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Im Affekt #15: Im Angesicht des Hundes

Sonntag, 09.08.2020

Samuel Fullers „White Dog“ wurde erst lange nach seiner Fertigstellung Anfang der 1980er-Jahre als der Geniestrich erkannt, der er ist.

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Samuel Fullers „White Dog“ wurde erst lange nach seiner Fertigstellung Anfang der 1980er-Jahre als der Geniestrich erkannt, der er ist. In seinem "Affekt"-Blog schreibt Till Kadritzke über einen Film, der inhaltlich wie formal die Welt als Knoten zwischen Denken und Fühlen begreift.


Im Gesicht des Hundes, zwischen zähnefletschend und treu, liegt die ganze Welt, ihr Drama, ihre Hoffnung, da tobt ein Kampf. Die Close-ups des titelgebenden Hundes sprechen nicht von Emotionen, sondern stellen die Frage: Was liegt zwischen dem freudigen Erkennen und dem feindseligen Zähnefletschen, was lässt das eine ins andere übergehen, was entscheidet über Liebe und Hass?


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White Dog aus dem Jahr 1981 ist nicht nur ein Film der Affekte, sondern praktizierte Affekttheorie. Der Affekt liegt schließlich irgendwo zwischen dem Physiologischen und dem Psychologischen, verknüpft Synapsen mit ihrem kulturellen Kontext. Affekte sind uns nicht bewusst, und doch alles andere als natürlich: Auch das Unbewusste ist gesellschaftlich. Samuel Fullers Film erklärt das am Beispiel des Hundes: Sie gehorchen Instinkten, sind aber auch konditionierbar.


Der weiße Hund sieht rot, wenn er Schwarze sieht

Ein Hund sieht die Welt in Schwarz-weiß, heißt es einmal im Film. Der titelgebende „White Dog“ sieht rot, wenn er Schwarze sieht, so wurde er konditioniert, deshalb greift er an. Das ist die Prämisse. Die angehende Schauspielerin (Kristy McNichol), die das Tier aufgelesen hat, ist schockiert, als sie das erfährt. Sie sucht nach einem Trainer, der den Hund umerzieht. Der „white savior“ kapituliert: Das wird nichts, sagt der Chef, doch sein schwarzer Trainer Keys (Paul Winfield) ist ehrgeiziger; er geht daran, dem Hund den Rassismus auszutreiben, fast obsessiv. Ein Projekt, das in der letzten Szene mit einem Tier-Werden des Western-Showdowns endet.

Das Wahnsinnige dieses Films ist, wie sich seine metaphorische und seine sehr konkrete Dimension nie in die Quere kommen, wie er nicht nur den Rassismus zwischen Ideologie und basaler Wahrnehmung verortet, sondern auch uns Zuschauende zugleich zum Denken wie zum Fürchten bringt. Affekt und Diskurs lassen sich nicht trennen, sie kommen immer irgendwo zusammen, und dann kracht’s. Der weiße Hund reiht sich damit in die Riege der großen Kino-Tierfiguren ein, irgendwo zwischen Balthasar und dem Weißen Hai.

Samuel Fuller gebührt nicht nur das Verdienst, seine inszenatorischen Fähigkeiten in den Dienst des Films gestellt zu haben; er hat auch die Romanvorlage entscheidend verändert, nicht zuletzt, weil er in den späten 1930er-Jahren als Reporter über den Ku-Klux-Klan berichtet und dabei selbst Bekanntschaft mit White Dogs gemacht hatte.

In der Buchvorlage von Romain Gary wird der Hund von einem Anhänger der Black Muslims umerzogen, damit er fortan Weiße attackiert, eine literarische Variante des Reverse-Racism-Motivs. Fullers Film ist politisch und historisch viel genauer; er erzählt von Rassismus nicht einfach als Hass aufs Fremde, sondern wirft eine Blick in die Geschichte: Es geht um White Dogs zu Zeiten der Sklaverei, zu Zeiten der Jim-Crow-Gesetze, schließlich um White Dogs als Aufstandsbekämpfung zu Zeiten der Bürgerrechtsbewegung. Der White Dog steht damit, ähnlich wie das derzeit für die Institution der Polizei diskutiert wird, für eine rassistische Kontinuität.


Rassismus als Körper und als Idee

Was der Film vielen anderen Filmen über Rassismus voraushat: In „White Dog“ ist Rassismus ein Körper und eine Idee. Der Hund als Metapher ist über-individuell genug, damit der Film jene personalisierte Form der Politik umschifft, in der es nur um Einzelne und ihre Vorurteile geht. Der Hund als konkreter Körper aber ist individuell genug, damit der Film sich nicht in einer Übersetzung von Strukturen ins Filmische versucht, eine Übersetzung, die im Kino in der Regel nur notdürftig funktioniert und unbeholfen daherkommt, selten auf Didaktik verzichten kann.

Rassismus schwebt nicht einfach im Reich der Ideen herum und kann durch die Kraft der Überzeugung bekämpft werden; er ist tief verwurzelt im gesellschaftlichen Körper, er ist Instinkt, er ist Hund. Zugleich aber ist er keine abstrakte Macht, aus der es kein Entrinnen gibt, denn er ist auch Leben, er ist Hund. Für die Verkettung der menschlichen und nicht-menschlichen Dimensionen von Rassismus ist der Hund nicht die schlechteste Metapher, eine Metapher, die in den tierischen Close-ups selbst zum reinen Affekt gerinnt, der uns den Hund fürchten lässt, aber vor allem uns selbst.


White Dog“ (dt. Titel: „Weiße Bestie“ oder „Der weiße Hund von Beverly Hills“) ist als VoD bei Amazon Prime, iTunes und Microsoft zu sehen.

Alle Beiträge des Blogs Im Affekt" von Till Kadritzke sowie viele andere Texte, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums in früheren Jahren entstanden sind, finden sich hier.

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