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Der Blender

Freitag, 12.11.2021

Ein Interview mit Vanessa Lapa über ihren Dokumentarfilm „Speer Goes to Hollywood“, in dem sie den Mythos um den NS-Rüstungsminister als "gutem Nazi" demontiert

Diskussion

In seinem 1969 erschienenen Buch „Erinnerungen“ entwarf der NS-Rüstungsminister Albert Speer das Selbstbild eines „guten Nazis“, der in schwierigen Zeiten lediglich schwierige Entscheidungen getroffen habe. Die israelische Filmemacherin Vanessa Lapa demaskiert diesen Mythos in „Speer Goes to Hollywood“, indem sie die Tonbänder mit Interviews von Speer und dem US-Drehbuchautor Andrew Birkin zum Sprechen bringt, die entstanden, als Paramount Speers Memoiren verfilmen wollte.


In „Der Anständige“ aus dem Jahr 2014 zeichnen Sie mit Hilfe der privaten Aufzeichnungen Himmlers ein zwiespältiges Bild des „Reichsführer SS“. In „Speer Goes to Hollywood“ demaskieren Sie die große Selbstinszenierung des Nazi-Ministers Albert Speer durch die Tonbandprotokolle des Hollywood-Drehbuchautors Andrew Birkin. Wie kamen Sie zu den Bändern und zu dieser Geschichte?

Vanessa Lapa: Nach einer Vorführung von „Der Anständige“ in New York sprach mich ein Mann an und erzählte mir von einem Hollywood-Projekt, einem Spielfilm über Speers Leben. 1969 waren Speers „Erinnerungen“ erschienen, die sich sehr gut verkauften. Der Drehbuchautor dieses Projektes, Andrew Birkin, hatte 1971 seine Gespräche mit Speer während der Recherchephase aufgezeichnet und die Tonbänder behalten. Er überließ mir die Aufzeichnungen. Wir haben die Bänder mit dem Tontechniker und dem Produzenten durchgehört. Man konnte den Ton noch etwas aufpolieren; die Stimmen waren unscharf, aber ich habe alles transkribiert und begann dann mit der Recherche.


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Was hat sie an der Figur dieses „guten Nazis“ fasziniert?

Lapa: Wirklich fasziniert war ich weder von Himmler noch von Speer. Aber diese Tonbänder stellten eine Herausforderung dar, weil es unveröffentlichtes Material war und vom Inhalt her zwiespältig. Ein hoher Repräsentant des Nazi-Regimes, ein Minister Hitlers, der sich im Gespräch immer als ganz normaler Mensch gab, also nicht als Monster, sondern als einer, der in schwierigen Zeiten schwierige Entscheidungen treffen musste. Dieses Selbstbild des „guten Nazis“ war nur schwer zu knacken. Aber je weiter die Arbeit fortschritt, desto klarer wurde mein Gefühl, dass ich jetzt anfangen kann, diesen Mythos zu demontieren. Ich verstehe, wie Speer zu dieser Figur des „guten Nazi“ wurde, denn er wirkt auf den ersten Blick anders als die anderen NS-Täter; er ist sehr intelligent, er sieht gut aus und hat gute Manieren. Ein Mann, der in seinen Gesprächen André Malraux und Voltaire zitiert. Ich kam ihm auf die Spur, wie er es geschafft hat, die ganze Welt zu manipulieren: die Presse, seine Biografen und sogar ernst zu nehmende Historiker; er hat sie alle geblendet!

Vanessa Lapa (© Salzgeber & Co. Medien GmbH)
Vanessa Lapa (© Salzgeber)

Wie hat es Albert Speer geschafft, sein Selbstbild fast monopolartig mit seiner Autobiografie zu zementieren?

Lapa: Das hatte viel mit der Notwendigkeit und dem Bedürfnis insbesondere der deutschen Nachkriegsgesellschaft zu tun, eine gute Nazi-Figur zu entwickeln. Das sitzt sehr tief. Umso wichtiger war es, dies zu erkennen und zu dekonstruieren, das Speer genau so wenig ein guter Nazi war wie die anderen. Das war keine leichte Arbeit. Dass sein Selbstbild nicht stimmt, sieht man schon in den Aufzeichnungen aus den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen. Ich habe mich mit ganz unterschiedlichen Materialien über Speer beschäftigt. Eine sehr gute Biografie von Magnus Brechtken, „Albert Speer – eine deutsche Karriere“, ist 2017 erschienen.

Sie haben diese transkribierten Gespräche zwischen Andrew Birkin und Albert Speer in Ihrem Film von Schauspielern lesen lassen. Wie ähnlich kam das der Originalstimme von Speer?

Lapa: Sie war sehr ähnlich. Wir haben den Rohschnitt verschiedenen Leuten vorgeführt, auch Fernseh- und Radiotechnikern. Den meisten ging nicht auf, dass es nicht Speers Originalstimme war. Wir haben einige Wochen gebraucht, um die geeignete Person zu finden. Wir entschieden uns schließlich für einen Sprecher, der aus der gleichen Region wie Speer kam, also die gleiche Dialektfärbung hatte. Er hörte sich wieder und immer wieder die Bänder an, um sich selbst mit der Originalstimme zu vergleichen; am Ende ist sein Sprachduktus genau wie der von Speer.

In den Gesprächen entlarvt sich Speer selbst, etwa wenn es um seine letzte Begegnung mit Hitler geht. Sie unterstreichen und kontrastieren seine Aussagen dennoch immer mit erstaunlich vielfältigem Archivmaterial.

Lapa: Das ist Teil der Demontage. Man weiß, dass er lügt, wenn es etwa um die Konzentrationslager und die Zusammenarbeit mit der deutschen Industrie geht. Das ganze Bildmaterial war für mich eine große Herausforderung. Ich wollte unbekanntes Material finden, dass wir noch nie gesehen hatten. Ich wusste, dass es diese Aufnahmen gibt; man musste sie nur finden. Zum Beispiel die Aufnahmen mit den Architektur-Modellen. In allen Dokus über Speer tauchen ähnliche Szenen auf; meine stammen aus einem Film, den Leni Riefenstahl über das Germania-Projekt gedreht hat. Im Bundesarchiv fand ich drei Filmrollen, und es war sehr interessant, hier Speer und Hitler mit den Modellen zu sehen und dieses Beieinander nicht künstlich über Spezialeffekte zu konstruieren. Das ist mir sehr wichtig. Ich sage es immer wieder: Es ist sehr einfach, bekanntes Archivmaterial zu benutzen, denn die NS-Zeit ist nicht nur der schrecklichste Abschnitt der menschlichen Geschichte, sondern auch der am häufigsten erzählte und dokumentierte, eine Zeit, in der zahllose Wochenschauberichte, Lang- und Kurz- und Dokumentarfilme gedreht wurden. Es gibt sehr viel Archivmaterial aus der Zeit. Mein größter Ehrgeiz war, andere Bilder zu zeigen, andere Einstellungen, andere Perspektiven! Es ist deprimierend zu sehen, wie viel Material es gibt und dass die Filmemacher trotzdem immer wieder auf dieselben Bilder zurückgreifen. Vielleicht liegt es am Budget, das Produktionen zur Verfügung steht. Sie haben kein Geld, um zu recherchieren, um Bilder zu digitalisieren oder zu restaurieren. Dabei ist es so wichtig, Bildmaterialien zu finden und zu benutzen; sie verrotten sonst und verschwinden.

Albert Speer nach der Entlassung aus Spandau (© Salzgeber & Co. Medien GmbH)
Albert Speer nach der Entlassung aus Spandau (© Salzgeber)

Wie lange haben Sie an dem Projekt gearbeitet?

Lapa: Viereinhalb Jahre. Bei dem Himmler-Projekt waren es acht Jahre!

Eine der unheimlichsten Szenen des Films steht am Ende, wenn Albert Speer nach seiner Entlassung aus dem Spandauer Gefängnis am Rathaus Schöneberg vor die Presse tritt. Fast wie ein Staatschef.

Lapa: Wir haben darüber lange diskutiert, ob diese Szene an den Anfang oder an das Ende des Films gehört. Sie sollte eine ganze Weile wirklich die Eingangssequenz sein. Mit der Zeit aber wurde mir klar, dass diese Szene am Schluss viel beeindruckender ist als am Anfang. Es ist fast machiavellistisch, wenn man ihn nach allem sieht. Der Film ist ja chronologisch geordnet, es geht ja um die Historie. 1931 trat er in die NSDAP ein, bis 1945 war er Minister, dann folgt der Prozess in Nürnberg von 1945 bis 1946 und die Entlassung aus Spandau 1966. Immer, wenn ich diese letzte Szene sehe, muss ich durchatmen. Im Kontext seiner Geschichte und seiner Selbstdarstellung sagen diese zwei Minuten eigentlich alles aus. Selbst wenn man im Verlauf des Films vielleicht Mitgefühl empfunden und ihm geglaubt hat, gedacht hat, dass er wirklich bereut und die Schuld empfunden hat, dann zeigt er in der letzten Szene allein durch seine Körpersprache, dass er keine Schulgefühle hatte und sich nicht verantwortlich gefühlt hat. Man sieht ihn, wie er ist; er liebt sich mehr als alles andere oder irgendeine andere Person; er denkt, dass er gut aussieht, und er sieht gut aus, auch nach zwanzig Jahren Gefängnis. Das sagt ja etwas über ihn aus, denn selbst wenn einer ein noch so gewiefter Politiker ist und noch so gut mit den Medien umgehen kann, wäre jeder normale Mensch nach einer zwanzigjährigen Haft davon gezeichnet, etwas müder, etwas erschöpfter, etwas dünner. Er aber sieht so gut aus, dass man direkt merkt, er hat sich im Gefängnis nicht mit großen Schuldgefühlen gequält.

Was wäre ein Mensch wie Albert Speer heute? Ein Investmentbanker?

Lapa: Ja, ich glaube auch, dass er heute wahrscheinlich als Banker starten würde. Nach zwei Jahren würde ihm die Bank beinahe gehören. Er würde über Kontakte zu allen relevanten Politikern verfügen, um sich die Bank ganz anzueignen und umzugestalten, alles etwas größer und ertragreicher zu machen. Aber im Ernst: In „Speer Goes to Hollywood“ geht es natürlich auch um die Zusammenhänge von Macht und Geld; die Geschichte von Speer hat viel mit Macht und Medien zu tun. Da ist ein Mann, der schreibt ein Buch, das ist erfolgreich, und dann soll ein Film entstehen, auch wenn er moralischen Grundprinzipien widerspricht. Das sind Zusammenhänge, die heute noch gültig sind: die Macht der Medien, der sozialen Netzwerke, die Nachrichten, die Beziehung zwischen Politik, Geld und Medien und Verlagen. Oder auch die Macht der Filmindustrie. Den hundert Lesern eines erfolgreichen Buchs entsprechen tausend Filmzuschauer. Am Ende hat Paramount das Speer-Projekt fallen lassen. Vielleicht ahnten sie, wie viel Selbstdarstellung und wie wenig historische Fakten in Speers Erinnerungen steckten. Dieser Hollywood-Film hätte wirklich gefährlich werden können. Er hätte die Speer’sche Version der Geschichte weltweit verbreitet. Wir müssen uns immer wieder bewusst machen, wie schnell persönliche Mythen und Selbstbilder historische Fakten überlagern können. Bei Speer wie bei anderen.

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