© Jörg Taszman

Die letzte Vorstellung? Bedrohte Multiplexe und fehlende Kinoperspektive in Berlin

Dienstag, 06.07.2021

Die geschichtsträchtige Berliner Kinolandschaft befindet sich im stetigen Wandel, doch intransparente Wirtschaftsinteressen sowie politische Verfehlungen bedrohen die Berliner Kinokultur

Diskussion

Die Berliner Kinolandschaft verfügt über viele geschichtsträchtige Lichtspielhäuser, von den großen Einzelhäusern der DDR über moderne Multiplex-Kinos bis hin zu Exoten wie dem Kino in der Kulturbrauerei. Doch die Aussichten auf den Fortbestand dieser Kulturstätten verfinstern sich zunehmend, zumal Investoren sowie Politiker ohne klare Agenda agieren. Die letzten traditionellen Kinos bangen um ihre Existenz und das Publikum den Erhalt der Berliner Kinokultur.


Bis zum Ende der DDR gab es in Ostberlin drei große Einzelhäuser und Premierenkinos: Das "Kosmos", das "International" und das "Colosseum". Im "InternationaI" fanden prestigeträchtige Premieren von Filmen wie "Coming Out" statt, das "Kosmos" war eher auf kommerziell erfolgreiche Filme aus dem Westen spezialisiert, und das "Colosseum" mitten im Prenzlauer Berg an der Schönhauser Allee punktete gelegentlich mit kleinen Überraschungen. So feierten dort mitunter nicht ganz so genehme DEFA-Filme wie "Das Versteck" von Frank Beyer Premiere (mit zwei Jahren Verspätung, weil Manfred Krug die DDR 1977 verlassen hatte); im Frühjahr 1984 konnte man dort auch den ungewöhnlichen DDR-Jugendfilm "Erscheinen Pflicht" entdecken.

Für Kinder und Jugendliche verströmten die drei großen Hauptstadt-Kinos der DDR etwas Feierliches und Offizielles: die Tickets waren teurer als in den Stadtteilkinos und die Herren am Einlass viel strenger, wenn es darum ging, sich einen P14-Film anzuschauen. Da wurde man fast immer nach dem Personalausweis gefragt, den man in der DDR mit 14 bekam. Nur im Schlepptau der Eltern konnte ich dann im Alter von 12 Jahren "Mein Name ist Nobody" (DDR-Erstaufführung 1978) im "Kosmos" sehen. Zu meinen bleibenden Kinoerinnerungen gehört vor allem "Spiel mir das Lied vom Tod", der im Sommer 1981 erstmals in den DDR-Kinos anlief und im "Kosmos" wochenlang ausverkauft war.


Ende der Vorstellung?

Nach der Wende übernahm 1992 die Yorck Kinogruppe das "International" und machte es zum Flaggschiff für Arthouse-Filme und Premieren. Das "Kosmos", mit über 1000 Plätzen das größte Kinos Ostberlins, wurde von der UFA übernommen, die es 1996 für 55 Millionen Mark zum ersten Multiplex Berlins mit 9 Sälen umbaute, aber bereits 2005 wieder schloss. Der Pächter und heutige Eigentümer ist Betreiber einer Großraumdisko im Raum Berlin.

Seit über einem Jahr ist nun auch das Colosseum geschlossen, dass Arthur Brauner seinerzeit erworben hatte und zunächst von Cinemaxx, später von der UCI Kinowelt programmieren ließ. Das ursprünglich nur aus einem großen Saal bestehende Kino wurde 1997 ebenfalls zu einem Multiplex umgebaut, wobei man das Kino 1, das unter Denkmalschutz steht, ebenfalls renovierte. Zunächst verkündeten die Brauner-Erben im Mai 2020, dass das Colosseum ein Opfer von Corona und einfach nicht mehr rentabel sei. Später erfuhr eine zunehmend verdutztere Öffentlichkeit dann jedoch, dass man bereits seit 2019 versuchte, das Grundstück an einen Hamburger Investor zu verkaufen. Der zuständige Bezirksstadtrat stand dem potenziellen Verkauf wohlwollend gegenüber und behauptete später, nicht gewusst zu haben, dass es sich bei der Adresse Schönhauser Allee 123 um das Colosseum handelte. Das erscheint schon deshalb fragwürdig, weil in der Berliner Presse Dokumente veröffentlicht wurden, die der Adresse eindeutig das Colosseum zuordnen.


Das "Colosseum" (© IMAGO / Future Image)
Das "Colosseum" (© IMAGO / Future Image)

Initiative „Rettet das Colosseum“

Erst nach dem Protest der offiziell nie entlassenen über 40 Mitarbeiter und ihrer Initiative „Rettet das Colosseum, gefolgt von Demonstrationen und einer Petition mit über 10.000 Unterschriften, bewegten sich die Kiezpolitiker des Berliner Bezirks Pankow. Zunächst brachte man einen ziemlich unrealistischen Ankauf des Grundstücks und Kinos ins Spiel; seit kurzem gibt es auch Gespräche mit dem potentiellen Käufer „Values Real Estate“, der jedoch auf meine Anfrage zum Colosseum nicht reagierte. Dafür äußerte sich der Projektentwickler und Mitgeschäftsführer Thorsten Bischoff im Berliner Tagesspiegel in einem Interview. Zunächst betont er, man wolle „die historische Kulturnutzung, das Kino und die Wagenhallen […] erhalten und ergänzen“. Gleichzeitig sollen auch „Büros mit üblichen Mieten“ entstehen.

Nun träumen die Politiker des Bezirks und die potenziellen Neu-Besitzer bereits von einem Programmkino, meinen damit jedoch wahrscheinlich den großen, denkmalgeschützten Kinosaal mit seinen über 500 Plätzen. Die Frage ist nur, wer das Kino dann betreiben soll? Ein kommerzieller Betreiber ist in Post-Corona-Zeiten nicht in Sicht. Auch im aktuellen Berliner Senat, der sich in den letzten Jahren nie als sonderlich kinofreudig entpuppt hat, wird man keine Absichten hegen, das Colosseum als Kommunales Kino weiterzuführen. Insider betonen, dass man den Denkmalschutz auch so umgehen kann, indem man den Kinosaal „schön langsam“ verfallen lässt.


Drohendes Aus für die Kultur in der Kulturbrauerei

Zunehmende Brisanz erhält der komplexe Colosseum-Skandal auch durch ein weiteres Kultkino, das nur 1200 Meter entfernt liegt: Das Kino in der Kulturbrauerei. Ebenso wie das Colosseum gehört es zu den wenigen auch optisch ansprechenden Multiplexkinos Berlins. Ironischerweise haben sich beide Kinos im Prenzlauer Berg eher Besucher abspenstig gemacht. Aber weil sich der Betreiber Cinestar im Kulturbrauerei-Kino dazu entschloss, auf gehobenes Arthousekino und gelegentliche Originalfassungen zu setzen, hatte dieser Standort in der Filmbranche und für wichtige Kinopremieren den besseren Ruf. Die Programmierung im Colosseum war dagegen eher seelen- und konzeptionslos. Man setzte auf Blockbuster und Synchronfassungen in einem Kiez, der immer multikultureller und schicker wurde und mit dem Prenzlauer Berg aus Wolfgang Kohlhaases und Konrad Wolfs "Solo Sunny" nur noch wenig gemein hat.


Kampf ums Kino: Demo für den Erhalt des Colosseum (© IMAGO / Bernd Friedel)
Kampf ums Kino: Demo für den Erhalt des Colosseum (© IMAGO / Bernd Friedel)

Das Kino in der Kulturbrauerei befindet sich auf dem riesigen Gelände einer ehemaligen Bierbrauerei mit so wichtigen Clubs oder Konzerthallen wie dem Frannz oder dem Kesselhaus. Das 25.000 Quadratmeter große Gebiet wurde zwischen 1998 und 2000 für über 100 Millionen Mark von der staatlichen Treuhandliegenschaftsgesellschaft (TLG) aufwendig restauriert, aber bereits 2012 zusammen mit anderen ehemaligen Gewerbeimmobilien auf dem Gebiet der einstigen DDR für 1,1 Milliarden Euro an einen US-Investor verkauft, der kürzlich mit einem Luxemburger Unternehmen fusionierte. Damals vermied es der Bund, im Bauplan auf einer langfristig kulturellen Nutzung zu bestehen. Lediglich für zehn Jahre wurden die Mieten garantiert.

Was nun folgt, ist Verhandlungssache. Die Gefahr, dass sich Mieten vervielfachen, ist ebenso real wie die schleichende Umwandlung eines beliebten Kulturstandorts in einen Büro- und Gewerbekomplex. Wieder einmal reagieren in erster Linie nur die Bezirkspolitiker, und das auch reichlich spät. Vertreter der Grünen und der Linken wünschen sich einen Ankauf des Gesamtgeländes durch den Senat. Andere Kommunalpolitiker von CDU oder FDP halten davon wenig und pochen eher darauf, im Bauplan nun endlich eine kulturelle Nutzung festzuschreiben. Im Berliner Senat äußern sich derzeit weder Kultursenator Klaus Lederer von den Linken noch die grüne Wirtschaftssenatorin Ramona Pop wirklich nachhaltig zu diesem Thema. So zeigt sich die Berliner Politik schon erfreut, wenn einige Mietverträge sogar bis 2025 gelten, als ob damit eine langfristige, kulturelle Nutzung bereits gesichert sei. Gerade die Kultur, die Musik- und Veranstaltungsbranche braucht, ebenso wie das Kino, eine Perspektive für die kommenden Jahrzehnte.


Kommerz oder Kultur?

Die Chance, in einem neuen Bebauungsplan dann auch die Kultur zu verankern, wird zwar theoretisch lautstark propagiert. Praktisch sind jedoch im September neue Wahlen zum Abgeordnetenhaus, und bis dahin wird sich nichts bewegen. Eine zentrale Bedeutung in diesem Poker um die Frage „Kommerz oder Kultur?“ kommt dem Multiplex in der Kulturbrauerei zu. Der bisherige Betreiber Cinestar, der zur australischen Kinokette Greater Union gehört, hat Zahlungsschwierigkeiten; er liegt in einem Rechtsstreit mit dem Besitzer um Mietrückstände für das Kino; die geplante Fusion zwischen Cinemaxx und Cinestar ist ebenfalls geplatzte.

Selbst wenn sich die bisherige Programmierung wohltuend vom Multiplex-Einheitsbrei abhob, zählten beim Cinestar-Konzern nur die Absätze von Cola und Popcorn und nicht ein mehr oder weniger ambitioniertes Programm, wie mir schon vor Jahren ein Mitarbeiter des Kinos berichtete. Wie zentral, bürokratisch und unflexibel es im Kino der Kulturbrauerei auch zuging, musste einmal auch der französische Regisseur Jean-Jacques Annaud während eines Publikumsgesprächs nach der Premiere seines Films "Der letzte Wolf" erfahren. Pünktlich zu Beginn der normalerweise geplanten Spätvorstellung ging im Kinosaal das Licht an und man spielte Werbung. Die Mitarbeiter des Berliner Kinos hatten keinen manuellen Einfluss auf das computergesteuerte Programm der Konzernzentrale in Lübeck.




Ein so populärer Kinostandort wie das Cinestar Original am Potsdamer Platz wurde vom Konzern gnadenlos zum 31. Dezember 2019 geschlossen. Und das nur wenige Wochen vor Beginn der "Berlinale" 2020, bei der in den großen Cinestar-Sälen Berlinale-Filme des Forums und Panoramas gezeigt wurden. Das Cinestar Original erfreute sich vor allem bei englischen und amerikanischen MuttersprachlerInnen in Berlin größter Beliebtheit und stand für eine neue Multilingualität der Stadt. Insofern wäre es nicht unbedingt ein Verlust für die Kinokultur, wenn Cinestar die Kulturbrauerei aufgäbe. Gut informierte KinobetreiberInnen der Konkurrenz wollen bereits von Verhandlungen mit einem neuen Betreiber wissen. Andere Gerüchte besagen, dass die Cinestar-Gruppe trotz des Rechtsstreits mit dem Eigentümer an einer Fortführung des Kinobetriebs interessiert sei und wie schon am Standort Potsdamer Platz (damals erfolglos) um bessere Mietkonditionen pokere. Auch bei Cinestar blieb eine Interviewanfrage nach der Zukunft des Kinostandorts Kulturbrauerei unbeantwortet.


Aus Fehlern nichts gelernt!

Und so muss man abwarten, ob die in Berliner Zeitungen zunehmenden Artikel zum drohenden Multiplex-Sterben zweier gehobener Häuser wirklich einen Bewusstseinswandel auslösen. Bisher hat man in Berlin noch nichts aus den vielen Fehlern des Kinosterbens nach 1989 gelernt. So ist der Kudamm kinomäßig fast völlig verödet, während am Potsdamer Platz zwei riesige Multiplexe entstanden, von denen eins nicht mehr existiert. Die "Berlinale" gab den traditionellen Standort in Westberlin damals auf; selbst der Zoo Palast stand jahrelang auf der Kippe, bevor ihn Hans Joachim Flebbe übernahm.

Im Osten Berlins schlossen zunächst kleinere, aber schöne Kiezkinos, bevor das erste Multiplex der wiedervereinten Hauptstadt, das "Kosmos", auch deswegen in die Insolvenz ging, weil der Bezirk Friedrichshain einen Multiplexneubau in nur 500 Meter Luftlinie erlaubt hatte. Das UCI Kinowelt Friedrichshain war mit Abstand das hässlichste Kino Berlins und schloss dreizehn Jahre nach dem Kosmos im August 2018.

Daher bleibt es fraglich, ob ausgerechnet die Berliner Politik Kinostandorte retten wird. In den beiden Lockdowns bewies vor allem Kultursenator Lederer kein gutes Händchen für solidarische Politik mit den lange geschlossenen Kinos. Berlin gehörte nun schon im zweiten Jahr zu den letzten Bundesländern, die Kinos wieder öffneten, und besteht bis heute auf rigiden Hygienemaßnahmen. So durfte trotz niedrigster Inzidenzen im Juni die "Berlinale" nur als Open Air und mit Testpflicht stattfinden. Kein einziger Berliner Politiker sprach sich dafür aus, doch spontan zu den Filmfestspielen wenigstes einige wenige klassische Berlinale-Kinos wie das Delphi, den Zoo Palast oder das International zu öffnen. Anfang Juli 2021 herrscht in Berliner Kinos bei einer Inzidenz von 5 immer noch eine Testpflicht. Im benachbarten Potsdam kann man hingegen testfrei ins Kino. All das verärgert Berliner Kinobetreiber.


Wenigstens ein Happy End!

Wie man in Berlin ein traditionelles Kino rettet, beweist das Beispiel des Moviemento in Kreuzberg. Nachdem der Immobilienbesitzer, der teilweise zum Immobilienkonzern Deutsche Wohnen gehört, zunächst das Kino verkaufen wollte, machte man auch den Betreibern Iris Praefke und Wulf Sörgel im Herbst 2019 das Angebot, für zwei Millionen Euro das Moviemento zu kaufen. Es war der Start einer einmaligen Crowdfunding-Kampagne, bei der in einem ersten Schritt 100.000 Euro zusammenkamen. Doch dann folgte Corona und der Besitzer der Immobilie zeigte sich plötzlich großzügig. Man erließ monatelang die Miete und stellte auch sonst keine finanziellen Forderungen. Am Ende könnte endlich einmal ein Berliner Kino ein Happy End erfahren und das Moviemento eventuell einen langfristigen Mietvertrag erhalten.



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