© Christine Frenzl

Das Gewicht der Welt

Freitag, 13.05.2022

Eine Hommage auf den Schauspieler Rüdiger Vogler, der am 14. Mai 80 Jahre alt wird

Diskussion

Der Schauspieler Rüdiger Vogler prägte mit seiner unnachahmlichen Mischung aus grüblerischer Sehnsucht und leiser Unbehaglichkeit das frühe Kino von Wim Wenders. Aus seiner lakonischen Spannung zwischen Heimatlosigkeit und Fernweh, verbunden mit der großen Kunst, Sätze und Texte wie eigenständige Wesen aus sich heraus in die Welt zu setzen, resultiert eine Gestalt wie gemacht, als Beschreibung der deutschen Seele wahrgenommen zu werden. Eine Hommage anlässlich seines 80. Geburtstags am 14. Mai 2022.


Es ist schier unmöglich, sich der filmischen Laufbahn von Rüdiger Vogler ohne Wim Wenders anzunähern. Als eine Art Alter Ego des Filmemachers erklomm der in Oberschwaben geborene Schauspieler in den 1970er-Jahren den Olymp des europäischen Kinos. In Filmen wie „Alice in den Städten“, „Falsche Bewegung“ oder „Im Lauf der Zeit“ verkörperte Vogler reisende, suchende, bis zu einem gewissen Grad verlorene Seelen. Diese Bilder, die eigentlich keine sind, weil sich Vogler ihnen unablässig entzieht und sich mit durchdringender Unbehaglichkeit leicht von der Kamera abzuwenden scheint, prägen sich derart stark ins Gedächtnis ein, dass man die jahrzehntelange Arbeit, die darauf folgte, oft nur wie ein Echo dieser Zeit betrachten kann.

Vogler unter einer Brücke mit Fotoapparat, sich rasierend am Ufer eines Flusses, nachdenklich aus dem Zugfenster starrend. Vogler mit Latzhose und seinem kaum spürbar über die Mundwinkel huschenden Schmunzeln, in seinen Strickpullover nuschelnd und dabei eine ursprüngliche Sehnsucht transportierend, für die es eigentlich keine Worte gibt. Vogler in Bewegung, in Autos und Zügen, Vogler still und unbewegt, stets bedacht, nicht weil er vorsichtig wäre, sondern weil er in sich lebt, während er mit der Welt spricht. Vogler spricht Sätze. Bedacht, klar und doch eigenartig, in sich selbst hinein. Er lebt in diesen Filmen wie ein Wartender, der aufbricht und wie ein Aufbrechender, der noch etwas länger wartet. Alles existiert in einer Spannung, die jederzeit wieder abfällt, so wie seine Mundwinkel, die sich schlaff nach unten neigen.

Rüdiger Vogler als Alter Ego von Wim Wenders in "Alice in den Städten" (Wim Wender Stiftung
Rüdiger Vogler als Alter Ego von Wim Wenders in "Alice in den Städten" (© Wim Wenders Stiftung)

Wenders ist Vogler lange treu geblieben, und so taucht er auch in dessen Filmen „Lisbon Story“ oder „Bis ans Ende der Welt“ auf. Eigentlich sollte man dabei nicht nur von Wenders sprechen; es ist vielmehr die Mischung aus den Worten von Peter Handke, den Bildern von Robby Müller, den US-amerikanisch geprägten Idiosynkrasien Wenders’ und dem schon in jungen Jahren von sogenannten Kummerfalten, einer vorstehenden Nase, dem breiten Mund, scharf nach oben abknickenden Augenbrauen, einem markanten Kinn sowie einer definierten Knochenstruktur und Augenringen unter tiefliegenden Augen gekennzeichneten Gesicht des Schauspielers.

Begegnet ist ihm Wenders zunächst in Handkes „Publikumsbeschimpfung“. Selbst in diesem auf Skandal und Konfrontation ausgelegten Theaterstück steht Vogler etwas abseits auf der Bühne, zumindest bekommt man dieses Gefühl, wenn man sich länger mit ihm befasst, fast so, als fühle er sich vor Menschen unwohl. Er schmunzelt leicht, wenn er etwas sagt, so wie er immer wieder schmunzelt. Es ist, als ob er sich im Angesicht dieser ganzen Situation, des Theaters oder Films, des Sprechens, Spielens und allem, was dazugehört, amüsieren würde. Das ist fast eine Brecht’sche Qualität, würde sie nicht der Illusion seiner Figuren entwachsen.

Was Vogler auszeichnet, ist wohl tatsächlich diese Unbehaglichkeit, die sich auch in seinen zahlreichen Fernseharbeiten der letzten 30 Jahren überlebt hat. Er spielt das Sich-nicht-Wohlfühlen-in-der-eigenen-Haut mit stets leicht aus dem Erwartbaren fallenden Bewegungen. Er kippt in etwa so weit zur Seite wie der Turm von Pisa gegen den Abendhimmel. Er ist ein Nachkriegsdeutscher, der vom Wind der Moderne mitgerissen wird, während er noch nicht über die eigene Geschichte hinweg ist. Das Unerklärliche an diesem sich auf ein nationales Bewusstsein übertragenden Körper ist, dass er bei all den Ausweichmanövern selbstbewusst wirkt. Das gilt nicht nur, aber hauptsächlich für seine Arbeit mit Wim Wenders.


Wenn Texte zu Körpern werden

Wie bei vielen Künstlern, die man als entscheidend für die Beschreibung einer deutschen Seele wahrnimmt, schreit aus diesem so stillen, geradezu lakonischen Darsteller die Spannung zwischen Angst und Sehnsucht, Heimatlosigkeit und Fernweh. Bei Rüdiger Vogler findet man kaum ein Funkeln in den Augen, und noch seltener schreit er so wie in Margarethe von Trottas „Die bleierne Zeit“, als ihn seine Partnerin verlässt, da die Beziehung nicht mehr mit dem Widerstand vereinbar sei. Aber selbst in dieser Szene kann man den Text mitlesen. Was wie eine Kritik klingt, gehört zu Voglers großen Stärken. Mit Ausnahme vielleicht von Bruno Ganz haben wenige Darsteller ein solches Gefühl für das geschriebene Wort in ihren Darbietungen bewahrt. Durch Vogler werden Texte zu Körpern. Er spricht meist leise und gesetzt. Vielleicht glänzt Vogler auch deshalb so, wenn er Texte von Handke, bei dem das Gewicht eines Wortes jederzeit einen Satz im Abgrund versenken könnte, bei dem das Gewicht der Welt jederzeit das Schreiben in Frage stellt, vorträgt, liest, „spielt“.

Die von F Pessoa sind wie gemacht für Rüdiger Vogler: "Lisbon Story" (Wim Wenders Stiftung)
Fernando Pessoa ist wie gemacht für Rüdiger Vogler: "Lisbon Story" (© Wim Wenders Stiftung)

Nicht umsonst arbeitet Vogler auch als Hörspielsprecher. Seine unaufgeregte, gerade noch so in all ihren Nuancen wahrnehmbare Stimme trägt Texte. Man muss nur an „Der Havarist“ von Wolf-Eckart Bühler denken, in dem Vogler als Sterling Hayden Texte aus dessen Autobiografie wiedergibt, während er an einem Küstenstreifen oder sonst irgendwelchen Wegen entlangspaziert. Er läuft und spricht und läuft und spricht. Die Worte kommen in Bewegung. Wieviel Gefühl dieser in Heidelberg und Mannheim ausgebildete Darsteller in jeden Satz und auch zwischen den Sätzen legen kann, in denen er oft betont einatmet, zeigte er auch mit einem kleinen, aber unerhört berührenden Monolog in Angela Schanelecs „Mein langsames Leben“, in dem er als Vater auf der Hochzeit seiner Tochter spricht:


„Es ist meine Tochter, die heute heiratet.

Sie ist erst 21 oder schon, ich weiß es nicht.

Sie ist das Schönste, was ich habe auf der Welt.

Es ist natürlich nur für mich wichtig, aber für mich ist es sehr wichtig, und deshalb sage ich es: Es gibt nichts Bedeutsameres in meinem Leben als dieses Kind.

Das bleibt immer so. Ich denke manchmal, dass ich gar nicht viel weiß über sie.

Man kann nicht alles wissen. Man kann über einen Menschen nicht alles wissen.

Man kann aber, wenn man jemanden liebt, versuchen, viel Zeit mit ihm zu verbringen.

Und ich habe viel Zeit mit ihr verbracht.

Es war mein Glück. Ja, ich habe Glück gehabt.

Wir sind zum Beispiel oft ins Kino gegangen, schon seit sie klein war, sehr oft, bis vor nicht allzu langer Zeit.

Jetzt geht sie mit Josef ins Kino. Und ich geh manchmal allein.

Ich lege dann meine Jacke auf den Sessel neben meinem, so wie in der Zeit davor, wenn ich gewartet habe, dass sie mit den Erdnüssen zurückkommt.

Maria? Vielleicht tanzen wir jetzt zusammen?“


Diese Wendung, die etwas als wichtig beschreibt, was nur für einen selbst wichtig ist, entstammt dem Kern des Vogler-Universums. Wie Neil Young einmal sang: „Though my problems are meaningless / That don't make them go away.“ Diese von aus heutiger Sicht seltsamen US-amerikanischen Fantasien geprägte Blues-Coolness, die sich im Neuen Deutschen Film ausbreitete wie die Hitze über Texas, fand in Voglers spärlichem Ausdruck eine eigentümliche Schönheit.

Oftmals spielt Vogler Menschen, die von inneren Bedürfnissen, Ängsten und, um es wie sein Wilhelm Meister aus Falsche Bewegung auszudrücken, dem ganzen Stumpfsinn des Daseins am eigentlichen Leben gehindert werden. Vielleicht macht ihn das auch so prädestiniert für zahlreiche Rollen in deutschen Krimi-Serien. Er scheint etwas zu verbergen. Manchmal vor der Polizei, manchmal vor sich selbst und manchmal vor der ganzen Welt. Außerdem setzt er von „Derrick“ über „Polizeiruf 110“, „Tatort“, „Rosenheim Cops“ bis zu „SOKO Köln“ oder „Der Alte“ gewissermaßen seine Deutschlandreise fort, denn wenig ist Deutschland näher als Fernsehkrimis mit ihren Dramaturgien aus Verdrängung und Gerechtigkeit und ihrer unveränderlichen Wärme für das Familiäre an der Arbeit.


Zwischen Romantik und ihrer Überwindung

Das Deutsche in der Literatur war lange Zeit von Goethe besetzt. Es wundert nicht, dass dieser Schriftsteller immer wieder in den Filmen auftaucht, in denen Vogler zu sehen ist. So orientiert sich Rudolf Thomes schöner Film „Tarot“ an den „Wahlverwandtschaften“, „Falsche Bewegung“ ist eine sehr lose Adaption von „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ während sich „Die Braut“ von Egon Günther mit dem Liebesleben Goethes befasst. Bekanntlich verstand auch Goethe viel von den gleichzeitigen Bewegungen des Denkens und des Reisens, zwei Tätigkeiten, eine ganz innerlich und eine ganz äußerlich, die das Spiel von Rüdiger Vogler entscheidend bestimmen. In „Heinrich Heine - Ich Narr des Glücks“ verkörperte Vogler dann aber Heine, einen anderen Dichter, der sich auf das Reisen und Deutschsein verstand. Etwas an Vogler entblößt tatsächlich diese von Heine besetzte Linie zwischen der Romantik und ihrer Überwindung. Nur ist die Überwindung hier kein aktiver, entschiedener Akt; sie beschreibt sich mehr durch ein Nicht-Ausleben, ein Verharren.

Denken & Reisen: Rüdiger Vogler in "Falsche Bewegung" (Wim Wenders Stiftung)
Denken & Reisen: Rüdiger Vogler in "Falsche Bewegung" (© Wim Wenders Stiftung)

Die Reinheit einer solchen Beschreibung des Schauspielers ist notgedrungen etwas konstruiert. In weit über 100 Fernseh- und Filmproduktionen wirkte Rüdiger Vogler, dazu im Theater (unter anderem bei den Salzburger Festspielen) und bei zahlreichen Hörspielen. Da er in Frankreich ebenfalls ein Zuhause gefunden hat, tritt er vermehrt auch in französischen Produktionen auf, unter anderem als böser Alt-Nazi in der Agentenpersiflage „OSS 117 – Er selbst ist sich genug“ von Michel Hazanavicius.

Nicht alle Filme und Fernsehserien, in denen Vogler mitspielt, sind sehenswert. Das wäre auch viel verlangt, bei einem solchen Umfang. Wenders wird Vogler nie abschütteln können. Ob ihm das gefällt, ist schwer zu sagen, aber genau das ist ja der Punkt dieses Darstellers: Er zeigt, dass manches schwer zu sagen ist, aber man kann es trotzdem sehen, hören und spüren.

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