© Edition Moderne (aus dem Comic "Freaks")

Werft die blauen Pillen weg!

Mittwoch, 11.11.2020

Die Comic-Adaption des Drehbuchs von „Freaks“ zeigt, wie man ohne die Gängelung von Produzenten, Redakteuren und Geldgebern einen Superheldenstoff ambitioniert umsetzen kann

Diskussion

Der deutsche Superhelden-Film „Freaks“ erhält einen Comic zur Seite, der sich deutlich von der Leinwandversion unterscheidet. Bei der Adaption des Drehbuchs schielte der Zeichner Frank Schmolke nicht auf den Mainstream, sondern setzte die Geschichte eines fundamentalen Erwachens mit groben schwarzen Strichen und kantiger Unversöhnlichkeit um. Das Resultat spricht für sich.


Der deutsche Superhelden-Film „Freaks – Du bist eine von uns“ ist Anfang Oktober recht erfolgreich bei Netflix gestartet; laut dem Branchendienst Blickpunkt Film war der von Felix Binder inszenierte Film in 59 Ländern in den Film-Top-Ten der Streaming-Plattform. In den USA landete „Freak“ auf Platz 9, in Deutschland auf Platz 4; in Frankreich setzte sich der Film sogar an der Spitze der Netflix-Charts. Das ist für eine deutsche Produktion durchaus erstaunlich. Doch der bloße Umstand, dass die Abonnenten eines Streamingdienstes einen Film anklicken, sagt eigentlich noch nicht so viel über ihn aus. Die Filmkritiken fielen denn auch recht gemischt aus und bewegten sich zwischen „ganz ordentlich für eine deutsche Produktion“ und dem Vorwurf, lediglich ein billiger X-Men-Abklatsch zu sein; auch die User-Meinungen waren eher zurückhaltend. Auf der International Movie Data Base (imdb) hat der Film nur eine durchschnittliche Bewertung von 5,3 Punkten – „höchstens Mittelmaß“, lautet das überwiegende Urteil. Auch in der filmdienst-Kritik von Jörg Gerle wurde der Inszenierung nicht gerade viel Originalität oder Wagemut bescheinigt.


Comic und Film unterscheiden sich im Ton

Bei der Comic-Adaption, die nun in dem kleinen schweizerischen Comicverlag „Edition Moderne“ erschienen ist, sieht das schon anders aus. Der Drehbuchautor von „Freaks“, Marc O. Seng, war schon lange vor der Produktion des Films der Meinung, dass der Superheldenstoff parallel auch als Comic realisiert werden sollte. Schließlich sind Comics ja der Ursprung des Superhelden-Genres. Nachdem er Frank Schmolkes Graphic Novel „Nachts im Paradies“ in die Hände bekommen hatte, wusste er auch, wem er diese Adaption anvertrauen wollte. Denn „Nachts im Paradies“ ist ein wilder, düsterer Ritt auf dem Fahrersitz eines Taxis inklusive fantastischer Einschübe, wenn etwa Besucher des Münchner Oktoberfests wie Zombies erscheinen oder eine Meute Vergewaltiger zum Wolfsrudel mutiert.

Cell aus "Freaks - Du bist eine von uns" (Edition Moderne)
Cell aus "Freaks: Du bist eine von uns" (© Edition Moderne)

Einige Grundlagen für „Freaks“ lassen sich hier schon erkennen. Die Entscheidung zu Gunsten von Schmolke mit seiner undergroundigen Schwarz-weiß-Ästhetik ist dennoch ungewöhnlich. Aus dem Blickwinkel des Marketings wäre eine mainstreamigere, knallbunte Version von „Freaks“ naheliegender gewesen, um den Film zu flankieren. So sind Film und Comic trotz der gleichen Drehbuchvorlage von Seng recht unterschiedlich geraten, und das ist zunächst vor allem eines: nämlich interessant!


Ungeahnte Kräfte werden freigesetzt

Wendy, ihr Mann Lars und der gemeinsame Sohn Karl schlagen sich nur mühselig durchs Leben. Sie wohnen in einer drögen Hochhaussiedlung. Er jobbt bei einer Sicherheitsfirma, sie in einem Fast Food-Restaurant. Dort stößt sie bei den Müllcontainern auf den Obdachlosen Marek, der ihr zuraunt, „Du bist eine von uns“, und von Pillen und geheimen Kräften faselt. Das stimmt, denn Wendy erhält von ihrer Ärztin regelmäßig Psychopharmaka, damit sie keine Ausraster mehr hat wie damals als Kind in der Schule. Als sie den geheimnisvollen Marek näher kennenlernt, wirft sie ihre Pillen weg und entwickelt dadurch ungeahnte körperliche Kräfte. Ihr Arbeitskollege Elmar tut es ihr gleich – und entdeckt ebenfalls Superkräfte an sich.

Doch während sich Wendy beim Einsatz ihrer neuen Talente vor allem ihr eigenes Leben erleichtert, in dem sie jetzt schwere Bierfässer leichtfüßig jongliert, ihren Sohn vor Mobbing-Attacken rettet oder fiese Vergewaltiger zerfetzt (das darf man wörtlich nehmen), denkt Elmar in größeren Maßstäben. Er glaubt, „die Spitze der Evolution“ zu sein und entwickelt Weltmachtfantasien. Im Internet hat er sich schon ein Superheldenkostüm bestellt. Zu allem Übel ist der zwielichtige Nerd auch noch in Wendy verknallt.

Dicker Strich, harter Ton: "Freaks - Du bist eine von uns" (Edition Moderne)
Dicker Strich, harter Ton: "Freaks: Du bist eine von uns" (© Edition Moderne)


Die Actionszenen explodieren geradezu

Schon der Tonfall des Comics ist ein ganz anderer als der des Films, der mit einer Netflix-Altersempfehlung ab 12 recht seicht ausfällt und mit viel Humor ein größeres Publikum anvisiert. Aber auch inhaltlich hat Schmolke einige „Korrekturen“ vorgenommen; im Film lebt die Familie im Eigenheim mit Pool, die Sonne scheint vor blauem Himmel und es gibt keine Tote – zumindest sind sie nicht im Bildausschnitt zu sehen. Schmolke hingegen treibt die düstere, von Sex & Crime getragene Stimmung mit dickem schwarzem Strich auf die Spitze; seine Figuren hinterlassen eine recht deutliche Blutspur. In den oft ganzseitig gezeichneten Actionszenen explodiert der großzügige grobe schwarze Strich auf dem Weiß geradezu. Wenn der Film eher an eine Teenie-kompatible X-Men-Version erinnert, dann gemahnt der Comic in seiner düsteren Radikalität und seiner Ambivalenz eher an Frank Millers „Sin City“ (dessen Verfilmung durch Robert Rodriguez den Tonfall der Vorlage allerdings beibehalten hatte).

Man kann nur mutmaßen, dass der Comic näher am ursprünglichen Drehbuch ist als der Film. Georg Seeßlens Polemik gegen den „cineastischen Magerquark“ der durch Filmförderung und Sender weichgezeichneten deutschen Produktionen hallt hierzu noch im Ohr. Obwohl die „Freaks“-Produzenten Netflix und „Das kleine Fernsehspiel“ eher für mutige Produktionen stehen, scheint auch hier an Kalorien gespart worden zu sein. Deshalb steht wohl auch nicht „Adaption des Films“, sondern „Adaption des Drehbuchs des gleichnamigen Films“ auf der Rückseite des Comics. Bei allen Schwierigkeiten der sehr überschaubaren, nicht gerade mit viel Geld gesegneten deutschen Comicszene muss man konzidieren, dass man in diesem Bereich noch selbstbestimmt arbeiten kann, alleine an seinem Schreibtisch, ohne den Druck eines großen, teuren Apparats im Rücken und ohne dass einem Geldgeber reinreden und alle Ecken und Kanten austreiben.

Vielleicht ist Wendy, die in ständiger Geldnot im Fastfood-Restaurant arbeiten muss, in Wahrheit eine Comiczeichnerin, die erst mit ihrem Zeichenstift wahre (künstlerische) Superkräfte entfaltet. Und vielleicht sollten in der deutschen Filmbranche mehr Akteure endlich die blauen Pillen absetzen ...




Literaturhinweis

Freaks: Du bist eine von uns. Von Frank Schmolke (Zeichnung) und Marc O. Seng (Text). Edition Moderne – Verlag für Graphic Novels und Comics, Zürich 2020. 256 S., schwarz-weiß, 19x26 cm, Klappenbroschur. 28 EUR. Bezug: in jeder Buchhandlung oder hier.


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