© Alfred Guzzetti

Aus der ersten Person #12: Alfred Guzzettis unendliche Faszination für das Wesen der Zeit

Donnerstag, 17.06.2021

In Alfred Guzzettis Werken finden sich oft als wiederkehrendes Motiv Familiengeschichten, an denen er achronologisch den Verlauf der Zeit dokumentiert

Diskussion

Alles begann mit dem Schwarz-Weiß-Foto einer nächtlichen Straße im South Philadelphia der 1938er-Jahre: Was für Außenstehende zunächst belanglos wirkt, nutzt der Videokünstler Alfred Guzzettis zur reflexiven Erzählung um seine Familie und insbesondere den verstorbenen Vater – ein besonderes zeitdokumentarisches Element, das sich in vielen von Guzzettis Werken wiederfindet. Ein Blogbeitrag von Esther Buss im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums.


Vielleicht wäre er nie mit Fotobüchern und einer Dunkelkammer im Elternhaus aufgewachsen, vielleicht wäre er nie Fotograf und Filmemacher geworden, vielleicht wäre er erst gar nicht geboren worden, vielleicht nämlich hätten seine Eltern nie geheiratet... hätte sein Vater Felix Guzzetti 1938 im Alter von 22 Jahren nicht dieses Foto einer nächtlichen Straße in South Philadelphia aufgenommen und damit seine zukünftige Frau Susan beeindruckt, die es für einen Fotowettbewerb einreichte.

In diesem „Labyrinth an Fragen“ findet sich Alfred Guzzetti in „Time Exposure“ (2012) wieder. Ausgehend von der besagten Schwarzweiß-Aufnahme entfaltet der Filmemacher in knapp elf Minuten eine sowohl detektivische als auch spekulativ-medienreflexive Erzählung, die um die zärtliche Erinnerung an den längst verstorbenen Vater kreist. 73 Jahre nachdem dieser das Foto aufnahm, findet sich sein 70-jähriger Sohn – Google Street View sei Dank – an eben jener Straße wieder. Mag sie für alle anderen Menschen auch eine gewöhnliche Straße sein, für ihn ist sie von großer und fast schon existentieller Bedeutung.

Guzzetti, 1942 geboren und bis heute als Regisseur und Professor für visuelle Kunst aktiv („The Gifts of Time“ heißt seine jüngste und sehr anrührende Arbeit, in der er seine inzwischen betagten Freundinnen und Freunde porträtiert), ist der Filmszene in Boston zugehörig, die, in Anbindung an lokale Institutionen wie der Harvard University, sicherlich zu den lebendigsten Produktionsstätten des US-amerikanischen Dokumentarfilms zählt. Familiengeschichten und der Bezug auf das Medium der Fotografie sind in seinem Werk wiederkehrende Momente. Damit verbunden ist eine „unendliche Faszination“ für das Wesen der Zeit. So sagt es Guzzetti am Ende von „Time Exposure“, so sagen es seine Filme. „Time Exposure“ beginnt mit dem Geräusch einer tickenden Uhr.

Alfred Guzzettis Eltern beim "Porträt sitzen" (© Alfred Guzzetti, aus: "Family Portrait Sittings")
Alfred Guzzettis Eltern beim "Porträt sitzen" (© Alfred Guzzetti, aus: "Family Portrait Sittings")


Ein Erzählfaden zwischen den Generationen

„You know, everybody was leaving for the United States“, heißt es in „Family Portrait Sittings“ (1975) mit dem ersten Bild aus dem Off. Die leicht singende Stimme mit dem harten italienischen Akzent schwebt über einer langen Fahrt durch die Straßen einer US-amerikanischen Stadt (South Philadelphia), immer geradeaus, frontal aus der Windschutzscheibe heraus gefilmt; am Steuer saß der Vater, so berichtet es Guzzetti in „Time Exposure“. Durch Jump Cuts wird ein Straßenzug an den nächsten montiert, irgendwann geht es in einer italienischen Stadt weiter, später auch zu Fuß, durch enge Gassen, über Treppen, unter Wäscheleinen hindurch. Zeitliche und geografische Dissonanzen, Verwischungen und Nahtstellen in der Familiengeschichtsschreibung sind symptomatisch für den Film; scheinbar beiläufig und doch bewusst gesetzt tauchen immer wieder Nahaufnahmen einer nähenden Hand auf – der Großonkel Domenick war Schneider. Das Bild steht für die alltägliche Arbeit, das mühsame Geldverdienen, in der wiederholten Bewegung liegt aber auch das Verstreichen der Zeit (fast wie eine Uhr). Man kann das Hantieren mit Nadel, Faden und Stoff aber auch als Bild für die „family ties“ lesen, die, nicht zuletzt über die Erzählfäden, zwischen den Generationen geknüpft werden.

„Family Portrait Sittings“, zwischen 1972 und 1975 in Philadelphia und den Abruzzen gedreht, verwebt Archivfotos, Home Movies und Gespräche mit Mitgliedern der italienisch-amerikanischen Familie (als Voiceover oder gefilmte Interviews) zu einer vielstimmigen und mehrgenerationellen Familien- und Einwanderergeschichte. Guzzetti erzählt nicht linear und geordnet, wie es Thomas Heise in „Heimat ist ein Raum aus Zeit“ tut; er ist kein Archäologe und auch kein Chronist. Ein Zeitbild (etwa die Arbeitslosigkeit nach dem 1. Weltkrieg, die Immigration, der Vietnamkrieg) entwickelt sich eher nebenbei, im Sprechen über die eigene Herkunft, das Arbeitsleben, die Religion, über kulturelle Mentalitäten, Klassenverhältnisse und familiäre Rollen. Als ein zentraler Konflikt zeichnet sich etwa das Aufstiegsbegehren der Mutter und das Sicherheitsbedürfnis des Vaters ab.

South Philadelphia bei Nacht 1938 (© Alfred Guzzetti, aus: "Time Exposure")
South Philadelphia bei Nacht 1938 (© Alfred Guzzetti, aus: "Time Exposure")


Ein Zeitspeichermedium

Das Gespräch mit den Eltern Felix und Susan Guzzetti, in langen, ungeschnittenen Einstellungen aufgenommen, ist auch eine schöne Studie in Sachen Gesten, Blicken und Körperhaltungen. Ihre Verbundenheit, aber auch die Spannung, die zwischen ihnen spürbar wird, bemisst sich dabei auch in den wechselnden Positionen auf dem Sofa – mit mal mehr, mal weniger Abstand.

Er begreife die Idee „Familie“ als Organisationsprinzip, an dem sich das Vergehen der Zeit spezifisch ablagere, hat Guzzetti einmal in einem Interview mit der Zeitschrift „Cargo“ erklärt. In „Family Portrait Sittings“ (1975) sind diese Ablagerungen auf den verschiedensten Ebenen zu finden: in den retrospektiven Erzählungen, in den Familienfotos und Home Movies, in denen irgendwann auch Guzzettis kleiner Sohn auftaucht, in den Objekten, mit denen die Wohnungen bestückt sind und die die Geschichten der Figuren miterzählen. Aber auch in der Art und Weise, wie die Mitglieder seiner Familie – die Großmutter, die Eltern, der Großonkel – während der Gespräche „Porträt sitzen“. Das Sitzen ist hier nicht der Pragmatik einer Aufnahmesituation geschuldet, Guzzetti geht es in den sorgsam kadrierten Bildern vielmehr um die Nähe zum fotografischen Porträt, zum „family picture“.

Anders als in gewöhnlichen Interviews, mögen sie im Rückblick auch noch so historisch und „alt“ anmuten, wird hier das filmische Bild als Zeitspeichermedium aktiviert. Zwischen den manifesteren Teilen finden sich aber auch schwer fassbare Einschübe, Inseln, wie aus der Zeit gefallen – etwa in Form wiederkehrender 360°-Schwenks im leeren Haus des Onkels. Sie lösen sich aus ihrer Verknüpfung mit einem konkreten Ort, einer konkreten Person und werden zu Resonanzräumen: für eigene Erinnerungen an Familie, an Räume und Abwesenheiten, für die Kluft zwischen Vergangenheit und Gegenwart, für das eigene Taumeln im Fluss der Zeit.


Hinweis:

Alle bisherigen Kracauer-Blogs „Aus der ersten Person“ von Esther Buss und viele andere Texte, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums in früheren Jahren entstanden sind, gibt es hier.

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