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Leders Journal (VIII): Eberhard Fechner

Freitag, 09.09.2022

Leders Journal (VIII): Die bahnbrechende dokumentarische Herangehensweise von Eberhard Fechner

Diskussion

Der NDR versammelt derzeit in seiner Mediathek drei dokumentarische Arbeiten des Filmregisseurs Eberhard Fechner (1926-1992). „Nachrede auf Klara Heydebreck“ griff 1969 den Selbstmord einer einsamen alten Frau auf, um ihr Leben zu rekonstruieren und den Gründen für ihre Selbsttötung nachzuspüren. Fechners bahnbrechende dokumentarische Herangehensweise wird bei diesem Film schon in der Eingangssequenz greifbar, die Einzelerinnerungen in eine kollektive Erzählung überführen.


Als sich am 7. August zum 30. Mal der Todestag des Filmregisseurs Eberhard Fechner jährte, strahlte der NDR einige seiner Filme aus und stellte drei von ihnen in die Mediathek, so dass sie dort eine längere Zeit zu sehen sind. Etwas, was man sich häufiger und vor allem auch systematischer wünschte.

So wäre es anlässlich des Todes von Wolfgang Petersen schön gewesen, wenn beispielsweise alle sechs „Tatort“-Folgen, die der Regisseur einst für den NDR mit Klaus Schwarzkopf als Kommissar Finke gedreht hatte, zugänglich gemacht worden wären, statt nur mit Reifezeugnis die bekannteste, aber sicher nicht die Beste. Und was wäre das für eine Ehrung für Dominik Graf anlässlich seines 70. Geburtstag, den er am 6. September feierte, wenn viele seiner Fernsehfilme in die Mediatheken von ARD und ZDF eingestellt würden? Als Beweis der Qualität des öffentlich-rechtlichen Systems, das in diesen Tagen doch dringend der Fürsprache bedarf.

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Die Filme von Fechner, die jetzt in der ARD-Mediathek stehen, sind alle dokumentarisch. Warum nicht auch die frühen fiktionalen Filme von Fechner zugänglich gemacht wurden, die ja ebenfalls für den NDR entstanden, bleibt ein Rätsel. Für zwei Filme „Vier Stunden von Elbe 1“ und „Gezeiten“ schrieb Helga Feddersen die Drehbücher, die leider nur als Schauspielerin in Erinnerung blieb. Aber immerhin kann man an Fechners Filmen „Nachrede auf Klara Heydebreck“ (1969), „Klassenphoto“ (1970) und „Die Comedian Harmonists – Sechs Lebensläufe“ (1976) das Verfahren studieren, das der Regisseur für seine dokumentarischen Arbeiten entwickelt hat. Es sei an der Eingangssequenz von „Nachrede auf Klara Heydebreck“ beschrieben.


Der Zufall bestimmte die Porträtierte

Fechner, der im Auftrag eines NDR-Redakteurs einen Film über die Selbsttötung älterer Menschen drehen wollte, wartete in einer Westberliner Feuerwehrwache auf den Eingang entsprechender Meldungen. Er entschied sich vor Ort – wie er im Off-Kommentar selbst sagt: „willkürlich“ –, dem Tod einer älteren Frau nachzugehen, deren Name im Filmtitel genannt wird. Zu Beginn des Films rekonstruiert er in Zeugenaussagen, wie die Meldung des Suizids zustande kam, eine Antwort auf die Frage „Was geschah an diesem Tage?“, die er im Off-Kommentar selbst stellt. Die Antwort wird durch zwölf Einzelaussagen geliefert, die Fechner zusammen mit Brigitte Kirsche, die auch viele seiner späteren Filme schnitt, hintereinander montierte. Informationen über die letzten Lebenstage bis zum Fund der Leiche trugen Verwandte, Polizei- und Kriminalbeamte, Nachbarn und ein (unerträglich arroganter) Arzt bei.

Nachrede auf Klara Heydebreck (© NDR)
Nachrede auf Klara Heydebreck (© NDR)

Das besondere dieser Montage besteht darin, dass aus den vielen Einzelaussagen gleichsam eine fließende Gesamterzählung entsteht. Die Einzelaussagen, die direkt aneinandergefügt werden, folgen in der Hauptsache der Chronik der Ereignisse; mitunter sind Rücksprünge eingeschnitten, die Dinge erläutern, die zuvor in einer anderen Aussage erwähnt worden waren. Nach acht Minuten endet diese Eröffnungssequenz mit einer Großaufnahme des Gesichts von Klara Heydebreck, bevor der Sargdeckel geschlossen wird und der Sarg ins Krematorium abtransportiert wird. Der Kameramann Rudolf Körösi, der auch an den ersten Dokumentarfilmen von Klaus Wildenhahn mitgearbeitet hat, zoomt vom Gesicht der toten Frau rasch zurück, um die Schließung des Sarges zu erfassen. Im Off-Ton stellt Fechner anschließend die Frage: „Warum hat Klara Heydebreck Tabletten genommen? Warum? Vielleicht gibt ihr Leben darüber Aufschluss.“


Die Rekonstruktion eines kargen Lebens

Anschließend rekonstruiert der Film das Leben dieser Frau, ohne am Ende wirklich eine Antwort auf die Frage nach dem Grund des Suizids zu finden. Wie so oft sind es wohl mehrere Gründe, weshalb sich die vereinsamte und erkrankte Frau mit 72 Jahren das Leben nahm. Um das Leben zu erzählen, meldet sich Fechner als Erzähler oft zu Wort. Einmal rechnet er beispielsweise vor, was Frau Heydebreck in ihrem Leben verdient hat und wieviel von ihrem Lohn nach Abzug von Steuern, Miete und Nebenkosten ihr zum kargen Leben blieb. Solche Off-Erzählungen werden in Fechners nachfolgenden Filmen immer weniger. Sie sind stattdessen von jener Montage bestimmt, die den Film eröffnete.

Dieses Verfahren überführt die Erinnerungen einzelner in die Erzählung eines Kollektivs. Das hat Vor- und Nachteile. Nachteilig ist: Die besondere Gesprächssituation, in der es Fechner als Fragesteller immer wieder gelingt, auch problematische Erinnerungen durch geduldiges, gelegentlich auch nachbohrendes Fragen zutage zu fördern, ist so nur selten zu erkennen. Auch werden die Aussagen oft genug auf ihren inhaltlichen, den Fortgang der Kollektiverzählung fördernden Kern zurückgeführt. Mitunter werden manche Beiträge auf wenige Bestandteile reduziert, liefern so allein nur Stichworte für die Aussagen anderer. Vorteilhaft ist: Allgemein- wie Individualgeschichte wird multiperspektivisch erzählt. Gegensätze in der Erzählung werden durch einen kontrastierenden Schnitt ebenso deutlich, wie durch die Addition vieler Selbstlügen die Systematik einer kollektiven Verdrängung erkennbar wird. Die rasche Abfolge der Einzelaussagen dynamisiert zudem die Erzählung.

Eberhard Fechner (© NDR)
Eberhard Fechner (© NDR)


Der implizite subjektive Erzähler

Es wäre aber ein Irrtum, dass diese kollektive Erzählung objektiver wäre als die einer Einzelperson. Sie ist ebenso subjektiv, denn sie ist die des Erzählers Eberhard Fechner. Das hat er Zeit seines Lebens stets betont. Wenn man so will, hat er sich von einem expliziten subjektiven Erzähler, der sich deutlich erkennbar selbst im Off oft zu Wort meldet, zu einem impliziten gewandelt, der die Einzelaussagen zur Gesamterzählung montiert. Er bleibt aber ein subjektiver Erzähler, der den Namen Eberhard Fechner trägt.

In der gegenwärtig herrschenden Praxis von dokumentarischen Formen im Fernsehen sind explizit subjektive Erzähler wie etwa Georg Stefan Troller ebenso verschwunden wie die implizit subjektiven, die durch ihre Montage wirken. Stattdessen agieren allwissende Erzähler, die weder ihre Methode offenlegen noch ihre Quellen.


Hinweis

Die Filme in der ARD-Mediathek lassen sich über die Links streamen:

Nachrede auf Klara Heydebreck“ (1969)

Klassenphoto“ (1970)

Die Comedian Harmonists – Sechs Lebensläufe“ (1976)

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