© Filmfest München 2022 (aus "A plein temps")

Jeder will Action!

Dienstag, 28.06.2022

Ein Zwischenbericht vom 39. Filmfest München

Diskussion

Beim 39. Filmfest München ist die Erleichterung über ein Festival unter normalen Bedingungen in den ersten Tagen deutlich zu spüren und prägt die Stimmung. Voll Tatendrang und treibendem Rhythmus präsentieren sich auch die Filme im Programm, die teilweise ein entfesseltes Tempo vorlegen. Doch gibt es auch ein Gegenmodell: Geschichten über die Sehnsucht nach Ruhe und die Faszination von Einsamkeit.


Vor dem Mikrofon verlässt Philippe wieder der Mut. Der junge Franzose leistet in den 1980er-Jahren seinen Wehrdienst in Berlin ab und hat es in eine Radiosendung des britischen Sektors geschafft. Philippe, den der launige Moderator als neuen Assistenten „The Frog“ vorstellt, soll in den Song einführen, den er sich für seine Freundin Marianne gewünscht hat. Doch nicht nur seine geringen Englischkenntnisse lassen ihn stumm bleiben, sondern auch die generelle Schüchternheit, die ihn bereits zuhause in Bordeaux immer hinderte, beim Piratensender seines Bruders ins Mikrofon zu sprechen. Die Situation droht peinlich zu werden, doch dann lässt Philippe Taten sprechen: Er reißt einen Lautsprecher von der Wand, bringt die herabhängenden Mikros im Studio zum Schwingen, drückt Knöpfe und Regler am Mischpult, sodass die Musik zur wilden Toncollage gerät, und bringt mittendrin seine Botschaft über den Äther. Sein Handeln löst nach kurzer Verblüffung breite Begeisterung beim Moderator und den Zeugen im Sender aus, denn Philippes unvorhersehbares Klangexperiment rührt an die Sehnsüchte der Zeit nach einem Ausbruch aus der Stagnation. „Jeder will jetzt Action“, fasst ein Freund vom Militär die Stimmung der Ära zusammen.


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Der Satz aus dem Drama „Die Magnetischen“ des Franzosen Vincent Maël Cardona, das 2021 in der „Quinzaine des Réalisateurs“ in Cannes lief, den „César“ als bestes Erstlingswerk gewann und nun beim 39. Filmfest München 2022 seine Deutschlandpremiere feierte, könnte durchaus auch das Motto des gesamten Filmfestivals in der bayerischen Hauptstadt sein. Die erste regulär stattfindende Ausgabe seit 2019 beweist schon nach wenigen Tagen, dass die besondere Stimmung des sommerlichen Festivals zurückgekehrt ist und das Filmfest an die Zeit vor Corona anknüpfen kann. Nach dem Wegfall der Corona-Einschränkungen ist das Getümmel vor und in den Kinosälen wieder so groß wie eh und je, und anders als oft im Kinoalltag sind sommerliche Temperaturen und Sonnenschein in München einmal mehr Garanten für den Zuspruch des Publikums für die Filme. Zumal sich diese nahtlos in die Stimmung einreihen, da bemerkenswert viele über einen treibenden Rhythmus und mitreißendes Tempo verfügen.


"Die Magnetischen" (© Filmfest München/Celine Nieszawer/Port au Prince Pictures)
"Die Magnetischen" (© Filmfest München/Celine Nieszawer/Port au Prince Pictures)

Highlights vom Filmfestival in Venedig

Das ist in einigen Fällen durch die gewählte Handlungsführung gleichsam vorgegeben, wie bei einigen Übernahmen vom letztjährigen Festival in Venedig, die in München in der Reihe „International Independents“ laufen. Der französische Regisseur Éric Gravel kreuzt so in „À plein temps“ Adrenalinkino mit einem sozialrealistischen Szenario nach Art der Dardenne-Brüder, angetrieben von einem Soundtrack, der den beschleunigten Herzschlag der Hauptfigur Julie aufgreift. Julies Alltag ist eine einzige Hetzjagd: Von ihrem Wohnort außerhalb von Paris jeden Tag hinein in die Metropole und abends zurück, mit Zügen, die immer nur gerade noch erwischt werden, in ihrer personell unterbesetzten Arbeitsstelle als Zimmermädchen in einem Luxushotel, in der Koordination mit ihren Kindern, deren überforderter Aufpasserin und ihrem nie ans Handy gehenden Exmann. Der Versuch, durch ein Vorstellungsgespräch für einen besseren Job ihre Situation zu verbessern, fügt der im Film abgebildeten Woche noch zusätzliche Stressfaktoren hinzu, inklusive der mühseligen Tricks, um sich bei ihrer bestehenden Stelle davonstehlen zu können, und eines Streiks, der den Nahverkehr in und um Paris nahezu zum Stillstand gebracht hat.

Während Gravel und seine grandiose Hauptdarstellerin Laure Calamy eine extreme Nähe zu der Protagonistin aufbauen, hält „Captain Volkonogov Escaped“ des russischen Regieduos Natascha Merkulowa und Alexej Tschupow sujetbedingt eine größere Distanz zur Hauptfigur. Die als bittere Farce angelegte Abrechnung mit der Zeit der stalinistischen „Säuberungen“ stellt einen Vertreter des Regimes in den Mittelpunkt, der an Folterungen und Exekutionen hunderter Unschuldiger mitgewirkt hat, die nach dem paranoiden Verständnis des Stalinismus als unzuverlässig und deswegen als „zukünftige Schuldige“ gelten.

Captain Volkonogov Escaped (© Place Power/Look Film)
"Captain Volkonogov Escaped" (© Place Power/Look Film)

Seine zunächst aus Selbstschutz unternommene Flucht vor seinen Kollegen, um einer Überprüfung zu entgehen, mündet im Film bald in eine irrwitzige Mission durch Sankt Petersburg mit dem Ziel, Abbitte für seine Taten zu erlangen. Auch Merkulowa und Tschupow setzen auf extrem erhöhtes Tempo bei zahllosen Verfolgungsjagden wie aus einem Spionagethriller, bei denen Wolkonogow seinen Häschern gerade noch entkommen kann, denen die intensiven Szenen mit den Verwandten der Opfer entgegenstehen. Die erhoffte und von Wolkonogow unbeholfen eingeforderte Vergebung bleibt dabei ein Wunsch, den die Angehörigen weder begreifen noch gewähren – die Filmemacher zeigen nicht zuletzt packend die niederdrückende Last der sowjetischen Verbrechen.

Wie auf Speed

Aber auch in weniger naheliegenden Kontexten präsentiert sich das Kino in München teilweise wie auf Speed. Mit „Leila’s Brothers“ vom Iraner Saeed Roustaee, „Broker“ von Hirokazu Kore-eda (beide im „CineMasters“-Wettbewerb) und „Under the Fig Trees“ der Tunesierin Erige Sehiri (in der „CineVision“-Sektion für Nachwuchsfilmemacher) sind gleich drei Übernahmen vom diesjährigen Cannes-Festival in München zu sehen, deren Konflikte in Familien beziehungsweise Ersatzfamilien auf teils fieberhafte Wortwechsel aufbauen. Kore-eda ist dabei noch derjenige, bei dem das Konfliktpotenzial durch seine vertraute humanistische Handschrift am stärksten aufgelockert wird und die an sich unwahrscheinliche Verbindung zweier Männer, die ein in einer Babyklappe zurückgelassenes Kind an Adoptionssuchende verkaufen wollen, der Mutter des Babys und eines Waisenjungen, glaubhaft machen.


"Broker" (© ZIP CINEMA & CJ ENM Co., Ltd.)
"Broker" (© ZIP CINEMA & CJ ENM Co., Ltd.)

Die auf Zeit bestehende Gemeinschaft von Feigenpflückern in „Under the Fig Trees“ dagegen ist von schwelenden Problemen ergriffen, die während des im Film gezeigten Tages auf einer Plantage immer wieder im Streit ausbrechen – Rivalitäten zwischen den jungen Pflückerinnen, Konflikte um Tradition und Aufbruchsstimmung und das Verhalten des betrügenden und übergriffigen Chefs reißen dabei Schneisen in die Gruppe, die erst auf der zusammengepferchten Rückfahrt am Abend (vorläufig) wieder repariert zu sein scheinen.

Clash der Egos

Leila’s Brothers“ schließlich ist eine mit bitterem Witz inszenierte Generalabrechnung mit einer vom iranischen System gänzlich korrumpierten Familie, in der offenbar von jeher Misstrauen, Betrug und Egoismus regieren und Träume nur auf Kosten der anderen realisierbar erscheinen. Risse führen auch hier zwischen den Generationen durch, wenn vier im Leben gescheiterte Brüder unter Anleitung ihrer resoluten Schwester die Chance auf einen Gewinn versprechenden Ladenflächenkauf sehen, damit aber mit den Plänen ihres greisen Vaters kollidieren, der hofft, mit einem teuren Hochzeitsgeschenk offizieller Patriarch des umfangreichen Clans zu werden. Rostaee und seine versierte Besetzung iranischer Stars wie Taraneh Alidoosti und Payman Maadi machen daraus einen fast dreistündigen Clash der Egos, der immer wieder unerwartete Haken schlägt, in seinen ausufernden Dialogstreiten mit beständigen Einstellungswechseln aber auch leicht forciert und erschöpfend wirkt.


"Leila's Brothers" (© Amirhossein Shojaei)
"Leila's Brothers" (© Amirhossein Shojaei)

Bergsehnsucht

Vielleicht sind die verbreiteten Energieüberschüsse auf der Leinwand auch als Konter auf die Zwangseinschränkungen der langen Corona-Auszeit zu sehen, auf deren konkrete Abbildung die in München zu sehenden Filme weithin verzichten. Wenn Filmemacher darin Isolation und Einsamkeit thematisieren, geschieht das meistens im Rahmen eines freiwilligen Entzugs vor der hektischen Welt oder einem persönlichen Schicksal, und wenn man den Filmen in München glaubt, braucht es für diese Sehnsucht nach Ruhe in erster Linie einen oder mehrere Berge. In Emily Atefs „CineMasters“-Beitrag „Mehr denn je“ ist es die Lungenkrankheit der jungen Hauptfigur Hélène, die dieser gegenüber Bekannten und ihrem Freund einen unerwünschten Sonderstatus verleiht, der sie nach eigenen Wegen suchen lässt. Atef überlässt sich dabei sehr nachvollziehbar den durchaus auch irrationalen Impulsen Hélènes, die trotz ihres Zustandes eine Reise nach Norwegen auf sich nimmt und in der bergigen Fjordlandschaft wandert, auch wenn die Belastung Gift für ihre Lungen ist. Dass sie durch den Trip gerade keine Erlösung findet, aber dafür ihr Leben noch einmal in anderer Intensität fühlen kann, ist der wohltuend zurückhaltend behandelte Kern des mit Mut zur Offenheit inszenierten Dramas.


"Acht Berge" (© Cannes 2022/Elastic Film/Menuet Prod./Pyramide Prod./Rufus/Wildside)
"Acht Berge" (© Elastic Film/Menuet Prod./Pyramide Prod./Rufus/Wildside)

Das ist auch allemal überzeugender als der in satten Panoramaaufnahmen und Kamerafahrten durch die norditalienischen Berge schwelgende „CineMasters“-Beitrag „Acht Berge“ der Belgier Felix van Groeningen und Charlotte Vandermeersch. Die darin behandelte Thematik der ausgleichenden, beruhigen Aura der Riesenfelsen bleibt allerdings eher auf den Off-Text der Erzählerfigur beschränkt, als sich tatsächlich auf der Leinwand zu entwickeln. Mit einem blassen Protagonisten und einer nur mitunter zu starken Momenten gelangenden Erzählung bleibt der Film doch arg an der Oberfläche, die Auszeichnung mit dem „Preis der Jury“ in Cannes vor einigen Wochen wirkt etwas hochgegriffen.

Sich dem Mysterium stellen

Dabei lässt sich nicht behaupten, dass das Kino-Zusammenspiel zwischen Menschen und Berg ausgereizt sei, wenn man im Vergleich einen Film wie Timo Müllers „Der Rote Berg“ in der Reihe „Neues deutsches Kino“ sieht. Das in Trier an den roten Felsen gedrehte Werk präsentiert eine Mischung aus Interviewszenen, in denen am Berg lebende, eloquente Einsiedler konkrete Erfahrungen und diffuse Legenden beisteuern, und der Ortserkundung durch vier Jugendliche, die die Kamera offenkundig nicht wahrnehmen, anhand der Zelte und hinterlassenen Habseligkeiten der Männer aber auf anderer Ebene (und weniger philosophischem Niveau) ebenfalls über die Begebenheiten auf den Felsen spekulieren. Müller lässt die Bilder des Berges und seiner Höhlen immer wieder auch für sich sprechen, setzt aber auch unheilvoll anschwellende Töne und irritierende Nahaufnahmen ein, während Begriffe wie Druidentum, Satanismus oder Thor und Loki ebenso angestoßen werden wie das Heilige und Erhabene des Ortes. Das alles vermengt sich zu einem Rätselspiel, in dem auch alles erfunden und inszeniert sein könnte, der aber reizvoll die Möglichkeiten nutzt, sich einem Mysterium zu stellen und filmisch damit zu spielen. Hier darf dann auch der Wunsch nach Action einmal schweigen.

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