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Die Erlaubnis zum Träumen: Zum Tod von Cicely Tyson

Freitag, 29.01.2021

Ein Nachruf auf die Schauspielerin und afroamerikanische Pionierin Cicely Tyson (19.12.1924-28.1.2021)

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Weil sie die erste war, wird es nie eine letzte geben. Mit 96 Jahren ist die große afroamerikanische Schauspielerin Cicely Tyson gestorben. Ihre Biografie ist nicht nur eine beeindruckende Geschichte des 20. Jahrhunderts, sie verrät auch viel über die noch immer existierenden Fallstricke der Repräsentationspolitik.


Der Mann in Handschellen, der Hund angeschossen, die Kinder verzweifelt. Ganz schön viel muss dieses Close-up aushalten. Cicely Tyson aber sieht stoisch nach vorn, dem Mann hinterher, der auf der Ladefläche des Sheriff-Wagens abtransportiert wird, während sich die Kinder an ihre Hüften klammern. Der Verzweiflung nachzugeben, das kann sie sich nicht erlauben. Würdevoll, so haben vor allem diejenigen Tyson gern beschrieben, die in ihre Fußstapfen getreten sind. Und Würde, das war auch für Tyson das Wichtigste; das, was sie schwarzen Frauenfiguren auf der Bühne und der Leinwand schenken wollte.

In Martin Ritts Film Sounder von 1972 geht es um eine Familie von Farmpächtern während der Großen Depression. Vater Nathan (Paul Winfield) stiehlt einen Schinken und muss für ein Jahr ins Gefängnis; der älteste Sohn David wird in dieser Zeit, im Deutschen heißt der Film „Das Jahr ohne Vater“, selbst zum Mann, lernt aber auch eine progressive Schule kennen, die einen Ausweg aus dem Elend verspricht. Und zwischen dem Vater im Gefängnis und dem Sohn mit einer Chance: Cicely Tyson als Rebecca. Am Tag nach der Verhaftung marschiert sie zum Sheriff, der ihr mit Verweis auf Regeln, für die er nichts könne, das Besuchsrecht verweigert. „Was für einen bescheuerten Job Sie haben“, keift sie ihn an, nachdem sie das Flehen aufgegeben hat. Ihr Changieren zwischen strategischer Contenance und aufgestauter Wut im Angesicht weißer Knastherrschaft hallt angesichts historischer Kontinuitäten in unzähligen Szenen gegenwärtigen Filmschaffens wider, von KiKi Laynes Darstellung der Tish in Beale Street bis zum Dokumentarfilm Time (2020).

Schon damals erkannte Tyson ihre Rolle als Novum. „Es gab schwarze Frauen, die für ihren Mann gekämpft haben und alles, aber niemals ein wirklich positives Bild mit einem kompletten Alltagsleben, mit Mutter- und Vaterfiguren, mit Wärme, Schönheit, Liebe und Verständnis“, erklärte sie gegenüber der „New York Times“. Für einen Teil des Publikums zu Anfang der 1970er-Jahre war so viel Menschlichkeit ein Schock. Als politisches Erweckungserlebnis beschrieb Tyson so auch stets eine Situation auf einer Werbetour für den Film, bei der ein weißer Journalist gestand, er hätte es komisch gefunden, dass der Junge im Film „Daddy“ zu seinem Vater sagt, das sage schließlich sein eigener Sohn zu ihm. „Wir sind wohl wirklich keine Menschen für sie“, hat Tyson da gedacht, während sie dem Journalisten freundlich antwortete.

„Sounder“ wurde auch dank Cicely Tyson zum bahnbrechenden Film (© IMAGO/Cinema Publishers Collection)
„Sounder“ wurde auch dank Cicely Tyson zum bahnbrechenden Film (© IMAGO/Cinema Publishers Collection)

Sie konnte nicht einfach nur Schauspielerin sein

Fortan, so erzählt es Tyson – zuletzt in ihrer Autobiografie „Just as I Am“, die nun zwei Tage vor ihrem Tod erschienen ist –, konnte sie nicht einfach nur Schauspielerin sein. „Mein Schaffen musste die Zeit reflektieren und zugleich vorantreiben“, und dafür musste sie Rollen jenseits üblicher Klischees finden. Im damaligen Hollywood gar nicht so einfach. Angesichts jahrzehntelang manifestierter negativer Stereotype war Komplexität nicht unbedingt gefragt, ein Dilemma, von dem Sidney Poitier ein Lied singen konnte: „Gern würde ich den Bösewicht spielen“, erklärte dieser einmal. „Aber das kann ich zu diesem Zeitpunkt nicht, nicht wenn es gerade mal einen schwarzen Schauspieler gibt, der regelmäßig Rollen bekommt.“

Während sich die Filmindustrie langsam für etwas öffnete, das man heute als Diversität bezeichnen würde, konnte sie sich vom eigenen Erbe ebenso trennen wie von der rassistischen Gesellschaft um sie herum abkoppeln. Zur gleichen Zeit wie Sounder sucht das Blaxploitation-Kino einen Ausweg aus der Repräsentationsfalle. Für Tyson aber tappte es dabei direkt in die nächste. In seiner Absage an das devote Bemühen um Respektabilität, das am rassistischen Status quo ja doch nichts geändert hat, romantisiere das Blaxploitation-Kino nur Sex & Crime, und die Selbstermächtigung schwarzer Männer gehe wiederum zu Lasten komplexer Frauenfiguren, erzählt Tyson in ihrem Buch.

Als Tyson ihre neue Berufung findet, sich schwört, nur noch würdevolle Rollen auszuwählen, um damit eine progressive Repräsentationspolitik voranzutreiben, ist sie bereits 48 Jahre alt. Nur hat sie auf Raten eines Agenten früh entschieden, sich stets als zehn Jahre jünger auszugeben. Geboren wird sie 1924 in New York, als Tochter von Einwander:innen aus der Karibik, einer Gruppe, die in Darstellungen der Great Migration aus den Südstaaten in die Metropolen des Nordens zu Beginn des 20. Jahrhunderts oft vergessen werden, obwohl sie 1930 fast ein Viertel der schwarzen Bevölkerung New Yorks ausmachten.

In „Harlem, N.Y.C.“ (1997) spielte Cicely Tyson eine mächtige Verbrecherin (© imago images / Ronald Grant)
In „Harlem, N.Y.C.“ (1997) spielte Cicely Tyson eine mächtige Verbrecherin (© imago images/Ronald Grant)

Jean Genet, Miles Davis und Miss Jane Pittman

Als Sekretärin wird es ihr schnell langweilig, schwarze Lifestyle-Magazine wie „Jet“ oder „Ebony“ entdecken sie als Model, über diesen Umweg kommt sie schließlich zur Schauspielerei. Gleich am ersten Tag auf der Schauspielschule wird sie von Leiter Paul Mann sexuell belästigt, erst in den 1980er-Jahren muss dieser sich für ähnliche Fälle vor Gericht verantworten. Doch Tyson macht weiter und wird Teil der Künstler:innenszene New Yorks. 1961 gehört sie zur ersten Besetzung von Jean Genets Stück „The Blacks“, zusammen mit James Earl Jones und Maya Angelou. Ein paar Jahre ziert sie das Cover von Miles Davis’ Album „Sorcerer“, in den 1980er-Jahren wird sie sogar eine Zeit lang mit dem Musiker verheiratet sein.

Zwei Jahre nach „Sounder“ spielt sie dann die Titelrolle in der TV-Produktion The Autobiography of Miss Jane Pittman, die Geschichte einer ehemaligen Sklavin vom Ende des Bürgerkriegs bis in die 1950er-Jahre. Ein junges Mädchen sieht den Film im Fernsehen und kann nicht glauben, dass hier dieselbe Schauspielerin die junge wie die alte, am Ende über 100-jährige Figur spielt. Das junge Mädchen heißt Viola Davis und schreibt 45 Jahre später das Vorwort für Tysons Autobiografie. „Mit dieser einen grandiosen Leistung, mit dieser ergreifenden Darstellung dieser Figur, hat Ms. Tyson mir die Erlaubnis zum Träumen erteilt“, schreibt Davis.

Noch während diese ihre eigene Karriere beginnt, spielt auch Tyson unermüdlich weiter. Davis lernt sie zunächst auf dem Set von The Help kennen, später treffen sich die beiden wieder, als Tyson in der Serie „How to Get Away With Murder“ die Mutter der von Davis gespielten Annelise Keating spielt. Und Shonda Rimes, die Showrunnerin der Serie, hielt Anfang 2020 anlässlich Tysons Aufnahme in die „Television Hall of Fame“ eine rührende Laudatio, würdigt sie ein letztes Mal als große Pionierin: „Weil du die erste warst, wird es nie EINE letzte geben.“

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