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Aus der ersten Person #11: „Did You Wonder Who Fired the Gun?“ (2017) von Travis Wilkerson

Montag, 07.06.2021

In „Did You Wonder Who Fired the Gun“ nutzt Travis Wilkerson Momente aus True Crime und Southern Gothic, um sich vom Albtraum seiner eigenen Familiengeschichte zu befreien

Diskussion

Vor 80 Jahren erschoss der Urgroßvater von Travis Wilkerson den Afroamerikaner Bill Spann, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. Das holt der Filmemacher jetzt mit einem Film nach, der zwischen Anrufung und Beschwörung Elemente aus dem True-Crime-Genre mit Southern-Gothic-Einsprengseln mischt, um sich vom Albtraum seiner Familiengeschichte zu befreien. Ein Blogbeitrag von Esther Buss im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums.


„Two families, they both live in Alabama. One of them is white, one of them is black. One of them is the family of the murder, one of them is the family of the murdered.“ Mantraartig wiederholt Travis Wilkerson die Ungleichung, an der er selbst teilhat. „Did You Wonder Who Fired the Gun?“ (2017) ist ein Horrortrip in die eigene Familienvergangenheit, in die Vergangenheit auch des US-amerikanischen Südens und weiter: in die Geschichte und Gegenwart weißer Vorherrschaft. Die Frage im Titel, nimmt man sie wörtlich, ist schnell beantwortet, die Fakten liegen offen: 1946 erschoss Wilkersons Urgroßvater S. E. Branch in seinem Ladengeschäft den Schwarzen Bill Spann, ein Hassverbrechen, ausgeführt „in cold blood“; der Täter war in der im südlichen Alabama gelegenen Kleinstadt als Rassist bekannt. Es gab eine Mordanklage, aber keinen Prozess. Der Mörder, so heißt es, hatte gute Beziehungen zur Polizeibehörde. Während es von S. E. Branch Familienfotos und Home-Movies gibt, Geschichten, die von Generation zu Generation weitergegeben werden und einen Urenkel, der mit der Kamera auszieht, um diese Geschichten in einem größeren Kontext zu verorten, ist von Bill Spann nichts geblieben: keine Angehörigen, keine Erinnerungen, keine Geschichten. Das einzige Dokument seiner Existenz ist eine Sterbeurkunde; Wilkerson liest sie zu Super-8-Aufnahmen aus seinem Familienarchiv vor. Die Bilder des Urgroßvaters würden danach nie wieder dieselben sein, sagt er.

Bilder des Urgroßvaters: "Did You Wonder Who Fired the Gun?" (imago/Everett Collection)
Bilder des Urgroßvaters: "Did You Wonder Who Fired the Gun?" (© imago/Everett Collection)


Auslöser, sich in den Leichenkeller der eigenen Familie zu begeben, waren die Black-Lives-Matter-Proteste in South Los Angeles nach dem Freispruch im Fall Trayvon Martin. Wieder war ein weißer Mörder ungestraft davongekommen. „Trust me,“ so Wilkerson zu Beginn des Films, „this isn’t another white savior story. This is a white nightmare story“. Mit dem „savior“ spielt er auf Atticus Finch an, den aufrechten Anwalt in Harper Lees Roman „To Kill a Mockingbird“, ein von allen Widersprüchen und Fehlern bereinigter Vorzeige-Weißer, der zur Chiffre wurde für die Entlastung des schlechten Gewissens des liberalen Amerika. Wilkerson taucht die Schwarz-weiß-Bilder aus dem Film von Robert Mulligan, mit Gregory Peck als Finch, in das glühende Rot einer Dunkelkammer, wie um sie noch mal zu belichten. Kontraste und Oppositionen, Gleichungen und Ungleichungen: die Dialektik der Identitätspolitik schreibt sich bei Wilkerson nicht nur in die Rhetorik ein, sie bildet sich auch in der Montage ab und den kontrastreichen Schwarz-weiß-Bildern.

Wilkerson ist ein Anhänger der appellativen Filmerzählung und des Manifests. Einfluss auf seine Praxis hatten vor allem die Arbeiten von Santiago Álvarez, der in den 1960er- und 1970er-Jahren die kubanische Revolution in die Filmgrammatik hineintrug. Das Voiceover, im „First Person Film“ meist ein Mittel der Introspektion, Reflexion und Mitteilung, wird in „Did You Wonder Who Fired the Gun?“ zum Instrument der Anrufung und Beschwörung. Wilkersons sonore Stimme, tief und gravitätisch (mit seinem Timbre könnte er auch gut die Geschichte von Mittelerde erzählen), ist im Film fast ein Spezialeffekt; der Schauer über den Albtraum der Familiengeschichte schreibt sich in ihren Klang ein. Bei der Erstaufführung in Sundance, die wie bestellt auf den Tag der Amtseinführung von Donald Trump fiel, wurde der Text von Wilkerson live eingesprochen.

Die Dialektik der Identitätspolitik: "Wer die Nachtigall stört" (imago stock&people)
Die Dialektik der Identitätspolitik: "Wer die Nachtigall stört" (© imago stock&people)

Sprache wird aber auch auf anderer Ebene performativ, etwa wenn Textzeilen aus Liedern als animierte typografische Elemente ins Bild kommen: „Say his/her name“, ruft es in Janelle Monaés und Wondalans „Hell You Talmbout“ – ein Protestsong, in den Wilkerson neben Namen wie Eric Garner, Trayvon Martin und anderen am Ende auch Bill Spann einfügt. Die Buchstaben springen dabei fast aus der Leinwand.


Ein Pamphlet aus True Crime & Southern Gothic

Wilkersons „Mission“ ist es, S. E. Branch als historische Konstante zu fassen, seinen Rassismus und seine Frauenverachtung (Wilkersons Mutter und seine Tante erinnern sich mit Furcht an ihren Großvater) in eine Geschichte struktureller Gewalt zu stellen. Da ihm aber der Modus einer politischen Recherche zu wenig ist – zu blass, vielleicht auch nicht wirksam genug – vergruselt und verunheimlicht er sein Pamphlet mit Elementen des True Crime und Southern Gothic.

„Did You Wonder Who Fired the Gun?“ ist zu großen Teilen ein Road-Trip in den Süden; die Kamera zeichnet die Fahrt als Point-of-View-Shot auf, ein Phantom Ride wie die Exposition zu einem Horrorfilm. In Alabama, wo Wilkerson 20 Jahre lang nicht mehr war, filmt er vor allem Spukhäuser in statischen Einstellungen: das Krankenhaus, in dem Spann im Kellergeschoss elend starb – ein großer dunkler Fleck an der verrammelten Eingangstür stammt angeblich von einem Selbstmord –, und das verschlossene Gebäude, das mal der Laden des Urgroßvaters war und jetzt ein Restaurant ist. Irgendwann sperrt man für ihn auf, der Tresen steht immer noch da, S. E. Branch soll darunter stets drei Dinge griffbereit gehabt haben: zwei Paar Schlagringe, eine Bullenpeitsche und einen geladenen Revolver.

Auf der Suche nach Zeitzeugen begegnet Wilkerson ein bedrückendes Schweigen. Auch den Ort von Spanns Grab scheint niemand zu kennen. Von einer schwarzen Mitarbeiterin beim Bürgeramt bekommt er unter der Hand schließlich den Hinweis zu einem anonymen Grab auf einem Friedhof; wie die meisten, die ihm Auskunft geben, will auch sie unerkannt bleiben. Zu den wenigen Personen, die Wilkerson vor der Kamera interviewt, gehört der schwarze Bürgerrechtsaktivist Ed Vaughn. „Branche’s Grocery“ lag auf seinem Schulweg, für schwarze Kinder habe es damals ja keine Busse gegeben. Vaughn erinnert an verschiedene Formen des Protests und des Widerstands, jenseits der „ikonischen“, die in die Geschichtsbücher eingingen, aber auch an andere Fälle rassistischer (und sexueller) Gewalt, etwa an Recy Taylor, Opfer einer Entführung und einer Gruppenvergewaltigung durch sechs weiße Männer.


Immer neue Gewaltgeschichten

Im Laufe von Wilkersons Recherche tauchen ständig neue Gewaltgeschichten auf, weitere Tote wie der Briefträger und Bürgerrechtler William Moore, der 1963 auf dem Weg nach Attalla am Straßenrand erschossen wurde; Phil Ochs hat ihm einen schönen Song gewidmet, der im Film auch zu hören ist.

ss (imago/Everett Collection)
Im Laufe der Recherche tauchen immer neue Gewaltgeschichten auf (© imago/Everett Collection)

Die Zusammenhänge, die geknüpft werden, sind mal naheliegend, mal etwas drunter und drüber. Nachdem Wilkerson eine Tante kontaktiert hat, die in einer White-Supremacy-Bewegung gegen den „kulturellen Genozid“ kämpft, folgt ihm ein Auto.

Am Ende seiner „spoken word performance“ kriecht Wilkersons Wagen völlig erschöpft und wie betäubt dahin – minutenlang. „Did you say it was a shame when he died?“, singt Phil Ochs. „Did you say he was a fool because he tried? Did you wonder who had fired the gun? Did you know that it was you who fired the gun?“ Wilkerson will mit seinem Film etwas loswerden und krallt sich gleichzeitig daran fest.


Hinweis:

Alle bisherigen Kracauer-Blogs „Aus der ersten Person“ von Esther Buss und viele andere Texte, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums in früheren Jahren entstanden sind, gibt es hier.

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