© Freunde der Deutschen Kinemathek (aus: "Mon Voyage d'hiver")

Aus der ersten Person #23: „Mon voyage d’hiver“ (2003) von Vincent Dieutre

Freitag, 07.01.2022

In „Mon voyage d’hiver“ erkundet der französische Regisseur Vincent Dieutre ein winterliches Deutschland aus der Perspektive eines Reisenden, der auf die Bruchstücke seines Lebens zurückzuschauen scheint

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In den autofiktionalen Filmen des Franzosen Vincent Dieutre sind das Ich und die Welt stets aufeinander bezogen, geradezu durchlässig füreinander. So reist in „Mon voyage d’hiver“ ein Mann mit seinem Patenkind durch Deutschland, mit Schuberts „Winterreise“ und den Gedichten von Bachmann und Brecht im Gepäck. In ihrem Kracauer-Blog folgt Esther Buss Dieutres Spuren, auf denen das Persönliche wie selbstverständlich vom Kollektiven durchdrungen ist.


Unter den filmenden Autobiograf:innen ist Vincent Dieutre die vielleicht empfindsamste, zärtlichste und durchlässigste Figur. Wenn Dieutre „ich“ sagt, meint er immer auch ein „du“, dann macht er sich absolut empfänglich für das Außen und die Welt: für die Stadt, die Landschaft, die Liebe, die Männer, für die Musik und die Dichtung, die gesellschaftliche Gegenwart und Geschichte. Diese Durchlässigkeit findet in seinen Filmen auf den verschiedensten Ebenen statt. Etwa wenn in „Jaurès“ (2012) Aufnahmen, die aus dem Fenster der Wohnung des Geliebten gefilmt wurden, mit dem akustischen Innenraum verschmelzen und die sehr persönliche Erinnerung an eine Liebe mit dem Blick auf ein provisorisches Lager von „Sans Papiers“ in eins fällt. Oder wenn sich Dieutre in Form so genannter „Exercices d’admiration“ (EA1-5) den bewunderten Persönlichkeiten Naomi Kawase, Jean Eustache, Jean Cocteau, Roberto Rosselini und Alain Cavalier zuwendet und anverwandelt. „Viaggio nella dopo-storia“ (2005), eine „Bewunderungsübung“ an Roberto Rossellini, beginnt und endet gar mit der Projektion von „Viaggio in Italia“ auf die nackten Oberkörper eines älteren schwulen Paares – gespielt von Dieutre und seinem ehemaligen Lebensgefährten, dem Schauspieler Simon Versnel. Das Paar nimmt das Filmbild auf wie einen weiteren Körper, die beiden wären nicht dieselben, hätte es die Begegnung mit Rossellini nicht gegeben.


Das Autoren-Ego ist durchaus präsent

So fragil das autofiktionale Werk von Vincent Dieutre auch ist: zurückhaltend im eigentlichen Sinn ist es nicht. Sein Autoren-Ego ist durchaus präsent, aber auf eine eher dezentrale Weise, verteilt im Raum, vermischt mit Klängen, Worten, Erinnerungen, Umgebungen, dem Wetter. Sichtbar wird diese Zerstreuung schon an seiner Körperhaltung. Dieutre ist niemand, der sich irgendwo niederlassen und Platz beanspruchen würde. Eher ist er an den Rändern des Bildes zu finden, eine flüchtige Erscheinung, ein Gast, gefilmt durch den Spalt einer Tür oder ganz im Hintergrund wie in „Jaurès“. In einem abgedunkelten Tonstudio steht er auf eine etwas seltsame Weise an eine Wand gelehnt, ganz so, als könne er jeden Moment in ihr verschwinden. Und dann ist da noch seine Stimme, leise, sanft und weich. Sie zerfließt regelrecht, sickert in die aufgeraute Oberfläche der Bilder hinein.

Itvan Kebadian und Vincent Dieutre (r.) in "Mon voyage d'hiver" (Freunde der Deutschen Kinemathek)
Itvan Kebadian und Vincent Dieutre (r.) in "Mon voyage d'hiver" (© Freunde der Deutschen Kinemathek)

In „Mon voyage d’hiver“ (2003) bricht ein Mann (Dieutre) mit seinem 15-jährigen Patenkind Itvan zu einer Reise durch ein verschneites Deutschland auf. Sie sind mit dem Auto unterwegs, aber ein Road Movie wird nicht daraus. Der Weg führt sie von Tübingen und Stuttgart über Nürnberg, Regensburg und Bamberg bis nach Weimar, Leipzig, Dresden und Berlin. Gesprochen wird nicht. Die Reisenden kommunizieren über Blicke und Gesten. Einmal teilen sie sich auf einem einsamen Feld eine Zigarette und umkreisen sich dabei in der Andeutung eines Tanzes. Itvan filmt ab und zu mit einer Videokamera, ist aber auch selbst das Objekt des fürsorglichen und zärtlichen Blicks seines Mentors Vincent.


Schuberts Winterreise, Schnee und diesige Bilder

Schuberts „Winterreise“ gibt der Erzählung einen Rahmen; auf die Bruchstellen der Gegenwart legt sich mit ganzem Gewicht die deutsche Romantik. Es schneit und schneit. Die Landschaften werden unter einer schmutzig-weißen Decke begraben, auch die Städte versinken im diesigen Licht. Und die Bilder sehen so verwaschen aus, als seien sie schon unzählige Male benutzt worden. Viel fahles Grau und matschiges Braun. Überhaupt wirkt alles ein wenig antiquiert: die Hotels, in denen sie absteigen – sie heißen „Espenlaub“ und „Hotel Hospiz“ –, die Wohnungen der ehemaligen Liebhaber des Mannes, bei denen sie Station machen, das Deutschland, das mehr aussieht wie Anfang der 1990er-Jahre als zu Beginn eines anbrechenden Jahrtausends. Auch der Mann, eine elegante Erscheinung um die Vierzig, wirkt viel älter in seiner hochmelancholischen Rückschau auf die Bruchstücke seines Lebens. Es könnte seine letzte Reise sein, er nimmt Tabletten, vielleicht ist er krank wie sein Freund Georg, der schon lange HIV-infiziert ist.

Bevor er den Jungen in Berlin bei seiner Mutter zurücklässt, möchte er ihm etwas mitgeben, Zeugnis ablegen. Im Voiceover adressiert er Itvan, seine Rede ist wie ein langer Brief. Zwischendrin sieht man in einem Musikstudio den Pianisten Andreas Staier und den Tenor Christoph Prégardien zusammen mit anderen Musikern an Schuberts Liedern arbeiten.


Ein anderer Blick auf Deutschland

Der Film bzw. der Mann hat eine heftige, nicht unkomplizierte Beziehung zu Deutschland. Er weicht ihr nicht aus, begibt sich vielmehr mit allen Sinnen in den Stoff hinein. „Stück für Stück musste ich lernen, wie man seine Schönheit wahrnimmt, so wie man eine Schrift entziffert“, sagt er über das Land, für das er einen so anderen Blick hat als jeder deutsche Film. In Altbauwohnungen voller Bücher und dunkler Möbel lässt er seine ehemaligen Geliebten Gedichte von Celan, Brecht, Enzensberger und Bachmann rezitieren. Auch er flüstert mitunter deutsche Verszeilen in ein Mikrofon. Seine softe Stimme macht etwas mit der deutschen Sprache. Jedes ausgesprochene Wort ist wie eine tastende Berührung, ein Schmecken.

Ein Film gegen das Vergessen: "Mon voyage d'hiver" (Freunde der Deutschen Kinemathek)
Ein Film gegen das Vergessen: "Mon voyage d'hiver" (© Freunde der Deutschen Kinemathek)

„Hier ist sogar die Leichtigkeit harte Arbeit“, stellt der Mann unterwegs fest. Die Gewalt der Geschichte ist in jedem Moment spürbar, sie scheint in jedem Stein zu stecken, in jedem Acker, geistert umher wie ein Gespenst. Wenn der Junge schläft, hört er den Lärm der Sirenen und Bomben, vor den Toren von Buchenwald rennt er weg. Auch die jüngere deutsche Historie, plattgemacht in der Walze der Wiedervereinigung, ist eine offene Wunde, die dem Blick des Reisenden nicht entgeht. „Mon voyage d’hiver“ ist ein Film gegen das Vergessen. Weil die persönliche Erinnerung sich bei Dieutre mit der kollektiven Geschichte durchdringt, sind beide gleichermaßen gemeint. „Bitte erinnere alles, mein Kind“, sagt Vincent, seinen Koffer lässt er einfach auf der Straße stehen.



Hinweis:

Alle bisherigen Kracauer-Blogs „Aus der ersten Person“ von Esther Buss und viele andere Texte, die im Rahmen des Siegfried-Kracauer-Stipendiums in früheren Jahren entstanden sind, gibt es hier.

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