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Serie: Fawlty Towers

Freitag, 20.11.2020

Ein urkomischer Klassiker der britischen Sitcom von und mit John Cleese als chronisch überreiztem Hotelmanager Basil Fawlty

Diskussion

Ein urkomischer Klassiker der britischen Sitcom von und mit John Cleese als chronisch überreiztem Hotelmanager Basil Fawlty. Dabei werden interkulturelle Stereotypien ebenso lustvoll wie clever aufs Korn genommen.


Alles begann im Mai 1971 während der Außenaufnahmen zu einer weiteren Folge von „Monty Python’s Flying Circus“ im Urlaubsort Torquay an der englischen Riviera im Südwesten der Insel. Die damals schon weltberühmte Komikertruppe um John Cleese, Graham Chapman, Eric Idle, Terry Jones, Michael Palin und Terry Gilliam logierte gerade im „Gleneagles Hotel“ eines gewissen Donald Sinclair. „Das war der mit Abstand garstigste Hotelier der Welt“, erklärt John Cleese sein unfreiwilliges Erweckungserlebnis im Bonusmaterial der digital restaurierten Neuedition des britischen Sitcom-Klassikers „Fawlty Towers“ (1975/1979). „Einen derart unflätigen Menschen habe ich in meinem ganzen Leben nicht mehr getroffen“, erinnert er sich mit einer selbstironischen Mischung aus Zorn und Respekt in der Stimme.


Wie aus garstiger Realität eine urkomische Serie wird

Denn der misanthropische Hotelier inspirierte ihn für einen seiner berühmtesten Charaktere: Basil Fawlty. Schon nach den ersten Zwischenfällen mit dem unausstehlichen Hotelmanager, der sich etwa über die Essmanieren von Terry Gilliam mokierte, waren fast alle „Monty Python“-Mitglieder ins örtliche „Imperial Hotel“ weitergezogen. Bis auf John Cleese und Connie Booth, seine damalige Ehefrau, die zur Co-Autorin des BBC-Klassikers „Fawlty Towers“ wurde.

Prunella Scales, Connie Booth, John Clees (hinten), Andrew Sachs (r.) (Polyband)
Prunella Scales, Connie Booth, John Clees (hinten), Andrew Sachs (r.) (© Polyband)

Nach ersten Vorgesprächen für eine neue BBC-Produktion kamen beide schnell auf ihre Erlebnisse in Torquay zurück, obwohl die BBC anfangs keineswegs von dem ungewöhnlichen Sitcom-Konzept überzeugt war. Ein Menschenfeind als Protagonist einer Unterhaltungssendung? Das müsste doch in einem „künstlerischen Desaster voller Klischees und billiger Blödeleien“ enden, erinnert sich Cleese gewohnt spöttisch im Audiokommentar.


Chaoten, Ekel und eine gute Seele

Während Clees die Dialoge für die „männlichen Archetypen“ wie den notorisch überreizten Hotelmanager Basil Fawlty, den radebrechend englisch sprechenden Kellner Manuel (Andrew Sachs) sowie den daueralkoholisierten Stammgast Major Gowen (Ballard Berkeley) schrieb, verfasste Connie Booth die Drehbuchzeilen für die nicht weniger markanten Frauenfiguren.

Aus dem mitunter grell überzeichneten, an der Grenze zu Hysterie und Panik agierenden Figurenkarussell stechen Basils Ehefrau Sybil (Prunella Scales) sowie Connie Booths eigener Schauspielpart als Polly Sherman heraus. Sherman ist als „gute Seele“ des schäbigen Hotels, die mal beim Service, mal an der Rezeption, aber auch in der Küche oder im Zimmerdienst aushilft und eigentlich Kunst studiert. Sie ist oftmals die einzige, die inmitten des brachialen Tohuwabohu die Nerven behält, bis die nächste Katastrophe kommt.


Atemberaubende Sprech- und Spielgeschwindigkeit

Ob Ratten in der Küche oder im Speisesaal, unerwartete Hotelinspekteure, allzu aufdringliche Freunde, snobistische Gäste, betrunkene Köche oder pseudorassistische Ausfälle: Im ebenso irren wie wirren Erzähltempo von „Fawlty Towers“ wird nichts und niemand geschont. Stets spitzen sich die Mini-Szenen in atemberaubender Sprech- und Spielgeschwindigkeit bis zum nächsten Höhepunkt zu.

Das Vorbild aller "Britcoms": "Fawlty Towers" (Polyband)
Das Vorbild aller "Britcoms": "Fawlty Towers" (© Polyband)

Cleese/Booth schufen mit „Fawlty Towers“ das Vorbild für alle spätere „Britcoms“. Obwohl es anfangs nur mäßige Kritiken gab, gewann schon die erste Staffel den „BAFTA Award“ als beste Comedy-Serie und wurde durch Wiederholungen schnell zum Publikumsrenner.


Ein stilbildender Britcom-Dauerbrenner

Viele Dialogschnipsel wie etwa Basils „Don’t mention the war“ sind inzwischen geflügelte Worte, was die kulturgeschichtliche Einzigartigkeit dieser Serie zusätzlich unterstreicht. Ein Ende der Wiederholungen scheint weder im Fernsehen noch bei den Streamingdiensten in Sicht, obwohl die BBC im Zuge der „Black Lives Matter“-Bewegung zeitweise die berühmt-berüchtigte sechste Episode („The Germans“) wegen Rassismus-Vorwürfen aus dem Programm nahm.

Bei John Cleese stieß das auf heftige Kritik. Die BBC werde von übervorsichtigen „Marketingleuten und kleinlichen Bürokraten“ regiert, die keinen Spaß und erst recht keine Satire verstünden. Seiner Meinung nach sei gerade die Folge „The Germans“ als Kritik an rassistischen Stereotypien und interkulturellen Klischees zu verstehen. Wer das nicht begreife, interpretiere die Serie „vollkommen falsch“.

Ein solches „Missverständnis“ liegt auch an Cleeses durchaus anspruchsvoller Inszenierungsmethode einer „fast-paced farce“, in der quasi pausenlos zahlreiche hintersinnige Dialogzeilen fallen. Denn fa(r)cettenreicher ging es im britischen Fernsehen selten zu. Damit wurde „Fawlty Towers“ genreprägend und fernsehhistorisch höchst relevant. Cleese war nie besser als in der Rolle des cholerisch-rüpelhaften Misanthropen im verbalen Overdrive. Das ist schon „very british“ – und zeitlos gut: sozusagen künstlerischer Kontrollverlust in Serie.




„Fawlty Towers“. Großbritannien 1975/1979 (1. und 2. Staffel, insgesamt 12 Episoden zu je 30 Minuten). Regie: John Howard Davies (Staffel 1) und Bob Spiers (Staffel 2). Die Serie wurde digital remasteret und ist als DVD und Blu-ray beim Label Polyband erhältlich. Die reichhaltigen Bonusmaterialien enthalten unter anderem Booklet, Interviews, Audiokommentaren und Outtakes.

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