© absolutMedien (aus: "Warum Israel?")

Filmklassiker: „Warum Israel?“ von Claude Lanzmann

Freitag, 22.01.2021

Der Debütfilm des französischen Dokumentaristen Claude Lanzmann, „Warum Israel?“ (2017) ist in einer DVD-Sonderausgabe neu erschienen

Diskussion

In seinem dreistündigen Dokumentarfilm aus dem Jahr 1973 erforscht Claude Lanzmann die Gründungsphase und die ersten Jahrzehnte des Staates Israels. Er lässt Menschen aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten und Berufen zu Wort kommen. Dabei montiert er geschickt Thesen gegen Thesen und enthüllt so den widersprüchlichen Charakter des israelischen Staates, der ihm bis heute anhaftet.


Jeder Nationalstaat ist ein Konstrukt. 25 Jahre nach der Gründung Israels beschäftigte sich der französische Dokumentarist Claude Lanzmann mit dem Bauplan des jungen Staates. Als junger Universitätsdozent in Tübingen und in Berlin und später als Journalist in Frankreich hatte Lanzmann die Gründung des jüdischen Staates 1948 nur am Rande wahrgenommen. 1973 interessierte er sich jedoch dafür, wie die Verwirklichung einer jüdischen Utopie aussieht – sowohl in ihrer stabilen wie auch in ihrer fragilen Form. "Warum Israel?" war Lanzmanns erster Film vor seinem Lebenswerk „Shoah“. Bis dato hatte primär an der Zeitschrift „Les Temps modernes“ von Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir mitgewirkt.

Mit seinem journalistisch-kritischem Gespür näherte sich Lanzmann nun Israel. Er interviewte Menschen aus möglichst unterschiedlichen Bereichen, Berufen, Altersgruppen und Schichten; immer wieder hackt er nach und schneidet die Thesen der einen gegen die Thesen der anderen. Daraus entsteht ein dreistündiges Mosaik einer Nation, die sich im Werden begreift: „Not yet a nation.“


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Schon kurz nach Beginn von „Warum Israel?“ wird klar, auf welchem Fundament der Staat Israel erbaut wurde – auf dem der Toten. Eine jüdische Schülergruppe wird durch eine KZ-Gedenkstätte geführt. Eine Schülerin fragt: „Warum waren die Juden so verhasst?“ Der Guide findet keine Worte. Aus dieser kollektiven Leiderfahrung entsteht die Hoffnung, einen freien und sicheren Ort für Jüdinnen und Juden zu schaffen.

Man sieht, wie Immigranten aus aller Welt am Flughafen in Israel ankommen. Lauter glückliche Gesichter: „Endlich in einem freien Land!“ – Lanzmann: „Es gibt doch viele freie Länder?“ – „Aber das hier ist das erste freie Land für Juden.“ Selbst ein 80-jähriger Mann hat die beschwerliche Reise auf sich genommen. Zwei Brüder sehen sich nach 32 Jahren wieder. Sie umarmen sich kurz, aber fest.

So stark wie das Fundament ist, so fragil bleibt der Kern, die Identität. Die einen halten sich für das auserwählte Volk Gottes, die anderen haben weniger Bezug zu den Neuankömmlingen. Auf dem Jahrmarkt und in den Läden herrscht ein polyphones, fast schon babylonisches Sprachgewirr. Französisch, Englisch, Deutsch und Hebräisch wird durcheinander gesprochen; dennoch können sich alle verständigen. Anderseits zeigt sich ein russisches Paar einem Monat nach ihrer Ankunft von der neuen Heimat enttäuscht. Eine Religion, aber viele Kulturen treffen hier aufeinander.

Eine Religion, viele Kulturen: "Warum Israel?" (absolutMedien)
Eine Religion, viele Kulturen: "Warum Israel?" (© absolutMedien)

Doch selbst die Religion ist kein festgeschriebener Parameter, wie Benjamin Shalit, der Chefpsychologe der israelischen Armee, bemerkt. Eines seiner Kinder wurde vom Staat nicht als jüdisch anerkannt, weil seine Mutter keine Jüdin ist und auch nicht zum Judentum konvertieren wollte. Hier zeigt sich, wie laizistisch der Staat mit seiner besonderen Geschichte sein oder auch nicht sein kann.


Innere Widersprüche und fehlende Normalität

Ein anderes, sowohl einigendes wie umstrittenes Element ist die israelische Armee. Für junge Männer dient sie als Erziehungsmaßnahme und als patriotisches Vorbild, das den Staat vor den Feinden an den Grenzen schützt. Noamah Flapan, eine junge Frau, vermag allerdigns keinen Unterschied zu erkennen, ob sie einen Angehörigen im KZ verloren hat oder ihren Sohn bei einem Anschlag der palästinensischen Fatah-Bewegung.

Das permanente Gefühl der Gefahr und der Enge erinnert vereinzeln an ein „kleines Ghetto“. R. J. Zwi Werblowsky, ein Professor für Religionsgeschichte, beschreibt den Dauerausnahmezustand des Landes: „Es gibt keine gleichzeitige Normalität für Israel und für die anderen“. Lanzmann zeigt daraufhin Alltagsszenen: Kinder am Strand, alte Männer auf Parkbänken, Erwachsene beim Skifahren. Auf der Rückseite eines Anoraks fällt das große Emblem eines Davidsterns auf.

Lanzmann deckt viele Widersprüche in der nationalen Identität Israels auf. An manchen Stellen lässt sich bereits die Richtung erkennen, die er mit „Shoah“ später weiterverfolgt. Den Polizisten Schmuel Bogler befragt er, wie es sich anfühlt, in Israel als Nazi beschimpft zu werden. Im Gespräch kommen beide auf Boglers Erfahrungen in Ausschwitz zu sprechen. Seine Erinnerungen werden lebendig. Durch Worte entstehen Bilder. Gleichzeitig strömen Passanten und Autos vorbei. Zum Schrecken des Holocaust dringt man über Zeitzeugen vor, nicht durch Fiktionalisierungen oder durch Reenactment.

Gegensätze prallen aufeinander: "Warum Israel?" (absolutMedien)
Gegensätze prallen aufeinander: "Warum Israel?" (© absolutMedien)

Der Konflikt mit den Palästinensern wird nur angerissen. Man sieht die Stadt Hebron, die Siedlungsgebiete, Straßenszenen aus dem Gaza-Streifen. Israelische Soldaten patrouillieren, checken einen Jungen mit Korb. Frauen und Kinder sehen zu. Lanzmann geht bei Nahost-Konflikt zwar nicht in die Tiefe, aber er findet israelische Gesprächspartner wie den Mitbegründer der Bewegung „Groß-Israel“, Abraham Yoffe, oder den ehemaligen Stabschef der Armee, Ygal Yadin, die für gegenseitige Anerkennung von Israelis und Palästinensern werben.

Insofern ist der prozionistische Vorwurf linker Demonstranten während einer Vorführung von „Warum Israel?“ 2009 in einem Hamburger Programmkino leicht zu entkräftigen. Die antisemitischen Übergriffe schockierten den damals 83-jährigen Lanzmann zutiefst; er wies auf die Nähe zwischen den radikalen Linken und den radikalen Rechten in Deutschland hin.


Die Heimat eines Cineasten und eines Kritikers

In den 1970er-Jahren wurde Claude Lanzmann während einer Pressekonferenz einmal gefragt: „Was ist Ihre Heimat? Frankreich oder Israel?“ – „Der Film ist meine Heimat“, lautete seine Antwort. In „Warum Israel?“ stellt Lanzmann die wichtigsten und dringlichsten Fragen zu Israel. Es ist der Blick eines Neugierigen und eines Kritikers zugleich. Er ist ein Fragensteller, der Antworten bei anderen sucht. Wenn der Nationalstaat ein Konstrukt ist, dann ist die Heimat das Gefühl, in diesem Haus zu leben. Für Lanzmann: ein bewunderndes und zugleich ein gemischtes Gefühl.




Hinweis

Warum Israel? Frankreich 1973. Regie: Claude Lanzmann. 192 Min. DVD-Sonderausgabe. Anbieter: absolutMedien. Bezug: In jeder Buchhandlung oder hier.

Die neue erschienene Sonderausgabe des Films umfasst ein ausführliches Booklet (auch online erhältlich), ein Interview mit Lanzmann sowie ein 43-minütiges Podiumsgespräch mit Lanzmann, Éric Marty und Serge Toubiana.

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