgang mit Klassikern des US-Rassismus scheint oft jedes noch so abwägende „Wir können nicht jede rassistische Darstellung…“-Argument von einem nicht nur mündigen, sondern auch neutralen Zuschauer auszugehen, der die Geschichte kennt, sie einordnen und ohne Mühe genügend Distanz zwischen sich und die Bilder bringen kann, und gerade deshalb keine verordnete Distanzierung nötig hat. Diejenigen, die viel meinen in dieser Debatte, fühlen sich meist wenig gemeint und können es sich erlauben, in den Bildern der Vergangenheit keine Gegenwart zu sehen.

Der Schwenk auf den Jungen im Kinosessel dagegen fragt nicht nach Kunst und Kontext, nicht nach Freiheit und Zensur, sondern erinnert zunächst an jene Worte, mit denen James Baldwin beschrieben hat, was es für einen schwarzen Heranwachsenden in den USA bedeutet, sich im Kino seiner selbst bewusst zu werden: „Es trifft einen wie der Schlag, Gary Cooper dabei zuzusehen, wie er Indianer tötet, und irgendwann zu bemerken, dass du zwar Gary Cooper zujubelst, aber dass die Indianer Du sind.“

"Trust in the law": Regina
"Trust in the law": Regina King als Sister Night aus "Watchmen" (Foto: HBO)

Bei „Watchmen“ geht es um mehr als plumpe Umkehrung; hier ist keine krasse Dystopie oder kecke Utopie mit teaserbarer Prämisse am Start. Hier weiß eine Serie, dass sie Teil eines Archivs sein wird, dass weder Kino noch Fernsehen jemals bei Null anfangen, dass Bilder wirken, und dass es den Zuschauer als neutrale Instanz nicht gibt. Nicht nur das Ausmaß der Kinoliebe, auch die Erfahrung in der Welt bestimmt, wer mit leuchtenden Augen im Kino den Satz „Trust in the Law!“ mitflüstert und wer nicht, oder höchstens in einem Paralleluniversum.


Die erste Staffel der Serie „Watchmen“ ist derzeit auf vielen VoD-Plattformen wie Amazon, Google Play oder maxdome verfügbar. Alle Beiträge des Blogs Im Affekt" von Till Kadritzke sowie viele andere Texte, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums in früheren Jahren entstanden sind, finden sich hier.

Kommentar verfassen

Kommentieren