© imago images (Das "Atlas"-Plakat zu "12 Uhr mittags")

Zum Tod von Hanns Eckelkamp

Mittwoch, 11.08.2021

Ein Nachruf auf den Filmkaufmann, Verleiher und Produzenten Hanns Eckelkamp, dessen 1965 gegründete Altas-Gruppe zum Gütesiegel für Filmkunst wurde

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Er war Filmkaufmann, Kinokettenbesitzer, Rechtehändler, Filmverleiher und Produzent. Einer, der das bundesdeutsche Nachkriegskino nachhaltig geprägt hat. Doch vor all seinen vielen Verdiensten war Hanns Eckelkamp einer, der Filme und das Kino leidenschaftlich liebte und nie müde wurde, sich neue kreative Ideen auszudenken, um es zu den Menschen nahezubringen. Im Alter von 94 Jahre ist er jetzt in Berlin gestorben.


Stets erinnert man sich zuerst an die Schauspieler und an die Filmregisseure, die Kinogeschichte geschrieben haben. Doch irgendwer muss die Filme ja auch mit Leidenschaft und Engagement unter die Menschen bringen. Einer der wichtigsten Protagonisten der bundesdeutschen Nachkriegszeit war in dieser Hinsicht der Münsteraner Filmkaufmann Hanns Eckelkamp (geboren am 28.2.1927), der im großen Tanzsaal der Gastwirtschaft „Gertrudenhof“ in Münster 1946 mit dem Film „Die Frau meiner Träume“ und Marika Rökk als Revuestar den Neustart des Kinos in Deutschland einläutete. Ein Nierenschaden hatte Eckelkamp davor bewahrt, zum Ende des Krieges als „Kanonenfutter“ verheizt zu werden. Stattdessen hatte er miterlebt, wie der Gertrudenhof für die Deportation von Juden missbraucht wurde. Gegenüber seinem Vater, einem Münsteraner Großgastronomen, beharrte er darauf, dass er die Menschen nicht einfach mit Alkohol „abfüllen“ wollte. Obwohl er parallel sein erstes juristisches Staatsexamen anstrebte, wollte er den Beweis antreten, dass „Filme als Kunst“ ernst zu nehmen seien.


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Gerne erzählte Eckelkamp davon, wie er „12 Uhr mittags“ (1952) von Fred Zinnemann als „Western mit moralischen Grundfragen“ bewarb und damit Ende der 1950er-Jahre doppelt so viele Zuschauer erzielte wie andere Verleiher, die ihn einfach als „Cowboyfilm“ bezeichneten. Mit sicherem Gespür für das große Geschäft hatte er die bundesweiten Verleihrechte für den Film erworben. Nachdem er auf der Basis dieses Erfolgs eine kleine Kinokette mit mehreren Häusern in Münster und Duisburg aufgebaut hatte, gründete er den „Atlas Filmverleih“, machte aus den „Dick und Doof-Filmen“ für Kinder mit einer neuer Musik eine anspruchsvolle „Laurel & Hardy“-Reihe und brachte spätere Arthouse-Klassiker wie Akira Kurosawas „Die sieben Samurai“, „Kinder des Olymp“ von Marcel Carné oder Charlie Chaplins Goldrausch“ ins Kino.

Western mit moralischem Thema: "12 Uhr mittags" (imago images/Mary Evans)
Western mit moralischem Thema: "12 Uhr mittags" (imago images/Mary Evans)

Um seinen Wahlspruch „Das ist alles Kunst“ zu unterstreichen, ließ er anspruchsvolle neue Plakate von anerkannten Künstlern gestalten, unter anderem von Heinz Edelmann, der später als Art-Director des Beatles-Zeichentrickfilms „Yellow Submarine“ berühmt wurde. Wenn Eckelkamp im „Gertrudenhof“ eine Open-Air-Veranstaltung plante, ließ er schon mal einen Fesselballon mit Werbung aufsteigen. Anlässlich von „Goldrausch“ erfand er spektakuläre Rundumplakate für Litfaßsäulen. Mit seiner charakteristischen sonoren Stimme warb Eckelkamp im Radio für Filmpremieren und verschickte eine Weile auch „Filmbriefe“, eine eigene kleine Zeitschrift, um seine Fans über die nächsten Projekte zu informieren. Das Geschäft als Kinomann besaß für ihn viele Gemeinsamkeiten mit der Tätigkeit eines Zirkusdirektors, und der muss manchmal eben die Peitsche knallen lassen.


Eine Bewährungsprobe: "Das Schweigen"

Seine große Bewährungsprobe kam für den bekennenden Katholiken mit dem Skandal um Ingmar Bergmanns „Das Schweigen“, den er in Deutschland herausbrachte und der 1964 sogar zu einer hitzigen Bundestagsdebatte führte. In der WDR-Sendung „Erlebte Geschichte“ berichtete er noch im Jahr 2010 davon, wie er sich von der Kanzel herunter auf „den tiefsten Grund der Hölle“ verbannt gefühlt habe. Doch die damals rekordverdächtigen Einnahmen in Höhe von mehr als 10 Millionen Mark werden ihn getröstet haben.

Hanns Eckelkamp war nicht vor Fehleinschätzungen bis hin zum Größenwahn gefeit. Bei Jerzy Kawalerowiczs „Pharao“ stieg er 1966 wider jeden kommerziellen Rat mit hohem Risiko ein und verteilte in Cannes schon goldene Skarabäen mit kleinen Billanten. Der Film überdauert als künstlerisch gänzlich ungewöhnlicher Pharaonenfilm ohne Happy End die Zeit, doch an der Kinokasse floppte er wie viele andere von Eckelkamps ehrgeizigen Projekten, weshalb er 1967 Insolvenz anmelden musste.

Glückloser Film: "Pharao" von Jerzy Kawalerowicz (imago/Ronald Grant)
Glückloser Film: "Pharao" von Jerzy Kawalerowicz (imago/Ronald Grant)

Mit großer Leidenschaft hatte er das im Vorgriff des Videozeitalters so enorm wichtige Feld des 16mm-Schmalfilmverleihs für die nicht-kommerzielle Nutzung seiner Filmbestände in Schulen und Bildungseinrichtungen betrieben. Mit „Atlas-Maritim“ entdeckte er die Marktlücke der Filmversorgung für deutsche Handelsschiffe und war ab 1980 alleiniger Lieferant für die „Inflight-Kinos“ der Lufthansa in ihren Flugzeugen. Das war eine der vielen neuen kreativen Ideen, mit denen Eckelkamp neue Zuschauerschichten für Filme erschloss. Finanziell erholt stieg Eckelkamp - wie auch schon 1963 bei Will Trempers „Die endlose Nacht“ - immer häufiger in aktuelle Filmproduktionen ein. Etwa bei Rainer-Werner Fassbinders „Die Ehe der Maria Braun“ (1979) oder bei „Der Bulle und das Mädchen“ von Peter Keglevic mit Jürgen Prochnow, zuletzt bei Dani Levys „RobbyKallePaul“ (1988), mit dem neben der Karriere von Levy auch die von Maria Schrader begann.

So manches ist nicht zustande gekommen, wie etwa Fassbinders Plan zu einem Rosa-Luxemburg-Film, zu dem Eckelkamp schon ein Drehbuch entworfen hatte. Auch ein Remake von „Immensee“ nach Theodor Storm plante Eckelkamp, wofür er Romy Schneider in Paris zwar begeistern, aber letztlich nicht gewinnen konnte.


Seine Kreativität kannte keine Grenzen

Mit 94 Jahren ist Hanns Eckelkamp Anfang August in Berlin gestorben. Seine Filmbegeisterung trug ihn durch sein ganzes Leben, mit enormen Folgen fürs Kinopublikum auch abseits der roten Teppiche des Glamours. Ihn lediglich als wichtigen und geschäftstüchtigen Strippenzieher des deutschen Nachkriegskinos zu bezeichnen, würde entschieden zu kurz greifen. Zwar war er im Wesentlichen Händler mit Filmrechten, Kinobetreiber, Verleiher und Produzent, aber sein Beitrag zum Kino resultierte aus der Kombination von großer Leidenschaft, einem bildungsbeflissenen Sendungsbewusstsein und dem sicheren Gefühl für die neusten Tendenzen des Filmmarktes.

Was er vom Siegeszug der Streamingdienste als Herausforderung der Kinos als Live-Erlebnis gedacht hat, ist nicht bekannt. Bestimmt wäre ihm auch dazu etwas Neues eingefallen.


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