© IMAGO / alterphotos (Icíar Bollaín beim Photocall zu „Rosas Hochzeit“ in Madrid 2020)

Lerne, dich zu lieben

Montag, 28.06.2021

Ein Gespräch mit der spanischen Filmemacherin Icíar Bollaín über „Rosas Hochzeit“

Diskussion

Die spanische Filmemacherin Icíar Bollaín wurde mit intensiven Beziehungs- und Gesellschaftsdramen bekannt. Mit Rosas Hochzeit (Kinostart am 1. Juli) inszenierte sie eine Tragikomödie, in der eine Frau nach jahrzehntelanger Zurückhaltung den Aufstand probt. Statt weiter für Familie und Kolleginnen die Dienstbotin zu geben, will sie endlich ihre eigenen Träume verwirklichen und sich zuvor in einer speziellen Zeremonie selbst heiraten. Ein Gespräch über Freude und Last der Familie und den Unterschied von Selbstermächtigung und Individualismus.


Mit „Rosas Hochzeit“ sind Sie zu Ihren kreativen Anfängen zurückgekehrt, zu einem sehr persönlichen Ton, der sich aber immer auch auf einen konkreten gesellschaftlichen Hintergrund bezieht. Wie ist die Figur der Rosa entstanden?

Icíar Bollaín: Ich hatte einen Artikel im „Guardian“ gelesen. Der Titel war Alles, nur kein Bräutigam und es ging um eine Agentur, die in Japan Hochzeiten mit sich selbst organisiert. Alicia Luna, meine Co-Autorin, und ich fingen an zu recherchieren; die Gründe, warum Menschen so heiraten, halfen uns, die Figur der Rosa zu erschaffen – eine Frau, die ihren Raum braucht, einmal gut zu sich selbst sein muss, sich selbst Zeit und Aufmerksamkeit widmen will. Frauen in diesem Alter mit bestimmten Aufgaben oder einem bestimmten Charakter, so wie Rosa, die eine Art geborene Pflegerin ist, die entscheiden sich für so einen Akt. Natürlich hätte es auch ein Mann sein können, aber in unserer Kultur wird diese Selbstaufopferung immer noch als weibliche Eigenschaft betrachtet. Man kann verstehen, dass eine Frau in der Lebensmitte, bei der sich der Vater in der Wohnung einnisten will, plötzlich auf die Bremse tritt und sagt: „Moment mal! Wann werde ich denn jemals Zeit für mich haben? Soll mein Leben ewig so weitergehen?“ Aus den Gesprächen, die wir untereinander hatten, aus Interviews mit Frauen, die diese „Ehe mit sich selbst“ geschlossen haben, entstand so langsam die Figur von Rosa. Und dann kamen die Familienangehörigen hinzu.

Ist Rosas Familie eine sehr spanische Familie? Hat die Familie in Spanien, sowohl als Freude wie auch als Last, eine größere Bedeutung als anderswo?

Bollaín: Ich glaube, dass die Familie im Guten wie im Schlechten in Spanien mehr Gewicht besitzt. In Deutschland ist es wahrscheinlich normal, dass ein junger Mann mit 18 bei der Familie auszieht, um etwa zu studieren. Aber in Spanien passiert das sehr selten; es ist fast undenkbar. Du musst schon sehr weit wegziehen, damit das akzeptiert wird. Das Positive an der Familie ist, dass sie wie ein Netz funktionieren kann. In der großen Wirtschaftskrise 2008 konnten sich viele nur durch die Familienangehörigen, die Rente der Großeltern und Eltern retten. Ein kultureller Unterschied besteht auch darin, dass wir viel mehr in den privaten Bereich des anderen eindringen; wir respektieren die Privatsphäre nicht besonders. In Großbritannien lässt man sich einfach mehr Raum, sogar innerhalb der Familie. Man fragt vorher, wenn man den anderen besucht und taucht nicht einfach mit Koffern im Haus der Tochter auf, ohne sich anzumelden, wie es Rosas Vater macht. Das sind kulturelle Unterschiede. Ich bin sehr gespannt, wie der Film in Deutschland ankommt oder in Frankreich und anderen Ländern. In Lateinamerika wird man ihn wahrscheinlich sehr gut verstehen, da respektieren sie die Privatsphäre noch weniger als bei uns.


          Das könnte Sie auch interessieren:

Candela Peña in „Rosas Hochzeit“ (© Piffl/Natxo Martinez)
Candela Peña in „Rosas Hochzeit“ (© Piffl/Natxo Martinez)


Unsere Gesellschaft bietet im religiösen und im nicht-religiösen Bereich verschiedene Einführungsrituale für junge Erwachsene an. Warum gibt es keine Feiern, in denen sich ältere Individuen gegenüber der Gesellschaft als Individuum bestätigen können?

Bollaín: Also eine Art Bestätigung der Reife, mit sich selbst zurechtzukommen? Dann gäbe es wahrscheinlich keine Psychologen mehr, wenn wir lernen könnten, mit uns selbst in Frieden zu leben. Das würde uns viel Geld und Kopfschmerzen ersparen. Ich glaube, dass das in Spanien und in anderen Ländern, die sehr stark religiös geprägt sind, viel mit der Schuld zu tun hat. Es ist hässlich, sich nur um sich selbst zu kümmern; man muss doch für die anderen da sein! Das gilt als sehr weiblich. Dabei ist das Wichtigste doch erst einmal, zu lernen, sich selbst zu lieben! Mit dir selbst bist du dein ganzes Leben zusammen. Du trägst dich dein ganzes Leben mit dir herum, also lerne dich zu lieben, dich zu respektieren, du selbst zu sein. Aber das akzeptiert die Gesellschaft nicht; die Eltern erwarten etwas von dir, die Gesellschaft erwartet etwas von dir, auch deine Firma, du sollst Erfolg haben. Du hast wenig Zeit und Gelegenheit, in Kontakt mit dir selbst zu sein.

Aber die kapitalistische Konsumgesellschaft unterstreicht doch dauernd die Wichtigkeit des Individuums.

Bollaín: Ja, das stimmt. Um du selbst zu sein, musst du konsumieren. Du musst die Hose kaufen, die dich definiert, und die Musik hören, die deine Art zu leben widerspiegelt. Aber mit einem selbst hat das wenig zu tun. Religiös orientierte Medien, die mich interviewt haben, fragten öfter: „Ist der Film ein Statement für den Individualismus?“ Nein, es geht um die Liebe sich selbst gegenüber, und das heißt nicht unbedingt Individualismus. Der Individualismus führt direkt in den Konsumismus, weil dann heißt es: ICH habe das Riesenauto, ICH habe die und die Klamotten.

Aber der Markt umfasst ja alles, auch die Spiritualität oder die Gesundheit. Immer streichelt der Markt das Ich.

Bollaín: Das ist Selbstbefriedigung durch Konsum. Tu dir was Gutes, gönn dir etwas! In Wahrheit heißt das: „Kauf dir etwas!“ Aber nie: „Hör mal in dich selbst hinein! Bleib eine Zeit mit dir allein! Frag dich, was du wirklich willst!“ Das ist alles gratis! An Rosas Hochzeit mag ich besonders, dass sie sehr einfach ist und keines großen Aufwandes bedarf. Dazu braucht es niemanden außer einem selbst und einigen Zeugen und den Willen, es durchzuziehen. Das hat nichts mit unserer Konsumkultur zu tun.

Sergi López als Rosas egozentrischer Bruder (© Piffl/Natxo Martinez)
Sergi López als Rosas egozentrischer Bruder (© Piffl/Natxo Martinez)

Gibt es einen Unterschied zwischen Rosa und ihrer Schwägerin Marga? Marga will auch mehr Zeit für sich haben und nicht einfach nur Sklavin ihrer Familie sein.

Bollaín: Da gibt es keinen Unterschied. Marga hat sich irgendwie auch mit sich selbst verheiratet, nur eben nicht öffentlich. Rosa aber möchte ihre Familie in ihre Entscheidung einbeziehen. Sie ist einfach ein guter Mensch und will niemanden enttäuschen oder im Stich lassen. Sie knallt die Tür nicht einfach zu.

Rosa weiß, was sie will; ihre Geschwister aber sorgen sich nur um ihr Image in der Gesellschaft. Welche Gesellschaft zeigt der Film?

Bollaín: Rosas Hochzeit reißt dem Kaiser die Kleider runter. Denn sie versucht, ihre Situation zu verbessern. Durch Rosas Hochzeit wird den anderen ihr Scheitern bewusst. Wenn es einen zweiten Teil geben würde, dann müsste der erzählen, ob und wie sich ihr Leben nach Rosas Hochzeit verändert. Unsere Gesellschaft basiert darauf, dass wir immer Anerkennung von außen suchen. Da gibt es viel Druck; der ist uns oft bewusst, manchmal auch nur unterbewusst. In der Welt der „Likes“ oder „Don’t Likes“ zu bestehen, schafft einen großen Druck. Wir hören uns sehr wenig zu. Wir lieben uns alle, auch in Rosas Familie. Aber keiner hört den anderen zu, nicht mal sich selbst. Die Pandemie hat nun wirklich nicht viel Gutes, aber positiv war ist, dass wir in einer verordneten Pause zuhause saßen. Viele haben angefangen zu denken, und viele haben mir gesagt: „Was habe ich für ein Leben geführt! Was für eine Raserei, wo doch das Wichtige hier liegt! Wo doch das Wichtige ist, mit meinen Kindern zu teilen, was sie im Moment in der Schule lernen. Wichtig ist, nicht mehr zu hetzen, einfach mal etwas zu kochen und es mit meiner Familie zu teilen. Nicht mehr mit Menschen zusammen zu sein, die mich überhaupt nicht interessieren!“ Eine Erfahrung aus der Pandemie, von der immer wieder berichtet wird, ist, dass plötzlich die Zeit wieder einen Wert bekam. Das hat der Film seltsamerweise vorweggenommen. Er erzählt von einer Frau, die Ruhe in ihr Leben bringen will. Das haben wir im Lockdown alle machen müssen.

Was für ein Gefühl hatten Sie, gerade angesichts dieser Veränderung der Gesellschaft durch die Pandemie, bei der Premiere des Films?

Bollaín: Ich hatte wirklich Angst, dass mein Film nach diesem ganzen Covid-19-Trauma oberflächlich wirken würde. Nach allem, was passiert ist, von einer Frau zu erzählen, die sich mit sich selbst verheiraten will! Aber es war anders: Wir haben eine nostalgische Sehnsucht, nach einem Leben vor Corona, nach der Art zu feiern, zusammen zu sein, uns zu berühren, eine Art, einfach frei zu sein. Die haben wir im Moment verloren. Ich hoffe sehr, dass wir sie bald wiedergewinnen. Der Film kommt gut an, weil er Lebensfreude vermittelt. Das brauchen wir in diesen unsicheren Zeiten auch deshalb, weil das alles auch in einer wirtschaftlichen Katastrophe enden wird.

Die Familie sorgt in „Rosas Hochzeit“ permanent für Aufregung (© Piffl)
Die Familie sorgt in „Rosas Hochzeit“ permanent für Aufregung (© Piffl)

Rosas Geschichte könnte auch ein düsterer Film im skandinavischen Stil sein: mit feindlichen Geschwistern, dem verwitweten Vater und existenziellen Aufbrüchen und Neuorientierungen. Warum haben sie das als Tragikomödie inszeniert?

Bollaín: Ich habe mich dafür mit Schauspielern umgeben, die alle ein großes Talent für das Komische haben, doch ich musste dabei stets das Gleichgewicht finden. Das war schon beim Drehbuchschreiben so: Das Komische in einer Szene herausarbeiten, ohne dass das Tiefe, Ernste oder auch das Tragische verlorengehen. Wenn wir zu leicht und lustig wurden, mussten wir uns selbst bremsen und sagen: Aufgepasst, hier müssen wir wieder Tiefe und Gewicht gewinnen, sonst geht etwas Wichtiges verloren, das wir unbedingt erzählen müssen. Wir haben immer auch Momente gesucht, in denen die Protagonisten in ihrer Einsamkeit und ihren Sorgen zu sehen sind, in denen sie sich die Maske vom Gesicht nehmen können. Ganz kleine Momente, wenn etwa die Schwester Violeta allein vor ihrem Schicksal sitzt, also vor ihrem Weinglas. Sergi López ist ein großartiger Komödiendarsteller. Gerade deshalb haben wir Augenblicke geschaffen, in denen er wirklich traurig wirkt, in denen wir sehen, dass er die Frau, die er liebt, verloren hat. Das haben wir bei allen versucht, auch mit Ramón Barea, wenn er sich am Ende des Flurs auf einen Stuhl setzt. Da musste der Film langsamer werden. Es muss zu sehen sein, dass dieser Mann einsam ist, danach kann es wieder fröhlich weitergehen.

Kommentar verfassen

Kommentieren