© Koch (aus "Wege des Lebens - The Roads Not Taken")

Eine Lichtgestalt mit Untiefen - Die Schauspielerin Elle Fanning

Montag, 24.08.2020

Ein Porträt der US-Schauspielerin Elle Fanning, die derzeit mit „Wege des Lebens – The Roads Not Taken“ im Kino zu sehen ist

Diskussion

„She has that ... thing“, heißt es in Nicolas Widning Refns artifziellem Horrorthriller „The Neon Demon“ (2016) über das aufstrebende junge Model Jesse, das gerade neu in die Stadt Los Angeles gekommen ist, was die arrivierten Schönheiten um ihren Platz in der Fashionwelt fürchten lässt. Jesse, von Elle Fanning anfangs mit anrührender Schüchternheit gespielt, ist eine Lichtgestalt in einer vergletscherten Welt, die von bionischen Körpern, kalten Blicken und blutleeren Sätze regiert wird. Wenn sie einen Raum betrete, sei es, als gehe mitten im tiefsten Winter die Sonne auf. Auch das sagt man über das Mädchen mit den gelockten blonden Haaren, das in den langen, pudrigen Kleidern erst recht wie eine Engelsgestalt aussieht.

Elle Fanning, 1998 in Georgia geboren, hat selbst in den ödesten Filmen diese so beschriebene „aufhellende“ Wirkung. Schwer zu ergründen, wie genau sie das macht. Sie hat eben „that thing“. Ihr Spiel wird entsprechend gerne mit metaphysischen Begriffen beschrieben: transzendent, transformativ, hypnotisierend, fesselnd oder auch: „scarily good“.


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Elle Fanning war irgendwie immer schon da. Zunächst als jüngere Version ihrer Schwester Dakota Fanning in dem DramaIch bin Sam“ (2001) und der Serie „Taken“ (2002); da war sie gerade mal 2 bzw. 3 Jahre alt. Später dann als Tochter, Schwester oder jüngere Versionen des „eigentlichen“ Stars, etwa in Filmen wie „Babel“ (2006) oder auch „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ (2008). Eine Form der Verschiebung findet sich auch in den eigenständigen Rollen, die sie schon bald übernimmt. Fannings Figuren haben nichts Geerdetes, Kompaktes; sie sind im Gegenteil oft zersplittert oder posieren in Rollen; nicht von ungefähr spielen viele ihrer Filme in der Welt des Showbusiness, der Fashionwelt und der Celebritykultur. Zuletzt etwa in dem britischen Film „Teen Spirit“, wo sie als Provinzmädchen Violet Valenski in einer Castingshow zum Popsternchen aufsteigt. Dass sie der dörflichen Welt auf der Isle of Wight schon bald nicht mehr angehören wird, sieht man ihr schon in den ersten Bildern an. Fanning mimt die Tochter einer aus Polen zugewanderten Mutter zwar glaubhaft, doch die Aura der Außergewöhnlichkeit haftet ihr schon an, wenn sie noch Heuballen schleppt.

Humorvolle Rolle: Elle Fanning in "Jahrhundertfrauen" (Splendid)
Humorvolle Rolle: Elle Fanning in "Jahrhundertfrauen" (© Splendid)

Schon in ihrer ersten Hauptrolle teilt sich die Figur in reale Person und Bühnenpersona. In „Phoebe im Wunderland“ (2008) von Daniel Barnz spielt sie die neunjährige Phoebe Lichten (!), ein Mädchen mit Tourette-Syndrom, das sich allein auf der Theaterbühne von seinen Zwangsstörungen befreit fühlt. „Wie seltsam ... war ich dieselbe, als ich heute morgen aufstand?“, fragt sie in der Rolle der Alice. „Aber wenn ich nicht dieselbe bin, wer bin ich dann?“

Identisch sind die Fanning-Figuren meist weder mit sich noch mit dem realen Alter der Schauspielerin. Mit 13 spielt sie in Sally Potters „Ginger& Rosa"(2012) eine 16-Jährige, in „The Neon Demon“ ist sie mit 18 Jahre eine 16-Jährige, die sich auf Anraten der Agenturchefin als 19-Jährige ausgibt. Mit 19 verkörpert sie in „Die Verführten“ (2017) einen frühreifen Teenager. Oftmals spielt Fanning auch Figuren, die auf älter und reifer „machen“ wie die gleichermaßen ernste und experimentierfreudige Julie in „Jahrhundertfrauen“ (2016). Oder auch die von den Jungs angehimmelte Alice Dainard in dem retrofuturistischen Science-Fiction-Film „Super 8“ von J.J. Abrams. Mit glattem, in der Mitte gescheitelten Haar hat sie einen denkwürdigen ersten Auftritt am Steuer eines Autos, das sie heimlich und ohne Fahrerlaubnis für den Nachtdreh eines Zombiefilms ausgeborgt hat. „Hey – get in“, weist sie die Jungs mit souveräner Coolness an; die Scheinwerfer des Wagens setzen sie dabei effektvoll ins Licht.


Eine feste Größe im Autorenkino

Nach „Super 8“ stand dem Kinderstar eigentlich die Tür zum Blockbusterkino offen. Doch Fanning ging mit wenigen Ausreißern – zum Beispiel „Maleficient: Mistress of Evil“ (2019) und aktuell die Serie „The Great“ – den Weg des etablierten Autorenkinos. Sie drehte mit Sofia Coppola, Francis Ford Coppola, Woody Allen, John Cameron Mitchell, mit Sally Potter, Mike Mills, Haifaa Al-Mansour und Mélanie Laurent.

Elle Fanning in "Die Verführten" von Sophia Coppola ( UPI)
Elle Fanning in "Die Verführten" von Sophia Coppola (© UPI)

Fanning kann mit gutem Recht als Arbeitsbiene gelten. Die International Movie Data Base listet mehr als 50 Titel auf; neben Auftritten in Spiel- und Fernsehfilmen dreht sie Kurzfilme und Musikvideos und tritt in Werbefilmen für Modelabels auf – etwa für das für seinen ätherischen Stil bekannte kalifornische Label Rodarte. In Laurents „The Nightinggale“ wird sie demnächst zum ersten Mal mit ihrer Schwester Dakota gemeinsam zu sehen sein.

Auch wenn Fannings Darstellung meist als natürlich und unmaniriert gepriesen wird, zieht sich das Spiel-im-Spiel wie ein Motiv durch ihre Filmografie. Dabei muss es nicht notwendigerweise ein Filmdreh sein wie in „Super 8“, wo sie mit ihrer ergreifenden Performance die Grenzen eines amateurhaft gemachten B-Movies sprengt und der kindlichen Filmcrew Tränen der Rührung in die Augen treibt. Die Fanning-Figuren performen auch im Alltag Rollen – etwa um einem bestimmten Bild von sich selbst zu entsprechen. In einer tollen Szene in „20th Century Women“ zeigt sie Jamie, wie man raucht und dabei einen „cool cigarette walk“ hinlegt. Als Tochter einer Therapeutin ist Julie in Rollenspielen geübt. „Can we do therapy?“, fragt sie Jesse, und beginnt mit ihm einen Dialog als seine Mutter. Nicht nur in diesem Film wechselt sie mehrfach von einer Sekunde auf die andere ihr gestisches und mimisches Vokabular. Fannings charakteristischster Registerwechsel ist ihr sehr hohes, fast schon erstickend quietschiges Lachen, das ihr ansonsten eher ernstes Wesen schlagartig verwandelt. Der Filmkritiker A. O. Scott attestierte ihr in der New York Times einmal eine „nearly Streepian mixture of poise, intensity and technical precision“.


Eine lichtdurchflutete, pastellhafte Erscheinung

Das unauthentische Element der Fanning-Figuren ist beim Übergang vom Kinder- zum Teenagerstar eine große Hilfe. Typische Teenager-Filme wie etwa High-School-Komödien oder auch „reine“ Coming-of-Age-Dramen sucht man in ihrer Filmografie vergeblich. Fanning ist nie „nur“ ein Teenager mit den altersüblichen Problemen; ihre Figuren stellen ihr stets komplexere Aufgaben. In „Ginger & Rosa verkörpert sie eine Jugendliche, deren politisches Bewusstsein vor dem Hintergrund der Kuba-Krise erwacht, in „Alle Farben des Lebens“ (2015) kämpft sie als Transjunge um die geschlechtliche Transition.

Kaum wiederzukennen: Elle Fanning in "Alle Farben des Lebens" (Tobis)
Kaum wiederzukennen: Elle Fanning in "Alle Farben des Lebens" (© Tobis)

Fannings offenste und „unmarkierteste“ Figur ist sicherlich die der elfjährigen Cleo in Sofia Coppolas Ennui-Ballade „Somewhere“ (2010). Als Tochter des von Stephen Dorff gespielten Hollywoodschauspielers Johnny Marcos bringt sie vorübergehend Licht in seinen entleerten Alltag. Der Film setzt ganz auf den fröhlichen Zauber einer noch vorpubertären Mädchenhaftigkeit – und er vertraut ihrer puren Präsenz, wenn er ihr einfach zuschaut: Wie sie am Fernseher Motion Tennis spielt, im Auto mit ihrem Vater Paparazzis ablenkt, mit kindlichem Ernst Essen kocht oder eine Liste fürs Sommercamp schreibt. Tatsächlich scheint Fanning in Coppolas lichtdurchwirkten, schwebend-melancholischen Oberflächentexturen ganz bei sich angekommen. Die Schauspielerin mag das Bild des sonnigen California Girl in zahlreichen Filmen zwar mit einem dunklen oder gar (selbst)zerstörerischem Ton irritieren – nicht nur in dem kalten „The Neon Demon“, sondern auch in dem warmen „20th Century Women“: Richtig heimisch wirkt Fanning in ihrer Pastellfarbigkeit eigentlich nur an der Westküste oder überall dort, wo die Sonne viel scheint. In dem Southern Gothic „Die Verführten“ besetzt sie Coppola erneut – dieses Mal als raffinierte Pensionatsschülerin Alicia, die einen verwundeten Soldaten der konföderierten Armee verführt.


Das ganze Spektrum jugendlicher Intensitäten

Fannings schönste Rolle hat sie allerdings in einem Film, der im winterlichen London spielt: „Ginger & Rosa“. In der Rolle der Ginger, als empfindsames Mädchen mit langem, kupferrotem Haar, begehrt sie Anfang der 1960er-Jahre mit ihrer besten Freundin Rosa gegen die Mütter auf, die ihre eigenen Ambitionen schon lange aufgegeben haben, aber gleichzeitig die Opfer beklagen, die sie zu leisten hatten. Das Geburtsdatum der beiden Mädchen ist historisch und wirft seinen Schatten auch auf die Gegenwart: Ginger und Rosa sind an jenem Tag geboren, als die Atombombe Hiroshima zerstörte. Ginger, die eigentlich „Afrika“ heißt – zu Ehren von Freuds Theorie der Frau als „schwarzer Kontinent“ – hat aber auch an den libertären Ansprüchen des schwer bewunderten Vaters zu tragen.

"Ginger § Rosa": Alice Englert, Elle Fanning (r.)
"Ginger & Rosa": Alice Englert (l.), Elle Fanning (© Concorde)

Sally Potter, die in dem Film auch auf ihre eigene Sozialisation im linken Milieu zurückblickt, erzählt, wie Ginger sich zunehmend politisiert und gegen die „Bombe“ auf die Straße geht, während sie an Rosas Liebesbeziehung mit ihrem Vater fast zerbricht. Auf mitreißende Weise erkundet das 14-jährige Mädchen das ganze Spektrum jugendlicher Intensitäten: vom feierlichen Pathos beim Schreiben von Gedichten über kindlichen Überschwang bis hin zur Selbstüberforderung, ihren Ansprüchen an ein freiheitliches Leben gerecht zu werden. Potter verlangt der jugendlichen Schauspielerin einiges ab, die Rolle der Ginger erfasst sie mit Haut und Haaren. Richtig interessant wird Fanning erst, wenn „that thing“ sich verselbständigt und Unvorhergesehenes in Gang setzt.

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